Stina Werenfels’ Film „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ aus dem Jahr 2015 ist eine Adaption des Theaterstücks von Lukas Bärfuss und behandelt auf mutige und feinfühlige Weise das Thema Loslassen. Der Film rüttelt an Konventionen und veranschaulicht sexuelle Selbstbestimmung mit all ihren Konsequenzen, wobei er ein Tabuthema aufgreift: Wie geht man damit um, wenn die geistig behinderte Tochter ihre Sexualität entdeckt? Ist es rechtens, einem Menschen seine Selbstbestimmung zu verwehren?
Doras Erwachen
Als Doras Mutter die sedierenden Psychopharmaka absetzt, erwacht die 18-Jährige aus einem Dornröschenschlaf und entdeckt ihren Körper, die Sinnlichkeit und schließlich auch den Sex. Doras unbeherrschte Lust auf das Leben schockiert ihre Eltern.
Die Reaktionen der Eltern
Ihr Verhältnis mit Peter, einem Mann, den sie bei ihrer Arbeit als Marktverkäuferin kennengelernt hat, wird von der aufgebrachten Mutter als skrupelloser Missbrauch bewertet, die ihr den Umgang verbieten will. Nach einer folgenschweren Wendung müssen die Beteiligten nicht nur ihre Beziehungen, sondern auch Themen wie Selbstbestimmung, Vertrauen und Eifersucht überdenken.
Die Frage der Selbstbestimmung
Der Film wirft die Frage auf, ab wann jemand mündig ist und wie man damit umgeht, wenn ein Mensch nicht alle Auswirkungen seines Handelns abschätzen kann. Dora entdeckt ihre Sexualität in einer Situation, die schwer einzuordnen ist. Sie folgt Peter auf eine Bahnhofstoilette, und es kommt zum Geschlechtsverkehr, bei dem Peter ziemlich ruppig wird. Wird Dora vergewaltigt? An dieser Szene scheiden sich die Meinungen in den Rezensionen. Für Doras Eltern ist es eine Vergewaltigung. Sie bringen ihre Tochter zur Polizei, zum Arzt und zur Sexualtherapie und schenken der gesetzlich mündigen Tochter eine Armbanduhr mit GPS-Funktion.
Die Schwangerschaft und ihre Folgen
Als Dora schwanger wird, ist es für die Mutter eine Katastrophe, da sie befürchtet, dass die Pflege des Enkelkinds auf sie zurückfallen würde und weil sie selbst gerne noch einmal schwanger wäre, um ein Kind ohne "geistige Behinderung" zu bekommen. Beim Frauenarzt sagt Kristin: „Wir möchten das Kind abtreiben“ und bevormundet die Tochter auf diese Weise, die Ärztin lässt sich allerdings nicht darauf ein.
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Die Darstellung Doras
Die junge Victoria Schulz gestaltet ihre Figur, diese liebenswerte, anstrengende Dora, die vor Glück manchmal außer Rand und Band gerät, unglaublich intensiv, natürlich und authentisch, ganz ohne Spasti-Klischees und ohne dabei beim Zuschauer einen Behinderten-Mitleidbonus herauszukitzeln.
Tabubruch oder Realität?
Das Filmmagazin Artechock lässt in seiner Rezension anklingen, dass der Film das Zeug zum Skandal habe, da er „in unseren kulturellen Tabus rührt“. Doch was an diesem Film ist eigentlich ein Skandal und was ein Tabu? Dass eine Frau mit kognitiven Beeinträchtigungen Geschlechtsverkehr hat? Dass ein nicht behinderter Mann sie für seine Befriedigung ausnutzt, letztendlich aber doch etwas zwischen Sympathie und Empathie für sie empfindet? Oder ist der Skandal nicht eher der, dass da eine neurotische Mutter ihr Kind an der Entwicklung behindert und auch noch eifersüchtig auf die Schwangerschaft ihrer Tochter ist?
Kritische Auseinandersetzung mit dem Film
Einige Kritiker bemängeln, dass der Film zu oberflächlich bleibt und zu viele Themen anschneidet, ohne ins Detail zu gehen. Die ambivalente Beziehung zwischen Dora und Peter wird als Stolperstein gesehen, da zu viele Fragen aufgeworfen werden und es schwerfällt, zu entscheiden, wie viel sexuelle Selbstbestimmung man einem Menschen mit Behinderung zugestehen will oder kann und ob man ihm oder ihr zutraut, ein Kind zu versorgen. Zudem wird die Figur der Mutter Kristin kritisiert, die als von ihren Emotionen überrannt dargestellt wird, während der Vater Felix besonnen und vorbildhaft agiert.
Die Intention des Films
Stina Werenfels nimmt in Kauf, dass die gelebte Sexualität Behinderter durch ihren Ansatz zu einem zweifelhaften Recht wird. Werenfels betont mit ihrer Inszenierung laufend Doras Andersartigkeit. Die subjektive Kamera bringt hier keinen Erkenntnisgewinn und keine Nähe, sondern stigmatisiert. Es geht in „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ nicht nur um das Tabuthema „Sexualität und Behinderung“, sondern auch das Tabuthema „Elternschaft und Behinderung“.
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