Umgang mit Spastik: Ein umfassender Leitfaden für pflegende Angehörige

Spastik, auch Spastizität genannt, ist ein Zustand erhöhter Muskelspannung, der häufig nach Schädigungen des Gehirns oder Rückenmarks auftritt, beispielsweise nach einem Schlaganfall. Dieser Zustand kann die Bewegungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen und den Alltag der Betroffenen sowie ihrer pflegenden Angehörigen erschweren. Dieser Artikel bietet pflegenden Angehörigen einen umfassenden Überblick über den Umgang mit Spastik, einschließlich Ursachen, Symptome, Behandlungsmöglichkeiten und praktischer Hilfestellungen.

Was ist Spastik?

Spastik tritt in Muskeln auf, die durch Schädigungen im Rückenmark oder Gehirn - zum Beispiel durch einen Schlaganfall - gelähmt sind. Die Muskelspannung (Muskeltonus) ist beim spastischen Syndrom zum Teil auch ohne bewusste Bewegung erhöht. Die Spastik beeinträchtigt teilweise zusätzlich die Bewegungsfähigkeit der gelähmten Muskulatur. Betroffene bemerken dabei in der Regel zunächst nur die Lähmung. „Die erhöhte Muskelspannung setzt erst mit der Zeit ein - nach einem Schlaganfall etwa zunehmend in den ersten drei bis sechs Monaten“, weiß Prof. Platz.

Ursachen von Spastik

Spastik ist eine Folge von Schädigungen des zentralen Nervensystems, die durch verschiedene Ursachen hervorgerufen werden können:

  • Schlaganfall: Eine der häufigsten Ursachen, bei der die Blutversorgung des Gehirns unterbrochen wird.
  • Rückenmarkverletzungen: Verletzungen, die das Rückenmark schädigen und die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper beeinträchtigen.
  • Multiple Sklerose (MS): EineAutoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem angreift.
  • Zerebralparese: Eine Gruppe von Bewegungsstörungen, die durch Schädigungen des sich entwickelnden Gehirns verursacht werden.
  • Traumatische Hirnverletzungen: Verletzungen des Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung.

Symptome von Spastik

Die Symptome von Spastik können vielfältig sein und variieren je nach Schweregrad und betroffener Körperregion. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Erhöhte Muskelspannung: Steifheit und Anspannung der Muskeln, die die Bewegung erschweren.
  • Unwillkürliche Muskelkontraktionen: Spasmen oder Krämpfe, die schmerzhaft sein können.
  • Verminderte Bewegungsfähigkeit: Schwierigkeiten bei der Ausführung von Bewegungen, insbesondere in den betroffenen Gliedmaßen.
  • Fehlhaltungen:Verdrehungen oder Verkrümmungen von Gelenken aufgrund der erhöhten Muskelspannung.
  • Schmerzen: Muskel- und Gelenkschmerzen aufgrund der anhaltenden Anspannung und Fehlbelastung.

Die Rolle pflegender Angehöriger

Pflegende Angehörige spielen eine entscheidende Rolle bei der Betreuung von Menschen mit Spastik. Sie unterstützen nicht nur bei alltäglichen Aufgaben, sondern tragen auch maßgeblich zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen bei.

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Unterstützung im Alltag

Mit einer Spastik können sich viele Aspekte des alltäglichen Lebens schwierig und mühselig anfühlen und manchmal gar unmöglich werden. KörperhaltungJe nach Lokalisation und Ausmaß der Spastik können diese Auswirkungen von leichten Behinderungen bei täglichen Abläufen bis hin zu schweren Einschränkungen im Privat- und Berufsleben reichen. Es ist möglich, dass die Betroffenen Hilfe bei Tätigkeiten benötigen, die sie bisher ganz selbstverständlich und eigenständig ausüben konnten. Das können auch sehr persönliche oder intime Aktivitäten sein, beispielsweise die tägliche Hygiene, das Zubereiten einer Mahlzeit oder das Ankleiden. Auch kann es für Betroffene schwierig sein, ihren Beruf überhaupt oder in der gewohnten Art und Weise auszuüben.

