Das Sehsystem im Gehirn: Von der Netzhaut zur Wahrnehmung

Das menschliche Sehsystem ist ein komplexes Netzwerk, das weit über das Auge hinausgeht und einen großen Teil des Gehirns einbezieht. Es wandelt Licht in elektrische Signale um, die dann im Gehirn interpretiert werden, um uns ein detailliertes Bild unserer Umwelt zu vermitteln. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Sehsystems im Gehirn, von den ersten Schritten der Bildanalyse in der Netzhaut bis hin zu den höheren kortikalen Arealen, die für die Erkennung von Objekten und die Steuerung von Handlungen zuständig sind.

Die Netzhaut: Der Beginn der visuellen Verarbeitung

Die Netzhaut, die innere Auskleidung des Auges, ist der erste Schritt der visuellen Verarbeitung. Hier wird das einfallende Licht von Photorezeptoren (Stäbchen und Zapfen) in elektrische Signale umgewandelt. Diese Signale werden dann von anderen Nervenzellen in der Netzhaut vorverarbeitet, bevor sie über den Sehnerv (Nervus opticus) zum Gehirn weitergeleitet werden.

Ganglienzellen und rezeptive Felder

Die Ganglienzellen sind die letzten Neuronen in der Netzhaut, deren Axone den Sehnerv bilden. Jede Ganglienzelle empfängt Signale von einer bestimmten Gruppe von Photorezeptoren, die zusammen ihr rezeptives Feld bilden. Das rezeptive Feld eines Neurons ist das Gebiet der Netzhaut, in dem ein Lichtreiz die Aktivität des Neurons beeinflussen kann. Ganglienzellen sind besonders empfindlich für örtliche Kontrastveränderungen. Wenn die Ganglienzellen gleichmäßig beleuchtet werden, antworten sie nur schwach. Die Größe der rezeptiven Felder variiert, wobei die Felder in der Fovea (dem Bereich des schärfsten Sehens) kleiner sind als in der Peripherie.

Farbcodierung in der Netzhaut

Die Netzhaut ist auch für die Farbcodierung zuständig. Es gibt verschiedene Arten von Zapfen, die jeweils für unterschiedliche Wellenlängen des Lichts empfindlich sind (kurzwelliges, mittelwelliges und langwelliges Licht, entsprechend blau, grün und rot). Die Signale der Zapfen werden von den Ganglienzellen in Gegenfarbkoordinaten verarbeitet. Zum Beispiel wird das Zentrum des rezeptiven Feldes durch mittelwelliges (grünes) Licht erregt und das Umfeld durch langwelliges (rotes) Licht gehemmt. Dies ermöglicht es uns, Farben zu unterscheiden und Farbkonstanz zu erreichen.

Die Sehbahn: Vom Auge zum Gehirn

Der Sehnerv besteht aus etwa einer Million Axonen der Ganglienzellen. Er verlässt das Auge auf der Rückseite und führt zum Chiasma opticum, der Sehnervenkreuzung. Hier kreuzt ein Teil der Fasern die Seite, so dass jede Gehirnhälfte Informationen von beiden Augen erhält. Genauer gesagt kreuzen die nasalen Fasern (die Informationen von der nasalen Hälfte des Gesichtsfeldes tragen) die Seite, während die temporalen Fasern (die Informationen von der temporalen Hälfte des Gesichtsfeldes tragen) auf der gleichen Seite bleiben.

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Der seitliche Kniehöcker (Corpus geniculatum laterale, CGL)

Nach der Sehnervenkreuzung ziehen die meisten Fasern zum seitlichen Kniehöcker (CGL), einer Struktur im Thalamus. Der CGL ist die wichtigste subkortikale Schaltstation zwischen der Netzhaut und dem visuellen Kortex. Er besteht aus sechs Schichten, die jeweils Informationen von einem Auge erhalten. Die Schichten 1 und 2 sind magnozellulär (mit größeren Neuronen) und verarbeiten hauptsächlich Bewegungsinformationen, während die Schichten 3 bis 6 parvozellulär sind (mit kleineren Neuronen) und Informationen über Form und Farbe verarbeiten. Vom CGL aus ziehen die Nervenzellen in die primäre Sehrinde, auch visueller Cortex genannt.

