Die Zukunft der Gehirnforschung: Einblick in die Komplexität und Innovationen

Das menschliche Gehirn, ein etwa 1,3 Kilogramm schweres Organ von geléeartiger Konsistenz, ist der leistungsstärkste und komplexeste biologische Supercomputer, den wir kennen. Es steuert Bewegungen, Emotionen, Hunger, Stoffwechsel und Herzschlag. Es organisiert alle Wahrnehmungen, die uns durch unsere fünf Sinne erreichen, und trennt Wichtiges von Unwichtigem. Keine Maschine kann die Welt so dynamisch interpretieren wie das Gehirn. Trotz seiner bemerkenswerten Fähigkeiten sind viele Aspekte seiner Funktionsweise noch immer rätselhaft. Neurologische und psychiatrische Erkrankungen wie Demenz, Parkinson, Multiple Sklerose, Depressionen oder Psychosen können die Folge sein, wenn es erkrankt. Ein vertieftes Verständnis des gesunden und auch des kranken Gehirns ist entscheidend, um gezielte Therapien zu entwickeln und neurologische sowie psychiatrische Erkrankungen effektiver zu behandeln.

Interdisziplinäre Forschung als Schlüssel zum Erfolg

Um die Geheimnisse des Gehirns zu lüften, messen Hirnforscher, welche Teile des Gehirns unter welchen Umständen besonders aktiv werden. Der Exzellenzcluster „NeuroCure“ an der Charité - Universitätsmedizin Berlin verbindet Grundlagenforschung und klinische Praxis, um wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in Therapien umzusetzen. Beteiligt sind aktuell, neben der Charité, vier weitere außeruniversitäre Forschungsinstitute. Seit 2007 wurden viele neue interdisziplinäre Forschungsgruppen aufgebaut.

Prof. Dr. Dietmar Schmitz, Direktor des Neurowissenschaftlichen Forschungszentrums an der Charité und „NeuroCure“-Sprecher, betont die Notwendigkeit der Kooperation: „Von der Grundlagenforschung bis zu einer therapeutischen Anwendung ist es ein langer und teurer Weg. Und um ein so komplexes System wie das Gehirn zu erforschen, ist Kooperation notwendig.“ Berlin sei dafür ein idealer Standort, da es dort „sehr viele tolle Kolleginnen und Kollegen“ gebe, „die mit vielfältigen Methoden wie molekularen Analysen oder bildgebenden Verfahren sowohl die übergreifenden Mechanismen von neurologischen Erkrankungen entschlüsseln als auch neue Behandlungsansätze entwickeln.“ Er betont, dass man über die verschiedenen Fachdisziplinen und über Kontinente hinweg die gleiche Sprache sprechen müsse, denn auch das internationale Netzwerk des Clusters ist ausgedehnt.

Innovative Therapieansätze und Durchbrüche

In der kommenden Förderphase will „NeuroCure“ auf bewährte Forschungsansätze aufbauen und neue Akzente setzen, insbesondere auf Therapieansätze mit vielversprechenden Perspektiven. Erst kürzlich erzielte die Forschung einen bedeutenden Durchbruch bei der Parkinson-Behandlung: Die neue sogenannte adaptive tiefe Hirnstimulation (aDBS) kann die Hirnaktivität dynamisch beeinflussen, um Symptome wie Zittern oder Bewegungsverlangsamung zu lindern.

Die tiefe Hirnstimulation ist seit Jahren etabliert. Implantierte Hirnschrittmacher-Elektroden senden dabei gezielte elektrische Impulse in betroffene Hirnregionen. Diese konstanten Impulse können jedoch Nebenwirkungen hervorrufen und sind nicht auf die individuellen Schwankungen der Beweglichkeit im Tagesverlauf abgestimmt. „Die adaptive Stimulation geht nun einen Schritt weiter: aDBS reagiert in Echtzeit auf die Hirnaktivität der Patient:innen und passt die Stimulation individuell an“, erklärt Prof. Dr. Andrea Kühn, stellvertretende Sprecherin im Cluster und Direktorin der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation an der Charité. Mit speziellen Algorithmen werde die elektrische Aktivität des Gehirns dabei ständig überwacht, die Impulse würden automatisch angepasst.

