Das eidetische Gedächtnis, oft umgangssprachlich als "fotografisches Gedächtnis" bezeichnet, fasziniert seit langem sowohl Wissenschaftler als auch die breite Öffentlichkeit. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Begriff, und inwieweit ist die Vorstellung eines perfekten, fotografischen Gedächtnisses wissenschaftlich haltbar? Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Grundlagen des eidetischen Gedächtnisses, aktuelle Forschungsergebnisse und die Unterschiede zu anderen Gedächtnisformen.
Was ist das eidetische Gedächtnis?
Das eidetische Gedächtnis beschreibt die Fähigkeit, sich visuelle Informationen nach kurzer Betrachtung über einen längeren Zeitraum detailliert einzuprägen und bildhaft abzurufen. Eidetiker berichten subjektiv, dass es sich so anfühlt, als ob der visuelle Eindruck für eine gewisse Zeit bestehen bleibt, was Nicht-Eidetiker vielleicht als Nachbild empfinden würden. Diese Fähigkeit ermöglicht es, sich Inhalte, Eindrücke oder Informationen wie ein Foto zu merken und diese über einen langen Zeitraum zu speichern und detailliert wiederzugeben.
Ein Beispiel wäre die Fähigkeit, sich eine Buchseite so genau einzuprägen, dass man wiedergeben kann, in welcher Zeile ein bestimmtes Wort steht. Es gibt Berichte über Menschen, die nach einem kurzen Rundflug über eine Stadt ein detailliertes Panorama aus dem Gedächtnis zeichnen konnten.
Das fotografische Gedächtnis: Mythos und Realität
Prof. Dr. Ulrich Ansorge von der Universität Wien betont, dass ein fotografisches Gedächtnis, wie es umgangssprachlich verstanden wird, nicht existiert. Zwar gibt es Personen, die sich visuelle Details sehr gut merken können, jedoch gibt es immer Abweichungen von der Vorlage. Eine perfekte Repräsentation visueller Art ist demnach nicht möglich.
Was dem fotografischen Gedächtnis am nächsten kommt, sind das ikonische und das eidetische Gedächtnis.
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Ikonisches Gedächtnis
Das ikonische Gedächtnis ist eine kurzzeitige Form visueller Repräsentation, die meist nur wenige Hundert Millisekunden dauert. Es ist relativ umfassend und stellt die Grundlage dessen dar, was in das Kurzzeitgedächtnis eingespeichert wird. Jeder Mensch besitzt ein ikonisches Gedächtnis, wie Experimente von George Sperling zeigten.
Eidetisches Gedächtnis vs. Ikonisches Gedächtnis
Im Gegensatz zum ikonischen Gedächtnis ist das eidetische Gedächtnis sehr selten und dauert wesentlich länger - angeblich bis zu mehreren Minuten. Im Gegensatz zum ikonischen Gedächtnis lässt sich ein solcher subjektiver Eindruck nicht leicht durch objektive Messungen nachweisen. Es gibt jedoch einige interessante Einzelfälle, die dies plausibel erscheinen lassen.
Neurologische Aspekte des eidetischen Gedächtnisses
Die genauen physiologischen Gehirnprinzipien, die für die Leistung von Eidetikern verantwortlich sind, sind bis heute nicht vollständig geklärt. Dies liegt zum einen daran, dass Veränderungen des Gehirns entweder kaum messbar sind oder sehr vielgestaltig. Zum anderen sind die heutigen Arten der Messung gesunder Hirnfunktion immer noch eingeschränkt.
Mögliche Erklärungsansätze
- Verbindung der Hirnhälften: Es wird spekuliert, ob ein eidetisches Gedächtnis möglicherweise mit einer schwachen Verbindung der beiden Hirnhälften einhergeht. Allerdings besitzt nicht jeder Mensch mit einer solchen schwachen Verbindung ein eidetisches Gedächtnis, was darauf hindeutet, dass weitere Faktoren eine Rolle spielen müssen.
- Spracherwerb: Eine weitere Hypothese besagt, dass das eidetische Gedächtnis bei Kindern stärker ausgeprägt ist und mit dem Spracherwerb durch sprachliches oder bedeutungszentriertes, das semantische Gedächtnis abgelöst wird. Da jedoch auch unter Kindern das eidetische Gedächtnis nicht häufig vorkommt und ihre motorischen Fähigkeiten noch eingeschränkt sind, sind Tests weniger überzeugend als bei Erwachsenen.
