Das optimierte Gehirn: Eine kritische Auseinandersetzung mit Neuro-Enhancement

Die Debatte um das sogenannte "Hirndoping" oder Neuro-Enhancement, also die Verbesserung mentaler Eigenschaften und psychischer Fähigkeiten durch medizinische Mittel ohne therapeutische Absichten, hat in den letzten Jahren sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft an Bedeutung gewonnen. Schlagzeilen wie "Hirndoping mit Pillen wird zum Massenphänomen" prägen das Bild, doch die Realität ist komplexer und vielschichtiger. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte des Neuro-Enhancements, von der medialen Darstellung über ethische Bedenken bis hin zu den potenziellen Risiken und Vorteilen.

Die mediale Darstellung von Hirndoping: Zwischen Hype und Realität

Die Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Meinungsbildung zum Thema Hirndoping. Eine australische Studie analysierte die Zeitungsberichterstattung der Jahre 2008 bis 2010 und kam zu dem Schluss, dass die Medien oft einen künstlichen Hype erzeugen, indem sie das Thema einseitig darstellen. So wurde in 94 Prozent der untersuchten Artikel Hirndoping als weit verbreitet oder zunehmend verbreitet dargestellt, obwohl es bislang nur wenige verlässliche Daten zur tatsächlichen Verbreitung gibt.

Ein weiteres Problem ist die oft nicht korrekte Wiedergabe von Studienergebnissen. Beispielsweise wurde eine Online-Umfrage unter Lesern der Fachzeitschrift Nature, bei der 20 Prozent der Befragten angaben, schon einmal Hirndoping betrieben zu haben, in manchen Zeitungsartikeln fälschlicherweise als Aussage interpretiert, dass 20 Prozent aller Wissenschaftler verschreibungspflichtige Mittel zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit einnehmen würden.

Zudem wurde in 95 Prozent der Zeitungsartikel zumindest eine positive Wirkung von Hirndoping beschrieben, während nur 58 Prozent auch Risiken oder Nebenwirkungen erwähnten. Selbst in Artikeln, die Risiken nannten, standen die vermeintlichen Vorteile meist im Vordergrund, während gravierende Risiken wie Herz-Kreislaufprobleme oder Abhängigkeit oft nur unspezifisch als "potentielle Gefahren" bezeichnet wurden.

Die Forscher sehen eine Teilschuld an dieser verzerrten Darstellung auch bei den Wissenschaftlern selbst, die ihre Ergebnisse im Diskussionsteil ihrer Fachartikel oft aufblähen und überzogene Schlussfolgerungen ziehen, die die Daten nicht hergeben. Sie appellieren daher an ihre Kollegen, in ihren Veröffentlichungen sicherzustellen, dem unkritischen Medienhype keine weitere Nahrung zu liefern.

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Ethische Aspekte des Neuro-Enhancements: Eine Frage der Bewertung

Die ethische Bewertung des Neuro-Enhancements ist ein zentraler Punkt der Debatte. Während einige Autoren sich entschieden dagegen aussprechen, erkennen andere keine grundsätzlichen tragfähigen Gegenargumente. Befürworter argumentieren oft mit einer Wenn-dann-Struktur: Wenn es Substanzen oder Verfahren gäbe, die eine Verbesserung mentaler Fähigkeiten bei einem akzeptablen Nutzen-Risiko-Profil ermöglichten, dann ließen sich keine überzeugenden grundsätzlichen Argumente gegen sie anführen.

Ein wichtiger Aspekt ist das Suchtpotenzial von Neuro-Enhancern. Moderne Suchtmedizin unterscheidet nicht mehr zwischen seelischen und körperlichen Phänomenen, sondern führt die jeweiligen Symptome auf ihre unterschiedlichen neurobiologischen Grundlagen zurück. Gerade dem dopaminergen Botenstoffsystem kommt in modernen Suchttheorien eine Schlüsselfunktion zu, da alle bekannten Substanzen mit Abhängigkeitspotenzial Dopamin im Belohnungssystem freisetzen und so den weiteren Drogenkonsum verstärken.

Auch wenn Befürworter des Neuro-Enhancements darauf hinweisen, dass auch vermeintlich "natürliche" Aktivitäten sowie Nahrungs- und Genussmittel wie Kaffee auf das Gehirn einwirken und Botenstoffsysteme beeinflussen können, besteht ein klar definierbarer Unterschied zwischen einer durch Erlebnisse oder Nahrungsmittel ohne Suchtpotenzial ausgelösten Dopaminfreisetzung und der Dopaminausschüttung durch Psychopharmaka, die zum Zwecke des Neuro-Enhancements eingesetzt werden.

Modafinil: Eine Ausnahme oder ein Trugschluss?

In der Diskussion um Neuro-Enhancer wird oft Modafinil als eine Ausnahme genannt, da es ansatzweise den Anforderungen an einen idealen Neuro-Enhancer zu genügen scheint. Es kann akuten Schlafmangel kurzfristig kompensieren, ohne die gravierenden Nebenwirkungen anderer Psychostimulanzien wie Amphetaminen zu verursachen.

Allerdings zeigt eine Studie, dass auch die orale Einnahme von Modafinil eine erhebliche Dopaminausschüttung bewirkt und zu einer ähnlich starken Blockade der Dopamintransporter führt wie Methylphenidat, das aufgrund seiner möglichen suchterzeugenden Wirkungen von Kritikern als ungeeignet für Neuro-Enhancement angesehen wird. Zudem gibt es erste Berichte von Abusus und schwerwiegenden Nebenwirkungen auch des Modafinils.

