Die verheerenden Auswirkungen von Drogen auf das Nervensystem

Drogenabhängigkeit und andere Süchte stellen eine erhebliche Belastung für Körper und Psyche dar. Es ist von entscheidender Bedeutung zu verstehen, warum es so schwierig ist, sich von einer Sucht zu befreien und welche spezifischen Prozesse im Gehirn ablaufen. Fachleute unterscheiden zwischen stoffgebundenen Süchten und Verhaltenssüchten. Erstere umfassen Abhängigkeiten von Substanzen wie Alkohol, Nikotin oder Schmerz- und Rauschmitteln. Verhaltenssüchte hingegen beziehen sich auf exzessiv ausgeübte Verhaltensweisen wie Glücksspiele, exzessive Computer- und Internetnutzung oder zwanghaftes Shopping.

Was Sucht mit Betroffenen macht

Aus medizinischer Sicht ist neben der psychischen und oft auch physischen Abhängigkeit von einer bestimmten Substanz oder Verhaltensweise die Schädlichkeit für den Einzelnen und sein Umfeld ein wesentliches Kriterium für Suchtverhalten. Betroffene greifen immer wieder zu Substanzen oder zeigen bestimmte Verhaltensweisen, obwohl sie sich dadurch körperlich, seelisch, finanziell oder sozial schaden. Oft entsteht ein innerer Druck, der als Suchtdruck oder Craving bezeichnet wird. Dies ist das schwer zu unterdrückende Verlangen, das jeweilige Suchtmittel zu konsumieren oder sich dem entsprechenden Verhalten hinzugeben - bis hin zum Zwang. Dem Craving folgt das Gefühl der Erleichterung, wenn das Suchtmittel eingesetzt wurde. Betroffene erleben den Suchtdruck häufig als einen Kontrollverlust, und es wird mit der Zeit immer schwieriger, den Konsum oder das Verhalten einzuschränken oder zu beenden. Der Konsum wird für die Suchterkrankten oft zum Lebensmittelpunkt.

Die Rolle des Gehirns bei Sucht

Die neuere Forschung betrachtet Sucht auch als körperliche Erkrankung, bei der das menschliche Gehirn im Zentrum steht. Fortschritte in den Neurowissenschaften haben Sucht als eine chronische Gehirnerkrankung mit starken genetischen, neuronalen und soziokulturellen Komponenten identifiziert. Es wird weiterhin erforscht, warum verschiedene Substanzen oder Verhaltensweisen unterschiedlich schnell süchtig machen oder warum manche Menschen schneller abhängig werden als andere. Andere Sichtweisen betonen die Vielzahl psychischer, biografischer und gesellschaftlicher Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Suchterkrankung stärker.

Das Belohnungssystem im Fokus

Unser Gehirn giert nach Belohnung. Verantwortlich dafür ist das sogenannte Belohnungssystem, ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen, die wie in einem Schaltkreis zusammenwirken. Eigentlich dient das Belohnungssystem der Selbsterhaltung. Doch bisweilen bringt es uns dazu, dass wir von manchen Dingen nicht genug bekommen können.

Dopamin: Ein wichtiger Faktor

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der für eine Vielzahl von lebensnotwendigen Steuerungs- und Regelungsvorgängen benötigt wird. Zum Beispiel verursacht Dopamin Motivation. Drogen und Suchtmittel aktivieren das Belohnungssystem durch Dopamin deutlich stärker als natürliche Belohnungen, wie ein Lob oder ein Erfolgserlebnis. Dopamin spielt nach Erkenntnissen der Neurophysiologie auch beim Lernen eine wichtige Rolle.

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Das Suchtgedächtnis

Unser Gehirn speichert nicht nur schöne Urlaubserinnerungen oder den Geschmack von Lieblingsgerichten. Leider merkt sich das Gehirn auch, welche Stoffe oder Verhaltensweisen zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen danach wird stärker, besonders das Vorderhirn wird dabei durch neuronale Anpassungsprozesse nachhaltig verändert. Das enge Zusammenspiel von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion führen - etwa bei einer Drogenabhängigkeit - zu einem Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird. Schließlich kann es in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster münden.