- Vielfache Kodierung: Ein berühmtes Beispiel für einen Eidetiker ist Solomon Schereschewski, der jeden unimodalen Reiz mit mehreren Sinnen gleichzeitig wahrnahm. Diese Form der vielfachen Kodierung von wahrgenommener Information dürfte seine Gedächtnisleistung massiv unterstützt haben.
Eidetisches Gedächtnis und Autismus/Synästhesie
Interessant ist, dass viele Eidetiker auch psychische Besonderheiten aufweisen. Viele sind Autisten oder Synästhetiker, also Menschen, die immer mehrere Sinnesempfindungen gleichzeitig haben. Die Verbindung zwischen diesen Phänomenen und dem eidetischen Gedächtnis ist jedoch noch nicht vollständig verstanden.
Eidetisches Gedächtnis im Alltag trainieren?
Obwohl ein "echtes" eidetisches Gedächtnis selten ist, gibt es Möglichkeiten, das visuelle Gedächtnis zu trainieren und die Merkfähigkeit zu verbessern.
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Spiele und Übungen
Spiele und Übungen wie Fehlersuchbilder oder Foto-Rätsel können das visuelle Gedächtnis trainieren und somit auch das fotografische Gedächtnis verbessern. Je länger man sich auf ein und dasselbe Bild konzentriert, desto besser kann man sich an das Motiv und einzelne Details erinnern.
Visuelles Gedächtnis im Alltag
Die visuelle Merkfähigkeit kann auch im Alltag bewusst trainiert werden. Ein Beispiel ist die Orientierung auf einem Supermarktparkplatz, wo man sich an Details erinnern muss, um das eigene Auto wiederzufinden.
NeuroNation
NeuroNation bietet als interaktive Plattform für Gedächtnistraining über 30 Gedächtnisübungen in den Kategorien Aufmerksamkeit, Schnelligkeit, Logik und Gedächtnis. Das Trainingsprogramm wird bezüglich Dauer und Intensität exakt so abgestimmt, dass Merkfähigkeit und Konzentration nachhaltig verbessert werden.
Vergessen als notwendiger Mechanismus
Obwohl sich viele Menschen ein fotografisches Gedächtnis wünschen, ist Vergessen in Wirklichkeit eine gute Sache. Es gibt so viele Informationen, die wir nur zeitweise benötigen. Mithilfe des Vergessens konzentriert sich unser Gehirn auf die wesentlichen Dinge.
Kognitive Neurowissenschaften und Gedächtnis
Die kognitiven Neurowissenschaften befassen sich mit den kognitiven und emotionalen Funktionen des Nervensystems. Ein klassisches Beispiel für ein Forschungsthema in den kognitiven Neurowissenschaften wäre die Untersuchung der spezifischen Gehirnregionen, die beim Lösen von mathematischen Problemen aktiviert werden. Durch Bildgebungstechniken wie fMRI können Wissenschaftler beobachten, welche Bereiche des Gehirns aktiv sind, wenn Testpersonen bestimmte Aufgaben lösen.
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Explizites vs. Implizites Gedächtnis
Ein zentraler Befund bezieht sich auf den Unterschied von explizitem und implizitem Lernen und Gedächtnis. Die Regionen, die mit dem expliziten Gedächtnis und hoher kognitiver Leistungsfähigkeit in Verbindung stehen, weisen größere subkortikale Strukturen und eine stärker vernetzte mikrostrukturelle Organisation der weißen Substanz zwischen diesen Strukturen auf. Bei Normalbegabten treten größere subkortikale Strukturen in anderen Regionen auf, nämlich jenen, die mit dem impliziten Gedächtnis in Verbindung gebracht werden.
Denken in Bildern vs. Denken in Worten
Die Art und Weise, wie Menschen denken, variiert stark. Einige denken eher in Bildern, andere eher in Worten. Es gibt Menschen, die bei einem Wort sofort ein Bild im Kopf haben, was störend sein kann, wenn Begriffe mehrere Bedeutungen haben.
Eigene Erfahrungen und Beispiele
Einige Menschen mit einem eidetischen Gedächtnis beschreiben ihren Kopf als eine Art Filmarchiv, in dem sie sich in einzelnen Szenen umsehen können. Dies ermöglicht es ihnen, Details zu verifizieren oder sich an Ereignisse zu erinnern.
Andere wiederum wiederholen sich in einer Art audilen Schleife immer wieder im Kopf, um sich Dinge zu merken. Dies kann jedoch dazu führen, dass sie die Dinge vergessen, die sie sich merken wollten.
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