Cannabiskonsum in der Pubertät: Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung

Die Pubertät ist eine entscheidende Phase für die Entwicklung des Gehirns. In dieser Zeit finden wichtige Reifungsprozesse statt, die die Grundlage für kognitive Fähigkeiten, Impulskontrolle und psychische Gesundheit legen. Der Konsum von Drogen, insbesondere Cannabis, kann diese Entwicklungsprozesse jedoch erheblich beeinträchtigen und langfristige Folgen haben.

Die Entwicklung des Gehirns in der Pubertät

Das Gehirn durchläuft in der Pubertät einen tiefgreifenden Umbauprozess. Einerseits werden ungenutzte Verbindungen zwischen Nervenzellen abgebaut, andererseits werden häufig genutzte Verbindungen stabilisiert. Dieser Prozess führt zu einer effizienteren Arbeitsweise des Gehirns.

Parallel dazu reift das Frontalhirn, das für die Planung, Entscheidungsfindung und Impulskontrolle zuständig ist. Da dieser Bereich während der Pubertät noch nicht vollständig entwickelt ist, haben Jugendliche oft Schwierigkeiten, ihr Verhalten zu kontrollieren und ihre Emotionen zu steuern. Gleichzeitig ist das Belohnungssystem im Gehirn sehr aktiv, was zu einem erhöhten Bedarf an Belohnung und Anerkennung führt.

Auswirkungen von Cannabiskonsum auf das jugendliche Gehirn

Studien deuten darauf hin, dass Cannabiskonsum im Jugendalter die Entwicklung des Gehirns stören kann. Eine US-amerikanische Studie mit 466 jungen Erwachsenen, die zumindest einmal im Leben Cannabis konsumiert hatten, zeigte Zusammenhänge zwischen dem Alter des ersten Cannabiskonsums und der Entwicklung der weißen Substanz im Gehirn. Je jünger die Teilnehmer bei ihrem ersten Joint waren, desto schlechter entwickelt war die weiße Substanz.

Die weiße Substanz besteht aus Nervenfasern, die von einer isolierenden Schicht umhüllt sind. Diese Schicht reift bei Jugendlichen noch heran. Je stärker der Reifungsprozess voranschreitet, desto besser funktioniert das Gehirn. Der frühe Einstieg in den Cannabiskonsum könnte den Ergebnissen zufolge den Reifungsprozess der weißen Substanz stören. Die Veränderungen in der Hirnstruktur könnten zudem lang anhaltend sein.

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Ein Forschungsteam der McGill University in Kanada hat in Studien mit Mäusen aufzeigen können, dass Drogenkonsum in der Jugend die Entwicklung bestimmter Nervenverbindungen beeinflusst. Die fadenartigen Nervenfortsätze, so genannte Axone, verknüpfen sich unter dem Einfluss von Drogen anders. Das Wachstum dopaminerger Axone in Richtung des präfrontalen Cortex wird durch Drogen gestört. Das fehlgeleitete Axon-Wachstum beeinträchtigt die Impulskontrolle.

Kognitive Beeinträchtigungen

Der Konsum von Cannabis kann die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Insbesondere der präfrontale Kortex, der für die Entscheidungsfindung und Impulskontrolle verantwortlich ist, kann betroffen sein. Die Folge: Die betroffenen Jugendlichen können sich schlechter konzentrieren und sind impulsiver als andere.

Persönlichkeitsveränderungen

Cannabiskonsum kann zu Persönlichkeitsveränderungen führen. Nachlassende Lernleistungen, Motivationsmangel oder Aufmerksamkeitsstörungen können zu einem lebensverändernden Problem werden, denn die Bildung leidet. Schule oder Ausbildung werden abgebrochen. Auch kann es sein, dass sie sich aus dem Alltag zurückziehen, lustlos werden und somit auch soziale Fähigkeiten schrumpfen.

Suchtgefahr

Cannabis kann körperlich und geistig abhängig machen. Für Menschen, die früh mit dem Konsum beginnen und während ihrer Jugend häufig konsumieren, ist das Risiko erhöht. Da Cannabis einen immer höheren THC-Gehalt besitzt, steigt nicht nur die Gefahr von Gesundheitsschäden an, sondern auch das Risiko, danach süchtig zu werden. Nach Alkohol ist Cannabis in Deutschland der häufigste Grund für eine Suchtbehandlung.

