Die Nerven, ein Noise-Rock-Trio aus Stuttgart, haben sich seit ihrem Durchbruchsalbum "Fun" (2014) zu Lieblingen des deutschen Feuilletons entwickelt. Ihre Konzerte sind bekannt für eine explosive Mischung aus brachialem Punk, politischer Verspieltheit und tanzender Ekstase. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte ihrer Auftritte, von intimen Clubshows bis hin zu Festivalauftritten im renommierten Berghain.
Live-Erlebnisse: Zwischen Moshpit und Kontemplation
Ein Konzert der Nerven ist ein Erlebnis, das sich schwer in Worte fassen lässt. Die Berichte von Fans und Kritikern zeichnen ein vielschichtiges Bild: Einerseits die rohe Energie eines Punkkonzerts mit Moshpits, verschüttetem Bier und dem Gefühl, Teil eines unkontrollierten Chaos zu sein. Andererseits die Möglichkeit, sich vom Sound der Band fesseln zu lassen, in Ruhe zu genießen und die subtilen Botschaften in ihren Texten zu entdecken.
So beschreibt ein Fan sein Erlebnis in Jena: "Hochgelobt, politisch verspielt, brachial verpunkt, tanzend verweht. So und nicht anders kann man den Abend mit Die Nerven in einem kurzen Sätzchen zusammenfassen." Die Band schaffe es, das Publikum von der ersten Sekunde an in ihren Bann zu ziehen und eine Atmosphäre zu erzeugen, die sowohl zum wilden Tanzen als auch zum Nachdenken anregt.
Ein Konzertbericht aus dem Berghain Kantine in Berlin verdeutlicht diese Ambivalenz: "Ich für meinen Teil kann mich vom Sound der Nerven völlig in Ruhe fesseln lassen oder wie von einem Schrapnell angeschossen abtanzen. Irgendwie geht immer beides!" Die Musik der Nerven ist demnach nicht nur Lärm, sondern auch Kunst, die sowohl den Körper als auch den Geist anspricht.
Die Nerven im Berghain: Eine besondere Beziehung
Das Berghain, bekannt für seine kompromisslose Türpolitik und seine exzessiven Partys, scheint auf den ersten Blick ein ungewöhnlicher Ort für eine Band wie Die Nerven zu sein. Doch die Konzerte der Band in der Kantine des Berghains haben sich zu einem festen Bestandteil ihrer Tourneen entwickelt.
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Ein Grund dafür mag die Vielseitigkeit des Publikums sein. Im Berghain treffen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen und musikalischer Vorlieben aufeinander. So finden sich bei einem Nerven-Konzert im Berghain nicht nur eingefleischte Punkfans, sondern auch ein "mittelaltes eher bürgerlich wirkendes Publikum", das den Krach der Band genießt.
Ein weiterer Grund könnte die besondere Atmosphäre des Berghains sein. Der Club ist ein Ort der Freiheit und der Selbstentfaltung, an dem man sich fallen lassen und seine Individualität ausleben kann. Diese Atmosphäre passt gut zu der Musik der Nerven, die sich oft mit Themen wie Entfremdung, Identität und gesellschaftlicher Kritik auseinandersetzt.
Kevin Kuhn: Der entfesselte Schlagzeuger als Entertainer
Ein besonderes Merkmal der Nerven-Konzerte ist die Performance von Schlagzeuger Kevin Kuhn. Er ist nicht nur ein virtuoser Musiker, sondern auch ein Entertainer, der das Publikum mit seiner Energie und seiner Theatralik in seinen Bann zieht.
"Es wäre kein gültiges Nerven-Konzert, wenn nicht Kevin Kuhn als schlagender Entertainer die knappen 90 Minuten hindurch seine verführerische Theatralik uns anheim spielt", heißt es in einem Konzertbericht. Kuhn stehe beim Spielen immer wieder hinter seinem Schlagzeug auf, drehe auf, reiße die Augen auf und treibe seine Kollegen nach vorne.
Seine Performance wird oft als "verführerisch" und "theatralisch" beschrieben. Er turnt zwischen den Toms und Becken seiner Schießbude herum, als würde es das Wort Auslastung für ihn nicht geben. Dabei wirke er nie angestrengt, sondern stets mit vollem Einsatz und Hingabe bei der Sache.
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"Neue deutsche Kälte": Dissens als Grundgefühl
Die Nerven werden oft als Teil einer "Postpunk-Revivals" bezeichnet, das mit Bands wie Kreisky, Karies, Messer, Human Abfall oder Pisse begann. Der Bayrische Rundfunk nannte diese Szene einmal "Neue deutsche Kälte".
Das Grundgefühl, das diese Bands eint, ist der Dissens: Ein großes, fundamentales Angepisstsein. Und wie könnte man das besser vermitteln als mit deutschen Texten? "Her mit euren Lügen, her mit eurem Leid", singt Max Rieger im Titelsong von "Fake".
Die Nerven sind jedoch mehr als nur eine Band, die ihren Unmut zum Ausdruck bringt. Sie sind auch Intellektuelle, die sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinandersetzen. Ihre Texte sind oft vielschichtig und interpretationsbedürftig, was sie für ein breites Publikum interessant macht.
Das Album "Live im Elfenbeinturm": Die Nerven live erleben
Wer die Nerven noch nicht live erlebt hat, kann sich mit dem Livealbum "Live im Elfenbeinturm" einen Eindruck von ihren Konzerten verschaffen. Das Album fängt die Energie und die Atmosphäre ihrer Auftritte gut ein und zeigt, mit welcher Leichtigkeit die Band bekannte Studioversionen live ausdehnt und mit ihnen experimentiert.
"Wer es noch nicht wusste, erfuhr auf diesem Tonträger, mit welcher Leichtigkeit das Stuttgarter Noise-/Punk-Trio bekannte Studioversionen live ausdehnt und mit ihnen experimentiert", heißt es in einer Rezension des Albums. "Uninspirierte Jams existieren nicht. Stattdessen bauen sie in Mittelteilen Crescendi auf, die in die lauteren zweiten Hälften der Songs überleiten."
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Das Album ist somit nicht nur ein Dokument der Live-Qualitäten der Nerven, sondern auch ein Beweis für ihre Kreativität und ihre Fähigkeit, ihre Musik immer wieder neu zu erfinden.