Der Mensch als Nervensystem: Eine philosophische Betrachtung

Die Frage nach dem freien Willen beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Philosophen und Wissenschaftler haben sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt, ohne eine endgültige Antwort zu finden. Dieser Artikel beleuchtet die philosophischen und neurowissenschaftlichen Aspekte des menschlichen Nervensystems im Zusammenhang mit der Frage nach dem freien Willen.

Die Illusion der Wahlfreiheit?

"Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will." Dieses Zitat von Arthur Schopenhauer verdeutlicht die Komplexität des Themas. Im Alltag erleben wir uns als freie Akteure, die Entscheidungen treffen. Doch sind diese Entscheidungen wirklich frei, oder sind sie das Ergebnis neuronaler Prozesse, die außerhalb unseres Bewusstseins ablaufen?

Das Libet-Experiment und seine Interpretation

Ein Meilenstein in der neurowissenschaftlichen Erforschung des freien Willens war das Experiment von Benjamin Libet in den 1980er-Jahren. Libet fand heraus, dass die Entscheidung, eine Hand zu heben, bereits gefallen war, bevor die Testpersonen sich dessen bewusst wurden. Zudem konnte er einen Anstieg elektrischer Hirnströme, das sogenannte Bereitschaftspotenzial, schon eine Sekunde vor der Bewegung messen.

Diese Ergebnisse wurden von Kritikern des freien Willens als Beweis dafür interpretiert, dass das Gehirn die Entscheidung trifft und der Mensch nur glaubt, diese sei eine Folge seines Willens. Allerdings ist die Interpretation des Libet-Experiments bis heute umstritten. Einige Kritiker argumentieren, dass das Bereitschaftspotenzial nicht die Ursache für die Entscheidung ist, sondern lediglich die Wahrscheinlichkeit für eine Bewegung erhöht.

Determinismus versus freier Wille: Zwei konträre Positionen

In der Debatte um den freien Willen stehen sich zwei Lager gegenüber: Deterministen und Libertarier. Deterministen, wie der Psychologe Robert M. Sapolsky, gehen davon aus, dass das Handeln des Menschen eine Folge von molekularen und zellulären Abläufen ist, die nicht willentlich beeinflusst werden können. Der Neurogenetiker Kevin J. Mitchell hingegen argumentiert, dass ein freier Wille existiert und sogar ein Produkt der Evolution ist.

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Die unterschiedlichen Standpunkte der beiden Neurowissenschaftler verdeutlichen die Schwierigkeit, den Begriff des freien Willens zu definieren. Was bedeutet "Wille" überhaupt, und was verstehen wir unter "frei"?

Was ist "Wille"?

Herwig Baier argumentiert, dass alle Lebewesen einen Willen haben, da sie Absichten verfolgen, um am Leben zu bleiben und sich zu vermehren. Sie lösen Aufgaben, um günstige Lebensbedingungen zu suchen und ungünstige zu vermeiden.

Was ist "frei"?

Die Frage, ob dieser Wille auch frei ist, ist jedoch umstritten. Der Philosoph Peter Bieri definierte eine Handlung als frei, wenn sie mit dem übergeordneten Ziel oder Urteil des Handelnden übereinstimmt. Demzufolge könnten auch Tiere "frei" sein. Daniel Dennett hingegen vertrat den Standpunkt, dass nur der sprachbegabte Mensch einen freien Willen besitzt.

Baier betont, dass "Freiheit" kein eindeutig definierter Begriff ist. Für manche bedeutet es die Möglichkeit, aus einer Fülle von Optionen eine auswählen zu können, während andere dies als zufällige Entscheidungen betrachten würden. Viele Menschen fühlen sich unwohl bei dem Gedanken, dass ihre Willensfreiheit von Nervenzellaktivität, Hormonen, Stoffwechsel und ihrer persönlichen Lebensgeschichte eingeschränkt wird.

Die neurobiologische Perspektive: Entscheidungen im Gehirn

Unabhängig von der philosophischen Konzeption äußert sich ein Wille in der Fähigkeit, aus verschiedenen Handlungsoptionen eine auszuwählen. Wie sich ein Organismus in einer bestimmten Situation entscheidet und was ihn dabei beeinflusst, lässt sich im Labor untersuchen.

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Herwig Baier und sein Team untersuchen die Gehirne von Zebrafischlarven, deren Körper und Gehirn weitgehend durchsichtig sind. Die Forschenden möchten herausfinden, welche Nervenzellen aktiv sein müssen, damit die Fischlarven ein bestimmtes Verhalten zeigen.

