Demenz und Fernsehen: Studien untersuchen den Zusammenhang zwischen TV-Konsum und kognitivem Abbau

Der Fernseher ist aus den meisten deutschen Haushalten nicht mehr wegzudenken. Er dient der Unterhaltung, Information und Entspannung. Doch wie wirkt sich der Fernsehkonsum auf unsere kognitive Gesundheit aus, insbesondere im Hinblick auf Demenz? Mehrere Studien haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und interessante Ergebnisse geliefert. Eine aktuelle Studie des University College London zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen der Dauer des täglichen Fernsehkonsums und dem Abbau des verbalen Gedächtnisses. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse dieser und anderer Studien zusammen und beleuchtet die potenziellen Risiken und Auswirkungen von übermäßigem Fernsehkonsum auf die kognitiven Fähigkeiten.

Der Einfluss des Fernsehens auf das verbale Gedächtnis

Das verbale Gedächtnis spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung sprachlicher Informationen. Es ermöglicht uns, gesprochene oder geschriebene Botschaften zu erfassen, zu verstehen und zu behalten. Eine Einschränkung des verbalen Gedächtnisses kann daher erhebliche Auswirkungen auf die alltägliche Kommunikation und Orientierung haben.

Studienergebnisse aus London

Eine Studie des University College London untersuchte den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und kognitivem Abbau bei älteren Erwachsenen. Die Ergebnisse zeigten, dass tägliches Fernsehen von mehr als 3,5 Stunden pro Tag bei Menschen im Alter von 50 Jahren und höher zu einem Abbau des verbalen Gedächtnisses führt. Dieser Effekt war "dosisabhängig": Je mehr TV ein Studienteilnehmer schaute, desto stärker war der Abbau des verbalen Gedächtnisses im Vergleich zum Ausgangswert. Ein geringerer Konsum wirkte sich dagegen nicht negativ auf das Gedächtnis aus. Im Durchschnitt schauen die Deutschen über drei Stunden am Tag fern.

Die Studie berücksichtigte verschiedene Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus, sozialer Stand, Berufstätigkeit, gesundheitliche Vorbelastungen und Bewegungsmangel. Auch nach Herausrechnen dieser Faktoren blieb der Zusammenhang zwischen hohem TV-Konsum und Abbau des verbalen Gedächtnisses bestehen. Dies deutet darauf hin, dass der Fernsehkonsum selbst, und nicht nur Begleitumstände wie Bewegungsmangel, eine Rolle spielt.

Was bedeutet das für Betroffene?

Menschen mit eingeschränktem verbalen Gedächtnis haben Schwierigkeiten, mündliche Informationen adäquat zu verarbeiten. Dies kann sich in Alltagssituationen wie Wegbeschreibungen, Durchsagen am Bahnhof oder mündlichen Einladungen von Freunden äußern. Betroffene sind möglicherweise nicht in der Lage, das Gesagte zu verstehen und umzusetzen, was zu Orientierungslosigkeit führen kann.

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Ursachenforschung: Warum schadet Fernsehen dem Gedächtnis?

Die Studie aus London deutet darauf hin, dass der Abbau des verbalen Gedächtnisses durch hohen TV-Konsum nicht allein mit Bewegungsmangel erklärt werden kann. Denn andere sitzende Freizeitbeschäftigungen wie das Surfen im Internet scheinen früheren Studien zufolge nicht mit einem kognitiven Abbau einherzugehen.

Die Rolle der geistigen Passivität

Eine mögliche Erklärung für den negativen Einfluss des Fernsehens auf das verbale Gedächtnis liegt in der Kombination aus schnellen Sinneswahrnehmungen (Sehen und Hören) und gleichzeitiger geistiger Passivität. Im Gegensatz zu aktiven Freizeitbeschäftigungen, die das Gehirn fordern und stimulieren, erfordert passives Fernsehen wenig geistige Anstrengung. Diese mangelnde Stimulation könnte langfristig zu einem Abbau der kognitiven Fähigkeiten führen.

Vergleich mit anderen sitzenden Tätigkeiten

Es ist bemerkenswert, dass andere sitzende Tätigkeiten wie das Surfen im Internet oder Computerspiele nicht den gleichen negativen Effekt auf das verbale Gedächtnis zu haben scheinen. Dies könnte daran liegen, dass diese Aktivitäten in der Regel mehr geistige Aktivität erfordern als passives Fernsehen. Beim Surfen im Internet müssen wir Informationen auswählen, bewerten und verarbeiten, während Computerspiele oft strategisches Denken und Problemlösungsfähigkeiten erfordern.

Wer ist besonders gefährdet?

Die britische Studie, die Daten des britischen Langzeitprojekts "English Longitudinal Study of Ageing" (ELSA) auswertete, identifizierte bestimmte Personengruppen, die mit erhöhtem Fernsehkonsum verbunden sind. Demnach schauten vorwiegend alleinlebende Personen und Menschen, die nicht mehr im Berufsleben stehen, überdurchschnittlich viel TV. Auch bei Frauen und Personen mit geringem Bildungsgrad oder geringem sozialen Status gab es eine solche Korrelation.

Soziale Isolation und geringer Bildungsgrad

Soziale Isolation und ein geringer Bildungsgrad können dazu führen, dass Menschen mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen. Der Fernseher dient dann möglicherweise als Ersatz für soziale Kontakte und geistige Anregung. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass dies ein Teufelskreis sein kann, da übermäßiger Fernsehkonsum die soziale Isolation und den kognitiven Abbau weiter verstärken kann.

