Demenz und Boshaftigkeit: Ursachen und Umgangsweisen

Verhaltensänderungen im Alter können für Angehörige eine Herausforderung darstellen. Uneinsichtigkeit, Aggressivität und Gehässigkeit erschweren oft den Umgang mit älteren Menschen. Diese Veränderungen sind komplex und können verschiedene Ursachen haben, von denen einige behandelbar sind. Es ist wichtig, zwischen natürlichem Altersstarrsinn und Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung zu unterscheiden.

Wesensveränderungen im Alter: Mehr als nur Altersstarrsinn

Im Alter entwickelt sich die Persönlichkeit oft noch einmal in sehr unterschiedliche Richtungen. Es kommt vor, dass ältere Personen plötzlich die eigenen Kinder, Enkel und Pflegefachkräfte beschimpfen und beschuldigen, stur agieren oder sich komplett zurückziehen. Dieses Verhalten wird oft als sogenannter Altersstarrsinn abgetan, also als natürliche Reaktion auf die Veränderungen im Alter. Das muss aber nicht sein - möglicherweise steckt auch eine ernsthafte Erkrankung hinter der Wesensveränderung.

Demenz als mögliche Ursache für Aggressivität

Demenz ist eine häufige Erscheinung im Alter. In Deutschland leben derzeit rund 1,8 Millionen demenzkranke Menschen. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit steigt im Alter stark an: Etwa jeder und jede fünfte 85-Jährige ist betroffen. Die vorherrschende Form ist dabei die Alzheimer-Demenz, bei der nach und nach Nervenzellen im Gehirn zerstört werden. Bei der zweithäufigste Demenzform, der vaskulären Demenz, entstehen beispielsweise nach einem Schlaganfall Durchblutungsstörungen im Gehirn. Auch Morbus Parkinson zählt zu den neurodegenerativen Krankheiten, die den Zerfall des Nervensystems betreffen.

Warnzeichen einer Demenz

Im Anfangsstadium passiert es häufig, dass Angehörige die beginnende Demenz fälschlicherweise für Altersstarrsinn halten. Folgende Warnzeichen können auf eine Demenz hinweisen:

  • Starke Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit, Misstrauen oder Reizbarkeit
  • Vergesslichkeit (vor allem bei kurz zurückliegenden Ereignissen)
  • Nachlassendes Interesse an Hobbys und Kontakten
  • Wortfindungsstörungen/-schwierigkeiten
  • Orientierungsschwierigkeiten
  • Fehleinschätzung von Gefahren
  • Beharrliches Abstreiten von Fehlern und Verwechslungen

Im weiteren Verlauf fällt auf, dass Betroffene zum Beispiel immer dieselben Fragen und Handlungen wiederholen, plötzlich nachts umherwandern oder sich in misstrauische Überzeugungen hineinsteigern, zum Beispiel, bestohlen worden zu sein. Manche werden auch verbal oder körperlich zunehmend aggressiv.

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Aggressivität bei Demenz: Mehr als nur Boshaftigkeit

Aggressives Verhalten ist bei Demenzpatienten auf die Krankheit zurückzuführen. Das unter einer fortgeschrittenen Demenz leidende Gehirn ist nicht mehr zu geplanten Handlungen, Böswilligkeit, Vorsatz und Absichten in der Lage. Die Einhaltung von Routinen und fester Alltagsstrukturen hilft Demenzkranken, sich zu orientieren und Ruhe zu bewahren. Hinter aggressivem Verhalten können auch Schmerzen und körperliche Beschwerden stecken, was abgeklärt werden muss. Situationen, die bei Demenzpatienten für Verwirrung oder Überforderung führen könnten, sollten vorher behutsam erklärt werden.

Aggressionen und bösartiges Verhalten gehören zu den komplexen und häufig missverstandenen Verhaltensmustern, die bei etwa 50 % aller Demenzbetroffenen auftreten. Zu den typischen Symptomen einer Demenz gehören neben den kognitiven Beeinträchtigungen wie Orientierungslosigkeit, Vergesslichkeit und Verlust von Alltagsfähigkeiten auch körperliche Beeinträchtigungen wie Unruhe, Rückzug, Veränderungen im Tag-Nacht-Rhythmus und eben auch mangelnde Impulskontrolle und als aggressiv erlebte Verhaltensmuster. Eine große Rolle hierbei spielt die Frustration darüber, dass die kognitiven Fähigkeiten unaufhaltsam in Verlust gehen.