Pflegende Angehörige können in verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens Unterstützung leisten:

  • Körperpflege: Hilfe bei der täglichen Hygiene, wie Waschen, Duschen und Anziehen.
  • Ernährung: Unterstützung bei der Zubereitung von Mahlzeiten und der Nahrungsaufnahme, insbesondere bei Schluckbeschwerden.
  • Mobilität: Hilfe beim Gehen, Aufstehen, Hinsetzen und Transferieren, gegebenenfalls unter Verwendung von Hilfsmitteln wie Rollatoren oder Rollstühlen.
  • Kommunikation: Unterstützung bei der Kommunikation, insbesondere wenn die Sprachfähigkeit beeinträchtigt ist.
  • Medikamenteneinnahme: Überwachung der Medikamenteneinnahme und Unterstützung bei der Verabreichung.
  • Begleitung zu Arztterminen: Organisation und Begleitung zu Arzt- und Therapieterminen.

Umgang mit den emotionalen Herausforderungen

Die Betreuung eines Menschen mit Spastik kann sowohl für den Betroffenen als auch für den pflegenden Angehörigen emotional belastend sein. Es ist wichtig, sich der emotionalen Herausforderungen bewusst zu sein und Strategien zu entwickeln, um damit umzugehen.

  • Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen über Ihre Gefühle, Ängste und Sorgen.
  • Professionelle Hilfe: Suchen Sie professionelle Unterstützung, wie z.B. eine Psychotherapie oder Beratung, um mit den emotionalen Belastungen umzugehen.
  • Selbstfürsorge: Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst und Ihre eigenen Bedürfnisse. Achten Sie auf ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung.
  • Unterstützungsgruppen: Treten Sie Selbsthilfegruppen bei, um sich mit anderen Betroffenen und Angehörigen auszutauschen.
  • Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken, wie z.B. progressive Muskelentspannung oder autogenes Training, um Stress abzubauen.

Therapieansätze bei Spastik

Die Behandlung der Spastik zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Bewegungsfähigkeit zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Ein multidisziplinärer Ansatz, der verschiedene Therapieformen kombiniert, ist oft am wirksamsten.

Medikamentöse Therapie

Medikamente zur Behandlung der Spastik sollten eingesetzt werden, wenn die Beeinträchtigungen und Beschwerden mit einer ausschließlich nicht-medikamentösen Therapie nicht zufriedenstellend verbessert werden konnten. Dabei wird unterschieden zwischen Medikamenten, die per Injektion oder Infusion verabreicht werden, und solchen, die man einnehmen kann (orale Antispastika).

