David Schnarchs Buch "Brain Talk" untersucht, wie unser Gehirn in Beziehungen funktioniert und wie wir uns selbst und andere besser verstehen können. Schnarch, ein bekannter Sexual- und Familientherapeut, präsentiert in diesem Buch seine "Crucible Neurobiologische Therapie", die auf dem Konzept des "Mindmapping" basiert.
Einführung: "Erkenne dich selbst" im Lichte der Hirnforschung
Die alte Weisheit "Erkenne dich selbst" gewinnt im Zeitalter der Hirnforschung eine neue Bedeutung. Schnarch greift diese Idee auf und verbindet sie mit der "Theory of Mind", der Fähigkeit, die eigenen und die geistigen Zustände anderer zu erkennen und zu verstehen. Er argumentiert, dass das Verständnis dieser Prozesse entscheidend für gesunde Beziehungen und persönliches Wachstum ist.
Mindmapping: Der Schlüssel zum Verständnis von Beziehungen
Mindmapping, die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle anderer hineinzuversetzen, ist laut Schnarch eine zentrale menschliche Fähigkeit. Diese Fähigkeit entwickelt sich bereits in der Kindheit und ermöglicht uns, soziale Interaktionen zu verstehen und uns in Beziehungen zurechtzufinden.
Evolutionäre Ursprünge des Mindmapping
Schnarch verweist auf die evolutionären Ursprünge des Mindmapping, die bis zu Reptilien zurückreichen. Sogar einfache Lebewesen nutzen rudimentäre Formen des Mindmapping, um das Verhalten ihrer Artgenossen vorherzusagen und ihr Überleben zu sichern.
Die Entwicklung des Mindmapping in der Kindheit
Kinder entwickeln ab dem vierten Lebensjahr die Fähigkeit, vorherzusagen, was andere tun werden, indem sie deren Gedanken und Absichten erkennen. Dies führt auch dazu, dass sie lernen, ihre eigenen Gedanken und Gefühle zu verbergen oder zu manipulieren.
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Antisoziale Empathie und traumatisches Mindmapping
Schnarch betont, dass Mindmapping nicht immer positiv ist. Es gibt auch "antisoziale Empathie", bei der Menschen ihr Verständnis der Gedanken und Gefühle anderer nutzen, um ihnen Schaden zuzufügen. Dies führt zu "traumatischem Mindmapping", bei dem Opfer Schwierigkeiten haben, die böswilligen Absichten ihrer Peiniger zu verstehen.
Die Folgen von traumatischem Mindmapping
Traumatisches Mindmapping kann zu Verwirrung, Überforderung und einer chronischen Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten führen. Opfer können sich weigern, die Realität der Situation zu akzeptieren und alternative Interpretationen erfinden, um den Täter zu entlasten.
Die Rolle der Therapie
Ein wichtiger Teil der Therapie besteht laut Schnarch darin, das korrekte Mindmapping nachträglich zu vollziehen, indem dem Täter die richtigen (bösartigen) Motive zugeschrieben werden. Diesem Prozess sollte dann eine Konfrontation mit dem Täter folgen, damit dieser die Verantwortung für sein Verhalten übernimmt.
Die Crucible Neurobiologische Therapie
Schnarchs "Crucible Neurobiologische Therapie" zielt darauf ab, traumatisches Mindmapping aufzulösen und gesunde Beziehungen zu fördern. Die Therapie umfasst die folgenden Schritte:
- Verständnis des Mindmapping: Die Klienten lernen, wie Mindmapping funktioniert und wie es durch traumatische Erfahrungen gestört werden kann.
- Aufdeckung von traumatischem Mindmapping: Die Klienten identifizieren Situationen, in denen sie traumatisches Mindmapping erlebt haben.
- Neuverarbeitung der traumatischen Erfahrung: Die Klienten verarbeiten die traumatische Erfahrung erneut und schreiben dem Täter die richtigen Motive zu.
- Konfrontation mit dem Täter (optional): Die Klienten konfrontieren den Täter mit seinem Verhalten und fordern ihn auf, die Verantwortung dafür zu übernehmen.
- Entwicklung von gesunden Beziehungen: Die Klienten lernen, gesunde Beziehungen aufzubauen, die auf Vertrauen, Respekt und Empathie basieren.
Fallbeispiel: Ein junges Paar befreit sich von manipulativen Eltern
Schnarch illustriert seine Therapie anhand eines Fallbeispiels eines jungen Paares, das kurz vor der Scheidung steht, weil sich ihre Eltern fortwährend in ihre Beziehung einmischen. Durch die therapeutisch begleitete Auseinandersetzung mit den Eltern gelingt es dem Paar, sich von deren Einfluss zu befreien und eine gesunde Beziehung aufzubauen. Die junge Frau berichtet, dass sich ein Nebel gelichtet hat und sie endlich klar denken kann. Ihr Interesse an Sex wächst und die beiden entscheiden sich, ein Kind in die Welt zu setzen.
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Posttraumatisches Wachstum
Schnarch betont, dass traumatische Erfahrungen auch zu "posttraumatischem Wachstum" führen können. Dies bedeutet, dass Menschen nach einem Trauma positive Veränderungen in ihrem Leben erfahren, wie z.B. eine verbesserte Selbstwahrnehmung, stärkere Beziehungen und eine größere Widerstandsfähigkeit.
Die Bedeutung von Selbsterkenntnis und Empathie
Schnarch argumentiert, dass Selbsterkenntnis und Empathie in jeder Art von Beziehung unerlässlich sind. Nur wenn wir uns selbst und andere verstehen, können wir liebevolle und erfüllende Beziehungen führen.
Kritik und Herausforderungen
Einige Kritiker bemängeln Schnarchs selbstüberzeugten Schreibstil und die ständige Wiederholung seiner Grundthesen. Andere weisen darauf hin, dass seine spezifische Trauma-Theorie sich mit Erlebnissen und Belastungen befasst, die knapp unterhalb der Schwelle liegen, auf die sich die üblichen Trauma-Diagnosen und Therapien beziehen.
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