Einsamkeit verändert unser Gehirn: Auswirkungen und was wir dagegen tun können

Einsamkeit ist ein wachsendes Problem in unserer Gesellschaft, das nicht nur unser psychisches Wohlbefinden beeinträchtigt, sondern auch tiefgreifende Auswirkungen auf unser Gehirn und unsere körperliche Gesundheit hat. Chronische Einsamkeit erhöht das Sterberisiko stärker als Rauchen oder Übergewicht, doch sie ist keine Krankheit im eigentlichen Sinne. Was also ist Einsamkeit, und warum ist es so schwer, daraus auszubrechen? Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen und psychologischen Mechanismen der Einsamkeit, ihre Auswirkungen auf verschiedene Altersgruppen und das Herz-Kreislauf-System sowie Strategien zur Überwindung dieses Zustands.

Was ist Einsamkeit?

Einsamkeit ist das subjektive Gefühl des Fehlens sozialer Beziehungen in quantitativer oder qualitativer Hinsicht. Sie ist nicht dasselbe wie soziale Isolation, die das objektive Fehlen von Beziehungen ausdrückt. Anders gesagt: Auch Menschen mit viel Familie können sich einsam fühlen. Einsame Momente oder Phasen zu erleben, ist völlig normal. Erst, wenn das Einsamkeitsgefühl über Monate oder Jahre anhält, kommt es zu negativen Folgen wie kognitiven Beeinträchtigungen oder Gehirnveränderungen wie einem reduzierten Hippocampusvolumen. Verschiedene psychische Erkrankungen gehen häufig mit Einsamkeit einher, beispielsweise Depressionen oder soziale Ängste.

Einsamkeit im Generationenvergleich

Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, wie die zunehmende Nutzung sozialer Medien und eine alternde Bevölkerung, haben das Risiko für soziale Isolation und Einsamkeit verstärkt. Schätzungen zeigen, dass fast ein Viertel der älteren Erwachsenen in den USA sozial isoliert leben. Zudem gaben in einer nationalen Umfrage in den USA zwischen 22 % und 48 % der Befragten an, sich einsam zu fühlen. Besonders betroffen sind junge Erwachsene der Generation Z aber auch ältere Menschen ab 65 Jahren - jedoch aus unterschiedlichen Gründen.

Generation Z (Personen im Alter von 18-22 Jahren) ist dabei signifikant häufiger von Einsamkeitsgefühlen betroffen als jede andere Generation. Fast die Hälfte der jungen Erwachsenen gibt an, sich häufig allein, isoliert oder missverstanden zu fühlen. Typische Gefühle sind das Gefühl, dass niemand sie wirklich kennt (68 %) oder dass die Menschen um sie herum nicht wirklich "bei ihnen" sind (69 %).

Bei älteren Menschen, der Generationen Greatest und Boomers, hingegen sind die absoluten Einsamkeitswerte zwar geringer, jedoch sind sie aufgrund bestimmter Lebensereignisse wie dem Verlust eines Partners, gesundheitlichen Einschränkungen oder dem Eintritt in den Ruhestand besonders anfällig für Einsamkeit. Diese beiden Altersgruppen sind also unterschiedlich betroffen: Während bei jungen Menschen Einsamkeitsgefühle häufig durch Identitätsfindung und soziale Unsicherheiten entstehen, resultieren sie bei älteren Menschen oft aus einem objektiven Mangel an sozialen Interaktionen oder tiefgreifenden Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld.

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In Deutschland zeigen aktuelle Studien ebenfalls besorgniserregende Entwicklungen bezüglich Einsamkeit und sozialer Isolation. So fühlten sich laut einer Untersuchung von Wurm et al. (2023) 8,3 % der über 50-Jährigen einsam. Die COVID-19-Pandemie verstärkte diese Problematik erheblich: In dieser Zeit gaben 83,4 % der Befragten an, Einsamkeit erlebt zu haben. Darüber hinaus sind 28,9 % der deutschen Bevölkerung von sozialer Isolation betroffen.

Auswirkungen der Einsamkeit auf das Gehirn

Untersuchungen zeigen, dass Einsamkeit strukturelle Veränderungen in Gehirnregionen verursacht, die für die Emotionsregulation und soziale Bindungen entscheidend sind. Eine Studie mit älteren Erwachsenen ergab, dass einsame Menschen weniger graue Substanz in bestimmten Bereichen des Gehirns haben, darunter die Amygdala, der Hippocampus und der parahippocampale Gyrus - Regionen, die wesentlich für die Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen sind.

Die graue Substanz ist ein zentraler Bestandteil des Gehirns, der vor allem aus Nervenzellkörpern besteht. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung und Steuerung von Informationen, insbesondere in Bezug auf Denkprozesse, Emotionen und Erinnerungen. Die Abnahme der grauen Substanz in diesen Bereichen steht in direktem Zusammenhang mit erhöhten Einsamkeitswerten. Besonders auffällig ist, dass die strukturellen Veränderungen im Gehirn bei älteren, einsamen Menschen stärker ausgeprägt sind und ihre Fähigkeit zur Emotionsregulation beeinträchtigen können.