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TV-bedingte Demenz: Eine neue Krankheitsentität?

Einige Neurologen halten die Studienergebnisse für beunruhigend und sprechen sogar von einer "TV-bedingten Demenz". Diese Bezeichnung deutet darauf hin, dass übermäßiger Fernsehkonsum möglicherweise eine eigenständige Form der Demenz verursachen kann, die sich von anderen Demenzformen wie Alzheimer unterscheidet.

Unterschiede zu Alzheimer

Interessanterweise war in der britischen Studie ausschließlich das verbale Gedächtnis durch den TV-Konsum beeinträchtigt, nicht jedoch die Wortflüssigkeit, die zum Beispiel bei Alzheimer-Patienten ebenfalls stark reduziert ist. Dies deutet darauf hin, dass die kognitiven Einschränkungen durch Fernsehkonsum nicht vollständig mit denen von Alzheimer-Patienten übereinstimmen.

Warnung vor Verallgemeinerung

Es ist wichtig zu betonen, dass die Forschungsergebnisse noch nicht ausreichen, um von einer "TV-bedingten Demenz" als eigenständige Krankheitsentität zu sprechen. Weitere Studien sind erforderlich, um die langfristigen Auswirkungen von übermäßigem Fernsehkonsum auf das Gehirn besser zu verstehen.

Was können wir tun? Empfehlungen für einen gesunden Umgang mit dem Fernseher

Die Studienergebnisse legen nahe, dass ein maßvoller Umgang mit dem Fernseher wichtig ist, um die kognitive Gesundheit zu erhalten. Insbesondere ältere Menschen sollten darauf achten, ihren Fernsehkonsum zu begrenzen und stattdessen alternative Aktivitäten zu suchen, die das Gehirn fordern und stimulieren.

Die 3,5-Stunden-Regel

Die Studie des University College London deutet darauf hin, dass die kritische Schwelle für den Fernsehkonsum bei etwa 3,5 Stunden pro Tag liegt. Ein geringerer Konsum scheint sich nicht negativ auf das verbale Gedächtnis auszuwirken. Es ist daher ratsam, den täglichen Fernsehkonsum auf maximal 3,5 Stunden zu begrenzen.

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Alternativen zum Fernsehen

Es gibt viele alternative Aktivitäten, die das Gehirn fordern und stimulieren können. Dazu gehören:

  • Soziale Kontakte: Verbringen Sie Zeit mit Freunden und Familie, nehmen Sie an sozialen Aktivitäten teil oder engagieren Sie sich ehrenamtlich.
  • Geistige Aktivitäten: Lesen Sie Bücher, lösen Sie Kreuzworträtsel, spielen Sie Brettspiele oder lernen Sie eine neue Sprache.
  • Körperliche Aktivität: Treiben Sie Sport, machen Sie Spaziergänge in der Natur oder nehmen Sie an einem Tanzkurs teil.
  • Kreative Hobbys: Malen Sie, schreiben Sie, musizieren Sie oder handarbeiten Sie.

Bewusster Medienkonsum

Neben der Begrenzung der Fernsehzeit ist es auch wichtig, den Medienkonsum bewusst zu gestalten. Wählen Sie Sendungen und Filme aus, die Sie wirklich interessieren und die Sie geistig anregen. Vermeiden Sie es, passiv vor dem Fernseher zu sitzen und sich von seichten Unterhaltungsprogrammen berieseln zu lassen.

Weitere Forschungsergebnisse zum Thema Fernsehen und Kognition

Neben der Studie aus London gibt es weitere Forschungsergebnisse, die den Zusammenhang zwischen Fernsehen und kognitiven Fähigkeiten untersuchen.

Studie aus Kalifornien

Ein Team um Dr. Tina Hoang vom Northern California Institute for Research and Education präsentierte auf dem internationalen Alzheimerkongress in Chicago Ergebnisse der CARDIA-Studie zu den Auswirkungen des TV-Konsums. Die Forscher konzentrierten sich auf knapp 700 Teilnehmer der Studie, die sich 25 Jahre nach Beginn einer strukturellen Hirn-MRT unterzogen hatten. Die Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der MRT-Analyse 50 Jahre alt. Im Schnitt hatten sie über die vergangenen zwei Jahrzeaden hinweg 2,3 Stunden täglich auf den TV-Bildschirm gestarrt, 15% sogar vier oder mehr Stunden.

Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Zusammenhang zwischen hohem Fernseherkonsum und geringerem Gesamthirnvolumen, geringerem Volumen der grauen Substanz und einem reduzierten Volumen im Frontalhirn. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn vaskuläre Risikofaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum, Adipositas, Hypertonie, Depression sowie die körperliche Aktivität berücksichtigt wurden.

Metaanalyse aus China

Ein Forscherteam aus China wertete kürzlich zehn Kohortenstudien aus, um das Risiko von sitzendem Verhalten für die Entwicklung von Demenz zu quantifizieren. Die Ergebnisse zeigten, dass sitzendes Verhalten das Demenzrisiko um 17 Prozent erhöhte. Studienteilnehmer mit hohem Fernsehkonsum wiesen sogar ein um 31 Prozent höheres Risiko auf als Personen, die wenig Zeit vor dem Fernseher verbrachten. Dagegen gab es keine Unterschiede, wenn die Sitzzeit durch Computerarbeit zustande kam. Die Autoren resümierten, dass vor allem passives Verhalten beim Sitzen, wie es beim Fernsehkonsum der Fall ist, der Kognition schadet.

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