Die Geschichte Israels ist eng mit der Bewältigung traumatischer Erfahrungen verbunden. Um psychische Erkrankungen nach solchen Erlebnissen vorzubeugen, fördert Israel systematisch die Forschung, Prävention und Behandlung von Traumafolgestörungen. Die Israel Trauma Coalition (ITC) bildet seit vielen Jahren alle relevanten Berufsgruppen aus und verfügt über ein tiefes Verständnis für die notwendigen Kenntnisse und Maßnahmen in der psychosozialen Versorgung.
Psychiatrie in Deutschland: Von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg
In Deutschland konzentrierte sich die Psychiatrie lange auf die Hirnforschung und die Kartierung von Hirnarealen. Halle an der Saale gilt als einer der Orte, an denen die Psychiatrie vor über zwei Jahrhunderten als Wissenschaft entstand, insbesondere durch das Wirken von Johann Christian Reil. Sein Credo "Kur statt Kette" forderte die Abkehr von gefängnisartigen Unterbringungen und den Aufbau von Heilanstalten.
Am Rande von Halle entstand eine großzügige psychiatrische Klinik der Universität, in der die Hirnforschung im Mittelpunkt stand. Die Entdeckung des Zentrums der Sprachproduktion durch Paul Broca (1862) und des Areals des Sprachverständnisses durch Carl Wernicke (1874) markierten wichtige Fortschritte.
Der Erste Weltkrieg stellte einen Wendepunkt dar, der zu intensiven Diskussionen über organische versus psychische Ursachen von psychischen Erkrankungen führte. Die Frage, ob Betroffene an die Front zurückgeschickt oder als Patienten behandelt werden sollten, spaltete die Gemüter.
Die Entwicklung der Psychiatrie im 20. Jahrhundert: Kategorisierung und Euthanasie
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg differenzierte sich die Psychiatrie weiter aus. Patienten wurden in Kategorien eingeteilt: heilbare, pflegebedürftige und solche, bei denen man aufgrund von Erblehren keine Heilung erwartete. Die nationalsozialistische Ideologie führte zu einer tragischen Entwicklung, in der die Erblehre zur Legitimation von Euthanasiemorden missbraucht wurde.
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Ewald Meltzer, ein sächsischer Kinderanstaltsarzt, führte 1925 eine Untersuchung durch, um der aufkommenden Meinung entgegenzutreten, "lebensunwertes Leben" zur Vernichtung freizugeben. Die Befragung von Eltern wurde später von den Nazis als Rechtfertigung für die Euthanasiemorde missbraucht.
Die Rolle von Rudolf Lemke und die Nachkriegszeit
Rudolf Lemke, ein junger Forscher in Jena, verinnerlichte die Auffassung, dass erbliche Ursachen für psychische Krankheiten wichtiger seien als Umwelteinflüsse. Nach 1945 stellte er es so dar, als ob in dieser Zeit ein Umdenken stattgefunden habe, lenkte aber tatsächlich die Erblehre der deutschen Psychiatrie wieder in die verhängnisvolle Position der 1920er und 1930er Jahre um.
Traumatisierung und Kriegserfahrungen
Frank Usbeck, Professor für Literatur Nordamerikas an der TU Dresden, beschäftigte sich intensiv mit Memoiren aus den Irak- und Afghanistan-Kriegen. Er stellte fest, dass der Militärdienst oft als Gelegenheit gesehen wird, etwas zu tun, was größer ist als man selbst. Im Gegensatz dazu hat die deutsche Zivilgesellschaft aufgrund der Geschichte ein anderes Verhältnis zum Militär.
Jüdische Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert
Ein Lesebuch versammelt grundlegende Texte der jüdischen Geschichtsschreibung aus dem 19. und 20. Jahrhundert und bietet einen Überblick über die Geschichte dieses Fachs. Die unterschiedlichen Interpretationen der jüdischen Vergangenheit von führenden Historikern aus Deutschland, Osteuropa, Frankreich, England, Amerika und Israel werden deutlich. Thematische Schwerpunkte sind Gesamtdarstellungen der jüdischen Geschichte, das Verhältnis der jüdischen zur allgemeinen Geschichte, die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora sowie Integration, Antisemitismus und jüdische Identität.
Der Neue Berliner Westen: Vielfalt jüdischen Lebens
Seit 150 Jahren spiegelt der Neue Berliner Westen die Vielfalt jüdischen Lebens wider. Stadtspaziergänge um den Kurfürstendamm, wo der Anteil der jüdischen Bevölkerung zwischen den Weltkriegen bei etwa 25 % lag, machen die Geschichte erlebbar. Die Ausstellung „Das Romanische Café im Berlin der 1920er-Jahre“ im Europa Center ist ein Ausgangspunkt, um die zahlreichen Orte jüdischen Lebens in dieser Gegend zu entdecken.
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Das Romanische Café: Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen
Das Romanische Café war von 1901 bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1943 ein berühmter Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen in Deutschland. Elisabeth Bergner, Arnold Schönberg und Gabriele Tergit gehörten zu den Gästen. Das Lokal war auch Treffpunkt von Zionisten und jiddisch schreibenden Autoren und Journalisten.
