Die Nerven, ein Postpunk-Trio aus Stuttgart, bestehend aus Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn, haben sich seit ihrer Gründung im Jahr 2010 einen Namen gemacht. Ihre deutschsprachige Musik begeistert sowohl ein rebellisches Publikum als auch Kritiker. Die Band, die mit dem Ziel antrat, möglichst laut zu sein und Krach zu machen, hat im Laufe der Jahre eine bemerkenswerte musikalische Entwicklung durchlaufen. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Alben der Band und analysiert ihre stilistischen Veränderungen und thematischen Schwerpunkte.
Die frühen Jahre: Roher Lärm und Debütalbum „Fun“
In ihren frühen Jahren konzentrierten sich Die Nerven auf rohen Lärm und ungestüme Energie. Ihr Album „Fun“, das 2012 erschien, gilt als eines ihrer wichtigsten Werke und wurde vom Spiegel sogar als eines der bedeutendsten Alben des Jahrzehnts ausgezeichnet. Das Album, das im scheppernden Lo-Fi-Sound aufgenommen wurde, zeichnete sich durch eine No-Wave-Ästhetik aus. Die elf Songs dröhnten mit einer solchen Dringlichkeit aus den Lautsprechern, dass man fast Angst hatte, die Band würde sich gleich aus den Boxen in Dein Zimmer kratzen und Dir ins Gesicht spucken.
Das Lieblingsplatte Festival 2019 bot den Rahmen für eine Performance dieses Albums, bei dem die Stuttgarter Krachmacher ihr 2012 erschienenes Album „Fun“ live präsentierten.
„Out“ (2015): Gezähmte Explosion und Referenzen an die 80er
Mit ihrem Album „Out“ (2015) legten Die Nerven diese Explosion an die lange Leine, zögerten den großen Ausbruch bei jedem Lied heraus. Jedes Stück mäanderte auf unbehagliche Weise. Die Referenzen, die sich bei „Out“ aufdrängten, lagen vor allem in den 80ern, bei Bands wie Wipers, The Gun Club und Mission Of Burma. Die Nerven waren jedoch weit davon entfernt, ein Abklatsch dieser Zeit zu sein. Auf „Out“ packten sie rohe Gewalt in hin- und hergleitende, bedrohlich klingende Songs, bei denen man nicht anders konnte, als mit beiden Ohren hinzuhören.
Die zehn Tracks auf „Out“ waren knackig, aber nicht zu knapp, prägnant, nicht kurz gehalten. Seit die Band mit ihrem „Sommerzeit-Traurigkeit“-Lana-Del-Rey-Cover auf sich aufmerksam machte, interessierten Die Nerven alle. Von den Kids in der Raucherecke vom Schulhof bis zum Feuilleton des Spiegels. Die Energie, die Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn auf ihre Alben bannten, explodierte live hundert Mal so stark.
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„Fake“: Bruch mit der Komfortzone und Hinwendung zum Pop
Das Album „Fake“ markierte einen Wendepunkt in der Karriere der Band. Es bedeutete einen Bruch mit ihrer musikalischen Komfortzone und eine Steigerung ihrer Bekanntheit über Szenegrenzen hinaus. Die wahre Glanzleistung von „Fake“ haben Die Nerven jedoch am Ende versteckt: Begleitet von einer Orgel, Xylophon und der bereits erwähnten Akustikgitarre verwandelten sie im Titeltrack zynische Zeilen „Ich habe Algorithmen, die alles erklären / Multiplikatoren, die alles vermehren“ in ein melancholisches, fast schon versöhnliches Mantra.
Die Entstehungsphase des Albums war von einer unbewussten Entwicklung Richtung Eingängigkeit geprägt, die manche sogar als „poppig“ bezeichnen würden. Diese gewonnene Eingängigkeit äußerte sich vor allem in den Arrangements, die weniger „sperrig“ als bislang erschienen. Dabei ging allerdings nichts von dem kreativen Chaos verloren, das Die Nerven seit jeher ausgemacht hat.
