Die Redewendung "Eine Hand wäscht die andere" beschreibt das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und des Gebens und Nehmens. Sie impliziert, dass jede altruistische Handlung durch die Erwartung einer Gegenleistung motiviert ist und somit letztendlich eine egoistische Handlung darstellt. Dieser Artikel untersucht die Bedeutung dieser Redewendung, beleuchtet die psychologischen Hintergründe und analysiert, ob wahrer Altruismus tatsächlich existiert.
Ursprung und Verbreitung des Sprichworts
Das Sprichwort "Eine Hand wäscht die andere" hat eine lange Tradition und lässt sich bis in die klassische Antike zurückverfolgen. Es ist in vielen europäischen Sprachen verbreitet und findet sich in verschiedenen Kulturen wieder. Die Popularität des Sprichworts deutet darauf hin, dass das Konzept der gegenseitigen Hilfe und des Gebens und Nehmens tief in der menschlichen Natur verwurzelt ist.
Psychologischer Egoismus vs. Altruismus
Die Redewendung "Eine Hand wäscht die andere" steht im Zusammenhang mit dem Konzept des psychologischen Egoismus. Vertreter dieses Konzepts sind von der Überzeugung durchdrungen, dass hinter allem Verhalten und Streben des Menschen nichts anderes als die Steigerung des eigenen Wohlbefindens und die Verwirklichung der eigenen Wünsche steht. Jede altruistische Tat wird demnach durch die Aussicht motiviert, hierfür etwas zu erhalten.Allerdings gibt es auch die Gegenposition, die besagt, dass wahrer Altruismus existiert. Eine Studie des Max-Planck-Instituts in Leipzig hat gezeigt, dass bereits Kleinkinder die Motivation haben, einer Person zu helfen, die Hilfe benötigt. Auch bei Erwachsenen ist altruistisches Verhalten zu beobachten, das nicht auf der Erwartung einer Gegenleistung beruht.
Reziproker Altruismus und indirekte Reziprozität
Eine weitere Erklärung für altruistisches Verhalten ist der reziproke Altruismus. Dieser besagt, dass Menschen altruistisch handeln, weil sie erwarten, dass ihnen in Zukunft ebenfalls geholfen wird. Es handelt sich also um eine Art "Wie du mir, so ich dir"-Prinzip. Eine komplexere Variante hiervon ist die indirekte Reziprozität. Hierbei hilft man jemandem, ohne eine direkte Gegenleistung zu erwarten, sondern in der Hoffnung, dass andere Menschen in Zukunft einem selbst helfen werden.
Verwandtenselektion
Das Konzept der Verwandtenselektion besagt, dass sich altruistisches Verhalten deshalb entwickelt hat, weil Menschen unbewusst ihre Gene an die nachfolgende Generation weitergeben wollen. Daher sind wir eher bereit, unseren Verwandten zu helfen, da wir dadurch indirekt auch unsere eigenen Gene schützen.
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Die Rolle von Spiegelneuronen, Belohnungszentrum und Oxytocin
Die Neurowissenschaft hat wichtige Erkenntnisse über die biologischen Grundlagen von Altruismus geliefert. Spiegelneuronen ermöglichen es uns, die Gefühle und Handlungen anderer Menschen nachzuvollziehen und Mitgefühl zu empfinden. Das Belohnungszentrum im Gehirn wird nicht nur bei egoistischen Handlungen aktiviert, sondern auch bei altruistischen Handlungen wie Spenden oder Kooperation. Der Botenstoff Oxytocin fördert Vertrauen, Empathie und Großzügigkeit und hat einen positiven Einfluss auf das menschliche Zusammenleben.
Altruismus als Schneeballeffekt
Altruismus kann einen Schneeballeffekt auslösen. Wenn Menschen sehen, dass andere altruistisch handeln, sind sie eher bereit, selbst altruistisch zu sein. Dies kann zu einer Kettenreaktion positiver Handlungen führen, die sich über Freundeskreise und sogar über Fremde hinweg ausbreiten. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist die Kette von freiwilligen Organspenden in den USA, die durch die Spende eines einzigen Mannes ausgelöst wurde.
Die Bedeutung von intrinsischer Motivation
Die Forschung zeigt, dass Menschen intrinsisch motiviert sind, wenn sie etwas tun, weil sie Lust darauf haben. Im Gegensatz dazu steht die extrinsische Motivation, bei der Menschen durch Belohnungen oder Bestrafungen zu einem bestimmten Verhalten bewegt werden. Geld ist ein typisches Beispiel für extrinsische Motivation. Es aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn, hat aber auch negative Nebeneffekte wie Egoismus und mangelnde Großzügigkeit.
Mythen über menschliches Verhalten in Katastrophen
Oft wird angenommen, dass Menschen in Katastrophen egoistisch, panisch und ohnmächtig reagieren. Zahlreiche Studien belegen jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Stattdessen bilden Menschen spontan Gruppen, geben sich gemeinsame Regeln und verteilen Aufgaben, um so möglichst viele Menschenleben zu retten. Auch die Kriminalität explodiert im Katastrophenfall nicht zwangsläufig.
Die "Banalität des Guten"
Bei realen Katastrophen gibt es zahlreiche Beispiele für die "Banalität des Guten". Menschen riskieren ihr Leben, um Mitmenschen zu retten, und bieten spontan Hilfe an. Diese altruistischen Handlungen werden oft übersehen, da die Medien sich häufig auf negative Ereignisse wie Plünderungen und Gewalt konzentrieren.
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Konsequenzen falscher Annahmen über menschliches Verhalten
Die Überzeugung, dass der Mensch bei Katastrophen egoistisch, panisch und ohnmächtig ist, kann fatale Konsequenzen haben. Wenn Notfallpläne auf diesen Mythen basieren, kann dies dazu führen, dass Rettungsmaßnahmen behindert werden und unnötig Menschenleben verloren gehen.
Sprichwörter im Wandel der Zeit
Sprichwörter spiegeln den Zeitgeist wider und können sich im Laufe der Zeit verändern. So war beispielsweise das Sprichwort "Morgenstunde hat Gold im Munde" früher "Morgenstunde hat Arbeit im Munde" oder "Morgenstunde hat Brot im Munde". Auch die Popularität von Sprichwörtern kann sich ändern. So ist das englische Sprichwort "Der frühe Vogel fängt den Wurm" in Deutschland immer populärer geworden und hat das deutsche Sprichwort "Morgenstunde hat Gold im Munde" teilweise verdrängt.
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