Harninkontinenz, auch bekannt als Blasenschwäche, ist ein weit verbreitetes Problem, das Männer jeden Alters betreffen kann, obwohl es häufiger bei älteren Männern auftritt. Sie ist gekennzeichnet durch den unwillkürlichen Verlust von Urin und kann verschiedene Ursachen haben, die von Prostataproblemen bis hin zu neurologischen Erkrankungen reichen. Dieser Artikel befasst sich mit den verschiedenen Formen der Harninkontinenz bei Männern, ihren Ursachen, Diagnosemethoden und verfügbaren Behandlungsoptionen.
Einführung
Inkontinenz ist die Unfähigkeit, die Blase oder den Darm richtig zu kontrollieren, was in der Regel dazu führt, dass man zur Toilette eilt. Inkontinenz betrifft viele Menschen und beeinträchtigt teils stark deren Lebensqualität. Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen, da es sich immer noch um ein Tabuthema handelt. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 11 Prozent aller Männer in Deutschland inkontinent sind. Viele Betroffene ignorieren allerdings ihr Leiden, was eine frühzeitige Diagnose und somit eine erfolgreiche Behandlung erschwert. Die Harninkontinenz wird im Volksmund auch als Blasenschwäche bezeichnet und beschreibt den unwillkürlichen Harnabgang aus der Harnröhre. Der Grund hierfür liegt in der fehlenden Kontrolle über das Wasserlassen.
Formen der Harninkontinenz bei Männern
Genau wie bei der Frau gibt es auch beim Mann Formen der Inkontinenz, die besonders häufig diagnostiziert werden. Es gibt verschiedene Formen von Blasenschwäche, die Männer betreffen können:
- Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz): Diese Form der Inkontinenz tritt auf, wenn der Druck im Bauchraum erhöht wird - beispielsweise beim Niesen, Husten, Lachen oder Heben von Gewichten. Urinverlust ohne Harndrang bei Druckentwicklung im Unterbauch, z.B.
- Dranginkontinenz (Urgeinkontinenz): Bei dieser Art von Inkontinenz verspüren Betroffene einen plötzlichen und starken Harndrang, der schwer zu kontrollieren ist. Dieser Drang kann so stark sein, dass man es nicht rechtzeitig zur Toilette schafft, was zu ungewolltem Harnverlust führt. Weitere Symptome können häufiges Wasserlassen und nächtliches Aufwachen zum Wasserlassen sein.
- Überlaufinkontinenz: Tritt auf, wenn die Blase nicht vollständig entleert wird und sich Urin in der Blase ansammelt. Selbst nach dem Urinieren verbleibt Urin in der Blase, die dann wortwörtlich "überläuft", wobei fortlaufend Urin abtröpfelt.
- Reflexinkontinenz: Dies ist eine seltene Form der Inkontinenz, die aufgrund einer Schädigung des Nervensystems auftritt. Bei ihr fehlt die Kontrolle über die Blase ganz und es wird auch kein Harndrang wahrgenommen. Dann kommt es zum spontanen Harnabgang. Meist ist die Reflexinkontinenz eine Folge einer Erkrankung oder Verletzung des zentralen Nervensystems.
Ursachen der Harninkontinenz bei Männern
Die Ursachen für Inkontinenz bei Männern sind vielfältig.
- Prostataprobleme: Eine häufige Ursache ist eine Prostatavergrößerung, die zu einer Beeinträchtigung der Blasenfunktion führen kann. Die Prostata drückt mit zunehmender Größe auf die Harnröhre und verengt diese. Dann kann der Urin nur noch in geringen Mengen durch die Harnröhre abfließen, was das Wasserlassen erheblich erschwert und dazu führt, dass die Blase kaum gänzlich entleert werden kann. Auch muss die Prostata, z.B. aufgrund eine Prostatakarzinoms, chirurgisch entfernt werden, ist eine anschließende, meist vorübergehende, Inkontinenz beim Mann ebenfalls sehr häufig.
- Neurologische Erkrankungen: Auch Verletzungen oder Erkrankungen des Rückenmarks, des Gehirns oder der Nerven - Bereiche, die mit für die Blasenfunktion zuständig sind - können zu Inkontinenz führen. Beispiele für Erkrankungen, die mit einer Inkontinenz einhergehen können, sind Multiple Sklerose, Parkinson, Diabetes mellitus, Schlaganfälle, Alzheimer-Demenz und Harnwegsentzündungen.
- Schwächung der Beckenbodenmuskulatur: Eine weitere Ursache für Inkontinenz bei Männern ist eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur, die beispielsweise aufgrund von Operationen, Alterung oder langjährigem Übergewicht auftritt.
- Weitere Faktoren: Auch Prostatakrebs oder dessen Behandlung, wie beispielsweise eine Entfernung der Prostata, können zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Inkontinenz führen. Außerdem ist bekannt, dass einige Medikamente, die im Sinne der Therapie einer Erkrankung eingenommen werden, zur Entwicklung einer Harninkontinenz beitragen können. Übergewicht führt zu einem erhöhten Druck auf Bauchraum und Blase, was das Auftreten einer Blasenschwäche wahrscheinlicher macht. Zu guter Letzt dürfen auch psychische Faktoren bei der Suche nach Ursachen einer Inkontinenz nicht vergessen werden.
