Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland schätzungsweise über 250.000 Menschen betroffen sind. Obwohl die medizinische Forschung in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte erzielt hat, ist MS bis heute nicht heilbar. Die verfügbaren Therapien sind oft mit relevanten Nebenwirkungen und Risiken verbunden. Daher ist es von größter Bedeutung, die Krankheitsauslöser und beeinflussbaren Faktoren zu verstehen, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Einer dieser beeinflussbaren Faktoren ist die Ernährung.
Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellen Ernährungsempfehlungen für Menschen mit MS, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Erfahrungen von Experten. Ziel ist es, MS-Betroffenen eine fundierte Grundlage zu bieten, um ihre Ernährung gezielt zur Unterstützung ihrer Therapie einzusetzen.
Allgemeine Ernährungsempfehlungen bei MS
Es gibt keine spezifische "MS-Diät", die pauschal für alle Betroffenen gilt. Die Ernährungsempfehlungen ähneln denen für andere entzündliche Erkrankungen wie Rheuma und konzentrieren sich darauf, Entzündungsprozesse im Körper zu beeinflussen.
Entzündungshemmende Ernährung
Der grundlegende Gedanke einer entzündungshemmenden Ernährung ist die Modifizierung des Fettsäurespektrums der aufgenommenen Fette:
- Mehr ungesättigte und weniger gesättigte Fettsäuren: Ungesättigte Fettsäuren, insbesondere Omega-3-Fettsäuren, wirken entzündungshemmend, während gesättigte Fettsäuren Entzündungen fördern können.
- Mehr Omega-3- und weniger Omega-6-Fettsäuren: Ein ausgewogenes Verhältnis von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren ist wichtig, da ein Überschuss an Omega-6-Fettsäuren Entzündungen verstärken kann.
Konkret bedeutet dies:
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- Reduktion von Arachidonsäure: Arachidonsäure kommt vor allem in Fleisch, Wurst, Eiern und Butter vor.
- Erhöhung der Aufnahme von DHA und EPA: DHA (Docosahexaensäure) und EPA (Eicosapentaensäure) sind Omega-3-Fettsäuren, die reichlich in fettem Fisch wie Lachs, Makrele und Sardine enthalten sind. Für Veganer empfiehlt sich die Verwendung von Algenöl als Quelle für DHA und EPA.
Schutz vor oxidativem Stress
Ein weiterer wichtiger Aspekt einer entzündungshemmenden Ernährung ist der Schutz der Zellen vor oxidativem Stress, der bei MS und anderen Erkrankungen erhöht ist. Dies gelingt durch eine bedarfsdeckende Zufuhr von antioxidativen Nahrungsinhaltsstoffen.
Optimal ist eine tägliche bunte Mischung aus:
- Gemüse und Hülsenfrüchten
- Obst
- Fisch
- Nüssen und Saaten
- Vollkorngetreideprodukten
- Milch- und Milchprodukten
- Hochwertigen Omega-3-reichen Ölen
- Ergänzt durch selbstgebrühten Grüntee und die Verwendung von Gewürzen wie Zimt, Chili und Kurkuma.
Vermeidung von Mangelernährung
Gänzlich auf Milchprodukte, Eier und Fleisch zu verzichten ist nicht ratsam, da diese Lebensmittel wertvolle Nährstoffe enthalten, die gerade für MS-Betroffene von Bedeutung sind. Milch und Milchprodukte sind eine gute Vitamin D- und Kalziumquelle, während Fleisch wichtige B-Vitamine und Eisen liefert.
Es ist ratsam, statt Sahne und Creme Fraiche pflanzliche Alternativen aus Hafer, Soja oder Reis zu wählen und tendenziell eher eifreie Speisen und hochwertiges, mageres Fleisch zu bevorzugen.
Förderung einer gesunden Darm-Mikrobiota
Zur Unterstützung einer gesunden Darm-Mikrobiota, die eine wichtige Rolle bei der Immunregulation spielt, ist eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse und Obst empfehlenswert.
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Die Rolle der Ernährung im klinischen Verlauf von MS
Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle im klinischen Verlauf von MS. Bestimmte Ernährungsweisen können gezielt zur unterstützenden Behandlung eingesetzt werden. Insbesondere Diäten, welche die Zufuhr von Kalorien verringern, führen häufig zu einer Verbesserung der Symptome bei chronisch entzündlichen Erkrankungen wie MS. Dementsprechend werden Ernährungsmuster wie Intervallfasten derzeit verstärkt in klinischen Studien untersucht.
Intervallfasten bei MS
Intervallfasten hat in Tiermodellen zu einer deutlichen Verbesserung der klinischen Symptome von MS geführt. Studien haben gezeigt, dass die entzündungsfördernde Aktivität von Monozyten (bestimmte Zellen des Immunsystems) in fastenden Tieren vollständig ausgeschaltet war.
Kleinere Studien am Menschen haben gezeigt, dass Patientinnen und Patienten, die ein klassisches Intervallfasten (16/8 = 16 Stunden Fasten/8 Stunden Nahrungsaufnahme) durchgeführt haben, nach sechs Monaten eine deutlich verbesserte Lebensqualität mit weniger Müdigkeit und depressiven Symptomen hatten.
Weitere Ernährungsansätze
- Ketogene Diät: Bei dieser Diät wird in einem extremen Ausmaß auf Kohlenhydrate verzichtet.