Retinotopie

Die Fasern des Sehnervs sind retinotopisch organisiert, was bedeutet, dass benachbarte Bereiche der Netzhaut auch in benachbarten Bereichen des CGL und des visuellen Kortex repräsentiert werden. Dies führt zu einer Art "Landkarte" des Gesichtsfelds im Gehirn. Diese Landkarte ist jedoch verzerrt, da die Fovea, der Bereich des schärfsten Sehens, überproportional repräsentiert wird. Etwa 80 % des primären visuellen Kortex beschäftigen sich mit Impulsen aus der Fovea, die selbst keinen Millimeter groß ist.

Der visuelle Kortex: Die Verarbeitung visueller Informationen

Der visuelle Kortex, der sich im Okzipitallappen des Gehirns befindet, ist das Hauptzentrum für die Verarbeitung visueller Informationen. Er besteht aus mehreren Arealen, die jeweils auf bestimmte Aspekte der visuellen Wahrnehmung spezialisiert sind.

V1: Die primäre Sehrinde

Die primäre Sehrinde (V1) ist das erste kortikale Areal, das visuelle Informationen vom CGL erhält. Hier werden die grundlegenden visuellen Merkmale wie Kanten, Orientierung und Farbe verarbeitet. V1 ist retinotopisch organisiert und enthält Neuronen, die selektiv auf bestimmte Orientierungen von Lichtstreifen reagieren. Diese Neuronen sind in Säulen organisiert, wobei alle Neuronen in einer Säule die gleiche bevorzugte Orientierung haben.

Einfache, komplexe und End-inhibierte Zellen

Hubel und Wiesel identifizierten in V1 drei Haupttypen von Neuronen:

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  1. Einfache Zellen: Diese Zellen reagieren am stärksten auf Lichtstreifen einer bestimmten Orientierung an einer bestimmten Position in ihrem rezeptiven Feld.
  2. Komplexe Zellen: Diese Zellen reagieren auf Lichtstreifen einer bestimmten Orientierung, unabhängig von ihrer genauen Position im rezeptiven Feld.
  3. End-inhibierte Zellen: Diese Zellen reagieren am stärksten auf Lichtstreifen einer bestimmten Orientierung und Länge. Sie werden gehemmt, wenn der Lichtstreifen zu lang ist.

Orientierungssäulen und Augendominanzsäulen

Die Neuronen in V1 sind in Säulen organisiert, die nach ihrer bevorzugten Reizorientierung und Augendominanz geordnet sind. In einer Orientierungssäule reagieren alle Neuronen auf dieselbe Reizorientierung. Für jede Positionssäule gibt es eine Augendominanzsäule für jedes Auge.

Blobs und Interblobs

V1 enthält auch spezielle Bereiche, die als "Blobs" bezeichnet werden und für die Verarbeitung von Farbinformationen zuständig sind. Die Bereiche außerhalb der Blobs, die sogenannten "Interblobs", sind an der Verarbeitung von Forminformationen beteiligt.

Höhere visuelle Areale

Nach V1 werden die visuellen Informationen an andere kortikale Areale weitergeleitet, die für die Verarbeitung komplexerer visueller Merkmale zuständig sind. Zu diesen Arealen gehören V2, V3, V4 und V5 (auch bekannt als MT).

  • V2: Dieses Areal empfängt Informationen von V1 und ist an der Verarbeitung von komplexeren Formen und Mustern beteiligt.
  • V3: Die Funktion von V3 ist noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass es an der Verarbeitung von dynamischer Form beteiligt ist.
  • V4: Dieses Areal ist an der Verarbeitung von Farbe und Form beteiligt und spielt eine wichtige Rolle bei der Farbkonstanz. Neuronen in V4 sind selektiv auf Reize verschiedener Wellenlängen und Farben.
  • V5 (MT): Dieses Areal ist an der Verarbeitung von Bewegungsinformationen beteiligt. Neuronen in V5 sind selektiv auf die Bewegungsrichtung von Objekten.

