In der heutigen digitalen Welt, in der Smartphones, Tablets und Computer allgegenwärtig sind, hat sich ein Phänomen namens digitale Demenz entwickelt. Dieser Begriff, der vor allem durch den Neurologen und Psychiater Manfred Spitzer bekannt wurde, beschreibt die potenziellen negativen Auswirkungen der häufigen Nutzung digitaler Medien auf unsere kognitiven Fähigkeiten.
Was ist digitale Demenz?
Digitale Demenz ist keine medizinisch anerkannte Demenzform im eigentlichen Sinne, sondern ein Begriff, der verwendet wird, um Veränderungen in unseren kognitiven Fähigkeiten zu beschreiben, die mit der übermäßigen Nutzung digitaler Technologien in Verbindung gebracht werden. Jim Kwik, Autor und "Hirn-Coach", erklärt es im "mindbodygreen"-Podcast so: "Digitale Demenz bezeichnet die Idee, dass unsere smarten Geräte uns weniger smart machen. Sie sind eine Art externes Gedächtnis für uns, sodass wir unser Gedächtnis nicht mehr anstrengen müssen."
Ursachen der digitalen Demenz
Mehrere Faktoren tragen zur Entwicklung der digitalen Demenz bei:
- Verlagerung des Gedächtnisses: Smartphones und andere digitale Geräte dienen als externe Gedächtnisse. Wir müssen uns weniger merken, da wir Informationen jederzeit abrufen können. Dies führt dazu, dass unser Gehirn weniger trainiert wird und seine Leistungsfähigkeit nachlässt.
- Verminderte Aufmerksamkeitsspanne: Die ständige Reizüberflutung durch digitale Medien verkürzt unsere Aufmerksamkeitsspanne. Es fällt uns schwerer, uns über längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren.
- Kognitive Überlastung: Die ständige Informationsflut und das Multitasking, das durch digitale Medien gefördert wird, können unser Gehirn überlasten und zu kognitiven Beeinträchtigungen führen.
- Mangelnde körperliche Aktivität: Häufige Nutzung digitaler Medien geht oft mit einem Mangel an körperlicher Aktivität einher, was sich negativ auf die Gehirnfunktion auswirken kann.
Beispiele für digitale Demenz
Die Auswirkungen der digitalen Demenz können sich in verschiedenen Bereichen unseres Lebens zeigen:
- Schlechtes Kurzzeitgedächtnis: Es fällt uns schwer, uns an Dinge zu erinnern, die uns gerade erst gesagt wurden oder die wir gerade erst gelesen haben.
- Probleme beim Kopfrechnen: Einfache Rechenaufgaben, die uns früher leichtfielen, werden plötzlich schwierig.
- Verminderte Aufmerksamkeitsspanne: Wir können uns nicht mehr lange auf eine Sache konzentrieren und lassen uns leicht ablenken.
- Orientierungsschwierigkeiten: Wir haben Schwierigkeiten, uns in unbekannten Umgebungen zurechtzufinden, da wir uns zu sehr auf Navigationsgeräte verlassen.
- SprachlicheDefizite: Die Fähigkeit, sich präzise und differenziert auszudrücken, kann durch die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne und die Nutzung vereinfachter digitaler Kommunikationsformen leiden.
Folgen der digitalen Demenz
Die digitale Demenz kann eine Reihe von negativen Folgen haben:
Lesen Sie auch: Gehirn-Implantate: Was bringen digitale Folien?
- Beeinträchtigung der schulischen und beruflichen Leistung: Konzentrationsschwierigkeiten und ein schlechtes Gedächtnis können sich negativ auf unsere Fähigkeit auswirken, zu lernen und zu arbeiten.
- Erhöhtes Risiko für Demenz und Alzheimer: Studien deuten darauf hin, dass zu viel Zeit am Bildschirm das Risiko für "echte" Demenz und Alzheimer im Alter erhöhen kann.
- Soziale Isolation: Die übermäßige Nutzung sozialer Medien kann zu sozialer Isolation führen, da wir weniger Zeit mit persönlichen Interaktionen verbringen.
- Psychische Probleme: Digitale Demenz kann zu Angstzuständen, Depressionen und anderen psychischen Problemen beitragen.
- Verlust von Kreativität und Innovation: Die Abhängigkeit von digitalen Medien kann die Fähigkeit zum kritischen Denken und zur Problemlösung einschränken und somit die Kreativität und Innovationskraft mindern.
Was können wir gegen digitale Demenz tun?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, der digitalen Demenz entgegenzuwirken:
- Digital Detox: Achten Sie darauf, dass Sie regelmäßig Zeit ohne digitale Geräte verbringen.
- Gehirntraining: Trainieren Sie Ihr Gehirn mit Gedächtnisübungen, Rätseln und anderen kognitiven Herausforderungen.
- Körperliche Aktivität: Bewegen Sie sich regelmäßig, um die Durchblutung des Gehirns zu fördern.
- Soziale Interaktion: Verbringen Sie Zeit mit Freunden und Familie, um soziale Kontakte zu pflegen.
- Bewusster Medienkonsum: Achten Sie darauf, wie viel Zeit Sie mit digitalen Medien verbringen und nutzen Sie diese bewusst und gezielt.
- Analoge Aktivitäten: Nehmen Sie sich Zeit für Aktivitäten ohne digitale Medien: Lesen Sie ein Buch, spielen Sie ein Instrument, gehen Sie in der Natur spazieren oder üben Sie ein Handwerk aus.
- Telefonnummern auswendig lernen: Trainieren Sie Ihr Gedächtnis, indem Sie wichtige Telefonnummern auswendig lernen.
- Kopfrechnen üben: Vermeiden Sie es, für einfache Rechenaufgaben den Taschenrechner zu benutzen.
- Achtsamkeit: Praktizieren Sie Achtsamkeit, um Ihre Konzentration und Aufmerksamkeit zu verbessern.
Digitale Medien als Therapie?
Es gibt auch Hinweise darauf, dass digitale Medien in bestimmten Fällen zur Therapie von Hirnerkrankungen eingesetzt werden können. Studien belegen, dass Demenz-Patienten vom Training in virtuellen Umgebungen profitieren können, die auf den Grad der Erkrankung abgestimmt werden können. Kinder mit einer erblichen Kleinhirnerkrankung, die zu Gangstörungen führt, können durch ein videospiel-basiertes Koordinationstraining ihre Gangstörung verbessern.
Die Rolle der Medienpädagogik
Die Medienpädagogik spielt eine wichtige Rolle bei der Vermittlung eines sinnvollen Umgangs mit Medien. Statt auf Abstinenz zu setzen, sollte sie Kindern und Jugendlichen beibringen, wie sie Medien kompetent nutzen können. Medienkompetente Kinder verstehen die Wirkungsweisen von Medien besser, können sie einordnen und einschätzen, ob sie ihnen guttun.
Lesen Sie auch: Prof. Spitzer über digitale Demenz
Lesen Sie auch: Digitale Demenz nach Spitzer: Eine kritische Betrachtung