Sex ist weit mehr als nur ein körperlicher Akt. Die neuronalen Prozesse, die damit einhergehen, sind komplex und faszinierend. Das Gehirn spielt eine zentrale Rolle bei der sexuellen Erregung, beim Orgasmus und bei der gesamten sexuellen Erfahrung. Es steuert nicht nur die körperlichen Reaktionen, sondern beeinflusst auch die Emotionen, Kognitionen und Verhaltensweisen, die mit Sexualität verbunden sind.
Neuronale Grundlagen sexueller Erregung
Die sexuelle Erregung ist ein komplexer Prozess, an dem verschiedene Hirnregionen und Neurotransmitter beteiligt sind. Visuelle Reize, Berührungen und Fantasien können die sexuelle Erregung auslösen.
Visuelle Reize und Gehirnaktivität
Eine Studie aus Tübingen analysierte Daten von 61 Studien mit insgesamt 1.850 Probanden, um die Gehirnreaktionen auf visuelle Sexualreize zu untersuchen. Die Teilnehmer betrachteten erotische Bilder und Filme, während Wissenschaftler ihre Gehirnaktivität mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) maßen. Die Ergebnisse zeigten, dass es keine signifikanten Unterschiede in den Gehirnreaktionen zwischen Männern und Frauen auf visuelle Sexualreize gibt. Es traten jedoch Unterschiede in den Aktivitätsmustern auf, je nachdem, wie die Reize präsentiert wurden. Erotische Bilder führten zu einer breiter gefächerten Erregung in mehreren Gehirnarealen gleichzeitig im Vergleich zu Filmen. Die sexuelle Orientierung der Studienteilnehmer beeinflusste ebenfalls die Aktivitätsmuster. Heterosexuelle reagierten stärker auf die visuellen Reize als homosexuelle Probanden.
Neurotransmitter und sexuelle Erregung
Neurotransmitter spielen eine wichtige Rolle bei der sexuellen Erregung. Dopamin, das auf dem Gipfel der Lust in großen Mengen ausgeschüttet wird, aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und erzeugt ein Gefühl der Euphorie. Noradrenalin hebt die Laune, erhöht die Aufmerksamkeit, vertreibt Hunger und Müdigkeit und dämpft Schmerzen. Endorphine fördern die Entspannung und helfen vor allem Frauen, zum Höhepunkt zu gelangen. Serotonin steigert zwar das Wohlempfinden, kann aber gleichzeitig die Erregung blockieren.
Der Hypothalamus als Dreh- und Angelpunkt der Lust
Der Hypothalamus, eine Hirnregion, die eine Verbindung zwischen Nervensystem und Hormonen herstellt, ist ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt unserer Lust. Er wird nicht nur durch Bedrohung aktiviert, sondern auch durch Zärtlichkeit. Berührungssignale beim Sex steigern seine Aktivität stetig weiter, bis sie in der Freisetzung großer Mengen des Bindungshormons Oxytocin beim Orgasmus gipfelt.
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Das Belohnungssystem des Gehirns
Das Belohnungssystem des Gehirns, bestehend aus dem Nucleus accumbens und dem Nucleus caudatus, sowie dem Botenstoff Dopamin, reguliert Motivation und Lust. Es reagiert auf ganz unterschiedliche Reize und lässt uns nach den verschiedensten Belohnungen streben.
Unterschiede in der Gehirnaktivität zwischen Männern und Frauen
Ob sich die Erregungsmuster im Hirn von Mann und Frau unterscheiden, wird noch erforscht. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass es Unterschiede in der Amygdala gibt, einem Hirnareal, das für die (Wieder-)Erkennung von möglichen Gefahrsituationen und die Entstehung von Angst zuständig ist. Bei Frauen sei die Amgydala während des Höhepunkts regelrecht lahmgelegt.
Die Rolle des Gehirns beim Orgasmus
Der Orgasmus ist ein Höhepunkt sexueller Erregung, der mit intensiven körperlichen und emotionalen Empfindungen einhergeht.
Hirnaktivität während des Orgasmus
Während des Orgasmus schalten sich bestimmte Hirnareale ab, vor allem Teile des Frontallappens, der "Kontrollinstanz" im Kopf. Niederländische Forscher haben zwei Zentren ausgemacht, die nicht aktiv sein sollten, wenn eine Frau einen Orgasmus erlebt: Der linke orbitofrontale Kortex, der für die Triebkontrolle und Selbstbeherrschung verantwortlich ist, sowie der dorsomediale Präfrontalkortex.
Die Bedeutung des Großhirns
Genitalien, Hormone und Neurotransmitter sind zwar wichtig für den Orgasmus und die menschliche Fortpflanzung, aber sie alle sind letztlich nur Instrumente im Orchester der menschlichen Sexualität. Der Dirigent ist das Gehirn, vor allem das bei uns Menschen besonders stark entwickelte Großhirn.
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Küssen als erste Hürde im Annäherungsprozess
Die erste wichtige Hürde im Annäherungsprozess ist das Küssen. Tausende von Nervenzellen schicken die dabei entstehenden Berührungsreize von Lippen, Zunge und Mund an den so genannten somatosensorischen Kortex, einem Teil der Großhirnrinde, der diese Informationen verarbeitet.
