Die Naturwissenschaften, insbesondere Chemie und Physik, haben der Menschheit viele Vorteile gebracht, aber auch potenzielle Gefahren. Einige Substanzen sind lebensnotwendig, während andere eine Bedrohung darstellen. Dieser Artikel beleuchtet einige der gefährlichsten Nervengifte der Welt, von natürlich vorkommenden Toxinen bis hin zu synthetisch hergestellten Kampfstoffen.
Botox: Das vermeintlich harmlose Nervengift
Botox, oder Botulinumtoxin, mag überraschend auf einer Liste der gefährlichsten Nervengifte erscheinen, da es in der Schönheitsmedizin weit verbreitet ist. Es ist jedoch das giftigste Toxin der Welt. In verdünnter Form wird es zur Faltenglättung und zur Behandlung von Muskelspastiken eingesetzt. Botulinumtoxin wirkt, indem es die Erregungsleitung von Nervenzellen zu Muskelzellen hemmt.
Botulinumtoxin ist ein Stoffwechselprodukt anaerober Bakterien der Gattung Clostridium und entsteht bei verdorbenen Lebensmitteln, vor allem Fleisch- und Fischkonserven. Es blockiert die Erregungsleitung in den Nervenzellen und lähmt so die Muskeln. Im Tierversuch reichen unter Umständen schon einige billionstel Gramm Gift pro Kilogramm Körpergewicht. Sicherheitsfachleute sehen eine gewisse Gefahr, dass Attentäter den Stoff als Waffe einsetzen könnten.
Chlortrifluorid: Die Substanz, die fast alles in Brand setzt
Chlortrifluorid (ClF3) ist eine extrem reaktive Chemikalie, die beim Kontakt mit fast allen Materialien sofort in Flammen aufgeht. Diese Eigenschaft wird als Hypergolität bezeichnet. Selbst Materialien wie Ziegelsteine oder Glas können mit Chlortrifluorid in Brand gesetzt werden. Bei einem Unfall in den 1950er Jahren brannte sich eine Tonne Chlortrifluorid durch 30 Zentimeter Beton und einen Meter Sand und Geröll.
Chlortrifluorid ist ein stärkeres Oxidationsmittel als Sauerstoff und greift daher auch normalerweise unbrennbare Oxide an. Einige Metalle widerstehen dem Stoff nur, weil sich an ihrer Oberfläche eine schützende Schicht Metallfluorid bildet. In der Chipherstellung wird Chlortrifluorid zur Reinigung von Apparaturen eingesetzt.
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Dimethylcadmium: Ein Schwermetall zum Einatmen
Dimethylcadmium ist eine besonders gefährliche Chemikalie, da sie sowohl Cadmium enthält, das krebserregend ist und Organe und Knochen angreift, als auch flüchtig ist, was bedeutet, dass sie leicht eingeatmet oder aufgenommen werden kann. Cadmium schädigt die Leber und macht die Knochen weich und instabil. Eine akute Cadmiumvergiftung führt meist durch Nierenversagen zum Tod. Dimethylcadmium ist reaktiv mit Sauerstoff, und der Dampf kann sich spontan entzünden und einen hochgiftigen Nebel aus Cadmiumoxid freisetzen.
Fluor-Antimonsäure: Die stärkste Säure der Welt
Fluor-Antimonsäure, auch bekannt als Fluorsulfonsäureantimon(V)-fluorid, ist die stärkste bekannte Säure. Sie kann sogar Edelgase und reaktionsträge Stoffe verändern. Diese Supersäure entsteht durch die Kombination von Antimon(V)fluorid und flüssigem Fluorwasserstoff. Das Fluoronium-Ion H2F+ ist eine immens starke Säure, die sogar mit Kohlenwasserstoffen reagiert, die durch Säuren normalerweise nicht angegriffen werden.
Thioaceton: Der unerträgliche Gestank
Thioaceton ist weder giftig noch explosiv, aber sein extrem durchdringender Geruch macht es zu einer gefährlichen Substanz. Selbst ein winziger Tropfen kann hunderte Meter weit gerochen werden. Verdünnung hilft kaum. Thioaceton ist chemisch instabil und neigt zur Polymerisation, wobei explosive Gemische entstehen können.