Die Folgen für Betroffene

Je häufiger zum Beispiel Alkohol, illegale Drogen oder auch Glücksspiel als Problemlöser dienen, desto stärker verfestigen sich diese Verhaltensmuster. Gleichzeitig wird die suchterkrankte Person immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme bestimmter Suchtstoffe in Verbindung stehen. Diese Reize werden auch Trigger genannt. Zum Beispiel genügt dann schon der Anblick eines Bierglases, um das Gefühl der Feierabendstimmung auszulösen. Durch diese Trigger werden Suchterkrankte an das schöne Gefühl beim Konsum der Droge oder der Verhaltensweise erinnert und möchten dem Verlangen nachgeben. Nur: Die letztmalige Dosis reicht oft nicht mehr - also wird sie erhöht. Beim Verzicht auf das Suchtmittel kann es zu Entzugserscheinungen kommen, körperlicher Art wie Zittern oder Schwitzen oder psychischer Art wie Angstzuständen etwa oder Verstimmungen.

Kann man das Suchtgedächtnis löschen?

Wahrscheinlich ist der Umbau der Hirnstrukturen des Gehirns dauerhaft. Das bedeutet: Selbst mit eintretender Abstinenz entstehen im einmal ausgebildeten Suchtgedächtnis keine Veränderungen. Der sogenannte Suchtdruck oder das Craving können demnach ein unangenehmer Begleiter der Abhängigen bleiben.

Behandlung von Suchterkrankungen

Die Therapie einer Suchterkrankung ist abhängig von der Art der Sucht und der Ausprägung bei jedem oder jeder Einzelnen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen bei einer stoffgebundenen und bei einer Verhaltenssucht. In diesem Fall wird bei Sucht durch Substanzen in der Regel anfangs eine körperliche Entgiftung unter medizinischer Aufsicht durchgeführt, um möglichen Komplikationen vorzubeugen. Fällt das Ziel einer Abstinenz dem oder der Betroffenen dennoch zu schwer, wird zumindest versucht, den Konsum im Sinne einer Schadensminimierung zu verringern, beziehungsweise zu begrenzen. Bei der medizinischen Behandlung einer Drogenabhängigkeit kommen unter Umständen für einige Substanzen Ersatzstoffe, wie etwa Methadon für Heroin in Frage, was den Beginn einer Therapie erleichtern kann. Das detaillierte, gestufte Vorgehen bei Verhaltenssüchten ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Hilfsangebote

Auch hier unterscheiden sich die notwendigen Schritte, je nach persönlicher Konstellation. Ein wichtiges Ziel der Behandlung ist, neuen Lebensmut zu bekommen und dank neuer Strategien und Verhaltensmustern abstinent zu bleiben. Mögliche Therapien, die in der Regel kombiniert angewendet werden, sind:

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  • Beratung: Das können motivierende Gespräche sein, mit dem Ziel, für das Thema Sucht zu sensibilisieren, zur Änderung des Verhaltens anzuregen und Zugang zu einem Behandlungsangebot zu verschaffen.
  • Entgiftung: Meistens spricht man in diesem Zusammenhang von einem Entzug.
  • Entwöhnung: medizinische Reha-Behandlung durch ein multiprofessionelles Team.
  • Psychotherapie: zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie.
  • Selbsthilfegruppen und Gruppenangebote
  • Medikamente: Das starke Verlangen („Craving“) lässt sich in manchen Fällen medikamentös lindern.
  • Behandlung einer eventuell zusätzlich bestehenden psychischen Erkrankung: zum Beispiel Therapie einer Depression, Angststörung oder Schizophrenie

Behandlungskonzepte für die verschiedenen Formen von Verhaltenssüchten sind derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und haben daher oft noch keinen etablierten Standard. Sie beruhen meist auf verhaltenstherapeutischen Prinzipien.

Was tun bei einem Rückfall?

Eine Suchterkrankung, ob als Abhängigkeit von Substanzen oder Verhaltensweisen, ist mit Blick auf das komplexe Suchtgedächtnis eine lebenslange Aufgabe. Ein Rückfall ist kein persönliches Versagen, sondern gehört vielmehr zum Wesen einer Sucht. Wichtig ist, jeden Rückfall zu bewerten und therapeutisch aufzuarbeiten. Das kann vor weiteren „Ausrutschern“ schützen und dabei helfen, die Abstinenz langfristig zu stabilisieren.

