Die Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie: Ein umfassender Überblick

Die Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie, basierend auf den Forschungen von Paul D. MacLean, ist ein Erklärungsmodell der Persönlichkeit, das auf der Annahme basiert, dass das menschliche Gehirn aus drei Hauptstrukturen besteht: dem Stammhirn, dem Zwischenhirn und dem Großhirn. Diese Strukturen repräsentieren unterschiedliche evolutionäre Stadien und haben jeweils spezifische Funktionen, die die Persönlichkeit und das Verhalten eines Menschen beeinflussen.

Einführung in die Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie

Die Biostruktur-Analyse wurde vom Anthropologen Rolf W. Schirm entwickelt, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen des Hirnforschers Paul D. MacLean. Hierbei wurde herausgestellt, dass die drei Gehirnbereiche Großhirn (blau), Zwischenhirn (rot) und Stammhirn (grün) unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Die Farbgebung der verschiedenen Hirnbereiche sind zufällig gewählt und dienen nur der Veranschaulichung.

Dieser Mix aus den unterschiedlichen Stärken ergibt die Persönlichkeitsstruktur eines jeden Menschen. Hier erkläre ich nur die einzelnen Farb-Dominanzen, aber es gibt noch Mischformen wie beispielsweise den grün-blau-Typen oder den "Regenbogen-Typen", der alle drei Farbfelder gleichermaßen belegt hat. Um das System als Ganzes zu erfassen, muss man definitiv tiefer in die Materie einsteigen als ich es hier in einem einzelnen Beitrag wiedergeben kann. Die Beschreibungen der äußerlichen Merkmale sowie der Charakterzüge stammen nicht von mir, sondern aus den unten empfohlenen Büchern.

Die drei Gehirnbereiche und ihre Funktionen

Jeder der drei Gehirnbereiche ist mit bestimmten Funktionen und Verhaltensweisen verbunden.

Das Stammhirn (grüner Bereich)

Im Stammhirn sitzen die Erfahrungen, Instinkte und Gefühle. Das Stammhirn ist der älteste Teil des Gehirns und für grundlegende Überlebensfunktionen zuständig. Es steuert:

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  • Automatische Funktionen: Atmung, Herzschlag, Stoffwechsel
  • Instinktive Verhaltensweisen: Ernährung, Aggression, Fortpflanzung
  • Grundlegende Emotionen: Hunger, Kälte, Schmerz

Der grün-dominante Typ handelt gern aus dem in der Vergangenheit gelernten. Es zählen die Gewohnheit, Intuition und Fantasie. Sie vermeiden Veränderungen und probieren ungerne Neues aus. Das Wir-Gefühl des Grün-Typs lässt ihn redselig, gefühlsbetont, fürsorglich und achtsam sein.

Sein äußeres Auftreten ist eher lässig mit praktischer Kleidung, manchmal geradezu “bunt” und eher ökologisch ausgerichtet. Die Offenheit und Gemütlichkeit wirken sympathisch. Er sucht das Gespräch mit anderen Menschen, auch wenn er diese nicht kennt. Beruflich orientiert sich der grün-dominante Typ an sozialen und künstlerischen Berufen.

Das Zwischenhirn (roter Bereich)

Das Zwischenhirn bringt die impulsive, dynamische Seite des Menschen zum Vorschein, mit Selbstbehauptung und Ausrichtung auf Erfolg. Das Zwischenhirn ist für Emotionen und Motivation zuständig. Es steuert:

  • Emotionale Reaktionen: Freude, Angst, Wut
  • Motivation: Streben nach Erfolg, Wettbewerb
  • Impulsivität: Spontanes Handeln

Der rot-dominante Typ strebt nach Überlegenheit und Aufmerksamkeit, mag Wettbewerbe, handelt engagiert und ist manchmal sprunghaft - er regelt gern alles für alle. Hier zählt eher der Augenblick, das Hier und Jetzt. Erkennbar sind die rot-dominanten Typen laut Biostruktur-Analyse daran, dass sie oft in Führungspositionen arbeiten, gerne im Mittelpunkt stehen und ziemlich bestimmt auftreten. Meistens mögen sie Statussymbole, fühlen sich wohl in großen Gruppen und stehen fest auf dem Boden. Diese Menschen sind häufig lebhaft, leidenschaftlich, aber auch streitbar und wenig kritikfähig. Sie möchten oft die Gespräche leiten und argumentieren gerne bis zum Finale.

