Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), von der in Deutschland über 250.000 Menschen betroffen sind. Jährlich erhalten mehr als 10.000 Menschen die Erstdiagnose. Die Erkrankung beginnt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr und kann im Laufe der Zeit zu bleibenden neurologischen Einschränkungen führen. Angesichts der intensiven MS-Forschung und der daraus resultierenden neuen Erkenntnisse und Therapieoptionen hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) ihre S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der MS aktualisiert und erweitert.
Aktualisierte S2k-Leitlinie der DGN
Die aktualisierte und erweiterte S2k-Leitlinie der DGN zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose (MS) wurde veröffentlicht, um die Versorgung der MS-Patienten nach aktuellem Wissensstand zu gewährleisten. Die Leitlinie richtet sich an alle mitbetreuenden Versorgungsbereiche und berücksichtigt erstmals die Perspektiven von betroffenen Patientenvertretern. Herausgeber ist die Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
Beteiligte Fachgesellschaften und Organisationen
An der konsensbasierten Leitlinie haben zahlreiche Fachgesellschaften und Organisationen mitgewirkt, darunter die Schweizerische Neurologische Gesellschaft (SNG-SSN), die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), der Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) e. V., der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) e. V., die Deutsche Fachgesellschaft für Aktivierend-therapeutische Pflege (DGATP) e. V., die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) e. V., die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) Bundesverband e. V., der Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK) e. V., die Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) e. V., NeurologyFirst und die Neuromyelitis optica Studiengruppe (NEMOS).
Was ist neu in der Leitlinie?
Die aktualisierte Leitlinie beinhaltet mehrere wichtige Neuerungen:
- Vereinfachte MS-Diagnostik: Die Revision der McDonald-Diagnosekriterien 2017 hat die MS-Diagnostik vereinfacht. Liquoruntersuchung sowie MRT-Untersuchung mit definierten Sequenzen sind Standard. Erweiterte Labordiagnostik erfolgt nur bei entsprechendem klinischem Verdacht.
- MS-verwandte Erkrankungen: Neu aufgenommen wurden MS-verwandte Erkrankungen wie die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) und die MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen als eigenständige Krankheitsentitäten.
- Kategorisierung der MS-Medikamente: Die verlaufsmodifizierenden MS-Medikamente (DMT) wurden in drei Wirksamkeitskategorien eingeteilt, basierend auf der Schubratenreduktion aus den Zulassungsstudien.
- Kategorie 1: Betainterferone, Dimethylfumarat, Glatirameroide und Teriflunomid
- Kategorie 2: Cladribin, Fingolimod sowie Ozanimod
- Kategorie 3: Alemtuzumab, CD20-Antikörper (Ocrelizumab, off label Rituximab) und Natalizumab
- Immuntherapeutische Behandlung: Die immuntherapeutische Behandlung wird der Erkrankungsaktivität zugeordnet. Definierte Einstiegs-, Wechsel- und Ausstiegsszenarien werden vorgestellt, und es wird auf spezielle Situationen eingegangen (z. B. Schwangerschaft und Stillzeit sowie MS bei Älteren und Kindern/Jugendlichen).
- Medikamenten-Neuzulassungen: Die Leitlinie benennt explizit Medikamenten-Neuzulassungen, darunter drei sogenannte Sphingosin-1-Phosphat-(S1P-)Rezeptormodulatoren: Fingolimod (auch für Jugendliche und Kinder ab zehn Jahren mit hochaktiver, schubförmiger MS zugelassen), Siponimod (für aktive, sekundär progrediente MS) und Ozanimod (zur Behandlung bei aktiver schubförmig-remittierender MS). Ocrelizumab ist als erste Therapie der frühen PPMS (primär progrediente MS) zugelassen. Für schubförmige Erkrankungen des Neuromyelitis-optica-Spektrums (NMOSD) mit positiven AQP4-Antikörpern wird der humanisierte monoklonale Antikörper Eculizumab empfohlen.
Fortschritte in der MS-Therapie
Die Fortschritte in der MS-Therapie ermöglichen es, die Schubfrequenz und die messbare Krankheitsaktivität erfolgreich zu senken. Die verfügbaren Optionen erlauben eine individuelle, nach Verlauf, Krankheitsaktivität und persönlichem Risikoprofil adaptierte Therapie.