Stolpersteine als Mahnmale
Vor dem Europa Center erinnert ein Stolperstein an Else Esther Liebermann von Wahlendorf, die sich 1943 aus Furcht vor der Deportation das Leben nahm. Auch John Höxter, ein jüdischer Künstler, der im Romanischen Café verkehrte, wird durch einen Stolperstein geehrt.
Das Marmorhaus: Ein Premierenkino mit jüdischer Geschichte
Das Marmorhaus, ein 1912 eröffnetes Kino, erlebte seine Blütezeit unter der Direktion des jüdischen Kinobetreibers Siegbert Goldschmidt. Josef Fenneker gestaltete die Filmplakate für das Marmorhaus.
Joseph Roth und Frieda Riess: Schreibplätze am Kurfürstendamm
Joseph Roth beschrieb in seinen Texten das Leben am Kurfürstendamm. Eine Gedenktafel erinnert an den Schriftsteller, der in den Mampe-Stuben einen seiner Schreibplätze hatte. Frieda Riess eröffnete 1917 ein Fotoatelier im selben Haus.
Das Café des Westens: Treffpunkt der Bohème
Das Café des Westens, auch bekannt als „Café Größenwahn“, war um 1895 ein wichtiger Treffpunkt der Bohème. Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler, Alfred Döblin, Walter Benjamin und Herwarth Walden waren jüdischer Herkunft.
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Die Synagoge in der Joachimsthaler Straße
Im Hof hinter der Fassade der Joachimsthaler Straße 13 verbirgt sich einer der schönsten jüdischen Gebetssäle Berlins. Seit 1960 wird er von orthodoxen Gläubigen der Jüdischen Gemeinde genutzt.
Das Kaufhaus Grünfeld: Ein Beispiel für Arisierung
Das Kaufhaus Grünfeld, gegründet 1862, war ein Begriff für viele Berliner. 1938 erfolgte die Arisierung des Kaufhauses durch die Firma Max Kühl; die Familie Grünfeld emigrierte nach Palästina.
Ernst Gräfenberg: Der Entdecker des G-Punktes
Ernst Gräfenberg, der Entdecker des G-Punktes, betrieb von 1919 bis 1938 eine gynäkologische Praxis am Kurfürstendamm. Wegen seiner jüdischen Herkunft verlor er 1933 seine Stellung an einem Städtischen Krankenhaus, konnte jedoch die Privatpraxis weiterführen.
Karl Kutschera: Deportation und Wiederaufbau
Karl Kutschera, der das Weinlokal „Zigeunerkeller“ betrieb, musste sich 1938 aus dem Unternehmen zurückziehen. 1943 wurde er mit seiner Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Nach dem Krieg kehrte er zurück und baute die Gastronomie am alten Standort wieder auf.
Rahel Hirsch: Pionierin der Medizin
Rahel Hirsch, eine bedeutende Medizinerin, hielt 1907 einen Vortrag an der Charité, der Spott und Hohn erntete. Sie verlor 1938 ihre Kassenzulassung und ihre Approbation.
Imre Kertész: Holocaust als Menschheitserfahrung
Imre Kertész, ein ungarischer Schriftsteller und Nobelpreisträger, sah den Holocaust als die „Endstation des großen Abenteuers, an der der europäische Mensch nach zweitausend Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist“.
Das Palästina-Amt und das Zionistische Zentralarchiv
Mehrere zionistische Organisationen hatten in der Meinekestraße ihren Sitz. Das Palästina-Amt beriet Juden, die auswandern wollten, und verhalf bis zur Schließung im Jahr 1941 rund 50.000 Menschen zur Flucht aus Deutschland.
Margot Friedländer: Überleben und Versöhnung
Margot Friedländer überlebte das Lager Theresienstadt und kehrte 2010 nach Berlin zurück. Seitdem erzählte sie ihre Lebensgeschichte vor Schülern und auf öffentlichen Veranstaltungen und wurde berühmt als Vorkämpferin für Menschlichkeit und Demokratie.
Die jüdische Gemeinde in Betsche: Eine Geschichte von Kriminalität und Verfolgung
Die jüdische Gemeinde in Betsche (Pszczew) entstand wahrscheinlich an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert war Betsche als Diebesnest berüchtigt. Abraham Isaak Leslauer alias Greenthal, ein Jude aus Betsche, wurde im 19. Jahrhundert zum König der New Yorker Taschendiebe ausgerufen.
Die jüdische Gemeinde in Betsche schrumpfte im Laufe des 19. Jahrhunderts. 1938 begannen die Nazis mit der Liquidierung der jüdischen Gemeinde. Im August 1942 wurden die letzten jüdischen Einwohner von Betsche in das Durchgangslager Tilsit und von dort in das Lager Theresienstadt deportiert.
Rahel Hirsch: Eine Pionierin der Medizin
Rahel Hirsch war eine Pionierin der Medizin in Deutschland. Eine Straße am Hauptbahnhof, das Oberstufenzentrum Gesundheit/Medizin in Hellersdorf und eine Gedenktafel an ihrem ehemaligen Wohnort erinnern an sie.