Das Großhirn (blauer Bereich)

Der blaue Bereich (Großhirn)Das Großhirn ist zuständig für rationales, systematisches Denken sowie planendes und vorausschauendes Handeln. Das Großhirn ist der jüngste Teil des Gehirns und für höhere kognitive Funktionen zuständig. Es steuert:

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  • Rationales Denken: Logisches Denken, Analyse
  • Planung: Vorausschauendes Handeln, Zielsetzung
  • Sprache: Kommunikation, Verständnis

Jemand, der eine blau-dominante Biostruktur hat, hält Menschen gerne auf Sicherheitsabstand, braucht etwas länger, bis er mit anderen “warm” wird und wirkt eher verschlossen. Der Blau-Typ liebt logische Abfolgen, handelt analytisch und mit Bedacht. Er informiert sich umfangreich über Dinge, die ihn interessieren und hat einen gewissen Hang zu Ordnung und Perfektion.

Optisch erkennbar sind diese Typen oft daran, dass sie sich gern klassisch-schlicht und sportlich-elegant mit wenig auffälligen Accessoires kleiden. Die Körperhaltung ist eher gerade und sie halten sich gern im Hintergrund. Wenn sie etwas in einer Gruppe sagen, ist es meist fundiert, mit Fakten belegt und weniger spontan. Lieber halten sie sich allein oder in kleiner, vertrauter Runde auf als in großen Gruppen. Diese Personen legen großen Wert auf Zuverlässigkeit und Treue. In Gesprächen kommen sie gern direkt auf den Punkt, sind aber weniger entscheidungsfreudig. Beruflich sehen wir blau-dominante Menschen beispielsweise im medizinischen Sektor sowie der schreibenden und zeichnenden Zunft (Arzt, Architekt, Autor, Professor, Lehrer…).

Persönlichkeitstypen und die Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie

Die Biostruktur-Analyse geht davon aus, dass jeder Mensch eine einzigartige Kombination dieser drei Gehirnbereiche hat, die seine Persönlichkeit prägt. Es gibt keine "besseren" oder "schlechteren" Typen, sondern lediglich unterschiedliche Stärken und Schwächen.

Die einzelnen Farb-Dominanzen

Es gibt noch Mischformen wie beispielsweise den grün-blau-Typen oder den "Regenbogen-Typen", der alle drei Farbfelder gleichermaßen belegt hat. Jeder Mensch trägt einen Mix aus dem Drei-Farben-Modell in seiner Biostruktur, nie nur eine Farbe allein. Manche haben zwei dominante Farben, andere tragen alle drei Farben zu ähnlichen Teilen in sich.

Ein praktisches Beispiel zu Erklärung der verschiedenen Persönlichkeiten

Als Beispiel nehme ich mal den Kauf einer neuen Kaffeemaschine. Alle drei Farbtypen gehen in dasselbe Geschäft, um eine neue Kaffeemaschine zu erwerben. Der Verkäufer empfiehlt allen Dreien dieselbe Maschine. Selbstverständlich ist das Beispiel überzogen dargestellt, um die verschiedenen Farbtypen der Strukturanalyse deutlicher zu machen:

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  • Der Grün-Dominante: entschließt sich endlich, die nun wirklich alte Kaffeemaschine zu entsorgen und dem vorübergehend per Kaffeefilter händisch zubereitetem Kaffee ein Ende zu bereiten. Er betritt das Geschäft und schaut sich um, wen er möglicherweise kennt. Kennt er niemanden, fängt er ein privates Gespräch mit dem Verkäufer an, der vergeblich versucht, ihm die allerneueste Kaffeemaschine zu verkaufen. Der grün-Dominante möchte aber am Liebsten die gleiche Maschine haben wie zuvor und lässt sich maximal darauf ein, den gleichen Kaffeemaschinen-Typ als neueres Modell zu kaufen.
  • Der Rot-Dominante: läuft am Geschäft vorbei, sieht im Schaufenster eine Kaffeemaschine und denkt sich: “Ach, eine Kaffeemaschine brauche ich ja auch noch!”. Er betritt den Laden und möchte das neueste und beste Modell haben. Der Verkäufer betont, es gäbe diese allerneueste Kaffeemaschine zwar von einer unbekannteren Marke, die aber sicher genauso gut ist. Doch der Käufer möchte eine Marke nehmen, die jeder kennt. Mit einem Anreiz von 3% Rabatt auf den Einkauf des möglicherweise teuersten Modells ist der Rot-Dominante äußerst zufrieden mit seinem spontanen Kauf.
  • Der blau-dominante Typ: hat sich schon länger mit der Neuanschaffung beschäftigt und einige Testberichte zu Kaffeemaschinen gelesen. Er hat Preise verglichen und war wahrscheinlich auch schon in anderen Geschäften zur Beratung. Gerne fragte er auch vorher schon im Freundeskreis, wer welche Kaffeemaschine empfiehlt. Der Verkäufer trifft nun auf einen gut informierten Menschen, der gerne auch hier noch Prospekte mitnimmt und gegebenenfalls am folgenden Tag endlich den Kauf abschließt.

