Viele Menschen verbinden Dehnübungen automatisch mit längeren Muskeln und gesteigerter Flexibilität. Doch was steckt wirklich dahinter, und wie können wir Dehnen nutzen, um Nervenschmerzen vorzubeugen? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Dehnens, seine Auswirkungen auf den Körper und wie es zur Schmerzlinderung und Vorbeugung eingesetzt werden kann.
Was bewirkt Dehnen wirklich?
Oftmals wird angenommen, dass Dehnen die Muskeln verlängert. Obwohl Muskeln von Natur aus elastisch sind und sich durch Dehnen temporär verlängern können, bleibt ihre tatsächliche Länge unverändert. Die Muskelfasern haben eine festgelegte Struktur, die durch Dehnen nicht dauerhaft verändert wird. Ein Gummiband dient hier als gutes Beispiel: Es lässt sich dehnen, kehrt aber nach der Entspannung in seine ursprüngliche Form zurück.
Regelmäßiges Dehnen führt jedoch zu einer erhöhten Beweglichkeit. Dies liegt daran, dass sich der Körper an die Dehnung gewöhnt und die Muskeln lernen, besser auf den Dehnreiz zu reagieren. Das Nervensystem wird toleranter gegenüber der Dehnung. Ein Beispiel hierfür ist die Fähigkeit, mit regelmäßigem Dehnen die Zehen zu berühren, was anfangs schwerfallen mag.
Die Rolle der Faszien
Dehnübungen beeinflussen nicht nur die Muskeln, sondern auch die Faszien - das Bindegewebe, das die Muskeln umgibt. Durch Dehnen können die Faszien elastischer werden, was ebenfalls zu einer erhöhten Beweglichkeit beiträgt.
Dehnen für Gelenke und allgemeine Beweglichkeit
Dehnübungen tragen dazu bei, Gelenke und Muskeln beweglich zu halten. Dies ist besonders wichtig für ältere Menschen, um die Beweglichkeit zu erhalten und den Alltag zu erleichtern. Mit zunehmendem Alter werden Gelenke steifer, und der Bewegungsradius kann eingeschränkt sein. Ein flexibler Körper ermöglicht es, sich im Alltag besser zu bewegen, sei es beim Aufstehen, Bücken oder Treppensteigen. Da das Sturzrisiko im Alter steigt, kann Dehnen hier eine wichtige Rolle spielen. Viele ältere Menschen leiden unter Gelenkschmerzen oder Muskelverspannungen, die durch sanfte Dehnübungen gelindert werden können, da diese die Durchblutung fördern.
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Mentale Vorteile des Dehnens
Dehnen wirkt sich nicht nur positiv auf den Körper aus, sondern auch auf den Geist. Sanfte Bewegungen und bewusste Atmung während des Dehnens fördern die Entspannung und tragen zum mentalen Wohlbefinden bei. Es ist wichtig, sanft und langsam zu dehnen, um Verletzungen zu vermeiden. Überforderung sollte vermieden und stattdessen regelmäßige, kurze Dehn-Einheiten in den Alltag integriert werden.
Nervenschmerzen und eingeklemmte Nerven
Ein eingeklemmter Nerv kann zu stechenden Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Kribbeln führen und den Alltag erheblich beeinträchtigen. Diese Beschwerden können im Rücken, Nacken oder Arm auftreten und oft plötzlich entstehen.
Ein eingeklemmter Nerv (Nervenkompression) wird oft mit plötzlich auftretenden, stechenden Schmerzen in Verbindung gebracht, die durch plötzliche Bewegungen ausgelöst werden und sich anfühlen, als wäre der Nerv zwischen zwei Knochen eingeklemmt. Tatsächlich entsteht diese Art von Schmerz häufig durch eine vorübergehende Reizung des Nervs. Meist üben weiche Strukturen wie Muskeln, Sehnen oder Gewebe Druck auf den Nerv aus, wodurch dessen Funktion beeinträchtigt wird. Dieser Druck kann Reizungen und Entzündungen verursachen, die zu Symptomen wie Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Bewegungseinschränkungen führen.
Anatomie und Funktion der Nerven
Nerven sind die „Datenleitungen“ des Körpers, die aus Fasern bestehen, die den gesamten Körper durchziehen und eine Vielzahl von Aufgaben übernehmen. Sie leiten Signale des Gehirns an die Muskulatur weiter, um Bewegungsabläufe zu steuern, und übertragen Sinneswahrnehmungen wie Tast- und Temperaturempfindungen zurück an das Gehirn. Ein eingeklemmter Nerv entsteht, wenn Druck auf den Nerv ausgeübt wird, wodurch er nicht mehr richtig funktionieren kann und schmerzhafte oder unangenehme Symptome verursacht.