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Die Rolle des Kaffees: Ein neurobiologischer Unterschied

Kaffee wird oft als harmlose Alternative zu Psychopharmaka genannt, da er ebenfalls die geistige Leistungsfähigkeit steigern kann. Allerdings setzt Kaffee im Gegensatz zu Psychostimulanzien Dopamin offenbar nur im präfrontalen Kortex frei, während eine Dopaminausschüttung im ventralen Striatum, dem Kernbereich des dopaminergen Belohnungssystems, ausbleibt. Zwischen Kaffeekonsum und dem Gebrauch von Medikamenten wie Modafinil besteht also ein neurobiologisch klar definierbarer und suchtmedizinisch hochrelevanter Unterschied.

Riskante Forschung im Bereich der Neuro-Enhancer: Ein ethisches Dilemma

Die Fragen nach Risiken und unerwünschten Wirkungen von Neuro-Enhancern und insbesondere nach einem Suchtpotenzial sind letztlich nur empirisch zu beantworten. Grundsätzlich ist klinische Forschung gerechtfertigt, sofern unter anderem folgende Bedingungen erfüllt sind: Ein sinnvolles Ziel muss erforscht werden, die Studienteilnehmer müssen informiert einwilligen, ein akzeptables Nutzen-Risiko-Profil bei der Erforschung und eine hohe wissenschaftliche Qualität müssen gewährleistet sein.

Allerdings spricht bereits das Kriterium des akzeptablen Nutzen-Risiko-Profils gegen aufwendige Untersuchungen von Neuro-Enhancern: Wenn solche Eingriffe mit erheblichen Risiken behaftet sind und ein Suchtpotenzial zu vermuten ist, kann man nicht von einer vergleichsweise unproblematischen Forschung ausgehen. Zudem wächst die Legitimität riskanter Forschung proportional mit dem zu erwartenden Nutzen. Wie immer man Neuro-Enhancer beurteilt, ihre Erforschung ist auf jeden Fall als Luxus zu bezeichnen. Alle Stellungnahmen von nationalen Kommissionen oder Ethikkommissionen zu Priorisierungen im Gesundheitswesen schreiben der Verbesserung menschlicher Eigenschaften keine oder nur geringe Priorität zu.

Soziale Folgen des Neuro-Enhancements: Druck zur Anpassung

Einige der wichtigsten ethischen Argumente gegen Neuro-Enhancement beziehen sich auf die zu erwartenden sozialen Folgen. Neuro-Enhancement wird aller Wahrscheinlichkeit nach einen erheblichen sozialen Druck erzeugen, solche Mittel zu nutzen. Personen, die Neuro-Enhancer ablehnen, werden in das Dilemma gedrängt, entweder Nachteile in Beruf oder Ausbildung in Kauf zu nehmen oder gegen ihren eigentlichen Willen zu solchen Mitteln zu greifen.

Auch wenn argumentiert wird, dass die Gesellschaft bereits jetzt erhebliche Risiken und den entsprechenden Druck zur Anpassung zumute, unterscheidet sich Neuro-Enhancement von anderen technischen Innovationen wie Handys oder Computern, die ebenfalls zu einem Anpassungsdruck führen: Es greift direkt in die neurobiologischen Grundlagen der eigenen Persönlichkeit ein.

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Strebensethische Argumente: Das "gute Leben"

Schließlich sprechen gegen Neuro-Enhancement nicht nur moralische Argumente, sondern ebenso strebensethische Argumente, Argumente also, die auf das "gute Leben" abzielen. Die dabei relevanten Merkmale von Neuro-Enhancement treten vor allem dann deutlich hervor, wenn man es mit traditionellen Methoden der mentalen Selbstverbesserung vergleicht - mit dem also, was in vielerlei Formen wie Meditation, Verhaltenstraining oder Konzentrationsübungen stattfindet. Diese Formen der absichtlichen Selbstveränderung sind stets mit mentaler Aktivität verbunden, laufen allmählich ab und sind mehr oder weniger anstrengend. Für Neuro-Enhancement hingegen ist keine mentale Aktivität erforderlich, es geht schnell und einfach.

Dadurch unterscheiden sich die beiden Wege der Verbesserung mentaler Eigenschaften auch in evaluativer Hinsicht: So sind zum Beispiel beim schnellen und einfachen Griff zur Pille unüberlegte Fehlentscheidungen aus einem kurzlebigen Wunsch, aus einer Mode oder aus Erwartungen Dritter sehr viel leichter möglich als bei mühsamer Selbstformung. Auch droht die abrupte Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen durch Neuro-Enhancement, die biografische Kohärenz zu beschädigen, die bei allmählichen Selbstformungsprozessen eher gewahrt bleibt. Schließlich verhindert die pharmakologische Stärkung von Eigenschaften die Erfahrung der Selbstwirksamkeit, die bei der mentalen Arbeit an sich selbst in besonderem Maß auftritt.

Neuroethik: Eine neue Disziplin

Die "Neuroethik" ist der Name für eine neue akademische Disziplin, die sich mit den ethischen, anthropologischen und soziokulturellen Fragestellungen auseinandersetzt, welche sich aus dem Erkenntnisfortschritt in den Neurowissenschaften ergeben. Von der wissenschaftstheoretischen Systematik her ist die Neuroethik in der Philosophie angesiedelt, weil es in ihrem Kern um Antworten auf normative Fragen geht. Dabei tauchen allerdings momentan viele der konkreten Probleme für die angewandte Ethik im medizinischen Bereich auf, weil es hier zum Beispiel um die neurotechnologische Umsetzung dieses Erkenntnisfortschritts auf dem Gebiet von Therapie und Diagnose geht.

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