„Die Nerven“ (Schwarzes Album): Konsequente Weiterentwicklung und düstere Stimmung
Das selbstbetitelte „schwarze Album“, das 2022 erschien, setzte den mit „Fake“ eingeschlagenen Weg konsequent fort. Die Nerven entfernten sich weiter vom rohen Lärm und näherten sich strukturierten Popsongs mit einem Sound irgendwo zwischen Post-Punk und New Wave. Waren sie schon grundsätzlich eher keine Band für Punk-Purist*innen, hatte ihre Musik 2022 praktisch gar nichts mehr mit dem Genre zu tun. Auf ihrem fünften regulären Studioalbum verfeinerten Max Rieger, Bassist und Sänger Julian Knoth und Schlagzeuger Kevin Kuhn ihren schon immer von Feedback und Hall dominierten Sound zu ihrer ganz eigenen Wall Of Sound.
Die Texte auf dem „schwarzen Album“ zeichnen ein düsteres Bild, mit Slogans und Schlaglichtern, die in kürzester Zeit eine Stimmung erschaffen. Nicht weil sie dramatische Bilder zeichnen würden, sondern weil sie das Leben der (mindestens) vergangenen zwei Jahre mit allen Verunsicherungen, wegbrechenden Zukunftsperspektiven und Beklemmungen nüchtern einfangen. Eine Zeile wie „Und ich dachte irgendwie / in Europa stirbt man nie“ bringt die langsam einsetzenden Zweifel an der Idee von dauerhaftem Frieden und Wohlstand in Europa auf den Punkt. Ähnlich eindrücklich ist es, wenn Rieger in „Keine Bewegung“ gegen eine Gitarrenwand ansingt: „Ich könnte überall hingehen, aber kann mich nicht bewegen.“ Überhaupt schwebt über dem Album ein Gefühl von Machtlosigkeit. Sei es gegenüber politischen Entscheidungen, Algorithmen oder der Marktlogik.
Erstmals war Rieger auch für Produktion und Mixing verantwortlich, was mutmaßlich zum noch einmal cleaneren, gleichzeitig aber auch flächigeren Klang geführt hat. Es wäre naheliegend zu denken, dass durch seinen zusätzlichen Einfluss als Albumproduzent, ein Ungleichgewicht in der Band hätte entstehen können, sodass das neue Album eher zu einem Max-Rieger-Projekt geworden wäre. Das ist aber zum Glück nicht passiert, im Gegenteil: Das „schwarze Album“ klingt mehr denn je nach einer vereinten Band mit zwei sich ergänzenden Sängern. Erstmals singen Julian Knoth und Max Rieger gemeinsam und das auf gleich mehreren Songs. Das bereichert ihren Klangkosmos und verschafft einigen Songs zusätzliche Dynamik.
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„Wir waren hier“: Blick auf die Hinterlassenschaften der Menschheit
„Wir waren hier“, erschienen im September 2024, ist das sechste Studioalbum von Die Nerven. Der Titel des Albums scheint auf einen Abschied hinzudeuten. Ein Eindruck, dem die Band in einem Statement entgegentritt, zumindest ein bisschen. „Es ist das erste Album, das wir machen, das sich nicht so anfühlt wie unser letztes Album. Und das ist gut so.“ Um den ernüchternden Blick auf die Hinterlassenschaften der Menschheit gehe es allerdings durchaus.
2012 noch mit Leichtigkeit und Humor Lana Del Reys „Summertime Sadness“ als deutschsprachiges Post-Punk-Stück vertonend, verurteilten sie etwa zehn Jahre später mit ihrem Song „Europa“ die europäische Politik der Ausgrenzung und Abschottung. Und auch mit ihrem aktuellen Studioalbum „Wir waren hier“ treffen Die Nerven den Zahn der Zeit: Denn womit lässt sich das krisenhafte Weltgeschehen besser vertonen als mit sägendem Noise-Rock?!
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