Dystonie und Spastik: Definition, Unterschiede und Behandlungsansätze

Bewegung ist ein grundlegender Aspekt des menschlichen Lebens. Sie umfasst sowohl aktive Handlungen wie Laufen als auch passive Zustände wie Sitzen. Unzählige physiologische Bewegungsabläufe ermöglichen es uns, uns in Raum und Zeit zu bewegen und mit unserer Umwelt zu interagieren. Diese natürlichen Bewegungsabläufe müssen jedoch erst erlernt werden. Ein Säugling beispielsweise bewegt sich zwar, aber seine Bewegungen sind zunächst unkoordiniert und hyperkinetisch. Erst im Laufe der Zeit entwickelt er gezielte Muskelaktivitäten und lernt, seine Bewegungen zu kontrollieren.

Neben diesen natürlichen Bewegungsabläufen gibt es auch unwillkürliche, aphysiologische Bewegungen, die auf vorübergehende oder dauerhafte körperliche Beeinträchtigungen zurückzuführen sein können. Solche Bewegungen können beispielsweise durch Nebenwirkungen von Medikamenten, Alkohol- oder Drogenkonsum oder Unterzuckerung verursacht werden. Zu den komplexeren Ursachen unwillkürlicher Bewegungen gehören Dystonie und Spastik, zwei neurologische Zustände, die oft miteinander verwechselt werden. Dieser Artikel soll die Definitionen, Unterschiede und Behandlungsansätze von Dystonie und Spastik erläutern.

Spastik: Eine Definition

Spastik, abgeleitet vom griechischen Wort "spasmós" (Krampf), beschreibt eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung, auch Muskeltonus genannt. Sie ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), das Gehirn und Rückenmark umfasst. Diese Schädigung führt zu einer Überaktivität der Muskulatur, was dauerhafte Fehlstellungen von Körperteilen und Bewegungseinschränkungen, sogenannte spastische Lähmungen, zur Folge hat.

Ursachen und Symptome der Spastik

Die Ursache einer Spastik liegt in einer Schädigung des ZNS. Dies kann durch plötzliche Ereignisse wie einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma geschehen, aber auch durch chronische neurologische Störungen. In jedem Fall ist es wichtig, die genaue Ursache der Spastik zu diagnostizieren.

Die Symptome einer Spastik können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Muskelsteifigkeit kann zu schmerzhaften und entstellenden Körperhaltungen führen. Die Symptome können von leichter Muskelsteifigkeit mit geringen Bewegungseinschränkungen bis hin zu dauerhaften Muskelverkrampfungen mit schwerer Einschränkung oder sogar vollständiger Bewegungsunfähigkeit reichen. Der Schweregrad hängt davon ab, wie stark die Bereiche des Gehirns oder Rückenmarks geschädigt sind und wo am Körper die Verkrampfungen auftreten.

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Klassifikation der Spastik nach Ausmaß

Spastische Lähmungen können einzelne Muskeln oder ganze Körperbereiche betreffen. Man unterscheidet zwischen:

  • Fokale Spastik: Die Spastik ist lokal begrenzt.
  • Generalisierte Spastik: Beide Beine und Arme sind betroffen (Tetraspastik). Je nach Ausprägung kann auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.

Zusätzlich zu den genannten Symptomen kann eine Spastik von weiteren Symptomen begleitet sein, die ebenfalls durch die Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks verursacht werden, wie z.B. Schmerzen und/oder Sensibilitätsstörungen. Insbesondere nach einem Schlaganfall tritt häufig eine halbseitige schlaffe Lähmung auf, die Arm und Bein einer Körperhälfte betrifft.

Diagnose der Spastik

Zur Diagnose einer Spastik führt der Arzt zunächst eine körperliche Untersuchung durch. Ergänzend werden neurologische Tests und bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) eingesetzt. Der Muskeltonus wird gemessen, und die Schmerzintensität wird erfasst. Die Ashworth-Skala oder die modifizierte Ashworth-Skala dient zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln.

