Polyneuropathie: Ursachen, Medikamente und Behandlungsansätze

Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch Schädigung mehrerer Nerven gekennzeichnet ist. Das periphere Nervensystem umfasst alle Anteile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven außerhalb des Zentralnervensystems, einschließlich der versorgenden Blut- und Lymphgefäße. Die Erkrankung kann verschiedene Ursachen haben und sich durch vielfältige Symptome äußern.

Einführung

Eine Polyneuropathie kann erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben. Es ist wichtig, die Ursachen zu erkennen, eine frühzeitige Diagnose zu stellen und geeignete Behandlungsstrategien anzuwenden, um die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Ursachen der Polyneuropathie

Es gibt über 200 verschiedene Ursachen für Polyneuropathie, wobei erworbene Formen deutlich häufiger sind als angeborene. Zu den häufigsten Ursachen gehören:

  • Diabetes mellitus: Experten schätzen, dass jeder zweite Diabetiker im Laufe seines Lebens an einer diabetischen Polyneuropathie erkrankt. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel kann die Nerven schädigen und eine Polyneuropathie begünstigen. Diabetiker mit schlecht eingestelltem Blutzucker entwickeln besonders früh und schwer eine Polyneuropathie.
  • Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholmissbrauch kann die Nerven toxisch schädigen und die Reizleitung stören. Die alkoholassoziierte Polyneuropathie hat eine Prävalenz von 22-66 % unter chronisch Alkoholkranken.
  • Weitere Erkrankungen: Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen oder eine Schilddrüsenunterfunktion können die peripheren Nerven schädigen.
  • Gifte: Arsen und andere Gifte können eine Polyneuropathie verursachen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, insbesondere in der Krebstherapie (z. B. Cisplatin), können eine Polyneuropathie auslösen.
  • Infektionen: Bestimmte bakterielle oder virale Infektionen können ebenfalls eine Polyneuropathie verursachen. Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine akute Erkrankung, die autoimmun ausgelöst wird und die Nervenscheiden der peripheren Nerven zerstört.
  • Entzündungen: Entzündungen durch Borreliose oder Lepra können ebenfalls eine Polyneuropathie verursachen.
  • Mangelernährung: Vitaminmangel, insbesondere Vitamin B12-Mangel, kann eine Polyneuropathie verursachen.
  • Autoimmunerkrankungen: Autoimmunerkrankungen wie das Guillain-Barré-Syndrom oder rheumatoide Arthritis können eine Polyneuropathie verursachen.
  • Tumorerkrankungen: Krebserkrankungen, beispielsweise Brustkrebs oder Blutkrebs, können eine Polyneuropathie verursachen.
  • Erbliche Veranlagung: Eine erbliche Veranlagung (hereditäre Neuropathien) kann ebenfalls eine Ursache sein.

Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Mediziner unterscheiden sensible, motorische und vegetative Polyneuropathien. Es können auch mehrere Formen gleichzeitig auftreten. Die Symptome können sich akut, schnell verschlechternd oder chronisch entwickeln.

Typische Symptome sind:

  • Sensible Reizerscheinungen: Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren
  • Sensible Ausfallerscheinungen: Pelzigkeitsgefühl, Taubheitsgefühl, Gefühl des Eingeschnürtseins, Schwellungsgefühle, Gefühl, wie auf Watte zu gehen
  • Gangunsicherheit: Insbesondere im Dunkeln
  • Fehlendes Temperaturempfinden: Mit schmerzlosen Wunden
  • Muskelschwäche: Muskelschmerzen, Muskelzucken oder Muskelkrämpfe
  • Vegetative Beschwerden: Schwindel, Blasenschwäche, Durchfall oder verstärktes Schwitzen
  • Schmerzen: Brennende, schneidende oder stechende Schmerzen
  • Erschöpfungszustände

Die Symptome beginnen häufig an den unteren Extremitäten, meist an den Füßen oder Fußspitzen, und können sich socken-, strumpf- oder handschuhförmig ausbreiten.