Risiko psychischer Erkrankungen

Cannabiskonsum kann das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen, etwa für Depressionen oder Angststörungen. Der Konsum von THC kann außerdem zu Psychosen führen. Studien weisen auf einen dosisabhängigen Zusammenhang mit depressiven Störungen, Suizidalität, bipolaren Störungen und Angsterkrankungen hin. Cannabis-Konsum kann bei vulnerablen Personen Psychosen auslösen und den Verlauf schizophrener Psychosen deutlich verschlechtern.

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Cannabiskonsum von Jugendlichen in Deutschland

Cannabis gilt mitunter als weiche Droge, die viele Jugendliche ausprobieren. Laut dem DAK-Präventionsradar (2024) hat etwa jeder achte Jugendliche im Schuljahr 2022/2023 mit Cannabis experimentiert. Die Einschätzung der Risiken variiert dabei stark: Während 74 Prozent der Jugendlichen ein hohes oder sehr hohes Risiko sehen, schätzen 26 Prozent das Gesundheitsrisiko als gering ein. 15 Prozent halten Cannabis sogar für ungefährlich.

Anklang findet Cannabis vor allem wegen seiner entspannenden Wirkung. Insbesondere in Gruppen wird viel und ausgelassen gelacht. Ungewohnte Gedanken führen zu lustigen Gesprächen, viele fühlen sich kreativer als sonst. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wird gesteigert. Doch neben diesen Effekten birgt der Konsum von Cannabis vor allem Risiken - insbesondere für junge Menschen drohen schwerwiegenden Langzeitfolgen.

Kurzfristige Folgen von Cannabiskonsum

Selbst ein einziges Mal an einem Joint zu ziehen, kann negative Folgen für die Gesundheit haben - zumal es leicht zu Überdosierungen kommt und oft auch noch Alkohol mit im Spiel ist. So kann Cannabis zum Beispiel folgende Beschwerden hervorrufen:

  • Angstgefühle und Panikattacken
  • Die Wahrnehmung wird überempfindlich und kann sich bis zu Halluzinationen steigern
  • Menschen, die high sind, können sich manchmal nicht mehr mitteilen und sind in ihrem eigenen „Film" gefangen
  • Herzrasen
  • Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit
  • Auch ein Kreislaufkollaps ist möglich

Langzeitfolgen für den Körper

Die Kombination von Cannabis mit Tabak ist äußerst schädlich für die Lunge. Die Beschwerden ähneln denen langjähriger Raucher:

  • Chronischer Husten
  • Vermehrte Schleimbildung
  • Luftnot
  • Erhöhte Anfälligkeit für Atemwegsinfekte

Auch können Joints zu einem Lungenemphysem oder sogenannten Bronchiektasen, irreversiblen Schädigung der Atemwege, führen. Das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, steigt ebenfalls. Außerdem können Gefäße geschädigt werden und Störungen des Herzrhythmus auftreten.

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Selbst auf die Familienplanung kann sich Cannabiskonsum auswirken. Denn: Männer können unter Ejakulationsstörungen leiden, die Spermienzahl verringert sich und es kommt zu Libidoverlust. Bei Frauen kann Cannabis die Eizellreifung beeinträchtigen oder dazu führen, dass sich der Embryo nicht einnistet oder sich nicht richtig entwickelt. Auch Frühgeburten und sogar Entwicklungsstörungen beim ungeborenen Kind sind möglich, wenn Cannabis in der Schwangerschaft konsumiert wird.

Wer ist besonders gefährdet?

Kinder und Jugendliche sind neugierig. Diese Eigenschaft verschafft ihnen einen idealen Start ins Leben und ist beim Lernen unabdingbar. Aber: Es verleitet sie auch dazu, Neues auszuprobieren - etwa Cannabis. Die Risiken, die damit einhergehen, werden dabei häufig unterschätzt. Ein weiterer Faktor ist der soziale Druck, dem sich junge Menschen verstärkt ausgesetzt fühlen. Wenn im Freundeskreis Cannabis konsumiert wird, kann es schwer sein, nein zu sagen. Auch berühmte Vorbilder, etwa Influencer, Musikerinnen oder Schauspieler, die Cannabis konsumieren, können verführen.

