Die Durchtrennung intraspinaler Nerven ist ein schwerwiegendes Ereignis, das weitreichende Folgen für die betroffene Person haben kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, die potenziellen Folgen und die verfügbaren Therapieansätze.
Einführung
Das Rückenmark, das im Wirbelkanal der Wirbelsäule verläuft, ist eine entscheidende Struktur für die Übertragung elektrischer Informationen zwischen dem Gehirn und dem Körper. Bewegungsnerven (motorische Nerven) leiten Impulse vom Gehirn zu den Muskeln, während Empfindungsnerven (sensible Nerven) Informationen wie Schmerz, Druck oder Temperatur zum Gehirn transportieren. Autonome Nerven steuern lebenswichtige Funktionen wie Herz-Kreislauf-System, Verdauung und Ausscheidung.
Wenn das Rückenmark oder die von ihm abgehenden Nervenwurzeln geschädigt werden, kann dies zu einer Unterbrechung der Signalübertragung führen, was zu einer Vielzahl von neurologischen Ausfällen führen kann. Ein solches Ereignis ist die Durchtrennung intraspinaler Nerven, die in diesem Artikel näher betrachtet wird.
Anatomische Grundlagen
Um die Auswirkungen einer Nervendurchtrennung im Rückenmark besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich die anatomischen Grundlagen vor Augen zu führen.
- Rückenmark: Das Rückenmark reicht bis in die Höhe des 1. oder 2. Lendenwirbelsäule. Das kegelförmige unterste Ende des Rückenmarks ist der Conus medullaris.
- Cauda equina: Unterhalb des Conus medullaris ziehen die Nervenwurzeln der untersten Rückenmarksegmente (etwa L2 bis S5) als Cauda equina durch den Wirbelkanal bis zu ihrer jeweiligen Austrittsöffnung.
- Spinalnerven: Die Spinalnerven treten paarweise aus dem Rückenmark aus und versorgen bestimmte Körperregionen mit motorischen und sensorischen Informationen. Jeder Spinalnerv ist für ein bestimmtes Dermatom zuständig, ein Hautareal, das von diesem Nerv versorgt wird.
Ursachen einer Durchtrennung intraspinaler Nerven
Die Ursachen für eine Durchtrennung intraspinaler Nerven können vielfältig sein. Am häufigsten sind traumatische Ereignisse wie:
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- Unfälle: Verkehrsunfälle oder Sportunfälle können zu Verletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks führen, die eine Nervendurchtrennung zur Folge haben können.
- Verletzungen: Direkte Verletzungen des Rückenmarks, beispielsweise durch Stich- oder Schussverletzungen, können ebenfalls Nerven durchtrennen.
Neben traumatischen Ursachen können auch nicht-traumatische Faktoren eine Rolle spielen:
- Bandscheibenvorfälle: In seltenen Fällen kann ein schwerer Bandscheibenvorfall die Nervenwurzeln der Cauda equina so stark komprimieren, dass sie geschädigt oder sogar durchtrennt werden. Dies führt dann zu einem Cauda-equina-Syndrom.
- Tumoren: Tumoren im Wirbelkanal können auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln drücken und diese schädigen.
- Entzündungen: Entzündliche Prozesse wie Myelitis transversa können das Rückenmark schädigen und zu Nervenschäden führen.
- Infektionen: Infektionen wie Syphilis, Tuberkulose oder Lyme-Borreliose können ebenfalls das Rückenmark und die Nervenwurzeln befallen und schädigen.
- Gefäßerkrankungen: Selten können Gefäßerkrankungen oder Blutungen im Rückenmark zu Nervenschäden führen.
- Iatrogene Ursachen: In sehr seltenen Fällen kann es im Rahmen ärztlicher Eingriffe wie Spinal- oder Epiduralanästhesie, Myelographie oder Operationen an der Wirbelsäule zu einer Schädigung der Nerven kommen.
- Angeborene Fehlbildungen: Einige angeborene Fehlbildungen können ebenfalls zu einer Schädigung der Nerven führen.
Folgen einer Durchtrennung intraspinaler Nerven
Die Folgen einer Durchtrennung intraspinaler Nerven hängen von verschiedenen Faktoren ab, darunter:
- Höhe der Läsion: Je höher die Läsion im Rückenmark liegt, desto weitreichender sind die Auswirkungen. Eine Schädigung im Halsbereich kann zu einer Tetraplegie (Lähmung aller vier Gliedmaßen) führen, während eine Schädigung im Lendenbereich eine Paraplegie (Lähmung der Beine) verursachen kann.
