Hemiplegie und Hemiparese: Ein umfassender Überblick über Unterschiede, Ursachen, Diagnose und Behandlung

Die Begriffe Hemiplegie und Hemiparese bezeichnen beide eine Lähmung einer Körperhälfte, wobei die Hemiplegie eine vollständige und die Hemiparese eine unvollständige Lähmung beschreibt. Diese Zustände sind Symptome einer zugrunde liegenden Erkrankung, wie beispielsweise eines Schlaganfalls oder einer Schädigung des Gehirns. Die resultierenden motorischen Einschränkungen, Muskelverkrampfungen und sensorischen Störungen können den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen und zu psychischen Belastungen führen.

Was ist Hemiplegie und Hemiparese?

Die Halbseitenlähmung ist die Lähmung einer Körperhälfte, die vollständig (Hemiplegie) oder unvollständig (Hemiparese) ausgeprägt sein kann. Betroffene einer Hemiparese sind halbseitig unvollständig gelähmt. Eine Hemiparese ist eine unvollständige Lähmung auf einer kompletten Körperseite. Oft ist ein Arm und Bein betroffen, seltener auch das Gesicht. Die betroffenen Muskelgruppen sind nicht vollständig gelähmt, Betroffene können sie noch teilweise bewegen, doch die Muskelkraft ist eingeschränkt. Die Hemiparese ist eine Form der Parese, die eine unvollständige Lähmung oder Schwächung von Muskelregionen bezeichnet.

Hemiparese und Hemiplegie werden oft synonym als Halbseitenlähmung bezeichnet. Tatsächlich gibt es aber einen wichtigen Unterschied: Eine Hemiparese ist eine unvollständige Lähmung, bei der noch eine gewisse Restfunktion der Muskeln vorhanden ist.

Ursachen einer Halbseitenlähmung

Eine Halbseitenlähmung wird durch Schädigung einer Gehirnhälfte verursacht, meist durch Schlaganfall oder unfallbedingte Schädel-Hirn-Verletzungen, seltener durch bakterielle oder virale Gehirnentzündungen oder Tumoren. Sie kann aber auch aufgrund genetischer Erkrankungen angeboren sein oder durch Verletzungen bei der Geburt entstehen. Eine Schädigung der rechten Gehirnhälfte oder des rechten Stammhirns führt zu einer Lähmung der linken Körperhälfte. Ist die linke Gehirnhälfte oder das linke Stammhirn geschädigt, tritt die halbseitige Lähmung rechts auf. Selten kann eine halbseitige Schädigung des Rückenmarks die Ursache sein.

Hemiparese durch Hirnverletzungen: Bei einem Schlag auf den Kopf, zum Beispiel durch einen Unfall, kann auch das Hirn verletzt werden. Hemiparese durch Komplikationen während der Schwangerschaft: Kommt es beim Embryo zu Entzündungen oder Blutungen, kann es ebenfalls zu einer einseitigen Lähmung kommen. Auch ein Sauerstoffmangel bei der Geburt kann für eine Hemiparese verantwortlich sein.

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Symptome und Erscheinungsformen

Die Symptome einer Halbseitenlähmung können vielfältig sein und hängen vom Ausmaß und der Lokalisation der Schädigung im Gehirn ab.

  • Bei einer vollständigen Halbseitenlähmung (Hemiplegie) sind häufig auch die Gesichts- und Zungenmuskulatur (Faszialparese) der gelähmten Seite betroffen.
  • Die Wahrnehmung von Reizen (Temperatur, Schmerz, Berührung) ist gestört, vermindert oder nicht mehr vorhanden.
  • Die unvollständige Halbseitenlähmung (Hemiparese) kann sich in einer schlaffen oder starken Muskelspannung äußern und zu unkoordinierten oder überschießenden Bewegungen (Spastiken) führen.
  • In manchen Fällen sind vor allem das Gesicht und/oder der Arm und weniger das Bein betroffen, sodass es noch möglich ist, selbstständig mit oder ohne Hilfsmittel zu gehen.
  • Häufig erschweren jedoch Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen die eigenständige Fortbewegung.
  • Lähmungen einer Gesichtshälfte führen häufig zu eingeschränkter Mimik und Sprachstörungen. Schlaganfall-Betroffene können oft unmittelbar nach dem Ereignis eine Körperhälfte nicht mehr richtig spüren und/oder kontrollieren. Im Gesicht funktioniert das Lächeln nicht mehr, weil ein Mundwinkel unten bleibt (Fazialisparese). Ein Arm kann nicht gehoben werden und das Bein bietet keinen stabilen Halt mehr. Viele Betroffene berichten auch von einem Kribbeln oder einem „pelzigen Gefühl“ in den Körperteilen.