Die Larven werden mit simulierten Kollisionskursen konfrontiert und müssen sich entscheiden, wohin sie schwimmen. Die Forscher haben einen Schaltkreis aus Nervenzellen im Mittelhirn identifiziert, der für diese Entscheidungen verantwortlich ist. Dieser Schaltkreis ist die neuronale Umsetzung des Willens - allerdings nur für diese spezielle Verhaltensentscheidung. In anderen Situationen "beschließen" andere Netzwerke. Aus neurobiologischer Sicht gibt es nicht die eine Entscheidungszentrale und den einen Sitz des Willens, sondern viele.

Einflussfaktoren auf Entscheidungen

Die Verhaltensstrategien der Fischlarven laufen nicht immer nach dem gleichen Schema ab. Ein und derselbe Fisch kann sich einmal so und einmal anders entscheiden. Die Verdrahtung im Gehirn erlaubt unterschiedliche Verhaltensantworten auf den identischen Reiz.

Körperliche Zustände beeinflussen die Entscheidung maßgeblich. Je nachdem, ob ein Tier hungrig oder satt, gestresst oder entspannt ist, wird es sich im Mittel anders entscheiden. Auch zuvor gemachte Erfahrungen wirken sich aus. Innere und äußere Einflussfaktoren lösen angepasste Verhaltensweisen aus, die nicht nur einem simplen Reiz-Antwort-Muster folgen.

Mentale Navigation und Planung

Um komplexe Entscheidungen sinnvoll treffen zu können, muss ein Organismus seine individuelle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Kopf haben. Er muss sich an zurückliegende Ereignisse erinnern, sich auf aktuelle Anforderungen fokussieren und vorhersehen können, was seine Handlungen bewirken werden.

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Unklar ist aber noch, ob die Tiere auch die Fähigkeit zur mentalen Navigation besitzen - ob sie sich also geistig einen Weg vorstellen können, den sie nehmen werden.

Freier Wille oder Bewusstsein? Eine Begriffsverwirrung

Die Frage nach dem freien Willen wird oft mit der Frage nach dem Bewusstsein vermischt. Dies führt zu einer falschen Interpretation des Libet-Experiments: Der Zeitpunkt, zu dem die Probanden nach eigener Aussage entschieden haben, den Arm zu heben, ist möglicherweise gar nicht der Moment der Entscheidung, sondern der, in dem ihnen die zuvor getroffene Entscheidung bewusst wurde. Die Entscheidung, ob sie nun frei oder unfrei war, benötigt etwas Zeit, bis wir sie als solche wahrnehmen.

Die Vermischung der Begriffe verkompliziert die Sache, denn was Bewusstsein eigentlich ist, wie man es messen kann und welche Tierarten eines besitzen, ist ähnlich komplex wie die Frage nach der Existenz eines freien Willens.

Die Illusion des freien Willens

Der Mensch nimmt sein Bewusstsein als etwas vom Gehirn Losgelöstes wahr. Es ist fraglich, ob es in unserem Kopf mehr gibt als miteinander verschaltete Nervenzellen und elektrische Signale.

Vielleicht hat es sich in der Evolution als nützlich erwiesen, eine solche Illusion zu haben: Ein Organismus überlebt möglicherweise eher, wenn er sich als Individuum wahrnimmt, das eigenständig entscheidet und handelt. Sie könnte aber auch nur ein Nebenprodukt eines hoch komplexen und dynamischen Nervenzellnetzwerks sein, ohne Zweck und ohne Nutzen und vor allem ohne Wirkung auf unsere Entscheidungen.

Schuld und Strafe: Praktische Konsequenzen der Debatte

Die Diskussion über einen freien Willen hat durchaus praktische Konsequenzen, insbesondere für die Rechtsprechung. Wenn das Verhalten eines Individuums von Evolution, Biografie und neurophysiologischen Vorgängen vorbestimmt wäre, dann hätte dieses ja gar keine Wahl.

Robert Sapolsky folgert daraus, dass die Justiz dies bei der Strafbemessung berücksichtigen sollte. Ein Gerichtsurteil kann keine persönliche Schuld feststellen, denn diese gibt es nicht. Umgekehrt sollten Wohlverhalten und Leistung viel weniger oder überhaupt nicht belohnt werden.

Herwig Baier ist da anderer Meinung. Seiner Ansicht nach ergibt es durchaus Sinn, Menschen für ihr Tun zur Verantwortung zu ziehen: „Das Ahnden von Gesetzesübertretungen dient vor allem der Abschreckung. Ein Rechtssystem muss von der Autonomie des Individuums ausgehen, selbst wenn diese eine Illusion ist.“ Denn genau diese abschreckende Wirkung funktioniert dann wie einer der äußeren Faktoren, welche die Entscheidung eines Menschen im Uhrenladen beeinflussen und ihn vom Diebstahl abhalten.