Therapieansätze bei Spastik

Die Therapie der Spastik zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:

  • Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Muskelkraft und Koordination. Passive Muskelstreckung ist besonders wichtig.
  • Ergotherapie: Unterstützung bei alltäglichen Aktivitäten und Anpassung der Umgebung an die Bedürfnisse des Patienten.
  • Medikamentöse Therapie:
    • Orale Medikamente: Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen zur Reduktion der Muskelspannung. Sativex® Spray ist speziell für die Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen.
    • Botulinumtoxin (BoNT): Injektionen in betroffene Muskeln zur lokalen Entspannung.
    • Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Baclofen wird über eine Pumpe direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert.
  • Weitere Therapien:
    • Elektrostimulation (TENS, FES): Aktivierung von Nerven und Muskeln mit elektrischen Strömen.
    • Magnetstimulation (prMS, rTMS): Gezielte Magnetfeldreize zur Stimulation von Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen.
    • Stoßwellentherapie (ESTW): Kann den Muskeltonus mindern und den Bewegungsumfang erweitern.
    • Robotik: Einsatz von Robotern zur Verbesserung von Standsicherheit, Gang und Arm-Hand-Funktion.
    • Hilfsmittel: Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen zur Unterstützung der Gelenke und Muskeln.
  • Chirurgische Verfahren: In schweren Fällen können chirurgische Eingriffe wie dorsale Rhizotomie oder selektive Neurotomie in Betracht gezogen werden.

Dystonie: Eine Definition

Unter einer Dystonie versteht man unwillkürliche, anhaltende oder wiederkehrende Muskelanspannungen in verschiedenen Körperregionen. Diese Muskelkontraktionen führen zu abnormen, oft sich wiederholenden Bewegungen und/oder Fehlhaltungen. Bekannte Beispiele sind der Lidkrampf (Blepharospasmus) und der Schiefhals (Torticollis spasticus). Dystonien können bereits bei Kindern und Jugendlichen auftreten oder sich erst im Erwachsenenalter zeigen.

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Ursachen und Symptome der Dystonie

Die Ursache einer Dystonie liegt in einer Störung in jenen Hirnbereichen, die für die Motorik (Bewegungen) zuständig sind. Im Unterschied zu Muskelkrämpfen, die durch kurzzeitige Störungen im Muskel selbst entstehen, beruht eine Dystonie wahrscheinlich auf einer Störung in den Bewegungszentren des Gehirns. Bei einer Dystonie ist die Feinabstimmung zwischen Gehirn und Muskelaktivität gestört, was zu unkontrollierbaren Muskelverkrampfungen führt.

Die unwillkürlichen Muskelkontraktionen bei einer Dystonie münden in abnorme, sich oft wiederholende Bewegungen und/oder Fehlhaltungen. Diese folgen normalerweise einem bestimmten Muster. Manchmal beobachtet man verdrehende oder zitternde Bewegungen. Beispiele:

  • Der Kopf ist krampfhaft zur Seite geneigt.
  • Hand und Finger verdrehen sich in schraubenartigen Bewegungen.
  • Betroffene Körperteile zittern schnell (Tremor).

Bewegungseinschränkungen und Schmerzen können mit der Dystonie einhergehen. Anhaltende Fehlstellungen können durch Fehlbelastungen Gelenkschäden nach sich ziehen. Je nach Form und Schweregrad einer Dystonie sind weitere Symptome möglich, wie Probleme beim Schlucken und Sprechen bei oromandibulärer Dystonie oder eingeschränktes Sehen bei ausgeprägtem Lidkrampf. Stress und körperliche Aktivität können die unwillkürlichen Muskelkontraktionen verstärken. Umgekehrt schwächen sich diese oft ab, wenn sich Betroffene ruhig und ausgeglichen fühlen.

Formen der Dystonie

Dystonien treten in unterschiedlichen Erscheinungsformen und Ausprägungen auf:

  • Fokale Dystonien: Die Dystonie ist auf eine einzelne Körperregion begrenzt (z. B. Hals, Augenlid, Kiefer).
  • Segmentale Dystonien: Die Symptome begrenzen sich auf zwei benachbarte Regionen.
  • Multifokale Dystonien: Die Dystonie betrifft zwei oder mehrere nicht benachbarte Regionen.
  • Generalisierte Dystonien: Mehrere nicht benachbarten Regionen sind betroffen (z. B. beide Beine oder ein Bein und Rumpf und wenigstens eine andere Körperregion).
  • Hemidystonie: Die Extremitäten (Arm und Bein) einer Körperseite sind betroffen.

Diagnose der Dystonie

Die Diagnose einer Dystonie basiert auf der Anamnese und der neurologischen Untersuchung. Es ist wichtig, andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen.