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Auszeichnungen und Schwerpunkte der Forschung

Die „NeuroCure“-Forschung erfuhr eine weitere Würdigung, als am 19. März gleich zwei Gottfried Wilhelm Leibniz-Preise an „NeuroCure“-Forschende übergeben wurden: Volker Haucke, Professor für Biochemie und Zellbiologie vom Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP), erforscht, wie Stoffe aus den Zellen heraus transportiert werden, um Signale präzise an die Synapsen, die Nervenverbindungen im Gehirn, zu übertragen und so die Degeneration von Nervenzellen zu vermeiden. Die Biochemikerin Ana Pombo, Professorin am Max Delbrück Center (MDC), untersucht, wie Umwelteinflüsse auf das Zusammenspiel der Gene des Erbgutfadens in der Zelle wirken und damit Autismus oder Epilepsie auslösen könnten.

Ein weiterer Schwerpunkt der künftigen „NeuroCure“-Forschung liegt auf Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift und im Gehirn Entzündungen auslösen kann. „Wir setzen dabei auf Gen- und Zelltherapie. Körpereigene Zellen werden genetisch verändert oder gezielt programmiert, um krankmachende Immunreaktionen zu stoppen und schädliche Antikörper zu eliminieren“, erläutert Dietmar Schmitz die innovativen Ansätze. Um sie voranzutreiben und die Forschungsergebnisse schneller in die klinische Praxis zu überführen, kooperiert die Charité mit dem Berlin Institute of Health (BIH) und Bayer.

Räumliche Nähe und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Künftig rücken Medizin und Biologie auch räumlich noch enger zusammen und bauen gleichzeitig eine Brücke in die Gesellschaft. Im März war ebenfalls Baubeginn für das neue Forschungszentrum für Optobiologie auf dem Campus-Nord der HU Berlin, nahe dem Charité-Bettenhaus. Gemeinsam wollen die Berliner Forschungspartner hier herausfinden, wie Licht auf Lebewesen wirkt und wie man das für medizinische Zwecke nutzen kann. Das Gebäude entsteht nahe dem modernen Forschungsgebäude Charité CrossOver (CCO), wo der Exzellenzcluster „NeuroCure“ bereits seit einigen Jahren Forschung und Lehre betreibt, um das Gehirn, unsere Schaltzentrale im Kopf, zu verstehen.

Bildgebende Verfahren und ihre Bedeutung

Um den Geheimnissen des Gehirns auf die Spur zu kommen, messen die Hirnforscher, welche Teile des Gehirns unter welchen Umständen besonders aktiv werden. Ein wichtiges bildgebendes Verfahren ist die sogenannte funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), eine Sonderform der gewöhnlichen MRT. Bei der fMRT messen die Forscher zusätzlich den Sauerstoffgehalt des Bluts im Gehirn. Dadurch machen sie sichtbar, wie und wo das Gehirn gerade arbeitet. Mithilfe der fMRT-Bilder können die Wissenschaftler erkennen, welche Hirnareale bei Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder nach einem Schlaganfall betroffen sind. Bei der Magnetoenzephalographie (MEG) messen Forscher über Sensoren die feinen elektrischen Aktivitäten der Nervenzellen im Gehirn. Auf den dadurch entstehenden Bildern können sie erkennen, wie stark bestimmte Teile des Gehirns beansprucht werden.

Die Kluft zwischen Gehirnaktivität und Bewusstsein

Trotz solcher Experimente ist die Wissenschaft aber weit entfernt davon, den Inhalt unseres Bewusstseins auslesen zu können. Wie das Gehirn als Organ funktioniert, unterscheidet sich vollkommen davon, wie wir uns selbst wahrnehmen, wie wir denken und fühlen. Im Gehirn selbst gibt es keine Bilder oder Farben, sondern wie in einem Computer nur bestimmte Schaltzustände. Zwischen diesem neuronalen Zustand und einem einfachen Bewusstseinserlebnis, wie etwa einer Farbempfindung, besteht kein offensichtlicher Zusammenhang. Selbst wenn es uns also gelingen würde, alle Prozesse im Gehirn genau zu verstehen und zu beschreiben, könnten wir die Art und Weise, in der wir etwa Dinge wahrnehmen, damit nicht vollständig erklären. Die Kluft zwischen der gemessenen Gehirnaktivität und dem Erlebnis des tatsächlichen Denkvorgangs bleibt auch für die Hirnforschung unüberbrückbar.