Symptome einer Nervenkompression
Eine Nervenkompression kann sich unterschiedlich äußern:
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- Schmerzen: Das Spektrum reicht von einem dumpfen, langsam zunehmenden Druckgefühl bis hin zu plötzlich einschießenden, brennenden oder stechenden Schmerzen.
- Empfindungsstörungen (Parästhesien): Kribbeln, Taubheitsgefühle oder das „Einschlafen“ von Gliedmaßen sind typische Anzeichen.
- Funktionsausfälle: Bei länger anhaltendem Druck kann die Signalübertragung zur Muskulatur gestört sein, was zu Muskelschwäche oder vorübergehenden Lähmungserscheinungen führt.
Provokationstests wie das Hoffmann-Tinel-Zeichen oder der Phalen-Test helfen bei der Diagnose eines eingeklemmten Nervs. Durch gezielte Bewegungen oder leichten Druck auf den betroffenen Bereich können typische Symptome ausgelöst oder verstärkt werden. Bei eingeklemmten Nerven im Bereich der Halswirbelsäule können zusätzliche Symptome wie Schwindel oder Erbrechen auftreten.
Behandlung eines eingeklemmten Nervs
Bei einem eingeklemmten Nerv ist es wichtig, die Beschwerden zu lindern und die Heilung zu fördern.
- Medikamente: Ärzte verschreiben oft entzündungshemmende und schmerzlindernde Medikamente.
- Schonung und gezielte Bewegung: Die betroffenen Stellen sollten zunächst geschont werden, besonders wenn der Nerv im Rücken, Nacken oder Schulterbereich betroffen ist. Unnatürliche Schonhaltungen und ruckartige Bewegungen sollten vermieden werden.
- Wärmebehandlung: Wärme hilft, verspannte Muskulatur zu lockern und den eingeklemmten Nerv zu entlasten.
- Massage und Gymnastik: Eine professionelle Massage oder sanfte Gymnastik wie Yoga können helfen, Verspannungen zu lösen und die Muskulatur zu lockern. Die Übungen sollten die Schmerzen nicht verstärken, sondern den Heilungsprozess unterstützen.
- Physiotherapie: Gerade bei einem leichten Bandscheibenvorfall oder einer Spinalkanalstenose können physiotherapeutische Maßnahmen und Rückenschule helfen, die Symptome zu lindern und die Mobilität zu verbessern.
- Operation: In einigen Fällen, besonders bei schwerwiegenden oder chronischen Nervenkompressionen, kann eine Operation zur Dekompression notwendig werden. Bei einem Bandscheibenvorfall kann beispielsweise ein minimalinvasiver Eingriff durchgeführt werden, um den Druck auf den betroffenen Nerv zu verringern und die Nervenwurzeln zu entlasten.
Die Dauer der Beschwerden hängt von der Ursache der Nervenkompression ab. Bei Verspannungen heilt der eingeklemmte Nerv in der Regel von selbst.
Prävention von Nervenkompressionen
Mit gezielten Maßnahmen lässt sich das Risiko einer Nervenkompression deutlich reduzieren:
- Ergonomie am Arbeitsplatz: Eine ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes hilft, eingeklemmten Nerven vorzubeugen. Bei sitzenden Tätigkeiten im Büro sind eine aufrechte Haltung, passende Stühle und Tische sowie Hilfsmittel wie Handauflagen sinnvoll. Wer überwiegend steht, profitiert von gut gedämpften Schuhen und regelmäßigen Pausen zur Entlastung der Gelenke. Beim Heben schwerer Lasten sollte die Kraft aus den Beinen kommen, um den Rücken zu schonen.
- Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität beugt Verspannungen vor und stärkt die Muskulatur.
- Stressmanagement: Muskelverspannungen können durch Stress begünstigt werden.
- Übergewicht reduzieren: Ein gesundes Körpergewicht entlastet die Wirbelsäule und verhindert zusätzlichen Druck auf Nerven.
Arten von Dehnübungen
Es gibt verschiedene Formen des Dehnens, die alle darauf abzielen, einen Muskel gezielt auf Länge zu bringen:
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- Statisches Dehnen: Hierbei wird die Dehnung über einen gewissen Zeitraum gehalten (ca. 15-30 Sekunden). Extrem lange Dehnzeiten werden selten genutzt.