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  • Botulinumtoxin Typ A: Der Wirkstoff Botulinumtoxin Typ A wird zur Behandlung der fokalen Spastik (betrifft nur eine Körperregion) und multifokalen Spastik (betrifft zwei oder mehrere Körperregionen) eingesetzt. Die Behandlung erfolgt gezielt durch Injektionen in den von der Spastik betroffenen Muskel. Der Vorteil: Die Wirkung entfaltet sich direkt am Ort der Beschwerden, auf die Funktion entfernter Muskeln im Körper hat der Wirkstoff keinen Einfluss. Botulinumtoxin Typ A wirkt, indem es vorübergehend die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel blockiert. Dadurch entspannen sich die Muskeln vorübergehend für einen Zeitraum von zwei bis vier Monaten. Auch Schmerzen können gelindert werden. Die Injektion mit Botulinumtoxin Typ A wird von ärztlichen Leitlinien, unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung einer lokal begrenzten Spastik nach einem Schlaganfall empfohlen. Physiotherapeutische Maßnahmen sollten die Behandlung ergänzen. Nebenwirkungen der Therapie mit Botulinumtoxin können beispielsweise lokale Beschwerden an der Einstichstelle oder eine allgemeine Schwäche sein. Bei häufiger Anwendung kann es zu einer Verminderung der Wirkung kommen.
  • Baclofen: Bei einer sehr stark ausgeprägten Spastik, die den Alltag deutlich behindert und wenn die bisherige Therapie nicht erfolgreich war, kann die sogenannte intrathekale Therapie mit Baclofen (ITB) zum Einsatz kommen. Dabei wird das muskelentspannende Medikament über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe direkt in den das Rückenmark umgebenden Raum (Liquor) verabreicht. Da zu Beginn der Behandlung eine Operation notwendig ist, sollte die ITB nur in schweren Fällen zur Anwendung kommen.
  • Klassische Antispastika: Klassische Antispastika sind krampflösende Medikamente, die eine Entkrampfung der Muskeln bewirken. Hierzu gehören die Wirkstoffe Baclofen, Tizanidin und Tolperison. Diese können die Spastik lösen und damit Bewegungseinschränkungen verbessern.
  • Dantrolen: Der Wirkstoff Dantrolen hemmt gewisse Vorgänge im Muskel und bewirkt dadurch eine Muskelentspannung. Der Wirkstoff ist zugelassen für „Spastiken mit krankhaft gesteigerter Muskelspannung unterschiedlicher Ursache“.
  • Benzodiazepine: Benzodiazepine stellen eine Substanzgruppe dar, die zu den Psychopharmaka gehören. Sie wirken angstlösend, schlaffördernd und entspannend auf die Muskulatur. Für die Behandlung der Spastik nach einem Schlaganfall sind sie nicht zugelassen, werden aufgrund ihrer Wirksamkeit aber dennoch angewendet.
  • Cannabinoide: Die Wirkstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) können bei schmerzhaften Krämpfen der Muskulatur helfen. Sie sind als Spray zur Anwendung in der Mundhöhle derzeit ausschließlich zur Behandlung der Spastik im Zusammenhang mit der Erkrankung Multiple Sklerose (MS) zugelassen, werden aber ebenfalls bei einer Spastik nach einem Schlaganfall eingesetzt.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Physiotherapie (Krankengymnastik): Die Physiotherapie bildet die Grundlage der Behandlung einer spastischen Bewegungsstörung. Verschiedene Übungen dienen dazu, Muskeln und Gelenke beweglich zu halten. Eine passive Bewegung sowie Strecken und Dehnen sollen die Steifheit der Gelenke und Muskeln verringern. Die beim Physiotherapeuten erlernten Übungen können auch selbstständig zu Hause durchgeführt werden.
  • Ergotherapie: Die ergotherapeutische Behandlung beinhaltet verschiedene Maßnahmen und Übungen, die erlernt werden können. Sie dienen dazu, möglichst viele Alltagsaktivitäten trotz der Einschränkungen durch eine Spastik zu bewältigen. Hierzu gehören das Einüben von Tätigkeiten wie An- und Ausziehen, Essen und Zähneputzen sowie eine Beratung zum Umgang mit Hilfsmitteln wie Prothese, Rollator oder Schreibhilfe.
  • Orthopädische Hilfsmittel: Orthesen, Schienen oder Gipsverbände werden eingesetzt, um die von der Spastik betroffenen Körperregionen zu stützen, zu fixieren oder zu entlasten. Auch wenn sich Verkürzungen von Muskeln, Bändern oder Sehnen einstellen, können diese Hilfsmittel sinnvoll sein.
  • Elektrostimulation und Elektroakupunktur: Diese Methoden werden direkt am spastischen Muskel angewendet, um die überhöhte Muskelspannung zu behandeln und langfristig die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Operation: Unter gewissen Umständen kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um Sehnen zu verlängern oder zu verkürzen, Verwachsungen zu lösen oder Fehlstellungen und Verformungen der Knochen zu korrigieren.

Übungen für zu Hause

Verschiedene Übungen können auch zu Hause durchgeführt werden, um die Beweglichkeit zu verbessern oder eine akute Spastik zu lösen. Regelmäßiges Üben kann die Beweglichkeit der spastischen Körperregion verbessern und die Beschwerden der Betroffenen lindern. Zudem wird die Wahrnehmung gestärkt und der Blick für den eigenen Körper geschult. Dabei sollte auch immer auf ausreichend Ruhepausen für den Körper geachtet werden. Die Verbesserung der Bewegungsabläufe erfolgt insbesondere im Rahmen der Physiotherapie und wird von einem spezialisierten Therapeuten begleitet. In dieser Haltung die Arme nach vorne strecken und langsam nach oben und nach unten bewegen. Die regelmäßigen Spastik-Übungen können die Bewegungsabläufe verbessern.

Hilfsmittel und Anpassungen im Alltag

Um den Alltag mit Spastik zu erleichtern, können verschiedene Hilfsmittel und Anpassungen eingesetzt werden.

