Milz und Gehirn: Eine detaillierte anatomische Betrachtung

Obwohl die Milz oft weniger Beachtung findet als andere Organe wie Herz oder Lunge, ist sie ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems und erfüllt zahlreiche Funktionen. Es ist sogar möglich, ohne dieses Organ zu leben, wenn die Milz beispielsweise im Rahmen einer Operation entfernt werden musste. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie der Milz und des Gehirns, ihre Funktionen und mögliche Erkrankungen.

Die Milz: Lage, Aufbau und Funktion

Die Milz (auch "Splen" oder "Lien") ist ein Organ im linken Oberbauch. Sie ist ein sekundäres lymphatisches Organ, ähnlich wie Lymphknoten, und das größte lymphatische Organ, das etwa ein Drittel des lymphatischen Gewebes im Körper ausmacht.

Lage und Anatomie der Milz

Die Milz befindet sich links im Abdomen direkt unterhalb des Zwerchfells parallel zur zehnten Rippe. Diesen Raum zwischen Magen und linker Niere bezeichnet man auch als "Milznische". Im Normalfall ist die Milz vier Zentimeter hoch, sieben Zentimeter breit sowie elf Zentimeter lang. Dabei weist sie ein Gewicht von ungefähr 160 Gramm auf und ist oval geformt.

Prinzipiell besteht das Organ aus zwei voneinander abgrenzbaren Hauptkomponenten: dem roten und dem weißen Pulpa-Gewebe. Die rote Pulpa macht dabei mit 75 Prozent den Großteil der Organmasse aus und besteht aus Pulpasträngen (Bindegewebe) und Sinusoiden (weitlumige Blutgefäße zum Blutaustausch). Die Blutversorgung der Milz erfolgt über die Arteria splenica, die sauerstoffreiches Blut zur Milz führt, und über die Vena splenica, die das sauerstoffarme, gereinigte Blut aus der Milz abführt. Der Ort, an dem diese Gefäße das Organ erreichen, wird als "Milzhilus" bezeichnet.

Zehn bis 20 Prozent der Menschen weisen eine oder mehrere sogenannte "Nebenmilzen" auf. Hierbei handelt es sich um etwa kirschgroße Knötchen aus Milzgewebe, die aufgrund einer embryologischen Fehlentwicklung entstehen. Meist sind diese um den Hilus herum lokalisiert und tauchen in der Regel als symptomloser Zufallsbefund auf.

Lesen Sie auch: Detaillierte Informationen zu Milzkrampf Ursachen

Funktionen der Milz

Die Milz erfüllt einige wichtige Aufgaben und Funktionen im menschlichen Körper:

  • Immunologische Überwachung: Die Milz ist ein wesentlicher Bestandteil des Immunsystems und spielt eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern. Vor allem im Bereich der weißen Pulpa erfolgt die immunologische Überwachung des Blutes. Bei Kontakt mit Krankheitserregern findet hier die Aktivierung von speziellen Immunzellen (B- und T-Lymphozyten) statt. Diese Immunzellen helfen bei der Erkennung und Bekämpfung von Bakterien, Viren und anderen schädlichen Substanzen im Körper.
  • Blutfilterung: Die Milz fungiert zudem als Filter für das Blut. Sie überprüft innerhalb der Sinusoide die zirkulierenden roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) auf ihre Qualität und entfernt beschädigte, alte oder fehlgebildete Blutzellen aus dem Kreislauf.
  • Blutzellreservoir: Die Milz dient auch als Reservoir für Blutzellen.
  • Blutzellbildung: Die Funktion der Blutzellbildung übt die Milz in der Regel lediglich vor der Geburt aus, danach wird diese Aufgabe komplett vom Knochenmark übernommen. Dieser Mechanismus kann bei Bedarf auch beim Erwachsenen in bestimmten Situationen wieder aufgenommen werden.

Die Milz ist wichtig für unser Immunsystem und das Blutsystem. Die Milz:

  • bildet Lymphozyten (weiße Blutkörperchen).
  • speichert Monozyten, die ebenfalls zu den weißen Blutkörperchen gehören.
  • filtert veraltete rote Blutkörperchen und Krankheitserreger aus dem Blut heraus und baut diese ab.
  • bildet bei Kindern bis zu einem Alter von sechs Jahren auch rote Blutkörperchen. Später übernimmt diese Aufgabe das Rückenmark.