Wie sich eine Hemiparese äußert, kann je nach Art und Ausmaß der Schädigung variieren. Typischerweise ist der Arm und das Bein auf der gleichen Körperseite betroffen. Dies führt zu einer starken Einschränkung in der Beweglichkeit, der Koordination und dem Gleichgewicht. Tritt die Hemiparese als Folge eines Schlaganfalles auf, sind zusätzlich die Gesichtsmuskeln betroffen. Diese sogenannte Fazialisparese lässt die Gesichtszüge einfallen und beeinträchtigt die Sprachfähigkeit, wenn Mund und Zunge in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ferner kann eine Hemiparese Sensibilitätsstörungen wie Taubheit oder Kribbeln sowie Sehprobleme und eine damit einhergehende, verminderte kognitive Leistungsfähigkeit hervorrufen.

Die Ausprägung der Lähmungserscheinungen kann unterschiedlich sein, abhängig von der Schwere des Schlaganfalls oder der Hirnverletzung. Einige Betroffene können weder Arm noch Bein bewegen (Hemiplegie), während andere noch in der Lage sind, entweder den Arm oder das Bein zu bewegen (Hemiparese). Der Grad der Lähmung, von leichter Taubheit oder Schwäche bis zur vollständigen Bewegungsunfähigkeit, richtet sich nach der Anzahl der betroffenen Gehirnzellen.

Diagnose einer Halbseitenlähmung

Eine plötzlich auftretende Halbseitenlähmung ist immer ein Notfall und muss umgehend untersucht werden, um die ursächliche Erkrankung festzustellen. Auch bei einer Halbseitenlähmung, die sich schleichend über einen längeren Zeitraum entwickelt, suchen unsere Experten der Neurologie zunächst nach der Ursache.

Zuständig für die Diagnostik bei Lähmungserscheinungen ist ein Facharzt für Neurologie. Erste Anlaufstelle kann allerdings auch Ihr Hausarzt sein. Nach einem ausführlichen Gespräch zu Ihrer Krankengeschichte (Anamnese) erfolgen neurologische Untersuchungen. Zur Diagnostik der Lähmungsursache können zudem Bluttests oder eine Muskelbiopsie (Untersuchung von Muskelgewebe mittels einer Gewebeprobe) herangezogen werden.

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Die Diagnostik umfasst in der Regel:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte des Patienten.
  • Neurologische Untersuchung: Prüfung von Kraft, Reflexen, Spannung einzelner Muskelgruppen und Feinmotorik.
  • Laboruntersuchungen: Blutbild und Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion).
  • Bildgebende Verfahren:
    • Computertomografie (CT): Darstellung der normalen Struktur und krankhafter Veränderungen oder Verletzungen im Schädelbereich.
    • Magnetresonanztomografie/Kernspintomografie (MRT): Darstellung von Struktur und krankhaften Veränderungen im Hirngewebe und im Schädelbereich.
    • Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT): Darstellung der Durchblutung und Stoffwechselaktivität in bestimmten Gehirnregionen während einer Aufgabe.
    • Elektroenzephalografie (EEG): Darstellung der elektrischen Hirnaktivität mit hoher zeitlicher Auflösung.

Therapie und Rehabilitation

Die Therapie hängt von der Ursache und dem Ausmaß der Lähmungen ab. Die Behandlung einer Hemiparese hängt von der Ursache, dem Schweregrad und dem Zeitpunkt der Schädigung ab. In manchen Fällen können die Lähmungserscheinungen spontan zurückgehen oder sich verbessern, in anderen Fällen bleiben sie dauerhaft bestehen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Sie bei Verdacht auf einen Schlaganfall sofort in die Notaufnahme gehen, jede Sekunde zählt! Auch langanhaltende Taubheitsgefühle im Körper sollten Sie ernst nehmen und frühzeitig abklären lassen.

