Die dissoziale Persönlichkeitsstörung (auch bekannt als antisoziale Persönlichkeitsstörung) ist eine psychische Erkrankung, die durch ein anhaltendes Muster der Missachtung und Verletzung der Rechte anderer gekennzeichnet ist. Betroffene zeigen oft mangelndes Verantwortungsgefühl, Reue und Empathie und neigen dazu, andere für ihren eigenen Vorteil auszunutzen. Diese Verhaltensweisen führen häufig zu Konflikten mit dem Gesetz und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Merkmale und Prävalenz der dissozialen Persönlichkeitsstörung
Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung fallen oft schon in der Kindheit durch delinquentes Verhalten auf und geraten im Laufe ihres Lebens immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Fachleute diagnostizieren in solchen Fällen eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Studien zeigen, dass etwa fünf Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen eine Veranlagung für diese Störung haben. Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle Menschen mit dieser Veranlagung straffällig werden. Weitere Faktoren, wie ein unterdurchschnittlicher Intelligenzquotient und Substanzabhängigkeit, können eine kriminelle Karriere begünstigen. Da die dissoziale Persönlichkeitsstörung nicht mit verminderter Schuldfähigkeit einhergeht, werden betroffene Straftäter in normalen Justizvollzugsanstalten untergebracht. Die Prognose für diese Menschen ist oft schlecht, da sie schwer therapierbar sind und ein hohes Rückfallrisiko aufweisen.
Neurobiologische Grundlagen der dissozialen Persönlichkeitsstörung
Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf die neurobiologischen Mechanismen, die dem Verhalten von Straftätern mit dissozialer Persönlichkeitsstörung zugrunde liegen. Ziel ist es, objektive Kriterien für die Gefährlichkeit zu finden und zu verstehen, wie sich die Gehirne der Betroffenen von denen nicht-straffälliger Menschen unterscheiden. Kann man anhand der Hirnaktivität erkennen, ob eine Therapie Wirkung zeigt? Um diese Fragen zu beantworten, wird die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) eingesetzt.
Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)
Die fMRT ermöglicht es, die Hirnaktivität anhand des Blutflusses zu messen. Bereiche höherer und niedrigerer Aktivität können so identifiziert und den entsprechenden mentalen Prozessen zugeordnet werden.
Forschungsprojekte und Studiendesigns
Forschende haben Versuchsabläufe entwickelt, bei denen Probanden mit und ohne dissoziale Persönlichkeitsstörung im fMRT kurze Bildsequenzen vorgespielt werden, die Interaktionen zwischen Tätern und Opfern zeigen. Die Teilnehmenden werden angewiesen, sich entweder in die eine oder die andere Person hineinzuversetzen, und anschließend werden ihre Gefühle und die Einschätzung der Gefühle der beobachteten Personen abgefragt.
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Eine Studie der RUB rekrutierte drei Personengruppen:
- Straftäter mit diagnostizierter dissozialer Persönlichkeitsstörung
- Eine gesunde Kontrollgruppe
- Eine Gruppe substanzabhängiger Menschen ohne Straffälligkeit
Die Rekrutierung der Teilnehmer gestaltete sich aufgrund verschiedener Faktoren schwierig, darunter die Notwendigkeit der Zustimmung der Justizbehörden und die mangelnde Bereitschaft der Täter, uneigennützig an der Forschung teilzunehmen. Auch die Kontrollgruppe musste aufwändig zusammengesucht werden, um verschiedene Faktoren wie Intelligenz zu berücksichtigen.
Ergebnisse und Erkenntnisse
Die Auswertung der Untersuchungen ist noch nicht abgeschlossen, aber erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass dissoziale Persönlichkeiten durchaus mitfühlen können, allerdings eher mit dem Täter als mit dem Opfer. Es gibt Hinweise auf Besonderheiten in dem, was man das "Tätergehirn" nennen könnte, insbesondere in Bereichen des Empathienetzwerks und solchen, die mit Suchtproblematiken in Verbindung stehen. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass strukturelle Unterschiede zwischen dissozialen und gesunden Menschen wahrscheinlich sehr klein sind.
Weitere Forschungsergebnisse zur Neurobiologie der Psychopathie
Die Forschung zur Neurobiologie der Psychopathie, einer verwandten Störung, die oft mit dissozialem Verhalten einhergeht, hat ebenfalls interessante Ergebnisse geliefert.
Strukturelle Hirnveränderungen
Metaanalysen von Studien, die strukturelle Hirnveränderungen bei Psychopathen untersuchten, deuten auf Volumenminderungen grauer Substanz im linken dorsolateralen präfrontalen Kortex und im medialen Orbitofrontalkortex hin. Diese Regionen sind an der Emotionsregulation, der Entscheidungsfindung und der sozialen Kognition beteiligt. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Befunde noch keinen Schluss darüber zulassen, ob es sich bei den Veränderungen um Ursache oder Folge der Störung handelt.