Das arterielle (sauerstoffreiche) Blut fließt durch die Arteria splenica in die Milz und wird dort durch feine Gefäße geleitet, die jeweils von lymphatischem Gewebe (Milzknötchen und Lymphgefäße) umgeben sind. In diesem finden sich Zellen des Immunsystems, nämlich B-Lymphozyten (in den Milzknötchen) und T-Lymphozyten (in den Lymphgefäßen, die vom Milzknötchen wegführen). Jedes Milzknötchen wird von einem feinen, zentralen Gefäß (Zentralarterie) durchkreuzt.

Erkrankungen der Milz

Die Milz kann von verschiedenen Erkrankungen betroffen sein, die ihre Funktion und Gesundheit beeinträchtigen können und oftmals mit Schmerzen im linken Oberbauch einhergehen.

  • Milzruptur: Eine Milzruptur wird meistens durch ein stumpfes Bauchtrauma ausgelöst, wodurch das Organgewebe einreißt. Da hierdurch starke Blutungen entstehen, stellt diese Situation stets einen Notfall dar. Unterscheiden kann man zwei verschiede Arten von Rupturen: einzeitge und zweizeitige. Bei der einzeitigen Ruptur ist die Organkapsel ebenfalls verletzt und es kommt unmittelbar zum Austritt von Blut. Zweizeitig bezeichnet hingegen den Zustand einer intakten Kapsel bei verletzten Milzgewebe, wodurch ein Bluterguss innerhalb der Kapsel entsteht.
  • Asplenie: Eine besondere Erwähnung verdient der Zustand der “Asplenie”, bei dem eine Person keine Milz besitzt. Die Ursachen hierfür sind in 90 Prozent der Fälle eine operative Entfernung des Organs (“Splenektomie”), zum Beispiel wegen einer Milzruptur oder schweren Erkrankungen des Blutsystems. Daneben gibt es auch andere Einflüsse, die eine Rückbildung der Milz verursachen können, wie etwa gewisse Autoimmunerkrankungen, Sichelzellanämie oder Infektionen. Wegen den immunologischen Funktionen der Milz haben Menschen mit Asplenie ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Infektionen.
  • Splenomegalie: Eine vergrößerte Milz (“Splenomegalie”) tritt häufig als Reaktion auf virale Infektionen oder bei einer bestehenden portalen Hypertension (Rückstau des venösen Blutes vor der Leber in die Pfortader) auf. Auch bestimmte Erkrankungen, wie Leukämie oder Malaria, können eine Splenomegalie hervorrufen. Eine vergrößerte Milz kann zu Schmerzen im linken Oberbauch führen. Zudem lässt sich das Organ bei der körperlichen Untersuchung meist unter dem linken Rippenbogen ertasten, was beim Gesunden nicht der Fall ist. Als Komplikation einer Splenomegalie kann ein sogenannter “Hypersplenismus” auftreten, wobei die Milzfunktion stark gesteigert ist.
  • Milzinfarkt: Ein Milzinfarkt kommt zustande, wenn die Blutzufuhr über die Arterie splenica unterbrochen wird, was zu einer mangelnden Blutversorgung des Organs führt und somit nach und nach ein Absterben des Organgewebes verursacht. Am besten stößt man auf einen Milzinfarkt durch eine Ultraschalluntersuchung. In therapeutischer Hinsicht erfolgt meist zunächst eine Hemmung der Blutgerinnung, um eventuelle Gerinnsel aufzulösen.
  • Splenitis: Wie so gut wie jedes Organ kann auch die Milz direkt von Infektionen betroffen sein. Bei einer Entzündung des Organs spricht man dann von einer “Splenitis”. Zusätzlich ist bei gewissen Erregern auch eine Ansammlung von Eiter in der Milz möglich.

Milzschmerzen machen sich in der Regel durch ein Drücken oder Stechen im linken Ober- oder Unterbauch bemerkbar. Manchmal strahlen sie auch in den linken Schulterbereich aus.

