In einer alternden Gesellschaft stellt die Zunahme von Demenzerkrankungen eine wachsende Herausforderung dar. Diese Herausforderung betrifft nicht nur medizinische und pflegerische Aspekte, sondern auch ethische und sozialmedizinische Fragen. Wie begegnen wir Menschen mit Demenz, wie integrieren wir sie in unsere Gesellschaft und wie gestalten wir ihren Alltag in Praxis und Krankenhaus? Dieser Artikel beleuchtet die ethischen Aspekte der Demenz, stützt sich dabei auf verschiedene Perspektiven und Erkenntnisse.
Die Würde des Menschen im Fokus
Der Blickwinkel des Glaubens betont die Einzigartigkeit jedes Menschen, unabhängig von seinem Gesundheitszustand. Auch Menschen mit Demenz sind Teil unserer Gemeinschaft und besitzen eine Würde, die in ihrer Beziehung zu Gott wurzelt. Es ist unsere Aufgabe, sie anzunehmen und ihnen Wertschätzung entgegenzubringen.
Medizinische Grundlagen und Behandlungsmöglichkeiten
Demenzen sind häufige neuropsychiatrische Erkrankungen im höheren Lebensalter. Demenz ist ein Syndrom, das durch eine chronische und organisch bedingte Beeinträchtigung der intellektuellen Leistungsfähigkeit gekennzeichnet ist. In fortgeschrittenen Stadien führt dies zu einem Verlust an Autonomie und Selbstversorgungsfähigkeit. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Ursache für Demenz. Obwohl die meisten Demenzerkrankungen nicht heilbar sind, gibt es eine Vielzahl therapeutischer Maßnahmen, deren Einsatz eine sorgfältige Diagnostik erfordert. Psychosoziale Interventionen sind ein wichtiger Bestandteil eines umfassenden Behandlungsplans, da sie das psychosoziale Wohlbefinden und die Lebensqualität verbessern können.
Rehabilitation bei Demenz
Menschen mit Demenz sollten rehabilitative Maßnahmen bei anderen Erkrankungen nicht vorenthalten werden. Auch wenn sie von einem niedrigeren Ausgangsniveau starten, können sie ähnliche Zuwächse ihrer Aktivitäten erzielen wie Menschen ohne Demenz. Wichtig ist, dass die Rehabilitation in erfahrenen und qualifizierten Einrichtungen stattfindet. Für Menschen, die auf ihr gewohntes Lebensumfeld angewiesen sind, gibt es mobile Rehabilitationsangebote. Medizinische Rehabilitation der Demenz selbst ist bisher nicht ausreichend belegt, aber es gibt viele Ansatzpunkte, um die Lebensqualität zu verbessern, insbesondere durch die Qualifizierung und Gesunderhaltung der betreuenden Angehörigen.
Assistierte Freiheit: Autonomie im Kontext der Demenz
Freiheit und Autonomie sind zentrale Aspekte der menschlichen Würde. Der Paradigmenwechsel in der Betrachtung von Menschen mit Behinderung betont ihr Recht auf Freiheit und Selbstentfaltung im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Autonomie wird dabei nicht als etwas Gegebenes betrachtet, sondern als eine Fähigkeit, die sich prozesshaft entfaltet und Unterstützung benötigt. Konzepte zur Stärkung der Autonomie sind beispielsweise die Möglichkeit des Vorausverfügens und die Förderung der erhalten gebliebenen Freiheitsmöglichkeiten.
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Das Selbst demenzkranker Menschen: Psychologische Aspekte
Die Begegnung mit Menschen mit Demenz verdeutlicht die Verletzlichkeit des Lebens und die Notwendigkeit, im Schicksal anderer auch das eigene zu erkennen. Die Erfahrung von Bezogenheit ist für das Wohlbefinden in allen Phasen der Demenz entscheidend. Menschen mit Demenz sollten nicht aus vertrauten sozialen Kontexten ausgeschlossen werden, sondern weiterhin Zuwendung erfahren. Es ist wichtig, die noch vorhandenen Ressourcen im emotionalen, empfindungsbezogenen, kommunikativen und alltagspraktischen Bereich zu beachten. Ein ethischer Entwurf zum gelingenden Leben im Alter kann auf Selbstständigkeit, Selbstverantwortung, bewusst angenommene Abhängigkeit, Mitverantwortung und Selbstverwirklichung aufbauen.
Demenz und Kunst: Visuelle Veränderungen bei Alzheimer
Visuelle Störungen sind ein häufiges Phänomen bei der Alzheimer-Krankheit. Es kommt zu Beeinträchtigungen der räumlichen Vorstellungskraft, der Objekterkennung und der Farbwahrnehmung. Das Werk des Künstlers Carolus Horn gibt einen Einblick in diese Veränderungen der visuellen Perzeption im Krankheitsverlauf.
Ethische Empfehlungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft
Der Arbeitsausschuss Ethik der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hat Empfehlungen zu verschiedenen ethischen Fragestellungen im Zusammenhang mit Demenz erarbeitet. Diese Empfehlungen sollen praxisorientierte Anregungen und Entscheidungshilfen geben. Das Maß allen Handelns muss die Lebensqualität von Demenzerkrankten sein und nicht ökonomische Zwänge.