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Antikörpertherapien
Neue Antikörpertherapien haben sich als effektiv bei der Hemmung der Progression erwiesen. In den Phase-3-Studien ULTIMATE I und II wurde Ublituximab mit Teriflunomid verglichen. Eine gepoolte Post-hoc-Analyse zeigte, dass therapienaive Patientinnen und Patienten, bei denen das Auftreten erster MS-Symptome weniger als drei Jahre zurücklag, von einem frühen Einsatz des Antikörpers im Hinblick auf den Behinderungsgrad profitierten.
Ozanimod
Eine Real-World-Studie zur Beurteilung der Wirksamkeit und Sicherheit von Ozanimod bei Patientinnen und Patienten mit aktiver schubförmigen Multiplen Sklerose (RMS) zeigte, dass die Therapie mit einer geringen Schubrate, stabilem Behinderungsgrad und verbesserter kognitiver Verarbeitungsgeschwindigkeit assoziiert war, insbesondere in einer Kohorte mit einem relativ hohen Anteil an Patientinnen und Patienten im frühen Krankheitsstadium.
Ocrelizumab
Eine in Deutschland durchgeführte nicht-interventionelle Studie wertete Real-World-Daten von Patientinnen und Patienten mit aktiver schubförmigen Multiplen Sklerose (RMS) und primär progredienter Multiple Sklerose (PPMS) aus, die mit Ocrelizumab oder anderen DMTs therapiert worden waren. Es zeigte sich, dass es in den älteren Patientengruppen nach 48 Monaten weder zu einem Anstieg der Nebenwirkungsrate noch zu neuen Sicherheitssignalen kam. Bei der Mehrheit der RMS-Betroffenen kam es unter der Therapie nicht zu einer Veränderung des Behinderungsgrad und die jährliche Schubrate (ARR) war niedrig.
Bedeutung der Lebensqualität
MS kann die Lebensqualität von Patienten stark negativ beeinflussen. Besonders belastend sind dabei nicht nur die körperlichen Einschränkungen, sondern vor allem Symptome wie Fatigue, kognitive Probleme, Depressionen oder Angst. Kognitive Symptome der MS werden in der ärztlichen Praxis häufig unterschätzt oder bleiben unerkannt; für die Betroffenen haben sie jedoch eine hohe Relevanz.
DMSG-Aktivitäten und Forschungsprojekte
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) engagiert sich aktiv in der Forschung und fördert Projekte zur Verbesserung der Versorgung von MS-Patienten. Im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) präsentierte die DMSG wichtige Arbeiten und neue Forschungsprojekte. Dazu gehören Projekte zur Entzündung und Alterung als Treiber der Neurodegeneration bei der Multiplen Sklerose sowie zur facettenreichen Alterseinschätzung und Progression bei Multipler Sklerose.
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Die DMSG bietet zudem eine akkreditierte Zertifizierung an und fördert die Spezialisierung in der Versorgung gesetzlich versicherter MS-Patienten. Das MS-Register präsentiert erste Erkenntnisse und Herausforderungen bei dem Linkage von Krebsregisterdaten mit anderen medizinischen Registern (LinkMedR - Inzidenz von Krebserkrankungen bei Menschen mit MS).
Multiple Sklerose in der klinischen Praxis
In der klinischen Praxis wird der Begriff Multiple Sklerose für die Diagnose, Verlaufskontrolle und Behandlung einer heterogenen Patientengruppe verwendet. In Stellenausschreibungen ist er ein Hinweis auf spezialisierte Tätigkeitsfelder wie MS-Ambulanzen, klinische Studienzentren, neurologische Rehabilitation oder interdisziplinäre MS-Boards. Ein häufiger Fehler ist die ungenaue Verwendung des Begriffs, etwa als Sammelbegriff für alle entzündlichen ZNS-Erkrankungen. Ebenso problematisch ist die Annahme, dass alle Patienten denselben Krankheitsverlauf haben.
Physiotherapie und "Evidence goes Practice"
PHYSIO-DEUTSCHLAND übersetzt die Handlungsempfehlungen medizinischer Leitlinien in die physiotherapeutische Praxis. Der Info-Flyer Multiple Sklerose ist eine Veröffentlichung der Serie EgP in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapie Wissenschaft (DGPTW).
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