Digitale Demenz: Statistik, Fakten und Kontroversen

Der Begriff "digitale Demenz" ist in den letzten Jahren immer häufiger in den Medien aufgetaucht und hat zu hitzigen Debatten über die Auswirkungen der digitalen Technologie auf unser Gehirn und unsere kognitiven Fähigkeiten geführt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der digitalen Demenz, analysiert die verfügbaren Statistiken und Studien und untersucht die kontroversen Meinungen von Experten auf diesem Gebiet.

Was ist digitale Demenz wirklich?

Der Begriff "digitale Demenz" wurde erstmals 2007 in der Korea Times erwähnt, als Umfragen unter jungen Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren mit hohem Medienkonsum veröffentlicht wurden. Diese jungen Menschen litten zunehmend unter Konzentrationsschwäche, Antriebslosigkeit und Vergesslichkeit.

Der Begriff wurde vor allem durch den Ulmer Psychiater Manfred Spitzer populär gemacht, der in seinem Buch "Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" vor den negativen Folgen des übermäßigen Konsums digitaler Medien warnt. Spitzer argumentiert, dass die ständige Nutzung von Computern, Smartphones und anderen digitalen Geräten zu einer Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit, Vereinsamung, Fettleibigkeit und sogar zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Alzheimer im späteren Leben führen kann.

Spitzer verwendet den Begriff "Demenz" sowohl für ein erhöhtes Alzheimer-Risiko im Alter als auch für dysfunktionales Verhalten und Depressionen im Jugendalter. Er bezeichnet Computer als "Lernverhinderungsmaschinen" und führt schlechte Noten auf Online-Spiele zurück.

Die Kontroverse um die digitale Demenz

Spitzers Thesen sind jedoch umstritten. Andere Hirnforscher wie Michael Madeja bezweifeln die Aussagekraft von Spitzers Vorher-Nachher-Bildern von Gehirnen Internetabhängiger. Sie argumentieren, dass Veränderungen, die durch intensive Internetnutzung verursacht werden könnten, so subtil und individuell wären, dass sie mit den aktuellen Methoden der Hirnforschung nicht erfassbar wären. Darüber hinaus wird der Begriff "Demenz" in der Medizin für einen krankhaften Verlust kognitiver Fähigkeiten verwendet, der durch verschiedene Prozesse wie Tumore, Vergiftungen oder Blutungen verursacht werden kann. Es gibt bisher keine Beweise dafür, dass die Nutzung digitaler Medien ähnliche Auswirkungen hat.

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Auch Christian Stöcker kritisierte in seiner SPIEGEL-Kolumne "Bestsellerautor über Einsamkeit: Die Methode Spitzer" Aussagen von Manfred Spitzer scharf, da er angeblich nur Studien berücksichtigt, die seine Thesen unterstützen.

Studien und Statistiken zur digitalen Demenz

Trotz der Kontroverse gibt es Studien, die sich mit den Auswirkungen der digitalen Mediennutzung auf das Gehirn und die kognitiven Fähigkeiten befassen.

Medienabhängigkeit bei Jugendlichen

Eine Studie zeigt, dass vier Prozent der 14- bis 16-Jährigen in Deutschland medienabhängig sind. Nach Angaben des Fachverbands Mediensucht e.V. sind die meisten von Spielen, gefolgt von Cybersex und sozialen Netzwerken, abhängig.

Der Fachverband fordert, Medienabhängigkeit als eigenständige psychische Erkrankung anzuerkennen, da abhängiger Medienkonsum mit erheblichen psychischen, physischen und sozialen Beeinträchtigungen verbunden sei.

Auswirkungen auf die Aufmerksamkeitsspanne

Eine viel diskutierte Microsoft-Kanada-Studie von 2015 untersuchte, ob sich unser Erinnerungsvermögen durch die Nutzung des Internets verschlechtert hat. Die Studie wurde aufgrund von "Unsauberkeiten" und der starken Kritik zurückgezogen, aber sie behauptete, dass sich unsere Aufmerksamkeitsspanne innerhalb von 13 Jahren von 12 auf 8 Sekunden reduziert hat. Im Vergleich dazu hat ein Goldfisch eine Aufmerksamkeitsspanne von 9 Sekunden!

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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Aufmerksamkeitsspanne und Gedächtnisleistung nicht dasselbe sind.

Positive Auswirkungen digitaler Technologien im Alter

Eine aktuelle Studie von Forschern der Baylor University und der Dell Medical School analysierte 136 Studien mit insgesamt über 411.000 Erwachsenen. Die Ergebnisse zeigten, dass die regelmäßige Nutzung digitaler Technologien mit einem deutlich geringeren Risiko für kognitive Beeinträchtigungen im Alter verbunden ist. Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte regelmäßig digitale Geräte nutzen, sind seltener von geistigen Einschränkungen betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, kognitive Probleme zu entwickeln, sinkt laut der Studie um 58 Prozent. Auch der geistige Abbau verlangsamt sich im Schnitt um 26 Prozent.

Die Studie spricht von einer "technologischen Reserve" - ähnlich dem geistigen Training durch regelmäßiges Lesen oder Rätsellösen. Die Nutzung von Computern, Smartphones oder Online-Diensten erfordert stetiges Lernen und Anpassung, was die geistigen Fähigkeiten trainiert.

Digitale Werkzeuge können auch bei beginnendem geistigem Abbau den Alltag erleichtern und älteren Menschen ermöglichen, länger selbstbestimmt zu leben. Digitale Technologien schaffen nicht nur geistige Reize, sondern auch emotionale Nähe durch soziale Kontakte über Videoanrufe, Nachrichten oder soziale Medien.

Medienpädagogik statt Abstinenz

Anstatt einer totalen Abstinenz von digitalen Medien, die weder umsetzbar noch erstrebenswert ist, plädiert dieser Artikel für eine Medienpädagogik. Medien spielen eine wichtige Rolle in unserem Privat- und Arbeitsleben, daher ist es wichtig, einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen zu erlernen.

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Medienpädagogik sollte Kindern und Jugendlichen helfen, Medien kritisch zu hinterfragen, ihre Nutzung zu reflektieren und kompetent mit den Chancen und Risiken der digitalen Welt umzugehen.

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