Wie oben beschrieben, kann Cannabis verschiedene psychische Auffälligkeiten forcieren. Ein Problem ist, wenn jene Kinder und Jugendliche Cannabis konsumieren, die bereits zuvor gewisse psychische Auffälligkeiten wie Ängstlichkeit, Essstörungen oder Selbstzweifel zeigten. Denn: Kindern mit solchen Störungen fällt es generell schwer, Emotionen im Zaum zu halten oder anderweitig zu steuern. Auch Jungs mit ADHS fallen in diese Kategorie, denn sie sind besonders neugierig, suchen stets aufregende Erlebnisse und das Gehirn ist sehr anfällig für schnelle Belohnungsreize. Hinzu kommt: Zwar kann Cannabis kurzfristig ADHS-Symptome wie innere Unruhe mindern, langfristig kann sich die Wirkung aber umkehren. Zudem droht die Abhängigkeit.

Wie erkenne ich, ob mein Kind Cannabis konsumiert?

Cannabiskonsum macht sich zum Beispiel durch den unverkennbaren Geruch bemerkbar. Auch wenn sich das Kind merklich zurückzieht und keinerlei Interessen mehr zeigt, kann das ein Hinweis sein.

Weitere Auffälligkeiten, die bei Cannabiskonsum auftreten können, sind:

  • Körperliche Merkmale:
    • Heißhungerattacken
    • Ständige Müdigkeit
    • Gerötete Augen
    • Geweitete Pupillen
  • Soziale Merkmale:
    • Isolation
    • Abbruch von Freundschaften
    • Neuer, ungewöhnlicher Freundeskreis
    • Familiäre und schulische Teilnahmslosigkeit
    • Schulischer Leistungsabfall
    • Vernachlässigung von Hobbys

Natürlich ist keines dieser Merkmale ein sicheres Indiz dafür, dass ein Kind Cannabis zu sich nimmt. Häufen sich die Merkmale oder treten in mehrfacher Kombination auf, sollten Eltern ein Gespräch mit ihrem Nachwuchs führen.

Um über die Risiken von Cannabiskonsum aufzuklären, ist es wichtig, dass Eltern mit ihrem Nachwuchs ruhig und ehrlich sprechen. Sich vorab Argumente zurechtzulegen hilft, um den eigenen Standpunkt zu vermitteln. Es geht darum, ein vertrauensvolles Gespräch führen, Gedanken und Sorgen zu äußern und auch der Meinung des Kindes Raum zu geben. Achtet darauf, ruhig und positiv zu bleiben und lasst einander ausreden. Nimm dein Gegenüber ernst, stelle Fragen, zeige Verständnis und Empathie, aber thematisiere auch klar die Gefahren.

Was können Eltern tun?

Zunächst einmal sollten Sie sich bewusst machen, was die Baustelle im Kopf für Ihr Kind bedeutet. Das hilft, Verständnis für das manchmal schwer erträgliche Verhalten aufzubringen. Achten Sie so gut wie möglich auf regelmäßigen und ausreichenden Schlaf. Teilen Sie Ihrem Kind Ihre Sorgen mit - zum Beispiel im Hinblick auf Drogen oder Mutproben.

Klinische Aspekte und Behandlung

Störungen im Zusammenhang mit dem Konsum legaler und illegaler psychoaktiver Substanzen (substanzbezogene Störungen, „substance use disorders“, SUD) beginnen sich in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter zu entwickeln und werden weltweit zu den größten Gesundheitsrisiken für Jugendliche und junge Erwachsene gezählt. Bei vulnerablen Personen etabliert sich häufig bereits im frühen Jugendalter ein schädlicher Gebrauch, der sich über die Zeit zu einer chronischen Konsumstörung mit hohem Rückfallpotenzial und Komorbidität entwickeln kann.

Für 60-80 % der Jugendlichen ist der regelmäßige Konsum legaler und illegaler Substanzen eine temporäre, auf die Adoleszenz und das frühe Erwachsenenalter beschränkte Verhaltensauffälligkeit, die in der weiteren Entwicklung zunehmend mit den sich verändernden sozialen Anforderungen kollidiert und eingestellt wird. Bei einer Minderheit entwickelt sich aufgrund entsprechender Risikofaktoren langfristig eine Suchtstörung. Bei diesen sogenannten „life-course-persistents“ (Lebensspannen überdauernd) treten bereits in früher Kindheit Schwierigkeiten in der Bewältigung von Belastungen auf, die sich über die weitere Entwicklung kontinuierlich kumulieren und schließlich als Störung manifestieren.

