Aktuelle Forschung zu Medikamenten gegen Demenz: Ein Überblick

Die Alzheimer-Forschung hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. Insbesondere die Entwicklung und Zulassung neuer Medikamente, die gezielt in die Krankheitsmechanismen eingreifen, markieren einen Wendepunkt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu Medikamenten gegen Demenz, wobei der Fokus auf den jüngsten Zulassungen und den vielversprechendsten Therapieansätzen liegt.

Einführung

Die Alzheimer-Krankheit ist eine der häufigsten Ursachen für Demenz und stellt eine große Herausforderung für Betroffene, Angehörige und das Gesundheitssystem dar. Lange Zeit standen lediglich Medikamente zur Verfügung, die die Symptome lindern konnten. Die Forschung konzentriert sich nun verstärkt auf die Entwicklung von Medikamenten, die den Krankheitsverlauf verlangsamen oder sogar aufhalten können.

Neue Hoffnung durch Antikörper-Therapien

Ein bedeutender Durchbruch in der Alzheimer-Therapie ist die Entwicklung von Antikörper-basierten Medikamenten, die auf die Amyloid-Plaques im Gehirn abzielen. Diese Plaques, die aus Beta-Amyloid-Protein bestehen, gelten als eine der Hauptursachen für das Absterben von Nervenzellen bei Alzheimer.

Lecanemab: Ein Meilenstein in der Alzheimer-Therapie

Am 15. April 2025 wurde von der EU-Kommission ein Medikament mit dem Antikörper Lecanemab für eine genau umrissene Gruppe von Patientinnen und Patienten mit Alzheimer im Frühstadium zugelassen. Lecanemab ist der erste Alzheimer-Antikörper, der in der EU zugelassen wurde. Zuvor hatte der Wirkstoff bereits in den USA eine vorläufige Marktzulassung erhalten, gefolgt von der vollständigen Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde (FDA).

Wirkungsweise von Lecanemab:

Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-beta-Protein-Plaques im Gehirn bindet.Dadurch wird das körpereigene Immunsystem, die Mikrogliazellen, aktiviert, die die Ablagerungen abbauen oder deren Neubildung hemmen. Studien zufolge kann Lecanemab bei frühzeitiger Anwendung das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Dies ist das erste zugelassene neue Alzheimer-Medikament seit 2002, als ein Medikament mit dem Wirkstoff Memantine eine EU-Zulassung für die Alzheimer-Therapie erhielt.

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Zulassungsbedingungen und Einschränkungen:

Lecanemab ist nur für Menschen mit einer Alzheimer-Diagnose zugelassen, die sich im Stadium einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI, Mild Cognitive Impairment) oder einer frühen Alzheimer-Demenz befinden. Die Amyloid-beta-Ablagerungen müssen nachgewiesen werden - entweder durch eine Lumbalpunktion oder ein Amyloid-PET. Auch genetische Voraussetzungen spielen eine Rolle: Erkrankte dürfen höchstens eine Kopie des sogenannten ApoE4-Gens tragen. Personen mit zwei Kopien sind wegen des erhöhten Risikos für Hirnblutungen von der Behandlung ausgeschlossen. Zudem eignet sich Leqembi nicht für Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen. In Kombination mit dem Medikament steigt das Risiko für eine Hirnblutung deutlich. Neben den medizinischen Voraussetzungen ist die Teilnahme an einem EU-weiten Register verpflichtend.

Verabreichung und Überwachung:

Leqembi wird als Infusion (Tropf) alle zwei Wochen direkt in die Vene verabreicht. Die Behandlung dauert jeweils etwa eine Stunde. Vor und während der Behandlung sind MRT-Untersuchungen notwendig, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder kleine Blutungen frühzeitig zu erkennen. Diese Kontrollen erfolgen vor der 5., 7. und 14. Infusion. Werden sie nicht durchgeführt, muss die Behandlung beendet werden. Treten Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder Übelkeit auf, entscheiden die behandelnden Ärztinnen und Ärzte über weitere Untersuchungen. Nur Patientinnen und Patienten, die alle Voraussetzungen erfüllen, dürfen mit Leqembi behandelt werden. Die Behandlung mit Leqembi wird beendet, wenn sich die Alzheimer-Erkrankung deutlich verschlechtert und in ein mittelschweres Stadium übergeht.