Der motorische Kortex beim Liebesspiel
Wie wir uns während des Liebesspiels räkeln, ist vor allem Sache des motorischen Kortex. Er steuert die bewussten Bewegungen.
Hemmung sexuellen Verlangens
Es gibt Hinweise darauf, dass einige Hirnregionen beim Sex ruhig werden, solche nämlich, die unser Verhalten und unsere Erregung im Alltag gezielt bremsen oder unterdrücken. Einer Studie französischer Wissenschaftler zufolge scheint etwa der Gyrus rectus im linken Stirnlappen das sexuelle Verlangen zu hemmen.
Sexuelle Aktivität und kognitive Fähigkeiten im Alter
Studien haben gezeigt, dass sexuelle Aktivität positive Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten im Alter haben kann.
Verbesserte kognitive Leistungen durch regelmäßigen Sex
Eine Studie der Oxford University ergab, dass sexuell aktive ältere Menschen bessere kognitive Leistungen zeigten als diejenigen, die weniger aktiv waren. Insbesondere in den Bereichen Redefluss und visuelle Wahrnehmung konnte eine Verbindung zu sexueller Aktivität festgestellt werden.
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Mögliche Mechanismen
Die Forscher vermuten, dass sexuelle Aktivität eine verstärkte Dopamin-Ausschüttung bewirkt, die schützende und fördernde Effekte auf das Arbeitsgedächtnis und die geistigen Funktionen bei älteren Erwachsenen hat.
Pornokonsum und seine Auswirkungen auf das Gehirn
Der Konsum von Pornografie ist weit verbreitet und kann messbare Spuren im Gehirn hinterlassen.
Aktivierung des Belohnungssystems
Pornografisches Material aktiviert sehr stark das dopaminerge Belohnungssystem im Gehirn. Dabei werden Botenstoffe ausgeschüttet, die kurzfristig Glücksgefühle erzeugen und uns in unserem Verhalten positiv bestärken. Pornos wirken damit wie ein hochwirksames Belohnungssignal.
Pornografie-Nutzungsstörung
Wenn Pornos zunehmend den Alltag bestimmen, Beziehungen verdrängen, berufliche Pflichten vernachlässigt werden, spricht man von einer Pornografie-Nutzungsstörung.
Auswirkungen auf Beziehungen und Fantasie
Im Übermaß sind Pornos Räuber der Fantasie. Sie schließen die Emotionen aus und wirken sich zunehmend problematisch auf die Beziehungsqualität aus, in der Emotionen und Bedeutung stattfinden.
Veränderungen in der Hirnstruktur
Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung ergab, dass Männer mit hohem Pornokonsum einen deutlich verkleinerten Schweifkern (Nucleus caudatus) hatten. Der Schweifkern ist wichtig, um eine Belohnung zu entdecken und wahrzunehmen, um zwischen Belohnungen zu differenzieren und um die Motivation zu erzeugen, eine Belohnung zu erlangen.
Neurowissenschaftliche Aspekte der weiblichen Sexualität
Die weibliche Sexualität ist ein komplexes Thema, das in der neurowissenschaftlichen Forschung lange vernachlässigt wurde.
Die genaue Lage des Gehirnbereichs für genitale Berührungen bei Frauen
Die genaue Lage des Gehirnbereichs, der für genitale Berührungen verantwortlich ist, variiert bei Frauen. Knop et al. verwendeten die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI), um die genaue Darstellung der weiblichen Genitalien zu kartieren, indem sie die Reaktion des Gehirns auf eine über der Klitorisregion vibrierende Membran maßen. Der somatosensorische Kortex stellte die Genitalien in der Nähe der Hüften dar, und die Dicke des Genitalfeldes variierte mit der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs.
Die Rolle des Rückenmarks bei der sexuellen Funktion
Das Rückenmark spielt eine entscheidende Rolle bei der sexuellen Funktion, insbesondere bei der Erektion und Ejakulation.
Erektionszentrum und Ejakulationszentrum
Berührungen der erogenen Zonen werden über Nerven bis ins Erektionszentrum im unteren Rückenmark weitergeleitet. Dort werden die ankommenden Signale auf vom zentralen Nervensystem ausgehende Signale umgeschaltet. Diese ausgehenden Signale führen zum Beispiel zu einer Ausschüttung von Stickstoffmonoxid (NO) in den Genitalorganen, was zu einer Erektion führt. Hält die Reizung der erogenen Zonen an, steigen die Nervenerregungen im Rückenmark bis ins etwas höher gelegene Ejakulationszentrum auf. Auch hier erfolgt eine Umschaltung auf Nerven, die zurück in die Genitalregion führen. Wie der Name Ejakulationszentrum vermuten lässt, führt diese Nerven-Aktivierung dazu, dass sich Muskeln zusammenziehen und so dafür sorgen, dass das Ejakulat heraus befördert wird.
Sympathikus und Parasympathikus
Für die Sexualfunktion ist es wichtig, dass Sympathikus und Parasympathikus gut zusammen harmonieren. Das Erektionszentrum nutzt nämlich parasympathische Nervenstränge und das Ejakulationszentrum sympathische Nervenstränge.