Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Oftmals manifestiert sich die MS zuerst durch eine Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis), wodurch der Augenarzt eine Schlüsselrolle bei der Diagnose spielen kann. In Deutschland erkranken jährlich etwa 2.500 Menschen an MS, wobei Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren überproportional betroffen sind (70 Prozent).
Frühsymptome der MS: Sehstörungen im Fokus
Ein plötzlicher Schmerz bei Augenbewegungen, gefolgt von einer Sehverschlechterung, kann ein erstes Anzeichen für MS sein. Viele Menschen mit MS geben Sehstörungen als erstes Symptom an. Die Entzündung des Sehnervs, auch Optikusneuritis genannt, stört den neuronalen Datenfluss vom Auge zum Gehirn.
Typische Symptome einer Optikusneuritis sind:
- Verschwommenes Sehen
- Eingeschränktes Farbensehen (Farben erscheinen blass oder verändert)
- Schmerzen bei Augenbewegungen
- Doppelbilder
- Das Sehen von Doppelbildern
- Die Bilder werden dunkler wahrgenommen
Diese Symptome werden oft als bedrohlich empfunden.
Die Diagnose der Optikusneuritis beim Augenarzt
Der Augenarzt kann in der Regel durch einen einfachen Pupillen-Test feststellen, ob eine Optikusneuritis vorliegt.
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Swinging-flashlight-Test: Im Dunkeln leuchtet der Arzt abwechselnd mit einer Lampe in jedes Auge. Reagiert die Pupille im schmerzhaften Auge langsamer, deutet dies auf einen "relativen afferenten Pupillendefekt" hin, der die gleiche Ursache wie die Sehstörung hat: Die Datenübertragung zum Gehirn ist beeinträchtigt.
Zusätzlich veranlasst der Augenarzt häufig eine Kernspintomographie (MRT) des Gehirns. Eine Entzündung des Sehnervs zeigt sich im MRT oft als Aufhellung. Manchmal sind auch Veränderungen an anderer Stelle im Gehirn erkennbar, was den Verdacht auf MS erhärtet.
Professor Dr. med. Klaus Rüther, Spezialist für neuroophthalmologische Erkrankungen in Berlin, betont jedoch, dass die MS-Diagnose erst dann gesichert ist, wenn im Laufe der Zeit weitere Entzündungsherde im Gehirn auftreten oder erste neurologische Symptome hinzukommen. Etwa die Hälfte aller Patienten mit einer Optikusneuritis entwickelt innerhalb von 15 Jahren eine MS. Daher ist eine Überweisung zum Neurologen ratsam.
Das Erkrankungsrisiko wird anhand der MRT-Bilder abgeschätzt. Treten bei dem Scan ein bis zwei Entzündungsherde auf, erkranken etwa 65 Prozent der Betroffenen später an MS.
Weitere diagnostische Möglichkeiten beim Augenarzt
Neben dem Pupillentest und der MRT stehen dem Augenarzt weitere Methoden zur Verfügung, um die Sehbahnfunktion zu beurteilen und das Monitoring der MS zu unterstützen.
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- Visuell evozierte Potentiale (VEP): Bei einer Sehnervenentzündung ist die Leitungszeit der Information vom Auge ins Gehirn verlängert.
- Optische Kohärenztomographie (OCT): Die OCT ist eine moderne, nicht-invasive Methode, die hochauflösende Schnittbilder der Netzhaut (Retina) liefert.
- Die Netzhaut enthält Nervenzellen und Nervenzellfortsätze, die bei MS abgebaut werden.
- Die OCT erfasst Veränderungen im Bereich der Netzhaut, die Rückschlüsse auf den Verlauf einer MS zulassen.
- Mit der OCT lässt sich der Substanzverlust (Nervenfaser-Schichtdicke und gesamte Netzhautdicke) diagnostizieren, der durch die Entzündung entsteht.
- Die OCT ist ein wichtiger prognostischer Marker für den weiteren Krankheitsverlauf und liefert wertvolle Zusatzinformationen zu MRT- und Nervenwasseruntersuchungen.
Privatdozent Dr. Benjamin Knier, Oberarzt an der Neurologischen Universitätsklinik im Klinikum rechts der Isar der TU München, sieht in der OCT ein vielversprechendes Instrument, um individuelle Risikoprofile für MS-Patienten zu erstellen und die Therapie entsprechend anzupassen.
Augenärztliche Mitbetreuung bei MS
Auch im weiteren Verlauf der MS kann der Augenarzt eine wichtige Rolle spielen. Das MS-Zentrum bittet häufig die ophthalmologischen Kollegen um Mitbetreuung von MS Patienten, wenn es um die Fragestellung geht, ob dem Sehproblem die Multiple Sklerose oder eine andere ophthalmologische Erkrankung zugrunde liegt.
Neben der Sehnervenentzündung können im Rahmen der MS auch andere Augenprobleme auftreten:
- Augenmuskelstörungen: Beeinträchtigung der Steuerung der Augenmuskeln, was zu Augenzittern (Nystagmus) oder Doppelbildern führen kann. Hier kann der Augenarzt symptomatisch helfen, zum Beispiel in der Sehschule.
- Uveitis (Regenbogenhautentzündung): MS-Patienten zeigen auch andere Entzündungserkrankungen im Bereich des Auges. Diese erfordern regelmäßige augenärztliche Kontrollen mit einer zielgerichteten Therapie, um die Augenfunktion zu erhalten.
Therapie der Optikusneuritis
Die Behandlung der Optikusneuritis erfolgt in der Regel mit hochdosierten Kortison-Infusionen in die Armvene. DOG-Experte Rüther betont jedoch, dass dies nicht zwingend notwendig sei, da Studien zeigen, dass sich die Patienten auch ohne Therapie in gleichem Maße von der Sehstörung erholen würden. Kortison kann den Prozess jedoch beschleunigen und die Schmerzen lindern.
Aktuell werden Medikamente wie Erythropoietin (EPO), Simvastatin und Anti-LINGO erprobt, die Sehschäden bei der Optikusneuritis mindern oder gar rückgängig machen sollen.
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Was tun bei Sehstörungen?
Wenn Sie unter Seh- und Augenbewegungsproblemen leiden, die Symptome wie verschwommenes Sehen, beeinträchtigtes Farbensehen, Doppelbilder oder Schwindel umfassen, ist es wichtig, einen Arzt zu konsultieren, um die zugrunde liegende Ursache zu ermitteln und eine angemessene Behandlung zu beginnen. Es ist entscheidend, Veränderungen zu erkennen und mit Ihrem Arzt zu besprechen, da sich die Symptome und ihre Intensität im Laufe der Zeit ändern können. Nutzen Sie bei Sehstörungen Hilfsmittel.
Die Rolle der Leitlinie zur Optikusneuritis
Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) und der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) haben unter Mitwirkung der Deutschen Neurologischen Gesellschaft eine Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Optikusneuritis erstellt. Diese Leitlinie fasst das aktuell verfügbare Wissen zusammen und dient als Orientierung für Ärzte.
Langfristige Aussichten und Kontrolluntersuchungen
Die Aussichten für Patienten mit einer typischen Optikusneuritis sind in Bezug auf das Sehvermögen gut. Die Sehschärfe steigt in der Regel innerhalb von fünf Wochen nach Auftreten der ersten Symptome wieder an. Eine gewisse Schwäche beim Farb- und Kontrastempfinden kann jedoch dauerhaft bestehen bleiben.
Kontrolluntersuchungen beim Augenarzt sind sinnvoll, um den Verlauf des Sehvermögens zu überwachen und die Behandlung gegebenenfalls anzupassen.