Für diese Art von Fallbeispielen und zur verständlichen Erklärung der Biostruktur-Analyse empfehle ich gerne das Buch “Ich weiß, wie du tickst”* von Martin Betschart. Er erklärt sehr plakativ, wie man Menschen durchschaut - sich selbst und andere.

Anwendung der Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie

Die Biostruktur-Analyse dient im geschäftlichen Bereich der Verkaufsstrategie, dem besseren Umgang mit Mitarbeitern und Kunden.

Für mich ist die Biostruktur-Analyse für den "Hausgebrauch" einfach sehr interessant und hat mir dabei geholfen, mich selbst und die Familienmitglieder zu analysieren. Das Ganze ist ein völlig wertfreies Verfahren, denn jeder Farbtyp hat seine Stärken und Schwächen. Doch jetzt bin ich in der Lage, die von mir bisher als Schwächen verurteilten Eigenschaften als Stärken anzunehmen.

Inzwischen erkenne ich die verschiedene Persönlichkeitsstruktur als Chance der sinnvollen Ergänzung und kann so Streitigkeiten umgehen. Die blau-dominante Mutter ist genervt, wenn die grün-dominante Tochter im kreativen Chaos lebt. Kommt dazu der rot-dominante Vater, der gerne alles in seinem Sinne regelt, können die Fetzen fliegen. Ihr kennt das…

Derweil lachen wir schon über unsere unterschiedlichen Farbdominanzen, sobald es wieder “rappelt im Karton”. Auch mit meinem (rot-grün dominanten) Mann, der ganz anders tickt als ich, kann ich Missverständnisse schneller ausräumen, indem auch er die Bedeutung der verschiedenen Biostrukturen kennt. Es ist also absolut sinnvoll, auch die Familienmitglieder einzubeziehen und ihnen die Grundsätze der Biostruktur-Analyse zu erklären.

Die Erkenntnisse durch die Biostruktur-Analyse

Wer seine eigene Biostruktur und die seines engsten Umfeldes kennt, kann die eigenen Bedürfnisse verstehen und gleichzeitig auf die Eigenschaften anderer Menschen besser eingehen. Die Grundstruktur eines Menschen ist genetisch angelegt, kann aber auch durch Erziehung beeinflusst werden:

Bin ich selbst blau-dominant, dann wünsche ich mir meine Kinder ebenso gut strukturiert und kann Nachlässigkeit schwer akzeptieren. Rot-dominante Kinder werden in unserem Schulsystem oft nicht richtig verstanden und gefördert, da sie als unruhig und zu laut gelten. Die grün-dominanten Kinder sind manchmal nicht gut zu motivieren (träumen gern vor sich hin), es sei denn, es gibt Gruppenarbeiten. So werden Kinder gerne blau-dominant erzogen, obwohl das möglicherweise gar nicht ihrer Persönlichkeitsstruktur entspricht.

Kritik an der Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie

Die Biostruktur-Analyse geht von nur drei Grund-Komponenten der Persönlichkeit aus und ist damit Rekordhalter der Reduktion. Auch die Dreieinigkeit Gottes und alle anderen magischen Spielchen rund um die Zahl drei werden gleich mit erklärt und zwar durch die triadische Struktur unseres Gehirns: das Stammhirn, das Zwischenhirn und das Großhirn. Da unser Gehirn aus diesen drei Hauptstrukturen aufgebaut sei, verstünde es alle Dreier-Konzepte besonders gut.

Überholte evolutionäre Aspekte

Inzwischen sind einige der evolutionären Aspekte überholt, zum Beispiel weiß man, dass alle modernen Wirbeltiere inklusive der Reptilien das Stammhirn von noch älteren gemeinsamen Vorfahren "geerbt" haben. Außerdem zeigen "Stammhirn-Tiere" (insbesondere Vögel) außerordentlich kognitive Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was McLean dem Stammhirn zuschreibt.

Weitere Persönlichkeitsmodelle und ihre Bezüge zur Hirnforschung

Neben der Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie gibt es auch andere Persönlichkeitsmodelle, die auf Erkenntnissen der Hirnforschung basieren.

