Appetitanreger sind Substanzen, die das Verlangen nach Nahrung steigern. Sie können in verschiedenen Formen auftreten, von natürlichen Lebensmitteln bis hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten. Ihre Wirkung auf das Gehirn ist komplex und vielfältig und betrifft verschiedene neuronale Schaltkreise und Neurotransmitter-Systeme. Dieser Artikel untersucht die Mechanismen, durch die Appetitanreger das Gehirn beeinflussen, die verschiedenen Arten von Appetitanregern und ihre potenziellen Auswirkungen auf Gesundheit und Verhalten.
Neuronale Schaltkreise und Neurotransmitter
Das Endocannabinoid-System
Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulierung des Appetits. Es besteht aus Cannabinoid-Rezeptoren (CB1R und CB2R), Endocannabinoiden (körpereigene Cannabinoide wie Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG)) und Enzymen, die Endocannabinoide synthetisieren und abbauen.
CB1R sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCRs), die hauptsächlich an Gi/o-Proteine gekoppelt sind. Sie hemmen die Adenylylzyklase und fördern die Mitogen-aktivierte Proteinkinase (MAPK). CB1R nehmen in der Jugend kontinuierlich zu, bis zu einem Maximum in der Pubertät. Sie finden sich insbesondere auf Axonendigungen und unterliegen (nur) im somatodendritischen Kompartiment einem permanenten Zyklus von Endozytose und Recycling.
Endocannabinoide wirken nicht wie andere Neurotransmitter von der Präsynapse auf die Postsynapse, sondern werden von der Postsynapse des nachgeschalteten Neurons ausgeschüttet und binden an CB1R auf Prä-Synapse vorgeschalteter GABAerger und glutamaterger Neuronen. Die präsynaptische Nervenzelle verringert oder stoppt darauf die Glutamat-Freisetzung, was die Erregung verringert.
THC (Tetrahydrocannabinol), der psychoaktive Bestandteil von Cannabis, wirkt als CB1R-Agonist und erhöht Dopamin im Nucleus accumbens. Eine Überstimulation der CB1R durch THC kann jedoch die Regulierung der Nahrungsaufnahme, des Stoffwechsels, der kognitiven Prozesse und des Vergnügens beeinträchtigen, was zu einer Verringerung von Gedächtnisleistung und Motivation sowie langfristig zur Abhängigkeit führen kann.
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Dopamin
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine Schlüsselrolle bei der Belohnung und Motivation spielt. Appetitanreger können die Dopaminfreisetzung im Gehirn erhöhen, insbesondere im Nucleus accumbens, einem wichtigen Zentrum für Belohnung. Dies führt zu einem verstärkten Verlangen nach Nahrung und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass man isst. THC als CB1R-Agonist wirkt Dopamin erhöhend im Nucleus accumbens. Folge: geringere Hemmung von Dopamin-Neuronen führt.
GABA
GABA (Gamma-Aminobuttersäure) ist ein hemmender Neurotransmitter, der die Aktivität von Neuronen im Gehirn reduziert. Endocannabinoide können die GABA-Freisetzung verstärken, was zu einer veränderten Empfindlichkeit der GABA-Synapsen führt. Der GABAerge Wirkpfad von Endocannabinoiden ist an der Vermittlung der anxiolytischen Wirkung von Benzodiazepinen beteiligt.
Andere Neurotransmitter
Neben Dopamin und GABA spielen auch andere Neurotransmitter eine Rolle bei der Appetitregulation, darunter Serotonin, Noradrenalin und Neuropeptid Y (NPY). Appetitanreger können die Freisetzung oder Wirkung dieser Neurotransmitter beeinflussen und so den Appetit und das Essverhalten verändern.
Arten von Appetitanregern
Natürliche Appetitanreger
Einige Lebensmittel und Nährstoffe können als natürliche Appetitanreger wirken. Dazu gehören:
- Fruchtsäfte: Obwohl sie als gesund gelten, enthalten Fruchtsäfte viel Fruchtzucker und wenig Ballaststoffe, was zu einem schnellen Anstieg und Abfall des Blutzuckerspiegels führen kann, was wiederum den Appetit anregt.