Ventraler und dorsaler Pfad

Die visuellen Informationen werden im Gehirn entlang zweier Hauptpfade verarbeitet:

  • Ventraler Pfad (Was-Pfad): Dieser Pfad verläuft vom visuellen Kortex zum Temporallappen und ist für die Erkennung von Objekten und die Identifizierung ihrer Eigenschaften zuständig.
  • Dorsaler Pfad (Wo-Pfad): Dieser Pfad verläuft vom visuellen Kortex zum Parietallappen und ist für die Verarbeitung von räumlicher Information und die Steuerung von Handlungen zuständig.

Visuelles Gedächtnis und Aufmerksamkeit

Das Sehsystem ist eng mit dem visuellen Gedächtnis und der Aufmerksamkeit verbunden. Das visuelle Gedächtnis ermöglicht es uns, uns an visuelle Informationen zu erinnern, während die Aufmerksamkeit es uns ermöglicht, uns auf bestimmte Aspekte unserer visuellen Umgebung zu konzentrieren.

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Visuelles Kurzzeitgedächtnis

Das visuelle Kurzzeitgedächtnis ist ein temporärer Speicher für visuelle Informationen. Es ermöglicht uns, Informationen über kurze Zeiträume zu speichern, z. B. um eine Szene zu erfassen oder ein Objekt zu identifizieren. Experimente haben gezeigt, dass wir nicht alle Details einer Szene über längere Zeit im Gehirn abspeichern, sondern Augenbewegungen und das Kurzzeitgedächtnis nutzen, um Lücken mit schon gespeicherten Inhalten aufzufüllen.

Aufmerksamkeit

Die Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, die es uns ermöglicht, uns auf bestimmte Aspekte unserer visuellen Umgebung zu konzentrieren. Sie kann auf bestimmte Bereiche oder Objekte gerichtet werden. Experimente haben gezeigt, dass wir Objekte, auf die wir unsere Aufmerksamkeit nicht richten, möglicherweise überhaupt nicht bemerken ("attentional blindness").

Visuelle Vorstellungskraft

Die visuelle Vorstellungskraft ermöglicht es uns, uns Objekte oder Szenen in unserem "geistigen Auge" vorzustellen. Für die bildliche Vorstellung werden anscheinend dieselben visuellen Hirnareale genutzt wie für die normale visuelle Wahrnehmung, wobei die Aktivität in umgekehrter Reihenfolge abläuft. Die visuelle Vorstellungskraft spielt eine wichtige Rolle bei vielen kognitiven Prozessen, wie z. B. der räumlichen Navigation und dem Problemlösen.

Neue Forschungsergebnisse

Aktuelle Forschungsergebnisse haben neue Einblicke in die Funktionsweise des Sehsystems im Gehirn geliefert.

KI-Modelle des Sehsystems

Eine Studie hat ein neues KI-Modell vorgestellt, das aus großen Datenmengen gelernt hat und sich flexibel auf neue Aufgaben übertragen lässt. Dieses Modell kann beispielsweise Antworten auf verschiedene visuelle Reize vorhersagen, ohne jemals mit diesen Reizarten konfrontiert worden zu sein.

Neuronale Verbindungen im Mittelhirn

Eine weitere Studie hat die neuronalen Verbindungen zwischen der Netzhaut und dem Mittelhirn untersucht. Die Forscher fanden heraus, dass die räumliche Anordnung der Retina exakt in den Strukturen des Mittelhirns widergespiegelt wird und dass die Neurone im Mittelhirn einen sehr starken und spezifischen synaptischen Eingang von nur wenigen retinalen Ganglienzellen erhalten.

Der Colliculus Superior

Neurowissenschaftler haben Hinweise darauf gefunden, dass der Colliculus Superior, eine Struktur im Hirnstamm, nicht nur Augenbewegungen steuert, sondern auch eigenständig visuelle Reize verarbeitet und eine wichtige Rolle in der visuellen Orientierung spielt.

Klinische Bedeutung

Das Verständnis des Sehsystems im Gehirn ist von großer klinischer Bedeutung. Störungen des Sehsystems können zu einer Vielzahl von visuellen Beeinträchtigungen führen, wie z. B. Blindheit, Gesichtsfelddefekten, Farbsehstörungen und visuellen Agnosien. Die Entwicklung neuer Technologien, wie z. B. KI-Modelle und hochdichte Elektroden, ermöglicht es uns, die Funktionsweise des Sehsystems besser zu verstehen und neue Diagnose- und Behandlungsmethoden für visuelle Störungen zu entwickeln.

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