Diagnose der Harninkontinenz bei Männern
Um die Ursache einer Harninkontinenz zu ermitteln, muss der Arzt zunächst feststellen, welcher Inkontinenztyp vorliegt und prüfen, welche chronischen Grunderkrankungen oder vorübergehenden Ursachen die Beschwerden ausgelöst haben könnten.
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- Anamnese und körperliche Untersuchung: Betroffene schildern dem Arzt zunächst ihre Krankengeschichte, eventuelle Vorerkrankungen und Medikationen. Der Arzt nutzt normalerweise eine Anamnese sowie verschiedene körperliche Untersuchungen, um der Sache auf den Grund zu gehen und die vorliegenden Symptome einer konkreten Inkontinenzform zuzuordnen.
- Urin- und Blutuntersuchung: Der Harn wird auf Infektionszeichen analysiert.
- Ultraschall: Blase, Harnröhre und andere Organe werden mit Ultraschall kontrolliert.
- Gynäkologische Untersuchung (bei Frauen) / Abtasten von Enddarm und Prostata (bei Männern): Die Frau wird gynäkologisch untersucht, der Zustand der Beckenbodenmuskulatur und eine mögliche Gebärmutterabsenkung überprüft. Beim Mann werden Enddarm und Prostata abgetastet.
- Urodynamische Messung: Die Harnblasenfunktion wird mittels urodynamischer Messung kontrolliert und die Menge des Restharns bestimmt.
- Blasenspiegelung (Zystoskopie): Eventuell erfolgt eine Blasenspiegelung.
- Miktionsprotokoll: Zur leichteren Diagnose werden die Patientinnen zudem gebeten, ein sogenanntes Miktionsprotokoll zu führen. In diesem Tagebuch zeichnen sie die tägliche Flüssigkeitsaufnahme sowie Urinabgabe auf.
Behandlung der Harninkontinenz bei Männern
Es gibt verschiedene Ansätze, um die Inkontinenz bei Männern zu behandeln. Die Therapie der Inkontinenz richtet sich individuell nach der Art und Ausprägung der Symptome. Die Voraussetzung für eine potenzielle Linderung der Symptome ist eine umfassende Diagnostik, in deren Rahmen ein Arzt herausfinden kann, unter welcher Form der Inkontinenz der Patient genau leidet. Darauf basierend kann dann die bestmögliche Behandlung ausgewählt werden, mit der sich die Symptome reduzieren und in manchen Fällen sogar gänzlich abstellen lassen.
- Beckenbodentraining: Frauen wird meist ein Beckenbodentraining empfohlen. Für viele Männer mit einer Belastungs- oder Dranginkontinenz ist es hilfreich, ihre Beckenbodenbodenmuskulatur durch regelmäßiges Training und spezielle Übungen zu stärken. Hierfür erhalten betroffene Männer eine Überweisung für Physiotherapie. Der Physiotherapeut kann eigens auf die vorliegenden Probleme zugeschnittene Übungen für den Beckenboden empfehlen und erklären, wie diese auszuführen sind.
- Medikamente: Verschiedene Medikamente können bei Blasenschwäche helfen, beispielsweise Anticholinergika oder Alpha-Blocker. Bei einer Dranginkontinenz stehen sogenannte Anticholinergika zur Verfügung. Sie reduzieren das plötzliche Zusammenziehen des Blasenmuskels bei einer muskulären Dranginkontinenz. Darüber hinaus werden diese auch bei einer Reizblase eingesetzt und haben krampflösende Eigenschaften. Weiterhin können sogenannte Sympathomimetika bei einer hyperaktiven Blase helfen. Liegt eine Überlaufinkontinenz vor, können zudem Medikamente eingesetzt werden, welche den Verschluss der Harnwege lockern und das Abfließen von Urin erleichtern.
- Pflanzliche Präparate:
- Sägepalme: Die Sägepalme ist als Heilpflanze bei Prostatabeschwerden bekannt. Sie soll den Harnfluss verbessern, die Restharnmenge in der Blase senken und den starken nächtlichen Harndrang bremsen. Häufig werden Präparate aus der Sägepalme mit anderen ähnlich wirkenden Naturheilpflanzen, wie Brennnesselwurzeln und Kürbissamen, kombiniert.
- Brennnessel: Brennnesselblätter wirken leicht wassertreibend. Sie erhöhen die Harnausscheidung und durchspülen dadurch die ableitenden Harnwege. Die Blätter können daher gegen Blasenentzündungen oder andere Harnwegsinfekte helfen. Weiterhin werden Brennnesselwurzeln häufig bei Prostataproblemen eingesetzt. Sie erleichtern das Wasserlassen bei einer Prostatavergrößerung.