- Mediterrane Ernährung: Diese Ernährungsweise ist reich an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Olivenöl und Fisch und enthält wenig Fleisch und verarbeitete Produkte. Sie wird generell als gesundheitsfördernd angesehen und kann auch bei MS positive Effekte haben.
- Salzarme Ernährung: Eine salzarme Ernährung kann bei MS sinnvoll sein, da eine hohe Salzzufuhr Entzündungsprozesse verstärken kann.
Spezifische Ernährungstipps bei Begleiterkrankungen
Menschen mit MS können im Laufe der Zeit Begleiterkrankungen wie Osteoporose, Bluthochdruck oder Adipositas entwickeln. Eine gesunde und bewusste Ernährung kann sich positiv auf diese Begleiterkrankungen auswirken:
- Osteoporose: Achten Sie auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D (z.B. in fetten Fischsorten wie Lachs, Hering, Makrele) und Kalzium (in Milch und Milchprodukte). Achten Sie beim Kauf von Milchalternativen wie Mandel-, Soja-, Hafer-, Dinkel- und Reismilch darauf, dass diese mit Kalzium angereichert sind.
- Bluthochdruck: Achten Sie auf Ihre Speisesalzzufuhr, konsumieren Sie gesunde Fette (vor allem ungesättigte Fettsäuren wie Omega-3-Fettsäuren) und essen Sie genügend Obst, Gemüse und Vollkornprodukte.
- Adipositas: Passen Sie die Nahrungszufuhr an Ihren Verbrauch an, essen Sie komplexe Kohlenhydrate und Ballaststoffe, die länger satt halten als einfache Kohlenhydrate, und achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.
Antientzündliche Ernährung in der Praxis
Die antientzündliche Ernährung ist eine Ernährungsweise, die darauf abzielt, Entzündungen im Körper zu reduzieren und damit die Gesundheit zu fördern. Sie basiert auf der Auswahl von Lebensmitteln, die entzündungshemmende Eigenschaften haben, und auf der Begrenzung von Lebensmitteln, die Entzündungen fördern können.
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Entzündungshemmende Lebensmittel
- Omega-3-Fettsäuren: Fisch (Lachs, Makrele, Sardinen), Leinsamen, Walnüsse, Chiasamen
- Antioxidantien: Beeren, grünes Blattgemüse, Obst und Gemüse in allen Farben
- Fettarme Proteine: Mageres Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte (Bohnen, Linsen), pflanzliche Proteine (Tofu)
- Gesunde Fette: Olivenöl, Rapsöl, Leinöl, Wallnussöl, Avocado, Nüsse und Samen
- Gewürze: Kurkuma, Zimt, Chili, Ingwer
- Grüner Tee: Enthält Epigallocatechin, das eine antioxidative und antientzündliche Wirkung besitzt.
Proinflammatorische Lebensmittel (entzündungsfördernde Lebensmittel)
- Gesättigte Fette: Tierische Produkte (Fleisch, Butter, Vollmilch)
- Transfette: Verarbeitete Lebensmittel (Pommes frites, Gebäck, Margarine, Fast Food)
- Raffinierte Kohlenhydrate: Weißbrot, Reis, Nudeln aus weißem Mehl
- Lebensmittel mit einem hohen Omega-6-Fettsäuren-Gehalt: Ein Ungleichgewicht zwischen Omega-6- und Omega-3-Fettsäuren kann Entzündungen fördern.
- Zuckeraustauschstoffe: Sind eher gesundheitsschädigend und sollten vermieden werden.
Baukasten für eine gesunde Ernährung bei MS
Ein einfacher Baukasten, mit dem Sie all Ihre Mahlzeiten zusammenstellen können:
- 1/2 Gemüse & Obst: Frisch, regional und saisonal (auch tiefgefroren oder in Konserven, aber ohne Zusatz von Zucker oder fettigen Soßen)
- 1/4 Komplexe Kohlenhydrate: Buchweizen, Quinoa, Hafer, Dinkel, Vollkornprodukte und Pseudogetreide wie Hirse und Amaranth sowie Kartoffeln
- 1/4 (pflanzliche) Proteine: Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen), Produkte aus Erbsen, Lupinen oder Soja (z.B. Tofu), in Maßen auch Geflügel und Fisch
- 1-2 EL gute Fette/Öle: Olivenöl, Rapsöl, Leinöl, Wallnussöl, Avocado, Nüsse und Samen
- Ausreichend trinken (1,5 - 2 Liter pro Tag): Wasser und ungesüßter Tee bevorzugt, Flüssigkeit auch in Nahrung (Salat, Suppen etc.)
- Gesunde Snacks: Nüsse, Quark mit Obst, Gemüsesticks, dunkle Schokolade
Weitere wichtige Aspekte
- Individuelle Bedürfnisse berücksichtigen: Die Umsetzung einer antientzündlichen Ernährung sollte je nach den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben variieren. Einige Menschen können Nahrungsmittelintoleranzen oder Allergien haben, die berücksichtigt werden müssen.
- Freude am Essen nicht verlieren: Ziel ist es, ein gesundes Maß zu finden und die Freude am Essen nicht zu verlieren.
- Professionelle Beratung: Eine Ernährungsberatung durch einen qualifizierten Ernährungsberater kann hilfreich sein, um eine individuelle Ernährungsstrategie zu entwickeln.
- Stressbewältigung: Eine gesunde Ernährung hilft Ihnen, Stress besser zu bewältigen.
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität ist wichtig für die Gesundheit und kann die positiven Effekte einer gesunden Ernährung verstärken.
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