- Vollständigkeit der Läsion: Eine komplette Durchtrennung des Rückenmarks führt zu einem vollständigen Funktionsverlust unterhalb der Läsion, während eine inkomplette Läsion zu teilweisen Funktionsausfällen führen kann.
- Betroffene Nervenwurzeln: Welche Nervenwurzeln betroffen sind, bestimmt, welche Körperregionen und Funktionen beeinträchtigt sind.
Zu den möglichen Folgen einer Durchtrennung intraspinaler Nerven gehören:
- Lähmungen: Lähmungen der Arme, Beine oder beider Extremitäten (Tetraplegie oder Paraplegie) sind häufige Folgen einer Rückenmarkschädigung.
- Sensibilitätsverluste: Der Verlust von Empfindungen wie Berührung, Schmerz, Temperatur oder Vibration unterhalb der Läsion ist ebenfalls typisch.
- Blasen- und Darmfunktionsstörungen: Die Kontrolle über Blase und Darm kann verloren gehen, was zu Inkontinenz oder Schwierigkeiten bei der Entleerung führen kann.
- Sexuelle Funktionsstörungen: Die sexuelle Funktion kann ebenfalls beeinträchtigt sein.
- Spastik: Spastische Muskelkrämpfe können auftreten und die Beweglichkeit einschränken.
- Schmerzen: Chronische Schmerzen, einschließlich neuropathischer Schmerzen, können eine erhebliche Belastung darstellen.
- ** vegetative Dysfunktion:** Störungen des autonomen Nervensystems können zu Problemen wie Blutdruckschwankungen, Herzfrequenzstörungen undRegulationsstörungen der Körpertemperatur führen.
- Psychische Auswirkungen: Eine Querschnittlähmung kann erhebliche psychische Auswirkungen haben, darunter Depressionen, Angstzustände und Anpassungsschwierigkeiten.
- Eingeschränkte Lebenserwartung: Menschen mit Querschnittslähmung im Bereich der Lendenwirbelsäule haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine etwas eingeschränkte Lebenserwartung, die jedoch stark von Begleiterkrankungen abhängt.
Diagnostik
Die Diagnose einer Durchtrennung intraspinaler Nerven umfasst in der Regel folgende Schritte:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich der Art und Weise, wie die Verletzung oder Erkrankung aufgetreten ist, sowie die aktuellen Beschwerden.
- Klinisch-neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die motorischen und sensorischen Funktionen, Reflexe und die Funktion von Blase und Darm. Dabei werden verschiedene Funktionstests durchgeführt, um den Grad der Schädigung zu beurteilen. Zum Nachweis des Kaudasyndroms untersucht der Arzt die Sensibilität der Oberschenkelinnenseite und des Damms. Ob der Conus medullaris oder die Spinalnerven S3 bis S5 mit betroffen sind, zeigt der Analreflex. Er wird durch das Bestreichen der Haut um den Anus herum mit einem Holzspatel ausgelöst. Normalerweise zieht sich der äußere Afterschließmuskel daraufhin sicht- und tastbar zusammen. Bleibt das Anheben des Hodens aus, ist das ein Hinweis auf die Schädigung im Bereich der Rückenmarkssegmente L1 und L2.
- Bildgebende Verfahren: MRT-Aufnahmen sind der Goldstandard, um das Rückenmark und die Nervenwurzeln darzustellen und Schädigungen zu erkennen. Manchmal wird auch eine CT-Myelographie durchgeführt.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Diese Untersuchungen können helfen, die Funktion der Nerven zu beurteilen und den Ort und das Ausmaß der Schädigung zu bestimmen.
- Liquoruntersuchung: Bei Verdacht auf entzündliche Erkrankungen oder Infektionen kann eine Liquoruntersuchung durchgeführt werden.
Therapie
Die Therapie einer Durchtrennung intraspinaler Nerven zielt darauf ab, die verbleibenden Funktionen zu erhalten, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Die Behandlung umfasst in der Regel:
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- Akutversorgung: In der Akutphase steht die Stabilisierung des Patienten und die Vermeidung weiterer Schäden im Vordergrund. Bei einer Quetschung des Rückenmarks muss die Ursache so früh wie möglich operativ entfernt werden. Instabile Brüche der Wirbelsäule werden mit Schrauben und Platten fixiert.
