Der Darm, oft als unser "zweites Gehirn" bezeichnet, beherbergt ein komplexes Netzwerk von Nervenzellen und eine riesige Gemeinschaft von Mikroorganismen, das sogenannte Mikrobiom. Dieses Mikrobiom spielt eine entscheidende Rolle bei der Verdauung, der Immunabwehr und sogar bei der Produktion von Neurotransmittern wie Dopamin, die unsere Stimmung und unser Verhalten beeinflussen. Die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn, bekannt als Darm-Hirn-Achse, wird zunehmend als wichtiger Faktor für unsere körperliche und geistige Gesundheit erkannt.
Die Darm-Hirn-Achse: Eine bidirektionale Kommunikationsstraße
Die Darm-Hirn-Achse beschreibt die bidirektionale Kommunikationsstrecke zwischen dem Magen-Darm-Trakt und dem zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark). Diese Kommunikation erfolgt nicht nur über Nervenverbindungen, sondern auch über hormonelle und immunologische Signale. Der Darm "spricht" also mit dem Gehirn und umgekehrt.
Das enterische Nervensystem (ENS): Das "Bauchhirn"
Das enterische Nervensystem (ENS), auch als "Bauchhirn" bezeichnet, ist ein komplexes Netzwerk von Neuronen im Darm, das in seiner Komplexität mit dem Gehirn selbst vergleichbar ist. Das ENS steuert die Verdauung und kann viele Prozesse sogar unabhängig vom Gehirn regeln. Dennoch tauscht es ständig Signale mit dem zentralen Nervensystem aus.
Das Darmmikrobiom: Mehr als nur Verdauungshelfer
Das Darmmikrobiom, die Gemeinschaft der im Darm lebenden Mikroorganismen (Bakterien, Viren und Pilze), spielt eine Schlüsselrolle in der Darm-Hirn-Achse. Diese Mikroorganismen sind für weitaus mehr zuständig als nur die Verdauung von Nahrung. Sie produzieren Vitamine, unterstützen das Immunsystem und bilden Botenstoffe, die direkt oder indirekt das Gehirn erreichen können. Wenn es dem Mikrobiom gut geht, profitiert in der Regel der gesamte Organismus.
Dopamin: Ein wichtiger Neurotransmitter mit vielfältigen Funktionen
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der im Gehirn eine wichtige Rolle bei der Regulation von Bewegung, Motivation und Belohnung spielt. Es wird oft als "Glückshormon" bezeichnet, da es bei angenehmen Aktivitäten oder positiven Erfahrungen ausgeschüttet wird und ein Gefühl von Freude und Motivation auslöst. Dopamin ist aber nicht nur für Glücksgefühle zuständig, sondern auch für Wachsamkeit, Konzentration und Engagement bei Aktivitäten.
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Dopaminproduktion im Darm
Interessanterweise werden rund 50 Prozent des Glücks- und Suchthormons Dopamin nicht im Gehirn, sondern im Darm produziert. Dort produzieren diesen Botenstoff beispielsweise der häufige Darmkeim Escherichia coli, aber auch Bakterien der Gattungen Bacillus, Proteus oder sogar der krankmachende Keim Staphylococcus aureus.
Dopamin im peripheren Nervensystem
Dopamin wirkt aber auch im peripheren Nervensystem, also außerhalb des Gehirns, als lokaler Botenstoff in verschiedenen Organen und Geweben. Dort beeinflusst es unterschiedliche physiologische Prozesse, wie die Regulation des Blutdrucks, die Natrium- und Flüssigkeitsausscheidung in den Nieren, die Insulinfreisetzung in der Bauchspeicheldrüse, die Darmmotilität und die Sekretion von Magensäure und Verdauungsenzymen im Magen-Darm-Trakt.
Faktoren, die den Dopaminspiegel beeinflussen
Die Dopaminspiegel im Körper werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst, wie der Genetik, dem Lebensstil (Ernährung), emotionalen Zuständen, Stress, Schlaf und belohnenden Aktivitäten wie Sport, Hobbys oder sozialen Interaktionen. Auch der Konsum illegaler Drogen kann den Dopaminspiegel stark beeinflussen.
Wie der Darm die Stimmung beeinflusst
Die Mikroben der Darmflora können über verschiedene Mechanismen das Gehirn und die Stimmung beeinflussen. Darmbakterien sind an der Produktion von wichtigen Bausteinen für Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und GABA beteiligt, die alle eine wichtige Rolle für die Stimmung spielen. Wenn die Darmflora aus der Balance gerät, kann dies die Produktion bzw. die Umwandlung in diese wichtigen Neurotransmitter negativ beeinflussen.
Serotonin: Das "Glückshormon" aus dem Darm
Serotonin, auch als "Glückshormon" bekannt, ist maßgeblich an der Stimmung beteiligt. Ein gesunder Darm kann dazu beitragen, dass man sich zufriedener und ausgeglichener fühlt. Interessanterweise werden etwa 90 Prozent des körpereigenen Serotonins im Darm produziert, nicht im Gehirn. Das Darmbakterium Bifidobacterium infantis ist an der Tryptophan-Synthese beteiligt, dem Grundbaustein für das Hormon Serotonin.
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GABA: Beruhigungsmittel aus dem Darm
GABA (Gamma-Aminobuttersäure) ist ein hemmender Neurotransmitter, der uns hilft, Stress und innere Unruhe zu dämpfen. Ein Mangel an GABA wird mit Angstzuständen und Schlafproblemen in Verbindung gebracht. GABA wird nur durch die Bakterien im Darm richtig synthetisiert und sorgt dafür, dass man abends gut runterkommt und schläft.