- Dynamisches Dehnen: Hierbei wird der Muskel nicht konstant gedehnt, sondern abwechselnd in die Länge gezogen und wieder gelockert. Eine wippende Bewegung ist typisch.
- Ballistisches Dehnen: Eine Form des dynamischen Dehnens, bei der man immer wieder bis ans Limit der Bewegung geht.
- PNF-Dehnen: Hierbei geht man bis ans Ende der Beweglichkeit eines Muskels, hält dort statisch die Dehnung und entspannt dann.
Positive Effekte des Dehnens
Dehnen kann viele positive Effekte auf den Körper haben:
- Verbesserung der Beweglichkeit: Dehnen kann helfen, die Beweglichkeit zu verbessern, vermutlich durch eine Erhöhung der Dehnungstoleranz und eine Abnahme der Nervensteifigkeit. Passive, statische Dehnungen scheinen hierbei effektiver zu sein als aktive Dehnübungen.
- Kraftaufbau: Obwohl es kontraintuitiv erscheinen mag, kann Dehnen auch zum Kraftaufbau beitragen, insbesondere bei sehr langen Dehnungen.
- Schmerzlinderung: Dehnen kann direkt schmerzlindernd wirken.
- Verbesserung des Gefäßsystems: Durch Dehnungen können Gefäße ihre Steifigkeit reduzieren und die arterielle Compliance verbessern. Zudem kann es nach der Dehnung zu einer Mehrdurchblutung kommen.
- Stressreduktion: Langfristige Dehnprogramme können die Parasympathikusaktivität steigern und somit Entspannung fördern.
Wie Dehnen bei Schmerzen helfen kann
Dehnen kann bei Schmerzen auf verschiedene Weisen helfen:
- Schmerzlinderung: Es kann direkt schmerzlindernd wirken.
- Schutzfunktion: Der Dehnreiz kann eine Schutzfunktion einnehmen, indem der Körper bei plötzlicher Dehnung reflektorisch gegenanspannt, um Verletzungen zu vermeiden.
Die richtige Intensität beim Dehnen
Es ist wichtig, die Intensität der Dehnung an die Art des Schmerzes anzupassen (Muskelschmerz oder Nervenschmerz). Nervenbeschwerden gehen oft mit Kribbeln oder Taubheit einher, müssen aber nicht unbedingt. Während der Dehnung sollte man auf sein Körpergefühl achten. Lässt die Dehnung im Laufe der Zeit nach und fühlt sie sich gut an, ist die Intensität vermutlich passend. Vor allem in der hochakuten Phase sollte man differenzieren, ob Nerven die Schmerzen auslösen oder ob die Muskulatur bzw. andere Gründe verantwortlich sind.
Generell sollte man auf die Reaktionen seines Körpers achten und auf diese hören. Bei Schmerzen, die durch eine Verletzung oder ein bestimmtes Ereignis aufgetreten sind, sollte man sich von einem Fachmann untersuchen lassen, um die Ursache zu klären.
Dehnen als Teil eines umfassenden Ansatzes
Als alleinige Intervention sind Dehnungen langfristig nicht ideal, um eine spezifische Belastbarkeit zu erhöhen. Ein umfassender Ansatz, der auch andere Therapieformen beinhaltet, ist oft sinnvoller.
Dehnen zur Vorbeugung von Ischiasschmerzen
Ischiasschmerzen sind ein weit verbreitetes Problem, das durch verschiedene Faktoren verursacht werden kann, darunter Bandscheibenschäden, Muskelverspannungen und Fehlhaltungen. Dehnübungen können helfen, den Piriformis-Muskel zu dehnen und den Druck auf den Ischiasnerv zu reduzieren.
Allgemeine Dehnübungen
Es gibt viele verschiedene Dehnübungen, die auf bestimmte Muskelgruppen abzielen. Einige Beispiele sind:
- Dehnung der Arm- und Schultermuskulatur: Den Arm quer vor den Oberkörper nehmen.
- Trizeps-Dehnung: Eine Hand in den Nacken legen, wobei der Ellenbogen nach oben zeigt.
- Dehnung der Brust- und Schultermuskeln: Die Arme gerade nach oben strecken.
- Dehnung der Brustmuskulatur: Beide Arme nach hinten nehmen und die Hände fest zusammenfassen.
- Hüfte dehnen mit Vorwärtsbeuge im Stehen: Aus der Hüfte nach vorne beugen.
