Die Nerven: Eine Band zwischen Fake und Echtheit

Die deutsche Noiserock-Punk-Band Die Nerven hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 2010 einen Namen gemacht. Ihre Musik zeichnet sich durch eine Mischung aus Lärm, Wut und Verzweiflung aus, die von Kritikern oft als authentisch und ungeschönt gelobt wird. Doch wie authentisch kann eine Band in einer Welt sein, die zunehmend von Illusionen und Falschmeldungen geprägt ist? Diese Frage stellt sich im Zusammenhang mit ihrem vierten Album „Fake“, das über Glitterhouse Records erschienen ist.

Die Entstehung von „Fake“: Zwischen Toskana und Selbstfindung

Die Entstehung von „Fake“ war ein Prozess, der die Band an ihre Grenzen brachte. Inspiriert von Aussteiger-Freunden der Eltern von Bassist Julian Knoth, entstand die Idee, das Album gemeinsam mit Ralv Milberg in der Toskana aufzunehmen. Die fehlende Ablenkung und das Herausreißen aus dem Alltag taten den Nerven gut. Im Gegensatz zum Vorgängeralbum „Out“, das auf der Schwäbischen Alb in eher kalter und deprimierender Atmosphäre aufgenommen wurde, verliefen die Aufnahmen in Italien unter der Sonne deutlich entspannter.

Dennoch waren die Aufnahmen kein Spaziergang, wie sich Schlagzeuger Kevin Kuhn erinnert: „Für einige war es anstrengender als für andere und da würde dir wahrscheinlich auch jeder was anderes erzählen. Ich mag es, knietief im Album zu stecken und mich auf diese eine Aktivität zu konzentrieren. Es war schon sehr arbeitsorientiert.“ Die Nerven kommunizierten im Vorfeld, dass ihnen bisher noch kein Album so viel abverlangt habe wie „Fake“.

Ein Grund dafür war die lange Produktionszeit. Während die vorherigen Alben in wenigen Tagen aufgenommen wurden, verbrachten Die Nerven zwölf Tage in der Toskana, um an „Fake“ zu arbeiten. Die Songs waren herausfordernder und wurden über Monate oder sogar Jahre ausgearbeitet. Zudem hatten die Bandmitglieder durch das viele Touren und ein zeitaufwendiges Theaterengagement mit dem Stück „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ eine intensive Zeit hinter sich.

Die musikalische Entwicklung: Abwechslung und Ausdifferenzierung

„Fake“ markiert eine musikalische Weiterentwicklung der Band. Die Songs sind abwechslungsreicher und ausdifferenzierter als auf den vorherigen Alben. Die Gegensätze werden konkreter, die Spitzen höher. Kevin Kuhn betont, dass die Erfahrungen der einzelnen Musiker in anderen Bands einen großen Einfluss auf das Album hatten: „Vielleicht ist auch deshalb das Album diesmal abwechslungsreicher ausgefallen. Wir haben noch den Habitus, nicht zu proben. Ich habe das Gefühl, dass ich mich so als Schlagzeuger aber nicht weiterentwickeln kann, und deshalb ist es mir wichtig, auch in anderen Bands aktiv zu sein. Bei DIE NERVEN geht es eher um das Impulsive.“

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Ein Beispiel für die musikalische Entwicklung ist die Single „Niemals“, die einen surfigen Touch und einen Dur-Akkord aufweist, was für Die Nerven eher ungewöhnlich ist. Dennoch fügte sich der Song überraschend gut in das Gesamtbild des Albums ein. Gesang kommt weiterhin ausschließlich von Max Rieger und Julian Knoth, obwohl Kevin Kuhn bei seiner anderen Band Wolf Mountains durchaus stimmliches Talent beweist.