- Alkohol: Alkohol kann im Gehirn zu einer Unterzuckerung führen, die Hungersignale aussendet. Außerdem fördert Alkohol die Produktion von Magensäure, was ebenfalls zu Hunger führen kann.
- Zuckerglasuren: Lebensmittel mit Zuckerglasuren, wie z.B. gezuckerte Cornflakes oder Donuts, enthalten viele einfache Kohlenhydrate, die den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen und abfallen lassen, was zu Heißhunger führt.
- Light-Getränke: Obwohl sie keine Kalorien enthalten, können Light-Getränke den Körper verwirren, da die Geschmacksnerven das Signal "süß" erhalten, aber keine Kalorien folgen. Dies kann dazu führen, dass der Körper Sättigungsreize langsamer verarbeitet.
- Fertigprodukte mit Glutamat: Glutamat ist ein Geschmacksverstärker, der die körpereigene Appetitregulierung verzögern kann, was dazu führt, dass man mehr isst.
- Produkte aus Weißmehl: Weißmehl enthält wenig Ballaststoffe und wird schnell verdaut, was zu einem schnellen Anstieg und Abfall des Blutzuckerspiegels führt und kurz nach dem Essen wieder Hunger verursacht.
Verschreibungspflichtige Appetitanreger
Einige Medikamente werden als Appetitanreger verschrieben, um Patienten mit Appetitlosigkeit oder ungewolltem Gewichtsverlust zu helfen. Dazu gehören:
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- Megestrolacetat: Ein synthetisches Hormon, das ursprünglich in der Krebstherapie eingesetzt wurde und als Nebenwirkung eine Appetitsteigerung zeigt.
- Dronabinol: Ein Cannabinoid, das ebenfalls appetitanregend wirkt.
- Kortikosteroide (Steroide): Diese Medikamente können kurzfristig den Appetit anregen und das Wohlbefinden verbessern, indem sie Entzündungsprozesse im Körper reduzieren.
Experimentelle Appetitanreger
In der Forschung werden auch neue Medikamente und Therapieansätze untersucht, die das Potenzial haben, als Appetitanreger zu wirken. Dazu gehören:
- Ponsegromab: Ein monoklonaler Antikörper, der gegen das Hormon GDF-15 (Growth Differentiation Factor 15) gerichtet ist, das eine Schlüsselrolle bei der Regulation von Appetit und Körpergewicht spielt.
- Anamorelin-Hydrochlorid: Ein Ghrelin-Rezeptor-Agonist, der ein natürliches Hormon nachahmt, das normalerweise Hunger auslöst.
Auswirkungen auf Gesundheit und Verhalten
Übergewicht und Adipositas
Der übermäßige Konsum von Appetitanregern, insbesondere von Lebensmitteln mit hohem Zucker-, Fett- und Kaloriengehalt, kann zu Übergewicht und Adipositas führen. Diese Zustände sind mit einer Reihe von Gesundheitsproblemen verbunden, darunter Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs und psychische Erkrankungen.
Essstörungen
Appetitanreger können auch eine Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Essstörungen spielen. Bei manchen Menschen können sie zu einem Teufelskreis aus übermäßigem Essen und restriktivem Verhalten führen.
Kachexie
Kachexie ist ein schwerwiegendes Syndrom, das bei schweren chronischen Erkrankungen auftritt und zu erheblichem Verlust von Muskelmasse und Körpergewicht führt. Appetitanreger können in der Behandlung von Kachexie eingesetzt werden, um den Appetit zu steigern und die Nahrungsaufnahme zu verbessern.
Suchtverhalten
Einige Appetitanreger, insbesondere solche, die die Dopaminfreisetzung im Gehirn erhöhen, können Suchtverhalten auslösen. Dies gilt insbesondere für stark verarbeitete Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt.
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