Früher wurde der Ausdruck des aggressiven Demenzkranken häufig verwendet. Heute wird bewusst darauf verzichtet, da Aggressionen nach der Definition eine Absicht voraussetzen. Aggressionen sind also an Handlungen geknüpft, die das Ziel haben, einer Sache oder einem Menschen Schaden zuzufügen. Ein Mensch mit Demenz verliert jedoch zunehmend die Fähigkeit einer geplanten, zielgerichteten Absicht. Herausfordernde Verhaltensmustern sollten bei Demenzpatienten eher dem Affekt zugeordnet werden. Affekte sind meist heftige Gefühlsregungen, die viel mit dem Frust von Demenzkranken zu tun haben. In diesem Zusammenhang wird auch häufig diskutiert, ob Aggressionen ein erstes Anzeigen für eine beginnende Demenz sein können.

Umgang mit Aggressivität bei Demenz

Eine Demenz ist zwar nicht heilbar, aber wenn die Angehörigen um die Erkrankungen wissen, können sie mit mehr Verständnis reagieren. Einige Verhaltensregeln im Umgang mit erkrankten alten Menschen erleichtern den Alltag:

  • Sprechen Sie in einfachen, möglichst kurzen und deutlichen Sätzen.
  • Wiederholen Sie wichtige Informationen bei Bedarf.
  • Bleiben Sie nach Möglichkeit geduldig und lassen Sie Ihren Angehörigen Zeit, Sie zu verstehen und zu reagieren.
  • Nehmen Sie aggressives und misstrauisches Verhalten nicht persönlich.
  • Manchmal hilft es, die Person abzulenken, um herausforderndes Verhalten zu beenden.
  • Stärken Sie das Selbstvertrauen der älteren Person, indem Sie sie so viel wie möglich selbstständig tun lassen, ohne sie zu überfordern.
  • Hilfreich sind feste Gewohnheiten und ein strukturierter Tagesablauf mit Orientierungspunkten wie Essens- und Ruhezeiten.
  • Schaffen Sie eine vertraute, übersichtliche und gut ausgeleuchtete Wohnumgebung, die sich möglichst wenig ändert.
  • Wenn Sie eine ältere Person pflegen, achten Sie darauf, dass auch Sie selbst nicht zu kurz kommen: Tun Sie Dinge, die Sie entspannen und die Ihnen Spaß machen, und pflegen Sie auch Ihre eigenen sozialen Kontakte.
  • Scheuen Sie sich nicht, nach Hilfe zu fragen, wenn Sie sich überfordert fühlen.
  • Die Einhaltung von Routinen und klaren Abläufen können Verwirrung vermeiden und dabei helfen, dass Betroffene möglichst ruhig und orientiert bleiben.
  • Durch regelmäßige ärztliche Untersuchungen und ein optimales Schmerzmanagement können körperliche Beschwerden in den Griff bekommen werden.
  • Anstehende Aktivitäten sollten mit viel Einfühlungsvermögen vorher kommuniziert werden.
  • Menschen mit Demenz sollten erstgenommen werden.

Umgang mit falschen Beschuldigungen

Durch den Verlust von geistigen Fähigkeiten kommt es häufig zu Situationen, die mit falschen Beschuldigungen einhergehen. Die verlegte Geldbörse, das verloren gegangene Schmuckstück oder der nicht mehr auffindbare Schlüssel wird dann Angehörigen oder Pflegekräften „zugeschoben“, weil die Erinnerungs- und Reflexionsfähigkeit fehlt. Die Folge sind Schuldzuweisungen, Beschimpfungen und Misstrauen. Natürlich werten betreuende Personen eine solche Verhaltensweise zunächst als böswillige Abwertung oder persönlichen Angriff.

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Im Beispiel des „gestohlenen Geldbeutels“ sollte mit Verständnis auf die Verärgerung regiert werden. Werden falsche Beschuldigungen erhoben, sollte man sich vor Augen führen, dass Betroffene nicht anders können. Durch eine Bekräftigung über das Wissen, dass Betroffene immer gut auf ihre Wertsachen aufpassen, kann empathisch einer Beschuldigung entgegnet werden. Eine gemeinsame Suche nach der Geldbörse stärkt das Vertrauen.

Tipp: Beim „Liegenlassen“ von Gegenständen sind Menschen mit Demenz sehr kreativ: Suchen sollten sich insbesondere auf Verstecke unter dem Bett, Kopfkissen oder Matratze, im Kleiderschrank, in der Wäschekommode (zwischen Bettwäsche und Handtüchern) sowie in der Socken- und Wäscheschublade konzentrieren. In Taschen von Kleidungsstücken und Jackentaschen werden gerne Geldbörsen und Schlüssel vergessen.