Das klinische Bild von Kindern und Jugendlichen mit SUD ist heterogen. Anzeichen, die einen ersten unspezifischen und teilweise auch sehr klaren Warnhinweis auf einen schädlichen Gebrauch geben können, sind vielfältig.

Substanzkonsum kann abhängig von Art, Dauer und Umfang der konsumierten Substanzen, dem Ausmaß vorhandener komorbider psychischer Störungen und psychosozialer Problemkonstellationen, die den Missbrauch begleiten, zu erheblichen gesundheitlichen Schäden, verringerter Lebenserwartung und sozialen Problemen führen.

Gründe für eine klinische Vorstellung sind Konflikte mit Eltern, Lehrerinnen und Lehrern oder Ausbilderinnen und Ausbildern infolge des Substanzkonsums. Weitere Anlässe sind psychische Probleme (depressive Symptome), Leistungsstörungen, negative Rauscherfahrungen (Panikattacken, Stimmungsschwankungen, Horrortrips, Impulsdurchbrüche, Intoxikationen) sowie substanzinduzierte psychiatrische Syndrome (starke Angst, affektive und psychotische Störungen). Auflagen durch Familien- und Strafgerichte sowie körperliche Folgen und Langzeitschäden des schädlichen Gebrauchs können ebenfalls zu einem Behandlungsgesuch führen.

Prävention

Handlungsbedarf sieht man vor allem in der Prävention. Es sollte früh mit der Aufklärung über die Wirkung von Substanzen wie Alkohol, Tabak und Cannabis begonnen werden. Die Folgen des Konsums von Cannabis werden in der öffentlichen Debatte häufig verharmlost. Eine Reihe von Studien zeigt deutlich, welche Auswirkungen der Cannabis-Konsum auf die Gehirnentwicklung gerade bis Anfang 20 haben kann. Es braucht eine flächendeckende Aufklärung an Schulen.

Risikominimierung

Keine Droge ist harmlos. Entsprechend ist jeglicher Konsum mit Gefahren verbunden, auch der von Cannabis. Es gibt keine sichere Untergrenze, bei der der Konsum gänzlich unbedenklich ist. Doch es ist möglich, die Risiken zu minimieren.

Auf die Qualität achten

Wer wirklich drin steckt, weiß nur, wer selbst anbaut. Das aber ist derzeit verboten. Der Deutsche Hanfverband gibt Hinweise, wie sich verunreinigtes Marihuana erkennen lässt: Sand rieselt beispielsweise in der Tüte zumeist hinab, verbrixtes Gras riecht oft sehr schwach, Haarspray-Hasch klebt und riecht chemisch-süßlich. Auch sollte man, um die Kontrolle zu bewahren, zunächst möglichst gering dosieren und sich stets bewusst sein, dass manche Hersteller und Dealer Cannabis strecken oder verunreinigen. Damit steigt die Gefahr für schlechte Trips und Vergiftungen.

Dampfen statt rauchen

Das zu Klumpen gepresste Harz (Haschisch) sowie die getrockneten Blätter und Blüten (Gras/Marihuana) werden meist als Joint geraucht, teils in Wasserpfeifen oder Vaporizern. Weil Dampfen ohne Tabak auskommt, schadet es nach jetziger Kenntnis den Atemwegen weniger als Rauchen. Allerdings ist in Vaporizern THC vergleichsweise konzentrierter, das High weniger gut zu kontrollieren.

Dampfen statt essen

Cannabis in Keksen oder anderen Backwaren wirkt langsamer als gerauchtes Cannabis. Es kann mindestens ein oder zwei Stunden dauern, bis die Wirkung eintritt. Um Überdosierung zu vermeiden, lieber langsam essen. Außerdem wird der THC-Gehalt beim Backen nicht unbedingt gleichmäßig im Teig verteilt; einzelne Kekse oder Kuchenteile können unterschiedlich stark sein. Und: bitte niemals einer Person ohne ihr Wissen einen Cannabis-Keks geben.

Den Rausch nicht unterschätzen

Wer bekifft ist, ist fahruntüchtig. Ob nach 30 oder 90 Minuten - in Studien schnitten Teilnehmende beim Fahren im Rausch deutlich schlechter ab als die Kontrollgruppe.

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