Einwilligungsfähigkeit und Selbstbestimmung bei Demenz
Die Einwilligungsfähigkeit spielt eine entscheidende Rolle bei gesundheitlichen und medizinischen Maßnahmen. Menschen mit Demenz haben das Recht auf körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit und Selbstbestimmung. Sie haben auch das Recht auf eine angemessene medizinische Behandlung und das Recht, diese abzulehnen. Allerdings wird es bei fortschreitender Krankheit zunehmend schwieriger, die Willensäußerungen eines dementiell Erkrankten zu deuten.
Der "natürliche Wille" versus Patientenverfügung
Eine Patientenverfügung spiegelt den Willen eines entscheidungsfähigen Menschen wider. Wenn der Patient später an Demenz erkrankt und seine neuerlichen Willensäußerungen der Verfügung vermeintlich widersprechen, stellt sich die Frage, welcher Wille Vorrang hat. Der "natürliche Wille" bezeichnet die aktualen Willensbekundungen eines Menschen, dem die Fähigkeiten zur freiverantwortlichen Willensbildung fehlen. Ethisch betrachtet sind freie und informierte Willensäußerungen entscheidungsfähiger Personen als autonome Entscheidungen anzusehen. Der "natürliche Wille" ist ethisch relevant, da er ein Indikator für das Patientenwohl sein kann. Es ist wichtig, den "natürlichen Willen" nicht auf eine Stufe mit dem autonomen Willen zu stellen.
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Leiblichkeit und Freiheitsentziehende Maßnahmen (feM)
Die Anwendung freiheitsentziehender Maßnahmen (feM) bei Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus ist ethisch umstritten. Die Kategorie der Leiblichkeit kann neue ethische Perspektiven eröffnen. Der Leib ist nicht nur ein Körper, sondern die Art und Weise, wie der Mensch in der Welt anwesend ist, wahrnimmt, erfährt, sich bewegt und sich verhält. Der Leib ist Verwirklichungsort der Freiheit und Träger der Würde des Menschen. feM betreffen besonders Menschen mit Demenz, deren Verhalten oft als unvorhersehbar bewertet wird. Wohltätiger Zwang kann unter bestimmten Umständen gerechtfertigt sein, aber es ist wichtig, die Freiverantwortlichkeit der Entscheidung zu prüfen. Durch die Berücksichtigung der Leiblichkeit kann die Demenzerkrankung in einem neuen Licht erscheinen, das den Menschen nicht auf seine kognitiven Fähigkeiten reduziert. Das Leibgedächtnis verdeutlicht, dass die Identität und Kontinuität des Menschen nicht ausschließlich an das Gehirn gebunden sind. feM sind moralisch problematisch, da sie eine Freiheit antasten, die den Menschen in seiner existenziellen Situation betrifft. Strukturelle Gründe wie Zeit- und Personalmangel können dazu beitragen, dass feM eingesetzt werden. Es ist wichtig, alternative Handlungsmittel bereitzustellen und eine paternalistische Haltung zu vermeiden. Auch die Gabe von Medikamenten zur Ruhigstellung ist eine Form der Freiheitsentziehung, die ethisch bewertet werden muss.
Fragen von Angehörigen und Antworten von Experten
Angehörige von Menschen mit Demenz stehen oft vor schwierigen Fragen. Experten geben Antworten auf typische Fragen:
- Darf ich meinen Angehörigen hart anfassen? Nein, das ist Gewalt. Es ist wichtig, rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen und die Ursachen für aggressives Verhalten zu klären.
- Darf ich die Unwahrheit sagen? Es ist wichtig, ehrlich zu sein, aber die Wahrheit so zu vermitteln, dass sie der Erkrankte verstehen kann.
- Darf ich ihm die Tabletten ins Essen mischen? Nur wenn es keine andere Möglichkeit gibt und es dem Wohl des Erkrankten dient.
- Darf ich ihn waschen, wenn er sich nicht richtig pflegt? Versuchen Sie, andere Personen mit der Körperpflege zu beauftragen oder einen ambulanten Dienst zu engagieren.
- Darf ich zulassen, dass er sich im Heim verliebt? Das kann man nicht verhindern und es kann für den gesunden Partner ein Trost sein, zu sehen, dass es dem geliebten Menschen gut geht.
- Darf ich die Wohnungstür absperren? Nur mit richterlichem Beschluss. Überlegen Sie, wie Ihr Angehöriger in gesunden Tagen über diese Situation gedacht hätte.
Früherkennung und Prädiktion von Demenz
Die Entscheidung, sich einer prädiktiven Diagnose zu unterziehen, ist eine Frage der Selbstbestimmung. Die Möglichkeiten der Prädiktion einer späteren Demenzerkrankung sind derzeit begrenzt. Die Früherkennung zielt auf die Diagnose einer Erkrankung in einem frühen Stadium ab. Sowohl die Forschung zur Prädiktion als auch die zur Früherkennung sind auf die Alzheimer-Demenz fokussiert.
Therapie und Prävention von Demenz
Eine Methode zur Heilung von Alzheimer und anderen primären Formen der Demenz ist derzeit nicht verfügbar. Die aktuelle Forschung konzentriert sich auf die Verzögerung des Krankheitsverlaufs. Ziel ist es, für demenziell erkrankte Personen möglichst lange eine selbständige Bewältigung von Alltagstätigkeiten, die Fähigkeit zur Selbstbestimmung sowie allgemein eine gute Lebensqualität zu erhalten. Prävention setzt vor dem Entwickeln erster Symptome an und zielt auf das Vermindern von Risikofaktoren ab.
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