Dicke Beine können eine belastende Begleiterscheinung verschiedener Erkrankungen sein. Auch bei Multipler Sklerose (MS) können geschwollene Beine auftreten, obwohl sie nicht zu den klassischen Symptomen gehören. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen dicker Beine im Zusammenhang mit MS und stellt Behandlungsansätze vor.
Kälteempfindlichkeit und Durchblutungsstörungen bei MS
Viele MS-Patienten berichten über eine erhöhte Kälteempfindlichkeit, insbesondere in den Füßen. Einige Betroffene klagen über ständig kalte Füße, selbst bei warmen Temperaturen. Dieses Phänomen kann auf eine gestörte Thermoregulation zurückzuführen sein, die durch die MS verursacht wird. Die Füße fühlen sich dann oft kälter an, als sie tatsächlich sind.
Einige Betroffene berichten von Sensibilitätsstörungen, Taubheitsgefühlen in Händen, Füßen und Bauch, was das Kälteempfinden verstärken kann. Wärmflaschen, dicke Socken und Decken bringen oft nur wenig Linderung.
Ursachen für dicke Beine bei MS
Obwohl dicke Beine nicht direkt durch die MS verursacht werden, können Begleitumstände und Komplikationen der Erkrankung dazu beitragen:
Bewegungsmangel: MS kann zu motorischen Einschränkungen führen, die die Bewegung einschränken. Langes Sitzen oder Stehen verstärkt die Flüssigkeitsansammlung in den Beinen. Die Muskelpumpen in den Beinen sind dann nicht aktiv genug, um das Blut effizient zurück zum Herzen zu befördern.
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Medikamentennebenwirkungen: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS eingesetzt werden, können als Nebenwirkung Ödeme verursachen.
Inaktivität: Längere Inaktivität, insbesondere bei Rollstuhlfahrern, kann die Durchblutung beeinträchtigen und zu Ödemen führen.
Venenschwäche: Eine Venenschwäche oder chronisch venöse Insuffizienz kann ebenfalls zu geschwollenen Beinen führen. Wenn die Venen beschädigt sind, transportieren sie das Blut nicht mehr effizient zum Herzen, was zu einer Schädigung der Venenklappen führt. Dadurch steigt der Gefäßdruck in den Beinen an und mehr Flüssigkeit wird ins Gewebe gedrückt.
Lymphödem: In seltenen Fällen kann ein Lymphödem, eine chronische Erkrankung des Lymphgefäßsystems, bei MS-Patienten auftreten. Es kommt zu einer vermehrten Ansammlung von Lymphflüssigkeit, welche die Beine anschwellen lässt.
Andere Erkrankungen: Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für dicke Beine auszuschließen, wie Herzinsuffizienz, Nierenerkrankungen oder Lebererkrankungen, die die Flüssigkeitsregulation im Körper stören können. Manchmal sind geschwollene Beine auch Anzeichen einer Thrombose.
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Differentialdiagnose: Lymphödem vs. Lipödem
Es ist wichtig, zwischen einem Lymphödem und einem Lipödem zu unterscheiden, da beide Erkrankungen unterschiedliche Ursachen haben und unterschiedlich behandelt werden müssen.
Lipödem: Das Lipödem ist eine Fettverteilungsstörung, die vor allem an Oberschenkeln, Po, Unterschenkeln und (seltener) an Armen auftritt. Dabei erfolgt die Volumenzunahme symmetrisch, Füße und Zehen sind nicht betroffen. Es entsteht dabei ein ungleiches Körperbild, weil der Rumpf im Vergleich zu Hüfte und Beinen schlank bleibt. Viele Betroffene leiden unter starkem Druckschmerz und Spannungsgefühlen. Schon bei leichtesten Berührungen, sogenannten Bagatelltraumata, entstehen blauen Flecken. Im Verlauf der Erkrankung können die Beine so an Umfang zunehmen, dass diese im Oberschenkelbereich aneinander reiben und sich wundscheuern. Ein weiteres Symptom für ein Lipödem ist die Knötchenbildung im Unterhautfettgewebe, die sich zu sichtbaren Fettwülsten auswachsen kann.
Lymphödem: Hierbei staut sich die Lymphflüssigkeit im Gewebe, was selbiges anschwellen lässt. Ein Lymphödem kann auch an nur einer Gliedmaße auftreten, sich also unsymmetrisch entwickeln. Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn aufgrund einer Erkrankung die Lymphknoten teilweise entfernt werden müssen. Ein Test für das Vorliegen eines Lymphsystems ist das sogenannte Stemmersche Zeichen: Dabei ist die Hautfalte an der zweiten und dritten Zehe (Bein betreffend) oder am Finger (Arm betreffend) verdickt. In der Regel ist das Lymphödem nicht schmerzhaft, es sei denn, es liegt eine Entzündung vor.
Diagnostik
Bei länger anhaltenden oder wiederkehrenden geschwollenen Beinen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden. Erste Anlaufstelle kann die hausärztliche Praxis sein. Der Arzt fragt die betroffene Person zunächst nach ihrer Krankengeschichte (Anamnese), einschließlich der aktuellen Beschwerden und möglichen Begleiterkrankungen. Im Anschluss erfolgt eine Sicht- und Tastuntersuchung des betroffenen Körperteils, um den Zustand des Gewebes zu beurteilen und Schwellungen zu erkennen. Mittels einer Ultraschalluntersuchung (Dopplersonographie, Duplexsonographie) lässt sich der Blutfluss in den Venen darstellen. So können Rückschlüsse darüber gezogen werden, ob die oberflächlichen Venen oder das System der tiefen Beinvenen geschädigt sind. Möglicherweise sind weitere Untersuchungen notwendig, um die Ursache der Schwellungen zu ermitteln.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung dicker Beine bei MS zielt darauf ab, die zugrunde liegende Ursache zu behandeln und die Symptome zu lindern.