Am Anfang steht jedoch immer die Frage, wodurch die Muskeleinschränkungen ausgelöst wurden. Bei Unfällen steht die notfallmedizinische Versorgung im Zentrum, bei einem Schlaganfall versuchen Ärzte bzw. Ärztinnen, das blockierte Hirngefäß wieder freizubekommen. Im Anschluss an die Akutbehandlung steht die Rehabilitation im Zentrum, um die Bewegungsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern. Mit den genannten Behandlungsmaßnahmen machen Betroffene in der Regel innerhalb weniger Monate gute Fortschritte.

Die Rehabilitation spielt eine zentrale Rolle, um die Bewegungsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern und die Selbstständigkeit im Alltag wiederherzustellen. Hierzu gehören:

  • Physiotherapie: zur Verbesserung der motorischen Fähigkeiten, der Koordination und des Gleichgewichts.
  • Ergotherapie: zur Verbesserung der Alltagsfähigkeiten und der Selbstversorgung.
  • Logopädie: zur Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen, insbesondere bei Beteiligung der Gesichts- und Zungenmuskulatur.
  • Psychologische Betreuung: zur Bewältigung der psychischen Belastungen und zur Förderung der Lebensqualität.

Durch intensive Physio- und Ergotherapie kann das Gehirn wieder neu lernen, die Gliedmaßen zu kontrollieren. Logopädie hilft, die Folgen einer Gesichtslähmung zu reduzieren.

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Leben mit Hemiplegie/Hemiparese

Ein Leben mit Hemiparese bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Sie sind jedoch nicht alleine! Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen hilft, neue Lösungen und Perspektiven zu finden.

Ob nur vorübergehend oder dauerhaft - Lähmungen können die Bewegungsfreiheit im Lebensalltag beeinträchtigen. Wichtige Aspekte sind:

  • Pflegegrad: Je nach Ausmaß der Beeinträchtigung haben Betroffene Anspruch auf einen Pflegegrad und entsprechende Leistungen der Pflegekasse.
  • Hilfsmittel: Bei medizinischer Notwendigkeit stellt der Arzt ein Rezept für geeignete Hilfsmittel aus, wie z.B. Rollstühle, Treppenlifte oder Lagerungsschienen.
  • Barrierefreiheit: Oftmals sind Umbaumaßnahmen notwendig, um die Wohnung barrierefrei zu gestalten.
  • Notrufsystem: Bei Gangunsicherheiten und einem erhöhten Sturzrisiko sorgt ein Notrufsystem für mehr Sicherheit.
  • Austausch mit Betroffenen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Online-Foren oder regionalen Selbsthilfegruppen kann wertvolle Unterstützung bieten. Eine mögliche Anlaufstelle für Menschen mit Querschnittslähmung ist die Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten in Deutschland e. V. (FGQ).
  • Patientenverfügung: Eine Patientenverfügung stellt sicher, dass Ihre medizinischen Wünsche auch in unerwarteten Situationen respektiert werden und bewahrt so Ihre Selbstbestimmung.

Ist eine Hemiparese angeboren, können bei einigen Betroffenen dauerhafte Lähmungen bestehen bleiben. In diesem Fall ist es wichtig, die Einschränkung zu akzeptieren und nicht zu versuchen, gegen sie zu arbeiten. Investieren Sie Ihre Kraft besser für die Suche nach geeigneten Strategien und Hilfsmitteln wie Rollstühle, Treppenlifte oder Lagerungsschienen.

Unterschiedliche Lähmungsformen

Unvollständige Lähmungen, Paresen und vollständige Lähmungen, Plegien, werden nach verschiedenen Faktoren eingeteilt, unter anderem nach den betroffenen Körperregionen.