Generell sollte stets in einem ruhigen Tonfall mit Demenzerkrankten gesprochen werden. Kurze Sätze werden besser verstanden als lange Episoden. Anteilnehmende und bestätigende Worte können wieder etwas Ruhe in die Situation bringen.

Therapieansätze bei Aggressionen im Zusammenhang mit Demenz

Die Behandlung von demenziellen Aggressionen muss sorgfältig geplant werden. Zunächst sollten grundsätzlich alle Therapieansätze ohne Medikamente ausprobiert werden. Der Einsatz von Medikamenten und beruhigenden Arzneien sollte als letzte Möglichkeit betrachtet werden. Mit dem nicht-medikamentösen Therapieansatz ist es möglich, individuell auf die Bedürfnisse und die Lebenssituation von Betroffenen einzugehen. Schon durch wenige Maßnahmen kann Betroffenen mehr Sicherheit verliehen werden, was die Lebensqualität für alle Beteiligten ganz ohne Medikamente erhöhen kann.

Wenn Betroffene jedoch auf bestimmte Reize aggressiv reagieren, sollten Verhaltensstrategien entwickelt werden, um diese Reize zu vermeiden. Ist dies nicht möglich, sollte ein Verhaltensplan vorschreiben, wie darauf reagiert werden kann. Generell ist es wichtig, die Umgebung anzupassen. Vertraute Gegenstände, beruhigende Farben und sanfte Beleuchtung tragen zur Beruhigung und Entspannung bei. Gleiches gilt für Musik und das Abspielen von Lieblingsliedern. Auch bei der Versorgung und Pflege bei Demenz sollte die Aufmerksamkeit auf den Wünschen und Bedürfnissen des Betroffenen liegen.

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Erst dann, wenn andere Therapien keine Wirkung zeigen, sollte über eine medikamentöse Therapie nachgedacht werden. Oft werden zur Behandlung von aggressiven Verhaltensweisen beruhigende Medikamente eingesetzt, die jedoch immer vom Arzt verschrieben und unter ärztlicher Kontrolle verabreicht werden müssen. Medikamente können immer Neben- und Wechselwirkungen haben. Bei einer mittelschweren bis schweren Alzheimer Erkrankung werden bei aggressiven und streitsüchtigen Betroffenen auch Risperidon oder Haloperidol eingesetzt. Letztendlich sollen Medikamente bei Demenz immer nur dann eingesetzt werden, wenn andere Therapien nicht geholfen haben und die Gefahr einer Eigen- oder Fremdgefährdung besteht.

Altersdepression als Ursache für Wesensveränderungen

Auch Depressionen kommen als Ursache infrage, wenn ältere Menschen schwierig werden. Etwa 20 Prozent entwickeln eine Altersdepression. Bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Senioren- und Pflegeheimen liegt der Anteil sogar bei 30 bis 40 Prozent. Oft wird die Erkrankung aber erst spät oder gar nicht erkannt.

Körperliche und psychische Anzeichen einer Altersdepression

Zu den körperlichen Anzeichen gehören:

  • Kopf-, Rücken- und Gliederschmerzen
  • Schwindelgefühle
  • Herzrhythmusstörungen
  • Atemprobleme
  • Magen-Darm-Probleme (vor allem Verstopfung)
  • Missempfindungen in den Gliedern
  • Appetitlosigkeit und daraus resultierender Gewichtsverlust
  • Schlafprobleme
  • Andauernde Müdigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Innere Unruhe
  • Selbstverletzendes Verhalten

Zu den psychischen Beschwerden, die mit einer Depression einhergehen, zählen:

  • Antriebs- und Lustlosigkeit
  • Gleichgültigkeit gegenüber Mitmenschen und Ereignissen
  • Freudlosigkeit
  • Sozialer Rückzug
  • Plötzliche Weinanfälle
  • Reizbarkeit und Aggressivität (häufig bei Männern)
  • Suizidgedanken

Wichtig zu wissen ist, dass speziell ältere Menschen oft zuerst über die körperlichen Symptome wie Schmerzen oder Verdauungsschwierigkeiten klagen, nicht über ihren Gemütszustand. Dass es an dieser Stelle ein Problem gibt, fällt oft erst auf, wenn die Betroffenen sich von Freunden und Familie stark zurückziehen.