Die Wirkung verschiedener Drogen auf das Nervensystem

Drogen wirken, indem sie in die normale Funktion des Nervensystems eingreifen. Sie können die Art und Weise verändern, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren, und so die Wahrnehmung, das Denken, die Emotionen und das Verhalten beeinflussen.

Illegale Drogen

Psychoaktive Substanzen (Psychopharmaka), deren Besitz, Verkauf und Einnahme nach Liste der WHO (Weltgesundheitsorganisation) verboten sind, bezeichnet man als illegale Drogen. Sie beeinflussen das Nervensystem, können erregend oder hemmend auf neuronale Vorgänge wirken und erzeugen persönlichkeitsverändernde Zustände (z. B. Halluzinationen, unbegründete Euphorie usw.). Illegale Drogen führen häufig zu physischer und/oder psychischer Abhängigkeit (Sucht).

Opiate

Opiate wirken auf spezifische Rezeptoren der Synapsenmembran und können so die Bildung eines Opiat-Rezeptor-Akzeptor-Komplexes auslösen. Sie wirken bereits in sehr geringen Konzentrationen und unterdrücken den diffusen, dumpfen, mehr chronischen und nicht lokalisierbaren Schmerz. Über die gebildeten Opiat-Rezeptor-Akzeptor-Komplexe wird im ZNS die Aktivität des Enzyms Adenylat-Cyclase gehemmt und dadurch weniger cyclisches Adenosin-Monophosphat (cAMP) gebildet. Bei längerer Opiateinwirkung kompensiert die Zelle diesen Mangel durch die eigene Aktivierung der Adenylat-Cyclase. Damit ist die Zelle gegenüber Opiaten tolerant geworden. Für die Beibehaltung der Ausgangseffekte ist dann eine Dosiserhöhung erforderlich.

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Heroin

Heroin entsteht durch Acetylierung aus Morphin. Es wird von Süchtigen meist gespritzt. Aufgrund seiner guten Fettlöslichkeit kann es leicht die Blut-Hirn-Schranke passieren und reichert sich dann im Gehirn an. Im Körper wird Heroin wieder in Morphin umgewandelt. Der rasante Konzentrationsanstieg führt zu dem sogenannten „Kick“, einem Glücksgefühl, das sehr schnell zu körperlicher Abhängigkeit (Drogenabhängigkeit) führt (schon 1-2 Spritzen reichen aus, um einen Menschen süchtig zu machen). Abstinenz führt zu starken Entzugserscheinungen wie Schwindel, Durchfall, Erbrechen, Schweißausbrüchen, Schlaflosigkeit und Schmerzen. Die Folgen des Heroinmissbrauchs sind vielfältige gesundheitliche Schäden sowie schwere psychische und soziale Probleme, die vielfach in die Kriminalität führen (zur Beschaffung der Droge) und nicht selten durch eine Überdosis Heroin tödlich enden.

Kokain

Kokain ist ein suchterzeugendes Rausch- und Betäubungsmittel, das Enthemmung, Euphorie und Halluzinationen hervorruft und das außerdem leistungssteigernd, blutgefäßverengend und auf das menschliche Hungerzentrum betäubend wirkt. Es führt zur verstärkten Adrenalinfreisetzung in den Nervenfasern, zur Sympathikusreizung und Anreicherung von Serotonin in den Gehirnzellen. Übererregbarkeit, Erhöhung der Herzschlagfrequenz, Selbstüberschätzung und Hemmungslosigkeit sind die Folge. Regelmäßiger Kokainkonsum führt zu Schlaf- und Appetitlosigkeit und kann neben sozialen und gesundheitlichen Folgen das plötzliche Auftreten psychotischer Verhaltensstörungen und einen Verlust der Persönlichkeit verursachen, da langer Kokain-Missbrauch zur irreversiblen Schädigung der Hirnzellen führt.

Crack

Crack ist eine basische Variante des Kokains, d. h. durch Anreicherung des Kokain-Hydrochlorids mit Alkalien (Mixtur aus Backpulver und Wasser) entsteht diese gefährliche Droge. Crack wird meist mittels spezieller Pfeifen geraucht und gelangt so in wenigen Sekunden über die Blut-Hirn-Schranke in das Zentralnervensystem. Der schnelle, heftige Wirkungseintritt kann zu Störungen des Herz-Kreislauf-Systems bis hin zum tödlichen Kollaps führen (weitere Nebenwirkungen vgl. Kokain). Charakteristisch für Crack ist die schnell einsetzende starke psychische Abhängigkeit, d. h. diese Droge besitzt ein hohes Suchtpotenzial.