Das Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit

Das Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit geht von vier anatomischen Gehirnebenen aus, deren neueste Formulierung man im Buch „Warum es so schwierig ist, sich und andere zu verändern“ findet. Das Modell stellt drei limbische Ebenen (untere, mittlere, obere) und die sprachlichkognitive Ebene vor. Das limbische System insgesamt gilt als „Entstehungsort von Affekten, Gefühlen, Motiven, Handlungszielen, Gewissen, Empathie, Moral und Ethik“ (Roth/Ryba 2016, S. 129). Mit dieser im wörtlichen Sinn Grundlegung maßgeblicher Komponenten für die Persönlichkeit definiert das limbische System tief sitzende Dispositionen, die zum Teil genetisch, zum Teil epigenetisch, pränatal und in den frühen Jahren nach der Geburt etabliert werden und gleichsam Grundstimmung und Grundausrichtung von Temperament und Charakter markieren. Hier entscheidet sich, einfach formuliert, ob eine Person zu den Frohnaturen, den Neugierigen oder Vorsichtigen, den Extra- oder Introvertierten gehört.

Die untere limbische Ebene

Die untere limbische, vegetativ-affektive Ebene kontrolliert biologische Funktionen, steuert grundlegende affektive Verhaltensweisen und Handlungen. Sie lenkt mit ihren speziellen Zentren basale, der Lebenserhaltung und der Befriedigung primärer Bedürfnisse dienende Prozesse ebenso wie elementare affektive Verhaltensweisen und Empfindungen. Sie konstituieren das Temperament und die Kern- oder Grundpersönlichkeit eines Menschen, die damit gleichsam als Melange erscheint aus genetisch und epigenetisch-vorgeburtlich (v. a. über Einflüsse durch die Mutter) bestimmten Einflüssen. Die epigenetischen Prägungen wirken ähnlich stark wie genetische Determinanten (Roth/Ryba, 2016, S. 130). Hier werden die Grundfesten gelegt: das angeborene „Temperament“, Grunddispositionen, Charakteristika von Persönlichkeit. Zwar kursieren unterschiedliche Konzepte von Temperament und Persönlichkeitsgrundlegung. Konsens besteht darin, dass physiologisch-vegetative und affektive Merkmale zur Grundausrüstung gehören wie „das allgemeine Erregungsniveau, Reaktionsschnelligkeit, Verhalten und Anpassungsfähigkeit gegenüber neuen Situationen sowie die Schnelligkeit der Informationsverarbeitung“ (Roth, 2019, S. 80), die genetisch und vorgeburtlich bedingt sind, unbewusst ablaufen und sich (mit bestimmten Merkmalen der Persönlichkeit) sehr früh stabilisieren.

Die mittlere limbische Ebene

Die mittlere limbische Ebene entwickelt sich wie die untere bereits vor und in der ersten Zeit nach der Geburt. Damit einher geht die Konsolidierung von Eigenschaften durch selektive Bestätigung (Konditionierung), was wiederum einhergeht mit der unbewussten Bildung von Vorannahmen und Vorerwartungen in späteren Jahren. In dieser Phase graben sich Erfahrungen gleichsam als Tiefenstruktur ein, etablieren sich Grundlagen für Selbstkonzept und Sozialität wie etwa Empathiebereitschaft und -fähigkeit. Die Erfahrungen in dieser Kleinstkindphase werden zwar teilweise bewusst, sind aber späterer Erinnerung nicht zugänglich, weil sie in einem später nicht mehr zugänglichen Format und Code abgespeichert sind; Abspeicher- und Abrufformate verändern sich grundlegend.

Die obere limbische Ebene

Die obere limbische Ebene repräsentiert Aktivitäten bestimmter Areale des limbischen Cortex, die mit Körperwahrnehmung verknüpft sind und das bewusste Selbst, einschließlich sozialer Anteile von Denken, Fühlen sowie Moral, Ethik (Gewissen, Über-Ich; Roth/Ryba, S. 132) und Empathie entwickeln. Diese Ebene sorgt für Anschlussfähigkeit von primärer Persönlichkeit (Grunddispositionen) und der Fähigkeit, mit Anforderungen aus dem soziokulturellen Umfeld zurechtzukommen. Wie ein Mensch sich arrangiert, liegt bereits fest. Die Kernausprägungen bahnen, machen das eine wahrscheinlicher als das andere. Sie perforieren Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich ein Mensch bewegt, wie flexibel er sich auf konkrete Erfordernisse einstellt und wie er ihnen begegnet. Neben Fertigkeiten der bewussten Kontrolle von nonverbaler Kommunikation bildet sich die Fertigkeit, Bedürfnisse und Anpassungserfordernisse in Einklang zu bringen. Sie finden Ausdruck in der Art, wie Menschen kooperieren, Rücksicht nehmen, Kompromisse eingehen, Ziele konsequent verfolgen, sich als Akteur erfahren (Selbstwirksamkeit ausbilden). Mithin entwickeln sich Teilsysteme für Impulshemmung, Risikowahrnehmung und -bewertung, das bewusste Belohnungs- und Bestrafungsgedächtnis sowie moralische Regeln.