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Anwendungen der Hirnforschung und ihre Grenzen

Je genauer die Forscher die Zentren der Hirnaktivität kennen, desto vielfältiger können sie auf diese einwirken. Das gilt in erster Linie für neuronale Erkrankungen, bei denen bestimmte Hirnareale geschädigt sind. Hirnforscher koppeln die bildgebenden Verfahren außerdem mit künstlicher Intelligenz. Mithilfe der beiden Technologien wollen sie in Zukunft voraussagen, wie Krankheiten wie Parkinson bei Patienten verlaufen. Aber auch für gesunde Menschen gibt es in Zukunft womöglich eine Reihe von Anwendungen aus der Hirnforschung, die das tägliche Leben vereinfachen oder verbessern könnten. Ob aber je komplexeres Wissen oder Fähigkeiten per Knopfdruck implementiert werden können, ist fraglich. Theoretisch spricht nichts dagegen, wenn wir den Code des Gehirns genauer verstehen.

Wahrnehmung und Lernen: Die Rolle statistischer Erwartungen

Unsere Wahrnehmung wird nicht allein durch physikalische Eigenschaften von Sinnesreizen bestimmt, sondern maßgeblich durch interne Prozesse im Gehirn beeinflusst - wie beispielsweise Erwartungen über Position oder Farbe eines Reizes. Derartige Erwartungen werden durch erfahrungsabhängiges Lernen gebildet, welches mit Prinzipien der Bayes’schen Wahrscheinlichkeitstheorie beschrieben werden kann. Die vorgeschlagenen Arbeiten sollen das Lernen statistischer Erwartungen in wichtigen kognitiven Systemen untersuchen. Es sollen die anatomischen Netzwerke und neuronalen Dynamiken im gesunden Gehirn spezifiziert werden und es soll getestet werden, welche Botenstoffe beteiligt sind. Neben Studien im gesunden Gehirn soll untersucht werden, ob diese Prozesse nach einem Schlaganfall beeinträchtigt sind. Zusammengefasst sollen die Projekte unser Verständnis der neuronalen und neurochemischen Prozesse des Lernens statistischer Gesetzmäßigkeiten verbessern, die unsere Wahrnehmung und Handlungen beeinflussen. Zudem sollen die Studien an Schlaganfallpatienten neue Mechanismen aufdecken, die neurologischen Störungen wie dem Neglect-Syndrom zugrunde liegen. Die neuronalen Prozesse des Lernens von statistischen Gesetzmäßigkeiten in unterschiedlichen kognitiven Systemen sollen durch die Kombination von Bildgebungsverfahren (funktioneller Magnetresonanztomographie und Magnetoenzephalographie) und der mathematischen Modellierung von Reaktionszeiten zunächst bei gesunden Probanden charakterisiert werden. Bildgebungsverfahren sollen zudem mit pharmakologischen Manipulationen kombiniert werden, um die Rolle spezifischer Botenstoffe im Gehirn zu untersuchen.

Jülicher Hirnforschung: Den Geheimnissen des Gehirns auf der Spur

Wissenschaftler:innen aus Jülich sind den Geheimnissen des Gehirns auf der Spur. Sie wollen verstehen, wie unser Gehirn aufgebaut ist, wie es funktioniert. Und sie wollen neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer ihren Schrecken nehmen. Ihre Erkenntnisse fließen auch in die Entwicklung neuartiger Computertechnologien. Mit seinen 86 Milliarden Nervenzellen und einem Vielfachen an Synapsen, über die Informationen von Zelle zu Zelle wandern, ist das menschliche Gehirn unfassbar komplex.

Beispielsweise wollen sie herausfinden, wie sich unser Denkorgan im Laufe des Lebens entwickelt und wie kognitive Prozesse im gesunden und im kranken Gehirn ablaufen. Dadurch erhoffen sie sich neue Möglichkeiten für die Behandlung von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson oder der Alzheimer-Demenz. Der Julich Brain Atlas ist die bisher detaillierteste Karte des menschlichen Gehirns. Als eine Art „Google Maps“ bietet dieses einzigartige Werkzeug eine Fülle von Daten - und die Möglichkeit, die Jülicher Supercomputer für ihre Analyse zu nutzen. Damit ist der Atlas ein wesentlicher Baustein der digitalen Forschungsinfrastruktur EBRAINS, die Forschenden weltweit zugänglich ist.