- Kürbiskerne: Auch Kürbiskerne sind ein beliebtes Mittel bei Blasenschwäche und Prostatabeschwerden. Prostatavergrößerungen können mit Hilfe der Inhaltsstoffe wirksam behandelt werden. Die enthaltenen Wirkstoffe erhöhen die Spannung der Blasenmuskulatur, so dass eine bessere Blasenentleerung stattfinden kann.
- Operation: In schweren Fällen von Harninkontinenz beim Mann oder auch, wenn konservative Therapiemaßnahmen nicht ausreichend gut helfen, kann eine Inkontinenz bei Männern auch operativ behandelt werden. Moderne operative Eingriffe bieten vielfältige Therapiemöglichkeiten und Heilungschancen. Allerdings sollten vorher alle nicht-operativen Behandlungsoptionen ausgeschöpft werden, da Operationen auch immer Risiken bergen.
- Operation bei Prostatavergrößerung: Die Operation einer Prostatavergrößerung ist dann ratsam, wenn die Blasenentleerung behindert wird oder von selbst kaum noch möglich ist. Bei einer Operation wird ein Teil der Prostata über die Harnröhre entfernt.
- Künstlicher Schließmuskel: Zur etablierten Standardtherapie der männlichen Belastungsinkontinenz gehört mittlerweile der künstliche Schließmuskel. Bei diesem operativen Verfahren wird um die Harnröhre eine Manschette angebracht, ein Speicherballon und eine Pumpe im Hodensack. Die Manschette ist mit einer speziellen Lösung befüllt und fungiert als künstlicher Schließmuskel, da sie die Harnröhre von außen verschließt.
- Adjustierbare Schlingen: Als Alternative zu einem künstlichen Schließmuskelsystem gelten sogenannte adjustierbare Schlingen. Diese erhöhen den Harnröhrenwiderstand und helfen dadurch gegen die Inkontinenz.
- Botox-Injektion: Zeigen Medikamente keine Wirkung, kann für die Therapie der überaktiven Harnblase und Dranginkontinenz der Wirkstoff Botulinumtoxin (Botox) zum Einsatz kommen. Der Wirkstoff wird dabei direkt in den Muskel der Blase gespritzt. Das Nervengift entfaltet seine Wirkung durch eine Abschwächung oder Teillähmung der Blasenmuskulatur, wodurch sich die Blasenmuskulatur entspannt und die Harnblase mehr Urin über einen längeren Zeitraum speichern kann. Die Wirkung hält mindestens sechs Monate an. Danach muss die Behandlung wiederholt werden.
- Weitere Therapien: Durch Elektrostimulation können Nerven an der Harnblase dazu angeregt werden, besser zu funktionieren.
Hilfsmittel für Männer mit Inkontinenz
Um Männern mit Inkontinenz zu einem Leben frei von Angst und Scham zu verhelfen, gibt es zahlreiche Hilfsmittel zur Inkontinenzversorgung. Diese Produkte sind dazu gedacht, den betroffenen Menschen die möglichst uneingeschränkte Teilnahme am sozialen Geschehen und einen komfortablen Umgang mit ihrer Inkontinenz im Alltag zu ermöglichen.
- Aufsaugende Produkte: Zu den aufsaugenden Produkten für Männer mit Inkontinenz gehören mitunter Inkontinenzeinlagen und -vorlagen sowie Windelhosen. Bei aufsaugenden Produkten ist dabei stets die Menge an Harnverlust zu berücksichtigen, damit die richtige Saugstärke gewählt werden kann.
- Ableitende Produkte: Katheter, Urinbeutel, Penisklemmen und Urinalkondome fallen in die Sparte der ableitenden Produkte für die Inkontinenzversorgung.
Inkontinenzprodukte für Männer werden ab einer mittleren Inkontinenz von den gesetzlichen Krankenkassen finanziell bezuschusst. Um diesen Zuschuss von der Krankenkasse zu erhalten, müssen Sie sich vom Arzt ein entsprechendes Rezept ausstellen lassen.
Leben mit Inkontinenz
Auch wenn die Inkontinenz sich im ersten Moment natürlich negativ auf die Lebensqualität auswirken kann, ist ein erfülltes, unbeschwertes Leben mit Inkontinenz absolut möglich. Neben der ärztlichen Behandlung und der Verwendung des richtigen Schutzes hilft es, sich mental zu stärken, etwa indem du den unfreiwilligen Harnverlust nicht verdrängst, sondern dich mit dem Thema bewusst auseinandersetzt. Es kann z. B. helfen, wenn du dich mit anderen betroffenen Männern austauschst oder das Thema einfach mal bei deinen „Jungs“ ansprichst.
Prävention
Zur Inkontinenz-Vorbeugung sollten Frauen nach der Geburt den Beckenboden trainieren. Wer Sport treibt, sollte den unteren Beckenbereich keinem starken Druck aussetzen. Schwimmen, Nordic Walking oder Radfahren sind daher eher zu empfehlen als Jogging. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen der Prostata ab dem 50. Lebensjahr sind sinnvoll.
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