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Diagnose der Polyneuropathie

Die Diagnose einer Polyneuropathie basiert auf der Anamnese, der klinisch-neurologischen Untersuchung und verschiedenen technischen Untersuchungen.

Diagnostische Maßnahmen:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich typischer Symptome, Krankheitsverlauf, Vorerkrankungen, Begleiterkrankungen und Familienanamnese.
  • Klinisch-neurologische Untersuchung: Prüfung von Muskelkraft, Sensibilität und Muskeleigenreflexen.
  • Elektrophysiologische Untersuchung:
    • Elektroneurographie (ENG): Stimulation peripherer Nerven mit Stromimpulsen und Ableitung der Antworten von Muskeln oder sensiblen Fasern. Ermöglicht die Feststellung der Art der Nervenschädigung.
    • Elektromyographie (EMG): Untersuchung der Muskeln mit Nadeln zur Feststellung des Ausmaßes der Schädigung.
  • Laboruntersuchungen: Untersuchungen von Urin, Gehirnwasser, Blut oder Gewebeproben.
  • Genetische Tests: Bei Verdacht auf erbliche Neuropathien.
  • Bildgebende Verfahren: Zur weiteren Abklärung, insbesondere bei plötzlichem Auftreten der Symptome.

Medikamenteninduzierte Polyneuropathie

Eine Vielzahl von Medikamenten kann eine Polyneuropathie verursachen. Arzneimittelbedingte Neuropathien hängen in der Regel von der Dosis und der Dauer der Verabreichung ab und bessern sich meist nach Therapieabbruch.

Einige Medikamente, die Polyneuropathie verursachen können:

  • Chemotherapeutika: Verschiedene Chemotherapeutika wie Vincristin, Vinorelbin, Vinblastin, Docetaxel, Paclitaxel, Oxaliplatin, Carboplatin, Bortezomib und Thalidomid können periphere Neuropathien verursachen.
  • Antiarrhythmika: Amiodaron kann in seltenen Fällen eine Polyneuropathie verursachen.
  • Statine: HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren (Statine) können eine Polyneuropathie verursachen, die in der Regel nach Absetzen der Medikation reversibel ist.
  • Antibiotika: Isoniazid, Ethambutol, Linezolid, Nitrofurantoin und Metronidazol können periphere Neuropathien auslösen. Bei Isoniazid wird standardmäßig Pyridoxin (Vitamin B6) gegeben, um Neuropathien vorzubeugen.
  • Immun-Checkpoint-Inhibitoren: Diese Medikamente können ebenfalls eine Polyneuropathie verursachen.

Bei Patienten, die unter Polyneuropathien leiden oder ein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Polyneuropathie haben (z. B. durch Diabetes mellitus oder Alkoholsucht), sollte die Therapie mit den oben genannten Medikamenten (außer Metformin) vermieden werden. Ist eine Behandlung mit diesen Medikamenten zwingend erforderlich, sollte auf Symptome geachtet werden, um frühzeitig reagieren und unnötige Leiden vermeiden zu können.

Behandlung der Polyneuropathie

Die Behandlung der Polyneuropathie umfasst sowohl kausale als auch symptomatische Ansätze.

Kausale Therapie:

  • Behandlung der Grunderkrankung: Die wichtigste Maßnahme ist die Behandlung der Grunderkrankung, die die Polyneuropathie verursacht hat. Bei Diabetes mellitus ist eine Verbesserung der Blutzuckereinstellung entscheidend. Bei Alkoholmissbrauch ist ein strikter Verzicht auf Alkohol erforderlich. Tumorerkrankungen müssen behandelt werden. Infektionen oder Entzündungen können mit Antibiotika oder Kortison behandelt werden. Bei Vitaminmangel kann ein Ausgleich durch Ernährungsumstellungen geschaffen werden.
  • Vermeidung von Auslösern: Um weitere Schäden zu verhindern, sollten auslösende Faktoren vermieden werden.