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Funktionelle Hirnveränderungen
Metaanalysen von Studien, die funktionelle Hirnveränderungen bei Psychopathen untersuchten, zeigen eine verminderte Hirnaktivität im lateralen präfrontalen Kortex, im dorsomedialen Kortex und in der Amygdala. Eine gesteigerte Hirnaktivität fand sich auf beiden Hemisphären im frontoinsulären Kortex. Diese Veränderungen betreffen Regionen, die für Empathie, moralische Entscheidungen und die Verarbeitung von Emotionen wichtig sind.
Neurotransmitter und Genexpression
Forschungen haben auch Zusammenhänge zwischen veränderter Hirnaktivität bei Psychopathen und der Verteilung von Neurotransmittern, insbesondere Serotonin, sowie der Expression zugehöriger Gene gefunden. Diese Ergebnisse könnten auf ein mögliches Potenzial von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern bei der Behandlung von Personen mit hochgradig psychopathischen Eigenschaften hindeuten.
Dissoziative Identitätsstörung (DIS)
Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), früher bekannt als Multiple Persönlichkeitsstörung, ist eine weitere dissoziative Störung, die mit komplexen Veränderungen im Gehirn in Verbindung gebracht wird. Die DIS ist durch das Vorhandensein von zwei oder mehr unterschiedlichen Persönlichkeitszuständen gekennzeichnet, die das Verhalten und Denken der betroffenen Person beeinflussen.
Symptome und Prävalenz
Zu den Hauptmerkmalen der DIS gehören Identitätsfragmentierung und dissoziative Amnesie. Die Identitätsfragmentierung umfasst das Gefühl einer deutlichen Diskontinuität des Bewusstseins des eigenen Selbst und Handelns, während die dissoziative Amnesie durch wiederkehrende Defizite bei der Erinnerung alltäglicher Ereignisse, wichtiger persönlicher Informationen und/oder traumatischer Ereignisse gekennzeichnet ist. Die Prävalenz der DIS wird in den USA auf etwa 1,5 % der Bevölkerung geschätzt.
Ursachen und Risikofaktoren
Die DIS wird oft als Traumafolgestörung aufgrund schwerer Kindheitsmisshandlung angesehen. Retrospektive Studien zeigen, dass sexueller, physischer und emotionaler Missbrauch häufig von DIS-Patienten berichtet werden. Allerdings mangelt es bisher an hochwertigen Längsschnittstudien, die einen kausalen Effekt traumatischer Ereignisse auf dissoziative Beschwerden feststellen könnten. Neben Traumata spielen auch andere Faktoren wie genetische Veranlagung, dissoziative Symptome bei Angehörigen und ein desorganisierter Bindungsstil in der Kindheit eine Rolle.
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Neurobiologische Befunde
Neurobiologische Befunde stützen das posttraumatische Modell der DIS. Eine strukturelle MRT-Studie mit DIS-Patienten schlägt ein durch Traumatisierung bedingtes, verringertes CA1-Hippocampus-Volumen als potenziellen Biomarker für dissoziative Amnesie vor. Kürzlich konnten einzigartige Konnektivitätsmarker identifiziert werden, die die DIS mit dem zentralen exekutiven Netzwerk (CEN) in Verbindung bringen, was auf Veränderungen in den exekutiven Funktionen bei DIS-Patienten hindeuten könnte.
Behandlung
Die individuelle Psychotherapie hat die Integration der verschiedenen Persönlichkeitszustände zum Ziel. Professionelle Akzeptanz des Störungsbildes ist die Vorraussetzung dafür, das die Betroffenen gezielter aus den therapeutischen Möglichkeiten Nutzen ziehen können.
Bedeutung der Forschung
Die Forschung mittels Bildgebung trägt dazu bei, die neurobiologischen Grundlagen der dissozialen Persönlichkeitsstörung und verwandter Störungen besser zu verstehen. Diese Erkenntnisse könnten in Zukunft dazu beitragen, objektive Kriterien für die Gefährlichkeit zu entwickeln, die Wirksamkeit von Therapien zu beurteilen und neue Behandlungsansätze zu entwickeln. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die Forschung in diesem Bereich noch in den Kinderschuhen steckt und weitere Studien erforderlich sind, um die komplexen Zusammenhänge zwischen Gehirn, Verhalten und dissozialen Störungen vollständig zu verstehen.
Die Rolle von Oxytocin bei der antisozialen Persönlichkeitsstörung
Jüngste Studien haben die Rolle von Oxytocin, einem Hormon, das mit sozialem Verhalten und emotionaler Bindung in Verbindung gebracht wird, bei der antisozialen Persönlichkeitsstörung untersucht. Eine Studie untersuchte, ob Oxytocin die Amygdala-Hyperreaktivität auf emotionale Gesichter normalisieren kann. Die Ergebnisse zeigten, dass Oxytocin die Gehirnaktivität beim Betrachten von Gesichtern mit unterschiedlichen emotionalen Ausdrücken beeinflusst, insbesondere bei jungen Menschen, die sich leicht von anderen Menschen bedroht oder provoziert fühlen und daher ein erhöhtes Risiko haben, aggressiv zu reagieren.
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