Behandlung von Altersdepressionen

Es ist wichtig, eine Altersdepression zu behandeln und so die Lebensqualität der Betroffenen wieder zu verbessern. Das geschieht vor allem durch Psychotherapie, Medikamente und soziale Unterstützung. Waren Depressionen die Ursache für die Wesensveränderungen im Alter, erleichtert die Therapie auch den Umgang mit den erkrankten Seniorinnen und Senioren.

Weitere mögliche Ursachen für Wesensveränderungen im Alter

Verschiedene weitere Erkrankungen kommen als Auslöser für Wesensveränderungen im Alter infrage, zum Beispiel:

  • Schilddrüsenüber- oder Unterfunktion
  • Stoffwechselerkrankungen
  • Lungen- oder Herzerkrankungen, in deren Folge das Gehirn mit zu wenig Sauerstoff versorgt wird
  • Schmerzen (etwa durch rheumatische Erkrankungen)
  • Krebserkrankungen (etwa ein Hirntumor)

Wichtig ist demnach, dass Betroffene oder ihre Angehörigen auffällige Wesensveränderungen und Stimmungsschwankungen bei einem Arztbesuch ansprechen und genauso ernst nehmen wie körperliche Symptome. Oft lassen sich körperliche und psychische Erkrankungen auch nicht scharf voneinander trennen und können einander verstärken: Hat beispielsweise eine ältere Person mit Arthroseschmerzen gleichzeitig eine Depression, drücken die Schmerzen womöglich zusätzlich auf die Stimmung. Die Person zieht sich zurück und wird körperlich immer passiver, wodurch gleichzeitig die Arthrose weiter voranschreitet.

Wenn alte Menschen „schwierig“ werden, gibt es manchmal aber auch eine einfache Erklärung: Schwerhörigkeit. Anfangs kommen Betroffene weniger gut bei Gesprächen mit, wenn es Nebengeräusche oder einen starken Hall im Raum gibt. Oft fällt im Frühstadium gar nicht auf, dass das Hören beeinträchtigt ist. Später dann haben betroffene ältere Menschen auch Probleme, in ruhigen Gesprächssituationen das Gesagte zu verstehen oder auch einer Fernseh- oder Radiosendung zu folgen.

Tipps für den Umgang mit herausforderndem Verhalten

Eine besondere Herausforderung ist es, demenzkranke Eltern zu betreuen und zu begleiten, deren Erkrankung sich kaum oder gar nicht aufhalten lässt. Folgende Tipps können helfen, den Umgang mit Demenzkranken zu erleichtern:

  • Weisen Sie Betroffene möglichst nicht auf Fehler hin oder kritisieren sie, das beunruhigt oder beschämt sie meist nur. Sie sollten auch nicht erwarten, dass die Person ihre Handlungen rational erklären kann. Stattdessen kann es helfen, über Negatives hinwegzusehen und Positives durch Lob und Ermutigung zu bestärken.
  • Vermeiden Sie Diskussionen oder Streitereien, in denen Sie Betroffene mit logischen Argumenten zu überzeugen versuchen. Sind Zusammenhänge für die Person nicht mehr nachvollziehbar, führt das oft nur zu Zorn und Unzufriedenheit. Besser ist es, abzulenken oder der Person recht zu geben.
  • Sorgen Sie für eine gleichbleibende Struktur im Tagesablauf, Routinen und eine vertraute Umgebung.
  • Wenn etwas die Person beunruhigt oder verunsichert (zum Beispiel dunkle Zimmerecken oder Teppichmuster), versuchen Sie, die Ursache zu beseitigen oder auf emotionaler (nicht logischer) Ebene zu trösten und zu beruhigen. Körperkontakt wirkt dabei oft positiv.
  • Aggressionen entstehen oft aus Unsicherheit heraus. Gelassenheit, Beruhigung und Ablenkung helfen oft, Sicherheit zu geben und den Widerwillen gegen die Situation zu lösen. Entziehen Sie sich gewaltsamen Konfrontationen und versuchen Sie nicht, die Person festzuhalten oder zu bedrängen.
  • Versteckt die Person aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus Gegenstände, die sie später nicht mehr findet und daher für gestohlen hält, helfen Sie ihr beim Suchen und beruhigen Sie sie. Wenn möglich, behalten Sie den Überblick darüber, wo die Gegenstände normalerweise versteckt werden.
  • Versuchen Sie, das Verhalten der erkrankten Person nicht persönlich zu nehmen.

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