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Bewegung: Regelmäßige Bewegung, wie Gehen und spezifische Beinübungen, fördert die Blutzirkulation und hilft, Flüssigkeitsansammlungen zu reduzieren. Wer im Büro lange sitzen muss, kann durch verschiedene Übungen schweren Beinen vorbeugen. Eine Möglichkeit ist, die Füße zu flexen. Dazu die Zehen in Richtung Schienbein anziehen. Die Position kurz halten und anschließend die Füße bis in die Zehenspitzen nach vorne strecken. Die Übung acht bis zehn Mal im Wechsel durchführen.
Beine hochlegen: Das Hochlegen der Beine über das Herzniveau kann den Blutfluss verbessern und Schwellungen lindern. Zum Abschwellen von Unterschenkelödemen kann die Hochlagerung auf einem Venenkissen in den ersten Nachtstunden hilfreich sein.
Kompressionsstrümpfe: Diese helfen, den venösen Rückfluss zu unterstützen und Schwellungen zu verringern. Sie sind besonders bei Venenerkrankungen wirksam. Bei einem Lip- oder Lymphödem wird der Arzt im ersten Stadium rundgestrickte Strümpfe, bei stärkeren Ödemen flachgestrickte Kompressionsstrümpfe verschreiben. Das A und O bei der Kompressionstherapie ist die konsequente Anwendung der Strümpfe und die exakte Vermessung der Beine. Denn Kompressionsstrümpfe können nur wirksam sein, wenn sie wirklich passen und den entsprechenden Druck auf das Gewebe ausüben können! Übrigens gibt es eine Reihe von Anziehhilfen für die Strümpfe, um das Überziehen zu erleichtern.
Manuelle Lymphdrainage: Diese spezielle Massagetechnik wird von ausgebildeten Therapeuten durchgeführt, um den Lymphfluss anzuregen und den Stau aufzulösen. Im Anschluss an die Lymphdrainage wird die Kompressionstherapie angewendet, um den Effekt zu unterstützen.
Medikamentöse Behandlung: Bei Grunderkrankungen kann der Arzt Medikamente zur Unterstützung der betroffenen Organe und Diuretika zur Reduzierung von Flüssigkeitsansammlungen verordnen.
Ernährungsanpassung: Eine salzarme Diät kann helfen, den Blutdruck zu kontrollieren und die Flüssigkeitsansammlung zu verringern.
Gewichtsabnahme: Eine gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Aktivität helfen, Übergewicht abzubauen. So lässt sich der Druck auf die Venen reduzieren und Schwellungen werden verhindert.
Hautpflege: Eine gute Hautpflege und ein guter Hautschutz sind essenziell, weil Lymphödeme sich bei Wundinfektionen verstärken können. Entzündete Haut heilt bei einem Lymphödem schlecht, deshalb müssen Infektionen vermieden werden: Die Hautbarriere darf dafür nicht durchlässig werden. Spezielle Cremes helfen, um die Haut gut zu pflegen.
Hausmittel: Wenn geschwollene Beine harmlose Ursachen haben, können möglicherweise Hausmittel hilfreich sein. Kräutertees aus Brennnessel-, Birken- oder Petersilienblättern wirken harntreibend und können gegen Wassereinlagerungen helfen. Auch Wechselduschen mit abwechselnd warmem und kaltem Wasser fördern die Gesundheit der Blutgefäße und stärken die Muskulatur. Ein kalter Wickel auf den Beinen kann dazu beitragen, den Blutfluss zu verbessern und so Schwellungen lindern.
Chirurgische Maßnahmen: Chirurgische Maßnahmen wie ein Lymphknotentransfer oder ein Lymphgefäßbypass spielen in der Therapie nur eine sehr kleine Rolle. Dabei können Betroffene mittels eines kleinen operativen Eingriffs durchaus profitieren. Beim Lipödem kann in fortgeschrittenen Stadien eine Liposuktion (Fettabsaugung) in Erwägung gezogen werden.
Tipps für den Alltag
- Achten Sie auf Ihr Gewicht: Übergewicht sollte vermieden werden.
- Bewegen Sie sich: Wirklich jede Art von Bewegung tut Ihnen gut.
- Essen Sie bewusst: Gesund ist das oberste Gebot.
- Gönnen Sie sich Pausen: Es bringt nichts, sich zu überanstrengen. Wenn Ihr Körper Ihnen signalisiert, dass Sie ausruhen möchten, dann hören Sie darauf.
- Passende Kleidung wählen: Bequem muss es sein. Denken Sie daran, dass sich im Laufe des Tages die Beschwerden verdeutlichen. Dann ist man gut beraten, weite, luftige Kleidung zu tragen.
- Holen Sie sich Hilfe: Es gibt viele Selbsthilfegruppen, um sich auszutauschen, Tipps zu holen oder einfach mal sein Herz auszuschütten.