Nowitschok: Ein tödliches Nervengift aus Russland
Nowitschok ist eine Gruppe von Nervengiften, die in der Sowjetunion entwickelt wurden. Sie lösen eine Protein-Kettenreaktion aus, die unbehandelt schnell zum Tod führen kann. Nowitschok hemmt die Cholinesterase, ein Enzym, das für den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin wichtig ist. Dies führt zu einer ungehemmten Reizüberflutung des Nervensystems, was zu Muskelkrämpfen, Atemproblemen und schließlich zum Tod führt. Als Gegengift wird Atropin eingesetzt, das die Wirkung des Acetylcholin-Bombardements abschwächt.
Die Sowjetunion produzierte Nowitschok-Verbindungen, um die Chemiewaffenkonvention zu umgehen, indem sie zwei nicht oder nur wenig giftige Komponenten herstellte, die erst beim Mischen das eigentliche Nervengift bilden. Nach der heutigen Chemiewaffenkonvention sind auch die Einzelbestandteile verboten.
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Rizin: Ein tödliches Pflanzengift
Rizin stammt aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis) und hemmt die Proteinbiosynthese, wodurch kontaminierte Zellen absterben. Symptome einer Rizin-Vergiftung sind Übelkeit, Erbrechen, Fieber, Durchfall und Schädigung von Niere, Leber, Magen und Darm. Der bulgarische Schriftsteller Georgi Markow wurde 1978 in London mit Rizin ermordet.
Weitere gefährliche Gifte
Die Welt ist voller gefährlicher Gifte, die von Tieren, Pflanzen oder durch synthetische Prozesse stammen können. Hier sind einige weitere Beispiele:
- Polonium-210: Ein radioaktives Isotop, das sich im Körper verteilt und Zellen zerstört. Es wurde beim Mord an Alexander Litwinenko eingesetzt.
- Maitotoxine: Eine Gruppe mariner Gifte, die in Algen vorkommen und durch den Verzehr von Fischen aufgenommen werden können. Sie erhöhen den Fluss von Kalzium-Ionen im Herzmuskel und führen zum Herztod.
- Palytoxin: Das zweitstärkste Toxin, das nicht auf Aminosäuren basiert. Es kommt in Weichkorallen und Krustenanemonen vor.
- Abrin: Ein pflanzliches Toxin aus der Paternostererbse, das chemisch mit Rizin verwandt ist.
- Batrachotoxin: Das Gift der südamerikanischen Pfeilgiftfrösche, das Natriumkanäle hemmt und zu Muskelkrämpfen und Tod führt.
- VX: Ein chemischer Kampfstoff, der über Augen und Atemwege in den Körper aufgenommen wird und die Atemmuskulatur lähmt.
- TCDD: Ein Dioxin, das Aufmerksamkeit nach dem Giftanschlag auf Wiktor Juschtschenko erlangte.
- Landkarten-Kegelschnecke (Conus geographus): Eines der giftigsten Tiere der Welt, dessen Gift ein Cocktail aus hunderten verschiedenen Toxinen ist.
- Aflatoxin B1: Ein Krebsgift aus Schimmelpilzen der Gattung Aspergillus.
- Isocyanogentetraazid: Eine explosive Chemikalie, die im Wesentlichen bei allem explodiert.
- Selenophenol: Ein Stoff, der ähnlich wie Senfgas wirkt und bei Hautkontakt schwer heilende Blasen verursacht.
- Nickeltetracarbonyl: Eine Flüssigkeit, die bereits bei gängigen Zimmertemperaturen langsam verdunstet und eines der stärksten bekannten Inhalationsgifte ist.
Die Schädlichkeit von Substanzen: Eine komplexe Betrachtung
Die Schädlichkeit einer Substanz wird nicht nur durch ihre Toxizität definiert, sondern auch durch die Wahrscheinlichkeit der Exposition und die Auswirkungen auf die Gesellschaft. Eine Studie aus dem Jahr 2010 ordnete psychoaktive Substanzen nach ihrer Schädlichkeit. Die illegalen Drogen Crack, Methamphetamin und Heroin belegten die ersten drei Plätze, aber die legale Droge Alkohol landete bereits auf Platz vier, was auf ihre weite Verbreitung und die damit verbundenen sozialen Schäden hinweist.
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