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Therapieansätze bei Dystonie

Eine Dystonie ist nicht heilbar. Mit der passenden Behandlung lassen sich aber die Symptome deutlich lindern, was die Lebensqualität der Betroffenen steigert. Dystonien werden hauptsächlich medikamentös behandelt. In schweren Fällen kommt manchmal ein operativer Eingriff in Frage. Außerdem können je nach Einzelfall beispielsweise Physiotherapie, Ergotherapie und orthopädische Hilfsmittel eine zusätzliche Unterstützung bieten.

  • Medikamentöse Therapie:
    • Botulinumtoxin (Botox): Bei fokalen Dystonien wie Schiefhals und Lidkrampf wird Botulinumtoxin lokal in die betroffene Muskulatur gespritzt.
    • Anticholinergika: Wirken auf das vegetative Nervensystem und kommen besonders bei jüngeren Menschen mit schweren generalisierten Dystonien in Frage.
    • L-Dopa (Levodopa): Die lebenslange Einnahme beim Segawa-Syndrom bessert den bestehenden Dopamin-Mangel und damit die Symptome.
    • Weitere Medikamente: Tetrabenazin, Clozapin oder Olanzapin können in bestimmten Fällen eingesetzt werden.
  • Operative Eingriffe:
    • Selektive periphere Denervierung: Durchtrennung der Nervenäste, die den betroffenen Muskel zur Bewegung anregen (z. B. beim Schiefhals).
    • Tiefe Hirnstimulation (THS): Eine stimulierende Sonde wird in die relevante Hirnregion gelegt (z. B. bei segmentaler oder generalisierter Dystonie).
  • Sonstige Therapiemaßnahmen:
    • Physiotherapie
    • Ergotherapie
    • Sprech- und Stimmtherapie
    • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
    • Orthesen
    • Kinesio-Tapes
    • Orthopädische Schuhe

Dystonie vs. Spastik: Die Unterschiede

Obwohl Dystonie und Spastik ähnliche Symptome aufweisen können, wie Muskelkrämpfe, die zu Bewegungsstörungen und Fehlhaltungen führen, sind die Ursachen und Behandlungsansätze unterschiedlich.

MerkmalDystonieSpastik
DefinitionUnwillkürliche, anhaltende oder wiederkehrende Muskelanspannungen, die zu abnormen Bewegungen und/oder Fehlhaltungen führen.Krankhaft erhöhte Muskelspannung (Muskeltonus) aufgrund einer Schädigung des zentralen Nervensystems.
UrsacheStörung in den Hirnbereichen, die für die Motorik zuständig sind.Schädigung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark).
SymptomeUnwillkürliche Muskelkontraktionen, abnorme Bewegungen, Fehlhaltungen, Tremor, Bewegungseinschränkungen, Schmerzen, Schluck- und Sprechprobleme, Sehstörungen.Erhöhter Muskeltonus, Muskelsteifigkeit, eingeschränkte Beweglichkeit, spastische Lähmung, Koordinationsstörungen, Probleme beim Schlucken und Sprechen, Schielen und Doppelbildsehen.
BehandlungMedikamentöse Therapie (Botulinumtoxin, Anticholinergika, L-Dopa), operative Eingriffe (selektive periphere Denervierung, tiefe Hirnstimulation), Physiotherapie, Ergotherapie, Sprech- und Stimmtherapie, TENS, Orthesen.Physiotherapie, Ergotherapie, medikamentöse Therapie (orale Medikamente, Botulinumtoxin, intrathekale Baclofen-Therapie), Elektrostimulation, Magnetstimulation, Stoßwellentherapie, Robotik, Hilfsmittel, chirurgische Verfahren.
BesonderheitenDystonien können fokale, segmentale, multifokale oder generalisierte Formen annehmen. Die Symptome können durch Stress und körperliche Aktivität verstärkt werden.Spastik ist ein Symptom einer zugrundeliegenden Schädigung des ZNS. Der Schweregrad und die Ausprägung der Spastik können variieren.
VerwechslungsgefahrDystonie und Spastik werden oft miteinander verwechselt, da beide Zustände Muskelkrämpfe verursachen können. Es ist wichtig, die Unterschiede zu kennen, um eine korrekte Diagnose und Behandlung zu gewährleisten. Insbesondere für Dystoniebetroffene ist die Unterscheidung wichtig, da sich die Behandlung zwar ähnelt (z.B. Gabe muskelentspannender Medikamente), aber keineswegs gleich ist. Physio- und Ergotherapie oder die Versorgung mit Hilfsmitteln erfordert bei Dystonie eine völlig andere Betrachtung bzw. Behandlung.

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