Lesen Sie auch: Knochenmarkinsuffizienz bei Myelofibrose

Leben ohne Milz

Im Unterschied zu manchen anderen Organen ist die Milz zwar sehr wichtig, aber nicht unbedingt lebensnotwendig. Bei einem Ausfall der Milz können andere Organe des Lymphsystems zusammen mit dem roten Knochenmark und der Leber ihre Funktion "übernehmen". Ein einigermaßen normales Leben für die betroffenen Menschen ist selbst dann möglich, wenn die Milz in einer sogenannten Splenektomie operativ entfernt werden muss (zum Beispiel nach Verletzungen oder bei Autoimmunerkrankungen wie Morbus Werlhof) oder wenn Babys ohne Milz auf die Welt kommen. Da die Milz eine wichtige Rolle für das Immunsystem spielt, besteht für Menschen ohne Milz jedoch ein größeres Risiko für Infektionen, vor allem durch Bakterien wie Pneumokokken. Wer ohne Milz leben muss, sollte daher auf Schutzimpfungen gegen Krankheitserreger, die sich häufig über das Blut im Körper verbreiten und zu weiteren Infektionen führen können, Wert legen (wie die Pneumokokken-Impfung). Krankheitszeichen wie Fieber sind unbedingt frühzeitig ärztlich abzuklären.

Das Gehirn: Zentrum des Nervensystems

Das Gehirn, das komplexeste Organ des menschlichen Körpers und Zentrum des Nervensystems, steuert nahezu alle Körperfunktionen, von bewussten Handlungen wie Denken und Sprechen bis hin zu unbewussten Prozessen wie Atmung und Herzschlag. Dieses etwa 1,3-1,4 kg schwere Organ besteht aus etwa 86 Milliarden Neuronen, die in einem komplexen Netzwerk miteinander verbunden sind und Informationen mit unglaublicher Geschwindigkeit verarbeiten.

Bereiche und Funktionen des Gehirns

Das Gehirn ist in verschiedene Regionen unterteilt: Großhirn, Kleinhirn, Hirnstamm und Zwischenhirn. Jede Region übernimmt spezifische Aufgaben. Das Großhirn ist für höhere kognitive Funktionen wie Denken, Lernen und Sprache zuständig. Das Kleinhirn koordiniert Bewegungen und Gleichgewicht. Der Hirnstamm steuert lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Herzschlag. Das Zwischenhirn, bestehend aus Thalamus und Hypothalamus, wirkt als Relaisstation für sensorische Informationen und reguliert Hormone und den Schlaf-Wach-Rhythmus. Geschützt wird dieses komplexe System durch den Schädelknochen und die Hirnhäute.

Multiple Sklerose (MS) und das Immunsystem

Die eigentliche Ursache von Multipler Sklerose liegt trotz aller Anstrengungen seitens der Forschung im Dunkeln. Für MS gibt es wahrscheinlich eine genetische Veranlagung. Heute seien rund 200 Risikogene bekannt, die zum Ausbruch von MS beitragen. Immunzellen wandern aus der Peripherie ins Gehirn. Allerdings ist bisher ungeklärt, ob die MS tatsächlich im Immunsystem in der Peripherie oder im Zentralen Nervensystem (ZNS) beginnt. Manche Forscher sehen diese Aktivität des Immunsystems lediglich als Reaktion auf Vorgänge, die im ZNS ihren Anfang nehmen.

In frühen Phasen, in denen die Erkrankung in Schüben auftritt und zwischen denen Monate der Erholung liegen können, ist wohl das periphere Immunsystem der Auslöser der Kettenreaktion. Damit das Immunsystem seine Arbeit ordentlich machen kann, muss es zunächst unterscheiden, wer "Freund" und wer "Feind" ist; wer zu den körpereigenen Zellen gehört und wer ein körperfremder Eindringling ist. Doch das geht bei MS schief. Vermutlich trägt es sich so zu: In der Peripherie des Körpers, vielleicht in den Lymphknoten oder der Milz bekommt das Immunsystem Teile eines Proteins zur Begutachtung vorgelegt: Es handelt sich um Fragmente der Myelinscheiden im Gehirn, die die Nervenleitungen elektrisch isolieren. Ebenfalls vermutlich sitzt das Immunsystem dabei schlicht einer Verwechslung auf. Es bringt Freund und Feind durcheinander, verwechselt bestimmte feindliche Viren mit den körpereigenen Myelinscheiden, weil manche Bestandteile dieser Viren in ihrer Struktur dem Myelin-Eiweiß sehr ähnlich sind.