Kurt Blumenthal-Bental: Ein Psychiater auf der Flucht
Kurt Blumenthal-Bental, der Sohn eines Neuropsychiaters, der 1933 aufgrund der Nazi-Rassengesetze seine Karriere aufgeben musste, widmete seine Ansprache all denjenigen Psychiatern, die ab 1933 gezwungen waren, Deutschland zu verlassen und in Palästina eine neue Laufbahn zu beginnen.
Die Nervenheilanstalt Sayn: Eine jüdische Einrichtung mit wechselvoller Geschichte
Die Geschichte der Nervenheilanstalt Sayn, gegründet von der Familie Jacoby, ist ein besonderes Beispiel jüdischen Lebens in Deutschland.
Frühe Geschichte und Gründerjahre
Bereits im 12. Jahrhundert sind Juden in der Region Sayn nachweisbar. Im 19. Jahrhundert gründete der Bendorfer Kaufmann Meyer (Meier) Jacoby die Anstalt. Ab 1868 wurden Rabbinatskandidaten und später Doktoren als Ärzte eingestellt. Dr. Wiegand übernahm 1875 die Leitung und feierte 1900 sein 25-jähriges Dienstjubiläum.
Expansion und Blütezeit
Die Anstalt erfuhr eine stetige Expansion. Um 1900 umfasste sie mehrere Gebäude, darunter das Hautanstaltsgebäude und einen neuen Damenbau. Die Patientenzahl stieg von 112 im Jahr 1888 auf 174 im Jahr 1905. Behandelt wurden unter anderem Nerven- und Gemütskranke, Morphiumkranke und körperlich zurückgebliebene Kinder.
Übergang und Enteignung
Nach dem Tod von Benni Jacoby im Jahr 1910 führte seine Frau Hermine die Anstalt weiter. Die Familie Jacoby konnte die Einrichtung nicht mehr halten, und sie wurde schließlich zu einem Sammellager.
Nationalsozialismus und Nachkriegszeit
Unter der Leitung von Dr. Wilhelm Rosenau wurden jüdische Patienten deportiert und ermordet. Die Familie Jacoby konnte 1940 nach Uruguay emigrieren und überlebte. Die Gebäude der Heilanstalt wurden zweckentfremdet, unter anderem als Hilfskrankenhaus und Nervenheilanstalt.
Heutige Nutzung
Heute befindet sich auf dem Gelände die Christiane-Herzog-Schule, eine Förderschule für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen. Ein Denkmal erinnert an die Geschichte der Jacoby'schen Anstalten.
Anzeigen und Berichte
Zahlreiche Anzeigen in jüdischen Zeitungen zeugen von der Bedeutung der Anstalt. Sie bot Gemütskranken eine freundliche Aufnahme und moderne Behandlungsmethoden.
Einzelne Meldungen und Berichte
Berichte in der Zeitschrift "Der Israelit" dokumentieren die Entwicklung der Anstalt, die Neuwahl von Gemeinderatsmitgliedern und das 25-jährige Dienstjubiläum von Dr. Wiegand.
Die Synagoge in Sayn
Die Synagoge in Sayn war ein wichtiger Bestandteil der jüdischen Gemeinde. Sie verfügte über einen klassizistischen Toraschrein und feste Bankreihen.
Psychiatrie in Israel: Einflüsse und Entwicklungen
Die israelische Hochschullehrerin Rakefet Zalashik hat mit ihrem Buch „Das unselige Erbe“ einen bedeutsamen Forschungsbeitrag zur Geschichte der Psychiatrie in Israel sowie dem damaligen Palästina vorgelegt. Die Studie stellt die Geschichte der Psychiatrie in Israel aus historischer wie auch aus medizinisch-psychiatrischer Sicht dar.
Antisemitische Fantasmen und jüdische Psychopathologie
In „Moderne Psychiatrie im Heiligen Land“ beschreibt Rakafek Zalashik, wie sich das in Europa geborene antisemitische Fantasma von der „psychopathologischen Andersartigkeit“ der Juden auch im fernen Palästina niederschlug. An dem frühen, von antisemitischen Anteilen nicht freien psychiatrischen Diskurs über eine „jüdische Psychopathologie“ hätten sich auch jüdische Psychiater beteiligt.
Psychoanalyse und Konkurrenz
Der Psychoanalytiker Dorian Feigenbaum war während der Zeit der britischen Mandatsregierung maßgeblich am Entstehung der Psychoanalyse in Palästina beteiligt. Die große Anzahl neu eingewanderter Ärzte verursachte massive Ängste vor der neuen Konkurrenz, was 1933 in Magazinen wie „Harefuah“ offen debattiert wurde.
Eugenetik und Professionalisierung
Auch unter den aus Europa geflohenen Psychiatern wurden eugenetische Positionen vertreten. 1935 kam es zur Gründung der Neuropsychiatrischen Gesellschaft Eretz Israel, auch um den Neueinwanderern einen Neustart in Palästina zu erleichtern.