Außerdem haben Einsamkeit und Alter auch Auswirkungen auf das Volumen der Amygdala. Ältere Erwachsene, die sich einsam fühlen, weisen eine stärkere Reduktion des Amygdala-Volumens auf als ihre weniger einsamen Altersgenossen. Die Amygdala spielt eine Schlüsselrolle in der Emotionsverarbeitung, und eine Abnahme ihres Volumens kann das emotionale Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen und das Risiko für psychische Probleme weiter erhöhen.

Eine Längsschnittstudie mit rund 2000 Teilnehmenden der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften hat herausgefunden, dass bei Studienteilnehmenden über 50 Jahren, die zu Beginn wenig soziale Kontakte aufwiesen und bei denen die Kontaktarmut auch am Ende der Studie anhielt, eine stärkere Reduktion der grauen Hirnsubstanz im Laufe der sechs Jahre aufwiesen als Probanden mit einer höheren Zahl an Kontakten. Der Hippocampus ist Forschenden zufolge als Brennpunkt altersbedingter Abbauprozesse bekannt und eine Region, in der sich strukturelle Veränderungen einer Alzheimer-Demenz früh abzeichnen können.

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Auswirkungen der Einsamkeit auf das Herz-Kreislauf-System

Einsamkeit hat nicht nur Folgen für das Gehirn, sondern auch auf das Herz. Studien zeigen, dass sozial isolierte und einsame Menschen ein erhöhtes Risiko für koronare Herzerkrankungen und Schlaganfälle haben. Einsamkeit erhöht chronisch die Aktivität des sympathischen Nervensystems, was langfristig zu erhöhtem Blutdruck und entzündlichen Prozessen führen kann. Diese physiologischen Reaktionen belasten das Herz-Kreislauf-System, was das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle steigert.

Diese Zusammenhänge werden durch die Erkenntnisse der American Heart Association gestützt, die Einsamkeit als bedeutenden Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen klassifiziert. Einsame Menschen neigen dazu, erhöhte Entzündungsmarker im Blut zu haben und anfälliger für Bluthochdruck und Herzinsuffizienz zu sein. Langfristig kann das ständige Gefühl sozialer Isolation das Herz-Kreislauf-System stark belasten, was auch die Lebenserwartung negativ beeinflussen kann.

Weitere Mechanismen und langfristige Folgen

Die negativen Auswirkungen von Einsamkeit auf Körper und Geist lassen sich durch mehrere ineinandergreifende Mechanismen erklären. Einsamkeit ist nicht nur ein emotional belastendes Gefühl, sondern führt zu physischen Veränderungen, die das Risiko für verschiedene Krankheiten erhöhen können.

1. Einsamkeit und die Stressreaktion

Ein wesentlicher Mechanismus, über den Einsamkeit auf die Gesundheit wirkt, ist die verstärkte Stressantwort des Körpers. Menschen, die sich einsam fühlen, erleben häufig chronischen Stress. Dieses ständige Belastungsgefühl aktiviert die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse), was zu einer erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führt. Cortisol spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Entzündungen und der Immunantwort, kann aber in hohen Konzentrationen negative Folgen haben.

Chronisch hohe Cortisolwerte belasten langfristig das Immunsystem und fördern Entzündungsprozesse im Körper. Diese Entzündungen tragen wiederum zum Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten bei. Auch auf das Gehirn hat Cortisol Einfluss: Hohe Cortisolspiegel können insbesondere den Hippocampus, der für Gedächtnis und Emotionsverarbeitung zuständig ist, schädigen. Das könnte auch erklären, warum Einsamkeit mit kognitiven Problemen und einer erhöhten Anfälligkeit für Gedächtnisstörungen verbunden ist.

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2. Schwächung des Immunsystems und chronische Entzündungen

Ein weiteres Problem ist die geschwächte Immunfunktion bei einsamen Menschen. Studien zeigen, dass Einsamkeit die Aktivität entzündungsfördernder Gene erhöht und gleichzeitig die Aktivität von Genen reduziert, die für die Abwehr von Infektionen verantwortlich sind. Dadurch reagiert das Immunsystem bei einsamen Menschen weniger effektiv auf Bedrohungen wie Viren und Bakterien, was sie anfälliger für Infektionen macht.

Zudem fördert Einsamkeit die Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine, also Botenstoffe, die Entzündungen im Körper hervorrufen. Solche chronischen Entzündungen gelten als Risikofaktor für eine Vielzahl von Krankheiten, darunter Arteriosklerose und Arthritis. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt ebenfalls durch diese entzündlichen Prozesse. Die dauerhafte Schwächung des Immunsystems durch Einsamkeit kann also langfristig zu einer systemischen Belastung führen.