- Dehnübung im Knien: Das Becken nach vorne schieben.
- Beidbeinige Dehnung im Sitzen: Mit geradem Rücken auf den Boden setzen und die Beine ausstrecken.
- Kindshaltung im Fersensitz: Auf die Knie setzen und die Arme nach vorne ausstrecken.
- Quadrizeps-Dehnung im Stehen: Einen Fuß hinter den Po hochziehen.
- Yoga-Kobra zur Dehnung der Bauchmuskulatur: Auf den Bauch legen und den Oberkörper auf den Ellbogen hochstemmen.
- Dehnung der Oberschenkelrückseite und des Gesäßes: Auf den Rücken legen und ein Bein anwinkeln.
Allgemeine Empfehlungen zum Dehnen
- Ruhe und Entspannung: Bringen Sie Ruhe und Bereitschaft zur Entspannung mit.
- Individuelle Bedürfnisse: Berücksichtigen Sie Ihre individuellen Bedürfnisse und eventuelle gesundheitliche Einschränkungen bei der Auswahl von Dehnübungen.
- Aufwärmen: Ein aufgewärmter Körper oder eine warme Umgebung sind von Vorteil.
- Langsam und kontrolliert: Dehnen Sie langsam und kontrolliert, vermeiden Sie federnde Dehnung.
- Genaue Ausführung: Achten Sie auf eine genaue Ausführung.
- Bis zur Schmerzgrenze: Dehnen Sie sanft bis zur Schmerzgrenze, denn ohne Spannungsgefühl tritt in der gedehnten Muskulatur keine Wirkung ein.
- Entspannung: Konzentrieren Sie sich auf die Entspannung der gedehnten Muskulatur.
- Atmung: Unterstützen Sie die Dehnung durch bewusstes und betontes Ausatmen, um die Muskulatur mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Halten Sie nicht den Atem an.
- Dauer: Dehnen Sie über einen Zeitraum von mindestens 15 Sekunden oder vier bis fünf Atemzügen, um eine Wirkung zu erzielen.
- Wiederholung: Wiederholen Sie bei Bedarf die Dehnungsübung ein- bis zweimal.
- Unterlage: Benutzen Sie eine Gymnastikmatte oder ein Handtuch zur Polsterung.
- Regelmäßigkeit: Dehnen Sie sich regelmäßig, um die Flexibilität zu verbessern. Tägliches Dehnen ist ideal, aber auch zwei- bis dreimal pro Woche kann positive Effekte haben.
- Alle Muskelgruppen: Versuchen Sie, am besten alle Muskelgruppen zu dehnen, einschließlich Nacken, Schultern, Arme, Rücken, Beine und Waden.
Fehler beim Dehnen vermeiden
- Kalt dehnen: Der Muskel sollte bereits warm sein, bevor Sie ihn dehnen.
- Dehnen, bis es weh tut: Stretching sollte keine Schmerzen bereiten, sonst können Mikrorisse in der Muskulatur entstehen.
- Ruckartig dehnen: Beim Stretchen sollten Sie die Spannung im Muskel vorsichtig und nur nach und nach aufbauen.
- Dehnen nach intensiver Belastung: Nach intensiven oder sehr langen Sporteinheiten sollte man aufs Dehnen verzichten, denn vor allem statisches Stretchen kann unter diesen Voraussetzungen den muskulären Schaden erhöhen.
- Zu intensives dynamisches Dehnen: Die Gefahr besteht hier in einer zu schnell ausgeführten starken Dehnung.
Mythen rund ums Dehnen
- Dehnen verlängert die Muskeln: Der Muskel selbst kann nicht verlängert werden. Die Übungen fallen leichter und sind weniger schmerzhaft aufgrund einer höheren Schmerztoleranz und verringerten Sensibilität der Muskelspindeln.
- Dehnen hilft bei Schmerzen: Bei Schmerzen sollte man nicht einfach dehnen. Erst die Ursache ermitteln.
- Dehnen verhindert Muskelkater: Hierfür gibt es keine wissenschaftliche Evidenz.
- Dehnen beugt Verletzungen vor: Dynamisches und aktives Dehnen stärken die Muskulatur und stabilisieren Gelenke. Statisches Dehnen kann das Verletzungsrisiko erhöhen, wenn im Anschluss ohne Muskelaktivierung ins Training gestartet wird.
- Je mehr, desto besser: Vor allem exzessives statisches Dehnen kann die Muskelkraft und Stabilität verringern.
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