Die Texte: Ambivalenz und Deutungsfreiheit

Die Texte auf „Fake“ befassen sich mit Themen wie Ambivalenz, Identität und der Suche nach Wahrheit in einer von Falschmeldungen geprägten Welt. Bassist Julian Knoth legt Wert darauf, dass seine Texte über mehrere Ebenen hinweg funktionieren und eine gewisse Deutungsfreiheit bewahren: „Da ist dann auch alles zugelassen. Manchmal ist der Grund, aus dem ich einen Text geschrieben habe, ein ganz anderer als der, den die Leute darin sehen. Das macht es für mich spannend.“

Der Song „Alles falsch“ thematisiert die Frage, was richtig und falsch ist und wie sich diese Kategorien im Laufe der Zeit verändern können. Das Lied „Kann’s nicht gestern sein“ lässt ebenfalls mehrfache Deutungen zu und handelt von Nostalgie, Trauer, Zorn und Hoffnung. Julian Knoth will sich hier nicht festlegen, um jedem Hörer die Möglichkeit zu geben, etwas Eigenes in dem Song zu sehen.

Die Stuttgarter Schule: Ein Vergleich mit Seattle?

In den 2010er-Jahren wurden Die Nerven zusammen mit anderen Bands wie Karies und Human Abfall als Vertreter der „Stuttgarter Schule“ gefeiert. Die Musikpresse zog Vergleiche zur Grunge-Szene in Seattle. Kevin Kuhn sieht den Vergleich positiv, betont aber, dass die Stuttgarter Bands sich schon immer gegenseitig unterstützt haben. Ein wesentlicher Unterschied sei, dass die Stuttgarter Szene keine Galionsfigur habe.

Produzent Ralv Milberg, der mit vielen Bands der Stuttgarter Szene zusammengearbeitet hat, spricht von einer Gemeinschaft adoleszenter Künstler, die sich zwischen Desillusionierung, Kratzbürstigkeit, Psychedelik und Melancholie begegneten. Er erklärt auch, warum der kreative Knall rasch verhallen musste: Pläne änderten sich, Kinder wurden geboren, Jobs wurden angenommen.

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Die Nerven heute: Zwischen Anpassung und Verweigerung

Die Frage, ob sich Die Nerven angepasst haben, ist umstritten. Flávio Bacon von Human Abfall findet, dass sie schon über einige Stöcke gesprungen sind, um dahin zu kommen, wo sie jetzt sind. 2016 machten Die Nerven Musik für das Schauspiel Stuttgart, was nicht jeder in der Szene gut fand.

Trotzdem haben sich Die Nerven ihre Unangepasstheit bewahrt. Sie sind immer noch eine Band, die aneckt und provoziert. Ihre Musik ist ein Ausdruck von Wut, Verzweiflung und Kritik an der Gesellschaft. Sie sind eine Band, die sich nicht anpassen will, sondern ihren eigenen Weg geht.

„Wir waren hier“: Das sechste Album und die dunkle Chronik einer sterbenden Welt

Das sechste Album der Band, „Wir waren hier“, setzt den Weg der Nerven fort, die hohe Kunst des Lärms zu zelebrieren. Die Songtexte kreisen um Angst und verwandte, ungute Gefühle und Stimmungen. Die Musik bildet eine massive Wand aus Schall und Druck, die den Hörer unmittelbar packt.

Die Nerven werden oft als „letzte Rockband Europas“ bezeichnet. Ihre Musik ist ein Ausdruck von Weltschmerz und dem Gefühl, nicht mehr funktionieren zu wollen. Trotzdem kann man aus ihren Liedern Bestätigung und Erbauung ziehen. Sie sind eine Band, die uns zeigt, dass wir mit unseren Ängsten und Sorgen nicht allein sind.

Live im Elfenbeinturm: Eine Best-of-Nerven-Kompilation

Wenn es eine deutsche Band gibt, bei der ein Live-Album Sinn ergibt, dann sind es Die Nerven. „Live im Elfenbeinturm“ ist eine veritable Best-of-Nerven-Kompilation, die die Energie und Intensität ihrer Live-Auftritte einfängt. Das Album enthält vierzehn Stücke aus der 15-jährigen Band-Historie und zeigt die Entwicklung der Band von ihren Anfängen bis heute.

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Die Nerven liefern stets ein kathartisches, ein sogartiges Live-Erlebnis. Ihre Konzerte sind ein Ort, an dem man seine Wut und Verzweiflung rauslassen kann. Sie sind eine Band, die uns daran erinnert, dass Rockmusik mehr sein kann als nur Unterhaltung. Sie kann ein Ausdruck von Leben sein.

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