Wirksamkeit und Nutzen:

Ziel der Behandlung ist es, den geistigen Abbau bei Menschen im frühen Krankheitsstadium zu verlangsamen. In der großen Phase-3-Studie CLARITY AD zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Lecanemab erhielten, langsamer fortschritt als in der Placebo-Gruppe. Trotz der messbaren Wirksamkeit wird die Wirkung von Leqembi von vielen Expertinnen und Experten eher als moderat eingeschätzt. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht. Die Studie hat jedoch gezeigt, dass sich der verzögernde Effekt mit der Dauer der Einnahme zunimmt. Das könnte bedeuten, dass eine Einnahme über den Zeitraum der bisher untersuchten 18 Monate hinaus die Wirksamkeit von Lecanemab noch erhöht.

Nebenwirkungen und Risiken:

In Studien wurden bei einem Teil der Teilnehmenden Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H) beobachtet. Diese traten meist ohne erkennbare Symptome auf, wurden aber engmaschig kontrolliert. Das Risiko für solche Nebenwirkungen hängt stark vom ApoE4-Gen ab: Menschen mit zwei Kopien dieses Gens sind besonders gefährdet und daher von der Behandlung ausgeschlossen. Bei den für die EU-Zulassung relevanten Patientengruppen - also bei Menschen mit höchstens einer Kopie des ApoE4-Gens - kam es in rund 13 % der Fälle zu Hirnblutungen und in 9 % zu Hirnschwellungen. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen (11 %) und Infusionsreaktionen (26 %). In der Studie wurden drei Todesfälle gemeldet, von denen zwei mit der gleichzeitigen Einnahme von Gerinnungshemmern in Verbindung gebracht wurden.

Donanemab: Ein weiterer Antikörper im Kampf gegen Alzheimer

Seit 25. September 2025 ist auch ein zweites Antikörper-basiertes Alzheimermedikament in der EU zugelassen. Es enthält den Antikörper Donanemab. Im Juli hatte es eine Zulassungsempfehlung der EMA erhalten - nach einer Überprüfung der zunächst negativen EMA-Entscheidung vom 28.03.2025. Auch dieses Medikament kann Studien zufolge bei einer Anwendung im Frühstadium der Erkrankung das Fortschreiten verlangsamen. Und in mehreren Ländern hat es bereits eher eine Zulassung erhalten, darunter in den USA, UK und China.

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Wirkungsweise von Donanemab:

Ähnlich wie Lecanemab zielt Donanemab darauf ab, die Amyloid-Plaques im Gehirn zu reduzieren. Beide Antikörper binden an die pathologischen Eiweißablagerungen im Gehirn. Dadurch wird das Immunsystem des Körpers aktiviert und räumt die Eiweißablagerungen ab.

Unterschiede zu Lecanemab:

Es gibt aber Unterschiede bei der Behandlung: Leqembi wird zunächst alle zwei Wochen gegeben, später alle vier Wochen, während Kisunla alle vier Wochen verabreicht wird. Die Therapie mit Kisunla kann beendet werden, wenn die Amyloid-Plaques messbar zurückgegangen sind, spätestens jedoch nach 18 Monaten.

Weitere Therapieansätze in der Entwicklung

Neben den Antikörper-Therapien gibt es noch etliche andere Ansatzpunkte für eine Alzheimer-Therapie, die derzeit in klinischen Studien oder bei Tieren erprobt werden.