Die kognitiv-sprachliche Ebene

Die kognitiv-sprachliche Ebene, die wechselwirkt mit den vorherigen, ist hauptsächlich im oberen und mittleren Stirnhirn, im präfrontalen Cortex lokalisiert und entwickelt sich zeitgleich mit der dritten Ebene, also etwa ab dem dritten Lebensjahr, wenn sich kognitive und sprachliche Fertigkeiten auszubilden beginnen. Dank der Aktivierung bestimmter Areale des Neocortex ermöglicht diese Ebene, dass sich bewusstes Wahrnehmen und Denken ebenso entfalten wie Kompetenzen und Langzeitspeicherung im Rahmen des Erwerbs von Wissen (Faktengedächtnis), Erfahrung und Erinnerung (episodisches Gedächtnis) und Imagination (Fiktionales, Zukunftsvorstellungen). Mit anderen Worten: Die kognitivsprachliche Ebene ist gleichsam der Entwicklungs- und Reifungsort von kognitiven, verbalen, rationalen, assoziativen, problemlösenden Fähigkeiten, von bewusster Wahrnehmung und Aufmerksamkeitslenkung; die Ebene ermöglicht das Ausbilden von Metafähigkeiten, wie Selbstbetrachtung (Dissoziieren) und das Abgleichen von Selbstkonzept mit Fremdbildern (sozialer Vergleich). Dieser Bereich der Großhirnrinde gilt als Sitz von Intelligenz, Verstand, Vernunft, von Gefühls- und Impulskontrolle, von Risikobewertung und moralischer Einordnung. „Die emotionalen Komponenten solcher Geschehnisse werden von den Instanzen der oberen limbischen Ebene hinzugefügt“ (Roth, 2019, S.

ADHS und die Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie

Die Drei-Komponenten-Gehirn-Theorie kann auch dazu beitragen, ADHS besser zu verstehen. ADHS ist eine neuronale Entwicklungsstörung, die durch eine Dysfunktion des Cerebellums und als immunologische neuroinflammatorische Störung sein. Maßgebliche Modelle dürften die Sichtweisen von ADHS als Folge eines Dopamin- und Noradrenalinmangels in bestimmten Gehirnregionen sein.

Die Hypothese von Ulrich Brennecke

Nach der Hypothese von Ulrich Brennecke lässt sich ADHS also als (im Wesentlichen genetisch bedingte) dauerhafte Fehlregulation der Stresssysteme erklären, vornehmlich der HPA-Achse (Stressachse). Dabei ist die Fehlregulation der Stresssysteme nicht Ursache von ADHS, sondern die Folge von ADHS oder auch ein Vermittlungsweg der Symptome innerhalb des ADHS. Bestimmte Gene oder frühkindlicher, lang anhaltender Stress verschieben u.a. das Verhältnis zwischen Mineralocorticoidrezeptoren und Glucocorticoidrezeptoren (sei es die Expression oder die Empfindlichkeit der Rezeptoren), wodurch der Schwellwert, ab dem die HPA-Achse und andere Stresssysteme anspringen und wieder abschalten, gestört wird. Veränderungen bei der Ausschüttungsreaktion von Neurotransmittern und Stresshormonen tragen ebenfalls hierzu bei. ADHS dürfte in der Regel durch einen extrazellulären Dopamin- und Noradrenalinmangel in PFC und Striatum gekennzeichnet sein. Dopaminmangel korreliert mit einer Erhöhung der Dopamintransporteranzahl, wie sie ebenfalls bei ADHS typisch ist.

Die Bedeutung der Stresssysteme

Bei ADHS-HI und ADHS-C führt nach der Hypothese von Ulrich Brennecke eine abgeflachte endokrine Stressantwort aufgrund der damit verbundenen abgeflachten Cortisolstressantwort zu einer mangelhaften Abschaltung der HPA-Achse, die normalerweise am Ende der Stressreaktion durch Cortisol wieder abgeschaltet würde. Dieserhöhte bzw. dauerhafte Aktivierung der HPA-Achse soll keine universale Erklärung aller ADHS-Fälle des Syndromspektrums darstellen, sondern lediglich einen Teil davon erklären.

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