Halluzinogene

Halluzinogene sind eine Gruppe von Rauschgiften, die in nicht giftigen Dosen Veränderungen in der Wahrnehmung, im Bewusstsein und in der Gemütslage hervorrufen. Sie führen zu visuellen Illusionen und gefährlichen „Horrortrips“, bei denen es aufgrund eines Kontrollverlusts zu Handlungen mit Fremd- oder Eigengefährdung kommen kann. Auch nach der letzten Einnahme von Halluzinogenen, die längere Zeit zurückliegen kann und während der keine Wirkung mehr gespürt wird, kann es wieder zu Rauschzuständen kommen („flash backs“). Halluzinogene wirken meist als Agonisten an Rezeptoren und Bindungsstellen für Serotonin im Zentralnervensystem (v. a. Großhirnrinde). Eine Veränderung des Glutamat-Transmittersystems wird als Grundlage drogeninduzierter Halluzinationen diskutiert.

Cannabis

Cannabis stammt ursprünglich aus Zentralasien und ist heute über alle gemäßigten und subtropischen Zonen verbreitet.

Langzeitfolgen von Drogenkonsum

Der längerfristige Konsum von Drogen, wie Amphetamine oder Kokain, fördert offenbar einen vorzeitigen geistigen Verfall. Die Nervenzellen sterben ab, und der Grad an Verschaltung zwischen den Zellen nimmt ab. Viele Leitungsbahnen werden zerstört, und Blutgefäße zeigen vorzeitige Alterungserscheinungen. Das Einnehmen von Drogen über einen längeren Zeitraum führt zur vorzeitigen Degeneration des Gehirns. Dies kann zu Gedächtnisproblemen und einer generellen Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit führen. Bei bestimmten Personen können durch Drogeneinnahme Psychosen ausgelöst werden.

Die Mechanismen der Sucht im Gehirn

Ein Forschungsteam aus der Schweiz hat möglicherweise einen wichtigen Mechanismus im Gehirn von Mäusen entdeckt, der erklären könnte, warum manche Menschen das offenkundig schädliche Konsumverhalten nicht einstellen können. Allen Drogen mit Suchtpotential ist gemeinsam, dass sie im Gehirn die Aktivität des Neurotransmitters Dopamin beeinflussen. Dies betrifft vor allem das mesolimbische System, auch bekannt als Belohnungssystem.

Neuronale Verbindungen und süchtiges Verhalten

Die Aktivität einer synaptischen Verbindung zwischen dem orbitofrontalen Kortex und dem dorsalen Striatum könnte eine Rolle bei zwanghaftem Verhalten bei einer Sucht spielen. Die Stärke dieser synaptischen Verbindung war bei den Mäusen, die trotz Schmerzen weiter den Hebel drückten, zugenommen hatte.

Neuromodulatoren und Drogenwirkung

Forscherinnen der Charité - Universitätsmedizin Berlin konnten gemeinsam mit Kolleginnen aufklären, wie so genannte modulatorische Botenstoffe wie Adrenalin, Dopamin und Serotonin die Signalweiterleitung mit Glutamat beeinflussen und damit unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und unsere Handlungen verändern. Auch alle psychoaktiven Drogen wirken über dieses modulatorische System, bei vielen psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen oder Suchtkrankheiten ist es gestört. Das Molekül Synapsin spielt hierbei eine bedeutende Rolle. Es sitzt auf der Oberfläche der synaptischen Vesikel und verändert durch die Wirkung von verschiedensten Neuromodulatoren seine Form. Das führt dazu, dass sich die Vesikel in den Synapsen entweder zusammenschließen und mehr Botenstoffe ausschütten, was das Signal verstärkt, oder die Vesikel ziehen sich aus der Synapse zurück, schütten weniger Botenstoff aus und das Signal wird abgeschwächt.

Kokain und das Gehirn

Kokain beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns, indem es die Hirnstruktur verändert. Bei Kokain-Abhängigen wurde eine ausgedehnte Atrophie der grauen Substanz in den Bereichen Temporallappen, Frontallappen, Insula und limbischer Lappen festgestellt. Der Schwund der grauen Substanz geht doppelt so schnell vonstatten wie bei gesunden Menschen.

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