Die deutsche Sprache ist reich an Redewendungen, die oft bildhaft eine bestimmte Situation oder ein Gefühl beschreiben. Eine dieser Redewendungen ist "den Nerv treffen". Sie findet in verschiedenen Kontexten Anwendung und hat eine interessante Geschichte.
Definitionen und Anwendungsbereiche
Die Redewendung "den Nerv treffen" hat im Wesentlichen zwei Bedeutungen:
- Einen wunden Punkt berühren: Jemanden an seiner empfindlichen Stelle treffen, einen wunden Punkt ansprechen oder eine Schwäche aufdecken. In diesem Fall kann die Äußerung oder Handlung, die den Nerv trifft, unbehaglich oder sogar schmerzhaft sein.
- Beispiel: "Jetzt hat er einen Nerv getroffen, aber ich zwinge mich, mir nichts anmerken zu lassen. Dass er recht hat, muss er ja nicht wissen."
- Beispiel: "Intensivere Gewinnabschöpfung soll organisierte Kriminalität am Nerv treffen."
- Beispiel: "Die Gewerkschaft will unter anderem die Datenverarbeitungszentralen bestreiken und damit die öffentliche Verwaltung an einem zentralen Nerv treffen."
- Beispiel: "Der erste Putsch in Zentralamerika seit Ende des Kalten Kriegs hat in ganz Lateinamerika einen sensiblen Nerv getroffen"
- Die aktuelle Stimmungslage erfassen: Die aktuelle Stimmung, den Zeitgeist oder den Geschmack der Menschen treffen. In diesem Fall ist die Äußerung oder Handlung, die den Nerv trifft, positiv und erfolgreich.
- Beispiel: "Die TV-Serie 'Game of Thrones' hat einen Nerv getroffen."
- Beispiel: "Dass mit der Veranstaltung der Nerv getroffen wurde, zeigte die große Resonanz bei den Anmeldungen."
- Beispiel: "In den 80er Jahren war man Punk oder Popper, das hat alles dominiert. Heute studiert man an einer Elite-Uni, brüllt beim Fußball rum und ist rauchender Vegetarier - es ist schwieriger, einen Nerv zu treffen."
- Beispiel: "Das ist zwar kein Liebesroman, dürfte aber möglicherweise genau deinen Nerv treffen."
- Beispiel: "In Zeiten, in denen die Unsicherheit des Individuums angesagter ist denn je und man die gesellschaftliche Ursache gern zugunsten einer rein subjektiven und endlosen Selbstbefragung übergeht, dürfte die Ausstellung einen Nerv treffen."
Ursprung und Geschichte
Die Redewendung "den Nerv treffen" ist seit den 1830er Jahren schriftlich belegt. Der Ursprung liegt in der bildhaften Vorstellung, dass ein getroffener Nerv eine Reaktion wie Schmerz, Geschmacks- oder Temperaturempfindung auslöst. In übertragener Bedeutung wurde dies zunächst auf Einzelpersonen angewendet, später auch auf Gruppen oder Organisationen.
Das metaphorische Bild des "Nervs der Zeit" als empfindlicher Sensor der aktuellen Verhältnisse ist sogar noch älter. Bereits 1842 schrieb Theodor Mundt über Rahel Varnhagen von Ense: "Rahel war, wie wenige, durchaus ein mitempfindender Nerv der Zeit; Alles zitterte in ihr und nach, und erlebte in ihr, wie der Griff auf der Saite, tausend Schwingungen; sie war, könnte man sagen, das Alles am feinsten durchfühlende Nervensystem ihrer Zeit".
Die Redensart ist mindestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts geläufig. So heißt es im Magazin "Die Zeit": "Die Berliner nahmen die Filme mit größter Aufmerksamkeit auf, die den nackten Nerv der Zeit trafen".
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Handwerkliche Bezüge in Redewendungen
Interessanterweise finden sich im Deutschen viele Redewendungen, die ihren Ursprung im Handwerk haben. Einige Beispiele sind:
- "Klappern gehört zum Handwerk": Wer gute Arbeit leistet, darf auch darauf aufmerksam machen.
- "Etwas im Schilde führen": Einen Plan haben, oft einen geheimen oder genialen.
- "Aus dem Nähkästchen plaudern": Geheimnisse und kleine Einblicke teilen.
- "Ein Geselle sein": Für Können, Verantwortung und Stolz stehen.
- "Viele Hände, schnelles Ende": Im Team geht die Arbeit leichter von der Hand.