Symptomatische Therapie:

  • Schmerztherapie:
    • Antikonvulsiva: Gabapentin und Pregabalin sind Mittel der ersten Wahl zur Behandlung neuropathischer Schmerzen.
    • Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin, Nortriptylin) und Duloxetin können ebenfalls zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Amitriptylin sollte abends eingenommen werden, da es schläfrig macht.
    • Analgetika: Bei gelegentlich auftretenden Beschwerden können Analgetika wie Paracetamol verwendet werden. Diclofenac, Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure sind bei Polyneuropathie kaum wirksam.
    • Opioide: Tilidin oder Tramadol können bei starken Schmerzen eingesetzt werden, jedoch ist aufgrund des Abhängigkeitspotenzials eine strenge Überwachung erforderlich.
    • Topische Therapie: Capsaicin-Pflaster und Lidocain-Pflaster können bei lokalisierten Schmerzen eingesetzt werden. Capsaicin-Pflaster setzen Capsaicin in die Haut frei, was zu einer Übererregbarkeit der Nervenfasern führt. Lidocain-Pflaster wirken als Lokalanästhetika.
    • Botulinumtoxin-Injektionen: Intrakutane Botulinumtoxin-Injektionen können bei peripheren neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
  • Physiotherapie und Ergotherapie: Zur Verbesserung von Stand, Gang, Gleichgewicht und Feinmotorik.
  • Hilfsmittel: Versorgung mit Hilfsmitteln wie Orthesen bei Muskellähmungen.
  • Behandlung autonomer Funktionsstörungen: Gezielte Therapie bei orthostatischer Hypotonie oder gastrointestinalen Störungen.

Weitere Maßnahmen:

  • Regelmäßige Kontrolle der Füße: Auf Druckstellen und Wunden achten.
  • Bequemes Schuhwerk: Tragen von bequemem Schuhwerk zur Vermeidung von Druckstellen.
  • Professionelle Fußpflege: Inanspruchnahme professioneller Fußpflege.
  • Verbesserung des Lebensstils: Regelmäßige körperliche Betätigung (z. B. 150 Minuten Ausdauersport pro Woche).

Prognose und Verlauf

Der Verlauf einer Polyneuropathie ist je nach Ursache unterschiedlich. Es gibt akute Verläufe, bei denen sich die Symptomatik rasch bessert, aber auch chronische Verläufe. In Abhängigkeit von der Ursache besteht nur begrenzt die Aussicht auf Heilung. Entzündliche Neuropathien sind mit Medikamenten meist gut zu behandeln, akute Formen heilen oft komplett aus. Bei erblichen Neuropathien gibt es bisher keine Therapie. Bei ca. einem Viertel der Polyneuropathien kann die Ursache nicht geklärt werden, meist haben diese Formen jedoch eine gute Prognose.

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Leben mit Polyneuropathie

Eine Polyneuropathie kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken. Es ist wichtig, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, um den Verlauf positiv zu beeinflussen.

Tipps für mehr Lebensqualität:

  • Blutzucker kontrollieren: Bei Diabetes regelmäßig den Blutzucker kontrollieren und ärztlich verordnete Medikamente einnehmen.
  • Füße kontrollieren: Regelmäßige Kontrolle der Füße auf Wunden, um Fußgeschwüre zu vermeiden.
  • Bewegung: Angebote wie Aquagymnastik oder Gehtraining können bei Schmerzen und Missempfindungen helfen.
  • Berufliche Tätigkeit: So lange wie möglich am Berufsleben teilhaben, jedoch Tätigkeiten auf Leitern und Gerüsten meiden und Vorsichtsmaßnahmen beim Laufen auf unebenem Untergrund oder im Dunkeln beachten.

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