Die Forscher:innen am Institut für Neurowissenschaften und Medizin stützen sich bei ihrer Arbeit auf die einzigartige Jülicher Forschungsinfrastruktur. Mit der Hilfe von Supercomputern erstellen sie aus Tausenden von mikroskopischen Aufnahmen „Landkarten“ der Nervenzellen und -fasern im Gehirn. In unseren leistungsstarken Magnetresonanztomographen entdecken die Wissenschaftler:innen, wo Gedanken entstehen. Künstliche Intelligenz unterstützt dabei, die Daten zu interpretieren Mit nuklearchemischen Methoden untersuchen sie das Gehirn auf molekularer Ebene, um beispielsweise die Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus zu entschlüsseln oder herauszufinden, wo Koffein wirkt. In enger Kooperation mit Universitätskliniken wie Aachen, Köln und Düsseldorf entwickeln die Wissenschaftler:innen zudem gängige Untersuchungsmethoden weiter.

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Global vernetzte Hirnforschung und das Human Brain Project

Ein Meilenstein der Hirnforschung war das Human Brain Project, an dem unser Forschungszentrum federführend beteiligt war. Das im Herbst abgeschlossene Vorhaben hat die Instrumente der Hirnforscher:innen weltweit um eine einzigartige Plattform bereichert: EBRAINS macht die bislang größte Datenbasis zum menschlichen Gehirn frei verfügbar und verknüpft sie mit den Möglichkeiten des Supercomputings - etwa für Simulationen und KI-basierte Analysen. Herzstück ist der Julich-Brain Atlas: Der in Jülich entstandene, extrem hochauflösende 3D-Atlas zeigt den anatomischen Aufbau und die Funktionsareale des Gehirns in nie dagewesener Detailtiefe. Patient:innen in 30 europäischen Kliniken profitieren schon heute von der riesigen Datensammlung zu neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie, Demenz oder Hirntraumata.

Rechnen wie das Gehirn: Synergien zwischen Hirnforschung und Informationstechnologie

Die Erforschung des menschlichen Gehirns tritt mit den digitalen Möglichkeiten in eine neue Phase. Denn die immense Rechenpower der Supercomputer macht die Verarbeitung von immer größeren Datenmengen möglich. Umgekehrt profitiert auch die Informationstechnologie von den Durchbrüchen in den Neurowissenschaften. Bei der Entwicklung neuartiger Computerchips oder dem maschinellen Lernen nehmen sich die Forscher:innen das Gehirn zum Vorbild. Dessen Energieeffizienz ist nämlich unerreicht. Es löst selbst komplexe Denkaufgaben mit einem Bruchteil der Energie, die Supercomputer benötigen.

Kritik und Kontroversen in der Hirnforschung

Die Hirnforschung hat in vielen Bereichen die Deutungsmacht übernommen - dagegen gibt es auch Kritik. Vor zehn Jahren veröffentlichten führende Hirnforscher ein Manifest, in dem sie versprachen, zahlreiche schwere Krankheiten heilen helfen zu können. Wer "Geist" sagt, der muss heute auch "Gehirn" sagen. "Was man wirklich beobachten kann, das ist bis heute ungebrochen, dass dieses 'Neuro'-Wort selbst ein Label geworden ist. Dirk Baecker sagt, dass mit ihren suggestiven Bildern sei die Hirnforschung in eine Lücke gesprungen. Anders als Politik und Wirtschaft, Moral oder Kultur beruft sie sich auf naturwissenschaftliche Experimente.

Wissenschaft braucht Visionen. Aber die Hirnforschung hat es damit wohl ein bisschen übertrieben. In den letzten 25 Jahren weckte sie große Erwartungen und wirkte dabei weit über ihr eigentliches Feld hinaus. Die Autorinnen und Autoren, allen voran prominente Neurobiologen wie Wolf Singer und Gerhard Roth, erklärten mit großem Optimismus, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis man psychische Leistungen wie Imagination, das Erleben von Gefühlen oder die Planung von Handlungen vollständig als physikalisch-chemische Vorgänge beschreiben könne. Auch die molekularbiologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen werde man innerhalb der nächsten zehn Jahre besser verstehen.