Spiritualität und Wissenschaft: Zwei Wege zur Erkenntnis?

Die Frage nach dem freien Willen berührt auch spirituelle und religiöse Vorstellungen. Thomas Metzinger sieht Erkenntnis als gemeinsames Ziel von Spiritualität und Wissenschaft. Wissenschaft strebt nach Welterkenntnis, Spiritualität nach Selbsterkenntnis.

Metzinger diskutiert die Möglichkeit eines Weiterlebens nach dem Tod des Körpers und kommt zu dem Schluss, dass die Vorstellung einer immateriellen Seele und damit verbunden eines Lebens nach dem Tod wissenschaftlich unplausibel ist. Die Beweislast für die Annahme einer immateriellen Seele liegt bei demjenigen, der sie trifft.

Er kritisiert auch die Haltung des Agnostizismus, "weil die Beweislast so ungleich verteilt ist". Anstatt über "das Sein" Gottes zu philosophieren, sollte man die Frage in den Vordergrund stellen: Was meinen Menschen, wenn sie von "Gott" sprechen?

Descartes' Dualismus von Leib und Seele

Der französische Philosoph René Descartes glaubte, dass das Gehirn als oberste Instanz den Körper steuert. Er vertrat die Theorie von Leib und Seele als getrennten Einheiten, die über die Zirbeldrüse im Gehirn miteinander wechselwirken.

Descartes sah den menschlichen Körper als mechanisch funktionierende Maschine, die vom Gehirn koordiniert wird. Die Nerven sind hohl und mit Ventilen versehen. Der gasförmige Lebensgeist lässt so die Muskeln hart werden und pumpt gewissermaßen die Gliedmaßen auf.

Die Seele, die Welt des Gedanklichen, habe keine umrissenen Grenzen im Raum und sei immateriell. Aber sie sorge für Gefühle, bewusste Wahrnehmungen, Nachdenken und willentliche Handlungen. Nur Menschen würden über sie verfügen. Tiere sah der Philosoph als reine Maschinen an.

Heute gilt die Zweiteilung von Leib und Seele in der Hirnforschung als überholt. Auch ein Interaktionszentrum im Gehirn konnte nie entdeckt werden. Die balonistische Theorie ist seit langem durch das Verständnis von der Nervenreizleitung über elektrische Erregung abgelöst.

Die Geschichte der Hirnforschung: Metaphern und Irrwege

Die Geschichte der Hirnforschung ist reich an Metaphern, mit denen sie sich ihren Gegenstand zu erklären sucht. Vom Römischen Brunnen über die Orgel bis hin zum Telegrafen und Computer - die Hirnforschung hat sich immer wieder an den Leit-Technologien ihrer Zeit orientiert.

Die Hirnforschung hat im Laufe der Geschichte auch Irrwege beschritten. Die Phrenologie von Franz Joseph Gall, die alle Fähigkeiten des Menschen in streng umrissenen Schädelbereichen verortete, erwies sich als haltlos. Auch die Lokalisationstheorie, die aus Ausfallerscheinungen Rückschlüsse auf die Funktion der beschädigten Teile des Hirns zog, wurde für politische und soziale Zwecke missbraucht.

Schiller und die Psychosomatik

Der Dichter Friedrich Schiller war auch Arzt und beschäftigte sich intensiv mit dem Zusammenhang zwischen Körper und Geist. Er entwickelte eine eigene Theorie über eine "Mittelkraft", die in den Nervenkanälchen kreist und den Verkehr zwischen Leib und Psyche vermittelt.

Schiller wendet sich ab von der traditionellen Säfte- und Faserlehre und öffnet den Weg für ein Verständnis von Krankheit als Folge einer psychophysischen Wechselwirkung. Damit verweist Schiller schon früh auf die Bedeutung der Psychosomatik.

Die Frage nach dem freien Willen: Eine offene Herausforderung

Die Frage nach dem freien Willen bleibt eine offene Herausforderung. Die Neurowissenschaften haben wichtige Erkenntnisse über die neuronalen Grundlagen von Entscheidungen geliefert, aber sie haben die Frage nach der Willensfreiheit nicht beantwortet.

Die philosophische Auseinandersetzung mit dem Thema ist weiterhin relevant, um die Begriffe zu klären und die ethischen Konsequenzen der verschiedenen Standpunkte zu diskutieren.

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