Lesen Sie auch: Detaillierte Analyse von Morbus Gaucher Typ 2

Was folgt ist keine harmlose Verwechslungskomödie, sondern ein veritables Drama für die Betroffenen. Nun hat das Immunsystem fälschlich die Myelinscheiden im Visier und leitet einen Angriff ein, wie er sonst nur Fremdstoffen blüht. Sobald das Immunsystem Alarm schlägt, aktiviert es Entzündungszellen, darunter T-Zellen, die sich auf ihren Weg über den Blutkreislauf ins Gehirn aufmachen. Dort müssen sie zunächst die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Die mächtige Barriere trennt den Blutkreislauf vom Gehirn und sorgt dafür, dass keine fremden Stoffe, Krankheitserreger oder giftige Stoffwechselprodukte in das Denkorgan eindringen.

Da der Weg ins Gehirn nun frei ist, nimmt die Kettenreaktion ihren Lauf. Die nächsten Steine des Dominospiels fallen, indem weitere Entzündungszellen in die Denkzentrale eindringen und das Myelin der Nervenfasern angreifen. Ihrer Isolation beraubt, können die Nervenleitungen elektrische Impulse des Gehirns wie motorische Befehle nur noch schlecht weitergeben. Den Tast- und Temperaturfühlern in der Peripherie des Körpers fällt es ebenfalls schwer, ihre Signale zu übermitteln. Mit jeder Welle von Entzündungszellen im Gehirn kommt es zu Schädigungen der Myelinscheiden und möglicherweise zu neuen Schüben bei den Patienten.

Früher dachte man solche Entzündungsprozesse würden lediglich in frühen, schubförmigen Phasen der MS auftreten. In späteren Phasen, in denen die Erkrankung weiter fortschreitet, würden dagegen Nervenzellen degenerieren. Heute wissen wir allerdings, dass schon in frühen Phasen Nervenzellen und ihre Fortsätze degenerieren und auch in den fortschreitenden Phasen Entzündungsreaktionen eine wichtige Rolle spielen. Allerdings sind die Umstände in den späten Phasen der Erkrankung andere. Die zuvor geöffnete Blut-Hirn-Schranke hat sich wieder geschlossen. Ab jetzt spielen sich die Entzündungsreaktionen direkt im Gehirn ab, gewissermaßen hinter einem geschlossenen Vorhang, - abgekoppelt vom peripheren Immunsystem. Denn schließlich verfügt auch das Gehirn über eine eigene Immunabwehr.

Für eine effektive Therapie bräuchte man eigentlich Medikamente, die vor Ort, eben im Gehirn, ihre Wirkung tun. Mit Medikamenten kann der Übertritt der T-Zellen ins Zentrale Nervensystem blockiert werden. Dadurch ließen sich zwar die Entzündungsschübe aufhalten und die Schädigungen im Gehirn vermindern. Aber das gewissermaßen unter den Schüben langsam ablaufende Fortschreiten der Erkrankung und der Behinderung werde damit nicht sicher verhindert. Wahrscheinlich sind es gar nicht die T-Zellen, die die Erkrankung und die Behinderungen vorantreiben. Sie seien nur der Auslöser für eine später im Gehirn autonom ablaufende Entzündung.

Dabei darf man allerdings nicht vergessen: Die Immunreaktion hat nicht nur ihre schlechten Seiten. Sie sorgt wohl auch für eine Regeneration im Gehirn. Es könne also nicht nur darum gehen, das Immunsystem zu bremsen und zu blockieren. Damit würden wir auch die positiven Seiten der Immunreaktion unterdrücken. Bislang wisse man allerdings noch gar nicht, was genau die guten und was die schlechten Immunzellen sind. Von daher entfernen wir momentan vollkommen unspezifisch etwa alle T-Zellen oder hindern sie am Einwandern ins Gehirn, - als wären alle Immunzellen schlecht. In Zukunft müsse man jene Untergruppen der Entzündungszellen identifizieren, die tatsächlich negativ sind, und diese therapeutisch gezielt anvisieren.

tags: #milz #an #grobhirn #autor