- "Dampf ablassen": Sich Luft machen, bevor der Druck zu groß wird.
- "Im Schweiße deines Angesichts": Etwas mit harter Arbeit schaffen.
- "Das ist Arbeit wie beim Uhrmacher": Wenn es auf Präzision ankommt.
- "Etwas in Scherben schlagen": Etwas geht gründlich schief.
- "Nach Strich und Faden": Etwas ordentlich und sorgfältig machen.
- "Wer rastet, der rostet": Wer stehen bleibt, verliert den Anschluss.
- "Jeder ist seines Glückes Schmied": Das eigene Glück selbst in die Hand nehmen.
- "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen": Meisterschaft erfordert Übung und Erfahrung.
- "Alles hat Hand und Fuß": Etwas ist durchdacht, solide und verlässlich.
- "Jemanden einen Korb geben": Eine Absage erteilen.
- "Passt wie angegossen": Etwas passt perfekt.
- "Sich verheddern, den Faden verlieren": Durcheinanderkommen.
- "Auf Messers Schneide stehen": Eine Situation ist extrem heikel.
- "Einen Dämpfer bekommen": Einen Rückschlag erleben.
- "Einen Zahn zulegen": Sich beeilen, schneller arbeiten.
- "Eine Schraube locker haben": Verrückt oder ungewöhnlich sein.
- "Auf gut Glück!": Etwas riskieren, auf den Zufall vertrauen.
- "Nägel mit Köpfen machen": Dinge sauber und vollständig erledigen.
- "Alles in Butter": Alles ist in Ordnung.
- "Himmel, Arsch und Zwirn": Ein kreativer Fluch aus dem Schneiderhandwerk.
- "Jemanden geht ein Mühlrad im Kopf herum": Grübeln, keine Ruhe finden.
- "Die Feuerprobe bestehen": Etwas Schwieriges meistern, sich beweisen.
- "Handwerk hat goldenen Boden": Das Handwerk bietet eine sichere wirtschaftliche Grundlage.
- "Einen Schnitzer machen": Einen Fehler machen.
- "Eine lange Leitung haben": Langsam verstehen.
- „Das geht (ja) wie’s Brezelbacken!“ oder auch „Läuft wie geschmiert!“: Etwas gelingt mühelos.
- "Jemanden zeigen, wo der Hammer hängt": Jemand ist erfahren und kompetent oder setzt sich durch.
- "Blau machen": Nicht zur Arbeit gehen (ursprünglich wegen des Färbens von Stoffen).
Diese Beispiele zeigen, wie stark das Handwerk unsere Sprache geprägt hat und wie viele Redewendungen auf handwerkliche Tätigkeiten und Erfahrungen zurückgehen.
Neurologische Aspekte: Die Reparatur des Nervensystems
Auch in der Neurologie spielt der Begriff "Nerv" eine zentrale Rolle. Die Forschung arbeitet intensiv daran, Wege zu finden, um Nervenschäden zu reparieren und dieFunktion des Nervensystems wiederherzustellen.
Ein vielversprechender Ansatz ist die Behandlung mit Chondroitinase, einem Enzym, das bestimmte Moleküle abbaut, die das Nachwachsen von Nervenfasern blockieren. Studien an Ratten haben gezeigt, dass diese Behandlung in Kombination mit gezieltem Bewegungstraining die Bewegungsfähigkeit nach Rückenmarksverletzungen verbessern kann.
James Fawcett von der Universität Cambridge erklärt: "Im Rückenmark sind diese Moleküle an der Narbenbildung beteiligt. Dadurch können verletzte Nervenfortsätze nicht mehr nachwachsen. Diese besonderen Moleküle bilden aber auch eine Barriere um gesunde Nervenzellen und verhindern dadurch, dass diese neue Verbindungen knüpfen können." Durch die Beseitigung dieser Barriere wird die Plastizität des Nervensystems wiederhergestellt, und die Nervenfortsätze können wieder nachwachsen.
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Allerdings ist es wichtig, dass die nachwachsenden Nervenzellen die richtigen Verbindungen knüpfen. Daher ist gezieltes Bewegungstraining unerlässlich, um die nützlichen Verbindungen zu stärken und die überflüssigen abzubauen.
Die Behandlung mit Chondroitinase ist noch nicht für den Menschen zugelassen, aber die Forschungsergebnisse sind vielversprechend. Experten gehen davon aus, dass in Zukunft eine Kombination verschiedener Behandlungsmethoden erforderlich sein wird, um Nervenschäden effektiv zu reparieren.
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