Felix Tretter ist der Meinung, dass der erste Fehler ist die Annahme, dass sich auf molekularer Ebene die Gehirn-Geist-Problematik, die nicht nur philosophischer Natur ist, sondern uns wirklich auch empirisch in der Praxis, in der Klinik Rätsel beschafft, dass man das auf diese Weise lösen kann, also: Irgendein Medikament mit einer bestimmten Struktur würde dann die Schizophrenie abstellen oder Depressionen abstellen. Das ist naiv. Und das zweite ist eben eng damit verknüpft. Ich habe dann so viele Nebenwirkungen, weil ich eben nicht grundsätzlich davon ausgehe, dass das Gehirn ein Netzwerk ist.

Zehn Jahre nach dem Manifest zogen die Wissenschaftler eine ernüchternde Bilanz. Die erhofften Durchbrüche sind ausgeblieben. Um den Stand der Forschung realistisch abzubilden, sollten in Zukunft auch solche Studien zugänglich gemacht werden, deren Ausgangs-Hypothese nicht bestätigt werden konnte. Wie steht es also um die Hirnforschung und ihre großen Ambitionen? Ist die Neuro-Euphorie verklungen? Steckt die Forschung in der Krise?

Es geht hier um Grundlagenforschung, und wir haben es mit dem kompliziertesten Organ des bekannten Universums zu tun. Die Hirnforschung ist in der Gesellschaft komplex verortet. Die Hirnforschung wird von wirtschaftlichen Interessen getrieben. Ob die Neurowissenschaften unser Menschenbild verändern, ist nicht nur eine akademische Frage. Ihre Definitionsmacht hat handfeste Auswirkungen.

Die Begriffe, mit denen Wissenschaftler das Gehirn beschreiben, sind nicht neutral. Bildungspolitiker betrachten Hirnforschung als Ressource für 'mentales Kapital': Die Neurowissenschaften sollen Schülern zu besserer Bildung verhelfen und Kindern aus sozial schwachen Familien zu einer besseren Entwicklung. Auf diese Weise will man Kosten für Gefängniszellen und Sozial-Programme sparen. Hirnforscher haben oft Anstoß erregt mit ihrem Anspruch, Phänomene zu erklären, die traditionell im Feld der Geisteswissenschaften liegen: Bewusstsein, Persönlichkeit, Gefühl und Wille.

Die Hirnforschung muss sich noch viel mehr auf die Psychiatrie, Psychotherapie einlassen. Die Reibereien entzünden sich regelmäßig am Selbstverständnis der Naturwissenschaften als "Hard Science". Gefährlich wird der Deutungsanspruch der Neurowissenschaft, wenn Forscher behaupten, dass sie eine psychische Veranlagung für kriminelles Verhalten im Gehirn lokalisieren können. Ob Annahmen dieser Art je bestätigt werden, kann niemand sagen. Aber als Zukunfts-Visionen spielen sie bereits eine Rolle, wenn Hirnforscher über künftige Anwendungsmöglichkeiten ihres Fachs spekulieren.

Welche Faktoren sind entscheidend für unsere Entwicklung: Legen unsere Erbanlagen uns weitgehend fest, oder kommt es eher auf die Umwelt an? Die Rolle der Umwelt, warum die wichtig ist, ist eine naturwissenschaftliche Erkenntnis. In den Gesellschaftswissenschaften war das Gehirn lange Zeit kein Thema.

Was Dirk Baecker besonders hellhörig machte, war die Tatsache, dass die Hirnforschung selbst bisher über keine allgemein anerkannte Theorie verfügt, um diese Komplexität zu bändigen und schlüssig zu erklären, wie wir uns in einer ebenso komplexen Umwelt zurechtfinden. Das Gehirn ist demnach jederzeit darauf eingestellt, zu erwartende Reize bereits vorwegzunehmen und eingehende Reize mit diesen Vorannahmen abzugleichen. Neu ist allerdings der Versuch des Londoner Neurowissenschaftlers Karl Friston, diese Interaktion von Gehirn und Umwelt in mathematischen Formeln zu beschreiben und damit überprüfbar zu machen. Forscher in aller Welt experimentieren zurzeit mit Fristons Theorie des sogenannten predictive coding. Biologie und Kultur sind nicht trennscharf auseinander zu halten.