  • Parese: Teilweise Lähmung der betroffenen Skelettmuskulatur.
  • Plegie: Vollständige Lähmung der Skelettmuskulatur mindestens einer Extremität (zum Beispiel Arm oder Bein).
  • Monoparese oder Monoplegie: Nur einzelne Extremitäten sind betroffen.
  • Paraparese oder Paraplegie: Zwei gleichartige Extremitäten sind teilweise oder vollständig gelähmt.
  • Paraplegie und Tetraplegie können bei einer Querschnittslähmung auftreten. Dabei sind - häufig nach einem Unfall, aber auch infolge bestimmter Erkrankungen - die Nervenbahnen im Rückenmark durchtrennt oder gequetscht. Sind die Nervenbahnen im Rückenmark in Höhe der Halswirbelsäule verletzt, sind beide Arme und Beine einschließlich Rumpf betroffen. Das Ausmaß der Lähmung in den Armen hängt davon ab, in welchem Segment der Halswirbelsäule das Rückenmark geschädigt ist. Bei einer Querschnittlähmung sind auch die Rumpfmuskulatur und teilweise die Atemmuskulatur beeinträchtigt. Das Ausmaß hängt unter anderem von der Höhe des Querschnitts ab. Die Blasen- und Darmfunktion sind ebenfalls betroffen.

Zentrale und periphere Lähmungen

In der Medizin unterscheidet man je nach Ursache beziehungsweise Entstehungsort der Nervenschädigung zwischen zentralen und peripheren Lähmungen. Zudem differenziert man nach der Ausprägung in Plegien (vollständige Lähmung) und Paresen (unvollständige Lähmung).

  • Zentrale Lähmungen haben ihren Ursprung im zentralen Nervensystem (ZNS) - also in Gehirn oder Rückenmark. Dabei sind keine einzelnen Muskeln, sondern immer Muskelgruppen betroffen. Bei einer zentralen Lähmung ist die Muskulatur dauerhaft angespannt. Zudem kommt es zu gesteigerten Muskelreflexen . Das zeigt sich in ruckartigen Zuckungen.
  • Periphere Lähmungen werden von Schädigungen im peripheren Nervensystem (PNS) ausgelöst. Dabei ist die Übertragung der Impulse an die Muskulatur geschwächt oder komplett unterbrochen. Im Gegensatz zur spastischen Lähmung besteht kaum oder keine Muskelspannung (Muskeltonus) mehr. Entsprechend kann das betroffene Körperteil nur schlecht oder nicht mehr bewegt werden und beispielsweise bei einer Lähmung der Hand schlaff herunterhängen. Eine schlaffe (periphere) Lähmung geht auf Schädigungen im peripheren Nervensystem zurück. Eine spastische Lähmung ist durch gesteigerte Reflexe und eine erhöhte Muskelspannung gekennzeichnet.

Eine Form der peripheren Lähmung ist die Gesichtslähmung (Fazialisparese). Aufgrund einer gestörten Funktion des Gesichtsnervs ist die Gesichtsmuskulatur teilweise gelähmt.

Ursächliche Erkrankungen

Einer Lähmung liegt grundsätzlich eine Nervenschädigung zugrunde. Lähmungserscheinungen können durch eine Vielzahl an Krankheiten ausgelöst werden. Dazu gehören zum Beispiel neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose (MS) und Epilepsie. Aber auch Krebserkrankungen, ein Bandscheibenvorfall oder eine Spinalkanalstenose können Lähmungserscheinungen herbeiführen. Bei einer Spinalkanalstenose kann es durch den Druck auf Nerven und Rückenmark je nach Lokalisation zu Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen kommen.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Wählen Sie bitte den Notruf 112, wenn plötzlich Lähmungserscheinungen an Extremitäten oder Gesicht auftreten oder es nach einem Unfall oder Verletzungen zu motorischen Störungen kommt. Verständigen Sie einen Arzt bei einer kurzzeitigen Lähmung, die am selben Tag wieder verschwindet. Es könnte sich um ein Anzeichen eines drohenden Schlaganfalls handeln. Auch langanhaltende Taubheitsgefühle im Körper sollten Sie ernst nehmen und frühzeitig abklären lassen.

Kann sich eine Halbseitenlähmung zurückentwickeln?

Je nach Schweregrad der Hirnverletzung und Schnelle der Versorgung, können Lähmungserscheinungen spontan wieder verschwinden oder sich verbessern. Die meisten Betroffenen haben jedoch dauerhafte Lähmungen - manche sehr stark, andere sehr gering.

Die Heilungschancen hängen von Ursache und Ausmaß der Lähmungen ab. Eine Querschnittlähmung ist nicht heilbar.

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