Der Darm und Stress
Hinsichtlich Darm und Stress bestehen wechselseitige Beziehungen. Zum einen beeinflusst die Psyche den Darm. In Stressphasen reagieren viele Menschen mit Verdauungsbeschwerden, Heißhungerattacken oder Appetitlosigkeit. Grund dafür ist, dass in Stresssituationen vermehrt Adrenalin und das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet werden. Folgen sind zum Beispiel erhöhte Atem- und Herzfrequenz. Für diese Funktionen braucht der Körper enorm viele Energiereserven, welche dem Magen-Darm-Trakt in diesem Fall entzogen werden. Folglich werden im Magen-Darm-Bereich die normalen Tätigkeiten nur reduziert ausgeführt. Daraus resultieren z. B. Übelkeit und Bauchschmerzen oder Durchfall.
Auf der anderen Seite deuten immer mehr Belege darauf hin, dass auch die Darmbakterien die Psyche beeinflussen können. Eine veränderte Zusammensetzung des Darmmikrobioms kann verschiedene Ursachen haben und das Gleichgewicht der guten und schlechten Darmbakterien verschieben, sodass die guten Darmbakterien absterben, was wiederum zu Verdauungsbeschwerden führen kann.
Löchriger Darm im Zusammenhang mit Stress ("leaky gut")
Ausdauersportler und Menschen in sehr belastenden Berufen entwickeln durch hohen Leistungsdruck und Stress oft Verdauungsbeschwerden wie Durchfall, Bauchkrämpfe und Konzentrationsstörungen. Im Zusammenhang mit derartigen Beschwerden findet sich oft ein löchriger Darm ("leaky gut"), der eine Funktionsveränderung im Zusammenhang mit verschiedensten schädigenden Faktoren darstellt. Hierbei wird die Darmschleimhaut durchlässiger. Die Ursache eines löchrigen Darms liegt in der Minderdurchblutung des Darms während starker körperlicher Aktivität, da Blut vermehrt in Arme, Beine und zum Herzen strömt. Folglich kann der Darm austrocknen und es kommt zu Rissen in der Darmschleimhaut und Schädlinge und Keime können leichter im Blut und Lymphbahnen kursieren.
Darmsanierung: Was tun für eine gute Darmflora?
Es gibt Möglichkeiten und Wege, eine aus dem Gleichgewicht geratene Darmflora wieder auszubalancieren und den Darm gewissermaßen zu sanieren.
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Do's für eine gesunde Darmflora
- Präbiotische Lebensmittel: Besonders frische Lebensmittel wie Gemüse enthalten sogenannte Prä-Kulturen, aber auch Genussmittel wie Schokolade und Kaffee sind reich daran. Diese Lebensmittelbestandteile werden nicht sofort vom Körper weiterverwertet, sondern bleiben zunächst im Darm und dienen als Nahrung für die Darmflora bzw. die sogenannten Probiotika.
- Probiotische Lebensmittel: Milchprodukte wie Joghurt enthalten die Bakterienstämme, die man durch den Verzehr einfach im Darm vermehrt.
Don'ts für eine gesunde Darmflora
- Zucker und hochverarbeitete Kohlenhydrate: Bestimmte Lebensmittel wie Kristallzucker und hochverarbeitete Kohlenhydrate nehmen negativen Einfluss auf das Verhältnis der Darmbakterien.
- Verarbeitete Produkte: Lieber auf Kohlenhydrate in ihrer natürlichen Form zurückgreifen wie z. B. Kartoffeln, Süßkartoffeln und Wurzelgemüse.
Der Darm und neurologische Erkrankungen
Die Darm-Hirn-Achse spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung oder dem Verlauf verschiedener neurologischer Erkrankungen.
Parkinson
Bei Parkinson-Betroffenen ist die Vielfalt der Bakterien im Darmmikrobiom häufig deutlich reduziert und der Stoffwechsel damit gestört. Studien haben gezeigt, dass die Darmbakterien über die Produktion von kurzzeitigen Fettsäuren die Entwicklung eines Morbus Parkinson fördern könnten. In einem Tierversuch wurde ein potentiell nervenschädigendes Stoffwechselprodukt des Bakteriums Streptomyces venezuelae identifiziert, welches vor allem Dopamin-produzierende Neuronen angreift. Werden diese zerstört, entsteht im Körper ein Dopaminmangel, welcher die Parkinson-Erkrankung zur Folge hat.
Reizdarmsyndrom
Das Reizdarmsyndrom ist gekennzeichnet durch chronische Verdauungsbeschwerden wie Durchfall, Verstopfung, Blähungen oder Schmerzen. Viele Betroffene berichten zudem von Angstgefühlen, Depressionen oder allgemeiner Erschöpfung. Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass Veränderungen im Mikrobiom und eine gestörte Darm-Hirn-Kommunikation eine große Rolle spielen.
Depression
Lange Zeit wurde Depression ausschließlich als hirnzentrierte Erkrankung betrachtet. Mittlerweile ist klar, dass das Darmmikrobiom und Entzündungsprozesse erheblich zur Entwicklung dieser Krankheit beitragen können. Eine gestörte Darm-Hirn-Achse kann dazu führen, dass weniger Serotonin und andere positive Botenstoffe verfügbar sind.