Künstliche Intelligenz und Hirnforschung: Eine integrierte Betrachtung

Die Neurowissenschaft vom Gehirn hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ebenso rasant entwickelt wie die Künstliche Intelligenz (KI). Beide sind aufeinander bezogen und befruchten sich gegenseitig. Das Gehirn und seine Arbeitsweise bleibt der Maßstab für Künstliche Intelligenz, welche sich an Funktion und Struktur des Gehirns herantastet. Schon arbeiten Forscher an den Innovationen von morgen wie Generative KI, hybrides maschinelles Lernen oder neuro-symbolische KI. Um die Fortschritte und die Gefahren richtig einschätzen zu können, ist es nötig, sich Wissen anzueignen.

Viele Fragen sind offen: Wird die KI die menschliche Intelligenz übertrumpfen? Wenn Künstliche Intelligenz gänzlich intelligent wird, wird sie dann eine Art von Qualia entwickeln, subjektive Erfahrungen aus der Ich-Perspektive? Wird sie lachen und weinen können? Wird ein KI-Roboter zu selbstständigen Entscheidungen fähig sein und damit ethischen Schutz beanspruchen dürfen, ähnlich wie Tiere?

Noch steckt die Forschung auf diesem Gebiet in den Kinderschuhen, betont Krauss. Es gehe eben nicht darum, die biologische Vorlage exakt zu kopieren. Möglicherweise hat ein computersimuliertes Gehirn kaum oder keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem biologischen Vorbild, kann dafür aber schneller und präziser rechnen als jeder Mensch.

Lernprozesse im Gehirn formen unsere Wahrnehmung

Ein Forschungsteam um Professor Dr. Markus Siegel vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung an der Universität Tübingen hat herausgefunden, dass unser Gehirn ständig die eigene Wahrnehmung der Welt optimiert, indem es aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernt und Vorhersagen über die Zukunft trifft. Die in dem Fachjournal Nature Communications veröffentlichte Studie zeigt, dass das Gehirn seine neuronalen Strukturen so anpasst, dass es besser auf die Muster und Regelmäßigkeiten in unserer Umwelt reagieren kann. Dieses Vorhersagelernen könnte uns helfen, Informationen schneller zu verarbeiten und uns im Alltag leichter zurechtzufinden.

Die Forschenden nutzten in der Studie die Magnetenzephalographie (MEG). Während der MEG-Messung hörten die Teilnehmenden eine Serie von Tönen, die unterschiedlich strukturiert waren. Die Forschenden untersuchten darauf-hin, wie das Gehirn diese akustischen Informationen verarbeitet und repräsentiert. Sie fanden heraus, dass das Gehirn durch das Erlernen der Tonmuster seine „innere Karte“ der Klänge veränderte: Ähnliche oder vorhersehbare Töne wurden im Gehirn gruppiert und zusammengefasst, was die Verarbeitung effizienter macht.

Besonders überraschend war, dass dabei ein Netzwerk aus sensorischen und höheren assoziativen Gehirnregionen zusammenarbeitet, um Vorhersagefehler zu erkennen und zu korrigieren. Das bedeutet, dass verschiedene Bereiche des Gehirns gemeinsam daran arbeiten, die Umwelt aktiv zu „verstehen“ und zu lernen, was als Nächstes passieren könnte.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Gehirn viel mehr tut, als nur In-formationen zu verarbeiten - es baut ständig eine Art Modell der Umwelt auf, das es an die Realität anpasst“, sagt Dr. Antonino Greco, Erstautor der Studie. Diese Forschung bietet neue Einblicke, die nicht nur für die Neurowissenschaften relevant sind, sondern auch Anwendungen in Bereichen wie Bildung und psychische Gesundheit haben könnten. So könnte dieses Wissen beispielsweise bei der Entwicklung von Lernstrategien oder in der Behandlung von sensorischen Wahrnehmungsstörungen hilfreich sein. Die Studie verdeutlicht eindrücklich, wie flexibel und anpassungsfähig unser Gehirn ist - eine faszinierende Eigenschaft, die unseren Alltag und unsere Wahrnehmung der Welt maßgeblich prägt.

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