- Medikamentöse Therapie: Medikamente können zur Behandlung von Schmerzen, Spastik, Blasenfunktionsstörungen und anderen Symptomen eingesetzt werden.
- Operative Therapie: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um Druck von den Nerven zu nehmen, die Wirbelsäule zu stabilisieren oder Tumoren zu entfernen. Das Cauda-equina-Syndrom ist ein neurologischer Notfall und bedarf der sofortigen Therapie. Ziel ist, die eingeengten Nervenwurzeln vom Druck zu befreien. Üben ein Bandscheibenvorfall, eine Spinalkanalstenose oder ein Wirbelsäulentumor Druck auf die Cauda equina aus, wird operiert. Je nach Befund und Einschätzung des Operateurs passiert dies minimalinvasiv (z. B. mittels mikrochirurgischer Dekompression) oder durch eine offene Operation. Maßgeblich ist, dass die eingeengten Nerven so schnell wie möglich wieder befreit werden. Der Eingriff sollte innerhalb von 24 bis spätestens 48 Stunden nach Diagnose erfolgen, damit möglichst keine dauerhaften Schäden zurückbleiben. Bei Blasenstörungen sollte man noch deutlich schneller operieren.
- Rehabilitation: Die Rehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung und umfasst Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und psychologische Betreuung. Ziel der Rehabilitation ist es, die verbleibenden Funktionen zu stärken, компенсаторische Strategien zu entwickeln und die Selbstständigkeit des Patienten im Alltag zu fördern.
- Hilfsmittel: Verschiedene Hilfsmittel wie Rollstühle, Orthesen,Katheter und spezielle Geräte können dem Patienten helfen, seinen Alltag besser zu bewältigen.
- Psychologische Betreuung: Die psychologische Betreuung ist wichtig, um dem Patienten bei der Bewältigung der emotionalen und sozialen Herausforderungen einer Querschnittlähmung zu helfen.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann eine wertvolle Unterstützung bieten.
Spezielle Syndrome
Neben der kompletten oder inkompletten Querschnittslähmung gibt es noch einige spezielle Syndrome, die durch Schädigungen bestimmter Bereiche des Rückenmarks entstehen können:
- Konussyndrom: Hierbei ist der Conus medullaris, d. h. das kegelförmig auslaufende Ende des Rückenmarks, eingeengt oder geschädigt. Die daraus entspringenden Spinalnerven sorgen u. a. für die Funktion von Blase, Mastdarm und Sexualorganen. Ihre Schädigung führt dazu, dass der Stuhlgang nicht mehr kontrolliert werden kann, die Blase immer voller wird und der Urin ständig träufelt. Männer leiden zudem unter Erektionsstörungen. Es treten allerdings keine Lähmungen von Bein oder Fuß auf - das liegt daran, dass diese Bereiche durch Nerven aus den Rückenmarkssegmenten L1 bis L3 versorgt werden.
- Cauda-equina-Syndrom (Kaudasyndrom): Wird die Cauda equina in ihrem Verlauf gequetscht, geschädigt oder sogar durchtrennt, kommt es zu einem Cauda-equina-Syndrom oder Kaudasyndrom. Die Beschwerden hängen vom Grad der Schädigung ab und davon, welche Nervenwurzeln beeinträchtigt sind. Typische Symptome sind starke Rückenschmerzen, Gefühlsstörungen, Lähmungen und der Verlust der Blasenkontrolle.
- Brown-Séquard-Syndrom: Dieses Syndrom entsteht durch eine Schädigung einer Hälfte des Rückenmarks. Ipsilateral (auf der gleichen Seite der Schädigung) kommt es zu Lähmungen und Verlust des Tastsinns, während kontralateral (auf der gegenüberliegenden Seite) der Schmerz- und Temperatursinn verloren geht.
Prognose
Die Prognose nach einer Durchtrennung intraspinaler Nerven ist variabel und hängt von der Schwere der Schädigung, dem Alter des Patienten und dem Vorhandensein von Begleiterkrankungen ab. Eine komplette Durchtrennung des Rückenmarks führt in der Regel zu dauerhaften Lähmungen und Sensibilitätsverlusten. Bei inkompletten Läsionen besteht die Möglichkeit einer teilweisen Erholung, wobei das Ausmaß der Erholung jedoch schwer vorherzusagen ist.
Eine frühzeitige und umfassende Rehabilitation ist entscheidend, um die bestmöglicheFunktionsfähigkeit zu erreichen und die Lebensqualität zu verbessern.
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