Hilfsmittel für den täglichen Gebrauch

  • Kochen und Essen: Brotschneidebretter, Tellerranderhöhungen, Einhand-Deckelabschrauber, Schneidebretter mit Gemüsehalter, Einhänderbretter, Spezial-Besteck.
  • Körperhygiene und Ankleiden: Bürsten und Badeschwämme mit Halterungen, Knöpfhilfe, Schuhlöffel.
  • Greifen und Aufschließen: Spezielle Hilfsmittel für die Hand.
  • Kommunikation: Großtastentelefone, Mausersatzgeräte.

Anpassungen im Wohnraum

  • Barrierefreiheit: Schaffung barrierefreier Zugänge und Bewegungsflächen, z.B. durch Rampen, Aufzüge oder breitere Türen.
  • Anpassung von Möbeln: Höhenverstellbare Tische und Stühle, spezielle Betten mit verstellbaren Liegeflächen.
  • Sicherheit: Installation von Haltegriffen im Badezimmer und WC, rutschfeste Böden, Entfernung von Stolperfallen.

Berufliche Wiedereingliederung

Häufig kann sich der Wiedereinstieg in den Job mit einer dauerhaften spastischen Lähmung (auch als Spastik oder Spastizität bezeichnet) als schwierig erweisen. Aus den körperlichen Einschränkungen können auch psychische und emotionale Probleme resultieren. Dennoch ist es je nach Berufsfeld möglich, wieder in das Berufsleben zurückzufinden. Sogenannte Caremanager können beim beruflichen Wiedereinstig Unterstützung leisten. Sie stehen Betroffenen mit unterschiedlichen Einschränkungen zur Seite, wenn es darum geht, nach einem schweren gesundheitlichen Einschnitt den Weg zurück in das Erwerbsleben zu finden. Caremanager sind speziell dafür ausgebildet, Betroffene emotional, körperlich und organisatorisch in ihrem Berufs- und Privatleben zu unterstützen. Beispielsweise setzen sie sich in ihrem Namen mit der Agentur für Arbeit und der Rentenversicherung in Verbindung und entwickeln gemeinsam mit Betroffenen, Angehörigen und Arbeitgebern ein ganzheitliches berufliches Integrationskonzept. Hierzu gehört auch, dass Betroffene bei Bedarf an den Arbeitsplatz begleitet und bestimmte Arbeitsabläufe trainiert werden. Auf diese Weise soll der Wiedereinstieg in das berufliche oder schulische Umfeld erleichtert werden. Die Kontaktaufnahme zu einem Caremanager kann über unterschiedliche Portale und Organisationen erfolgen.

Rechtliche und finanzielle Aspekte

  • Schwerbehindertenausweis: Ist das tägliche Leben durch eine spastische Lähmung dauerhaft eingeschränkt, kann diese als Schwerbehinderung gelten. Dafür muss der Grad der Behinderung (GDB) auf einer Skala von 20 bis 100, bei mindestens 50 liegen. Mit dem Erhalt eines Schwerbehindertenausweises stehen den Betroffenen auch Nachteilsausgleiche zu. Dazu gehören beispielsweise Vergünstigungen bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Eintrittspreisen, sowie die Bevorzugung bei Bewerbungsgesprächen.
  • Rente: Sollte der Beruf nicht wieder aufgenommen werden können, steht Betroffenen eine Rente zu. Dabei wird je nach Grad der Arbeitsunfähigkeit entschieden, ob eine Zeitrente oder eine lebenslange Rente ausgezahlt wird. Die Entscheidung wird allein von der Agentur für Arbeit getroffen. Bei dem Thema zum Recht auf Erwerb eines Schwerbehindertenausweises oder einer Rente ist es hilfreich sich in Bezug auf den individuellen Fall zu informieren und offene Fragen zu klären.
  • Krankenkasse: Je nach Krankenkasse werden bestimmte Leistungen in der Therapie einer Spastik übernommen. Verschiedene Orthesen werden beispielsweise mit der Verschreibung vom Arzt von der Krankenkasse erstattet. Es lohnt sich aber auch für andere Leistungen bei der Krankenkasse nachzufragen. Dazu gehören die Physiotherapie sowie die medikamentöse Behandlung.

Selbsthilfegruppen und Betroffenenorganisationen

Der Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen kann eine wertvolle Unterstützung sein. Selbsthilfegruppen und Betroffenenorganisationen bieten eine Plattform für den Erfahrungsaustausch, die gegenseitige Unterstützung und die Vermittlung von Informationen.

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