Blarcamesin: Ein neuer Wirkstoffkandidat

Im Dezember 2024 wurde für ein drittes Alzheimermedikament das Zulassungsverfahren eröffnet. Es enthält den chemisch-synthetischen Wirkstoff Blarcamesin. Das CHMP entschied allerdings am 12.12.2025 gegen eine Zulassungsempfehlung ("negative opinion"). Blarcamesin ist kein Antikörper, sondern zählt zu den Small Molecules - den kleinen Molekülen. Diese können in Zellen eindringen und dort gezielt biologische Prozesse beeinflussen. Blarcamesin soll die Autophagie, eine Art zelluläre Müllabfuhr, anregen. Somit werden nicht nur die Plaques, sondern auch die für Alzheimer ebenfalls typischen Tau-Fibrillen im Inneren der Nervenzellen abgebaut.

Forschungsprojekte des DZNE und der AFI

Die Alzheimer Forschung Initiative (AFI) fördert vier Forschungsprojekte des DZNE mit insgesamt fast 600.000 Euro. Diese Projekte konzentrieren sich auf verschiedene Aspekte der Alzheimer-Krankheit, darunter:

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  • TREM2: Ein Forschungsteam untersucht, wie man den Schalter TREM2 beeinflussen kann, um entzündliche Prozesse, die mit Alzheimer einhergehen, einzudämmen.
  • ApoE3: Ein Team möchte mit Hilfe eines gentherapeutischen Verfahrens das Risiko-Gen ApoE3 verändern und damit das Risiko für Alzheimer senken.
  • Frontotemporale Demenz (FTD): Ziel dieses Projekts ist es, mittels einer Technik der Erbgutanalyse namens GWAS genetische Risikofaktoren für die FTD aufzuklären.
  • Bluttests: Untersucht wird, inwieweit Bluttests das Alzheimer-Risiko im frühen Stadium zuverlässig abschätzen können.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz der vielversprechenden Fortschritte in der Alzheimer-Forschung gibt es noch viele Herausforderungen zu bewältigen.

Frühe Diagnose und personalisierte Therapie

Viel deutet darauf hin, dass die Behandlung sehr frühzeitig begonnen werden muss, wenn sie noch wirksam ins Krankheitsgeschehen eingreifen soll, und nicht erst, wenn die Alzheimer-Symptome schon ausgeprägt sind. Das ist möglich geworden, weil sich Zeichen der Krankheit (d.h. Beta-Amyloid und Tau-Fibrillen im Gehirn) mittlerweile mit nicht-invasiven bildgebenden Verfahren nachweisen lassen. Die vielen Fehlschläge in der Vergangenheit haben möglicherweise zum Teil damit zu tun, dass in die Studien auch Patient:innen einbezogen wurden, die an anderen Demenzformen litten und nur Alzheimer-hafte Symptome aufwiesen - was aber nicht bemerkt wurde. Das National Institute on Aging and Alzheimer's Association Research Framework empfiehlt deshalb, bei klinischen Studien nur noch mit Patient:innen zu arbeiten, die die für Alzheimer charakteristischen Gehirnveränderungen aufweisen. Die Entwicklung von Biomarkern, die eine frühe und präzise Diagnose ermöglichen, ist daher von entscheidender Bedeutung.

Kombinationstherapien und Prävention

Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Alzheimer auftretenden Plaques zwischen den Nervenzellen wesentlich zum Absterben von Nervenzellen beitragen. Die Entwicklung von Kombinationstherapien, die an verschiedenen Stellen in den Krankheitsprozess eingreifen, könnte die Wirksamkeit der Behandlung weiter verbessern. Auch die Prävention spielt eine wichtige Rolle. Studien haben gezeigt, dass bestimmte Lebensstilfaktoren, wie eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und soziale Interaktion, das Risiko für Alzheimer verringern können.

Die Rolle der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG)

Zu den satzungsgemäßen Aufgaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) gehört auch die Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung. Die DAlzG unterstützt deshalb regelmäßig Forschungsvorhaben im Bereich Demenz und schreibt alle zwei Jahre eine Forschungsförderung im Bereich der Versorgungsforschung aus. Die DAlzG unterstützt Forschungsprojekte auch praktisch, beispielsweise indem sie ihr Expertenwissen in Projektbeiräten zur Verfügung stellt.

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