3. Empfindlichkeit gegenüber sozialer Ablehnung

Menschen, die sich einsam fühlen, zeigen oft eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber sozialer Ablehnung und neigen dazu, negative soziale Signale intensiver wahrzunehmen. Dieses „Hypervigilanz“ genannte Phänomen führt dazu, dass einsame Menschen soziale Interaktionen oft negativer interpretieren und ständig auf Anzeichen von Zurückweisung achten. Dadurch wird das Stresssystem dauerhaft aktiviert, was wiederum die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol verstärkt.

Dieser Kreislauf von Einsamkeit, Stress und sozialer Empfindlichkeit kann dazu führen, dass einsame Menschen sich weiter isolieren, um sich vor möglichen psychischen Verletzungen zu schützen. Diese Schutzreaktion verstärkt jedoch das Gefühl der Einsamkeit und erhöht damit auch die gesundheitlichen Risiken. Einsame Menschen geraten in einen Teufelskreis, in dem die Angst vor sozialer Ablehnung zu noch mehr sozialer Distanzierung führt.

Interventionen gegen Einsamkeit: Die Rolle von Oxytocin

Angesichts der gravierenden Auswirkungen von Einsamkeit auf Körper und Geist gewinnt die Entwicklung wirksamer Interventionen an Bedeutung. Ein vielversprechender Ansatz ist die psychologische Intervention in Kombination mit Oxytocin. Oxytocin, oft als „Bindungshormon“ bezeichnet, spielt eine Schlüsselrolle bei der sozialen Interaktion und der Stressregulation.

In einer Studie nahmen insgesamt 78 gesunde Erwachsene mit stark ausgeprägter Einsamkeit (56 Frauen) teil. Über einen Zeitraum von fünf Wochen erhielten die Teilnehmer wöchentliche Gruppentherapiesitzungen. Vor jeder Sitzung wurde ihnen entweder ein Oxytocin-Nasenspray oder ein Placebo verabreicht, um zu untersuchen, ob Oxytocin als Ergänzung die Effekte der Gruppentherapie verstärken kann.

Die Ergebnisse waren vielversprechend, aber begrenzt. Die Gruppenintervention führte generell zu einer deutlichen Reduktion der wahrgenommenen Einsamkeit und des Stresses, diese Effekte waren auch drei Monate nach der letzten Sitzung noch messbar. Oxytocin zeigte dabei nur kurzfristige Effekte: Im Vergleich zur Placebogruppe erlebten die Teilnehmer, die Oxytocin erhielten, eine stärkere Reduktion der Einsamkeit während der Sitzungen und fühlten sich stärker mit den anderen Gruppenmitgliedern verbunden. Diese Effekte beschränkten sich jedoch auf die jeweiligen Sitzungen und zeigten keine nachhaltige Wirkung auf die allgemeine, stabile Einsamkeit oder die Lebensqualität der Teilnehmer.

Diese Studie verdeutlicht, dass Oxytocin als unterstützender Faktor in Gruppentherapien kurzfristig positive Effekte auf die soziale Bindung haben kann. Es hilft, die soziale Interaktion innerhalb der Gruppe zu intensivieren und momentane Einsamkeitsgefühle während der Therapie zu lindern. Dennoch bleibt der Effekt auf die langfristige Einsamkeit begrenzt. Die Forscher vermuten, dass Oxytocin möglicherweise nur situativ die Bereitschaft zur sozialen Bindung und Interaktion steigert, aber keinen bleibenden Einfluss auf tieferliegende, stabile Einsamkeitsgefühle hat.

Weitere Tipps gegen Einsamkeit

Neben therapeutischen Maßnahmen bieten sich auch verschiedene Strategien zur Selbsthilfe an, um mit Einsamkeit umzugehen und soziale Bindungen zu stärken. Diese ergänzenden Tipps sollen helfen, das emotionale Wohlbefinden zu fördern und Einsamkeit präventiv zu mindern.

  • Selbstreflexion und Akzeptanz der Einsamkeit: Studien zeigen, dass Akzeptanz gegenüber unangenehmen Gefühlen die emotionale Resilienz stärkt und dabei helfen kann, mit Einsamkeit besser umzugehen.
  • Sinnvolle Beschäftigung und Engagement: Eine Studie zeigt, dass freiwilliges Engagement und Hobbys die psychische Gesundheit verbessern und Einsamkeit reduzieren.

Was kann die Gesellschaft tun?

Sinnvoll ist es, Orte zu schaffen, die gezielt soziale Interaktionen fördern. In manchen Städten gibt es dafür zum Beispiel ‚Plauschbänke‘ in Parks oder ‚Plauschkassen‘ in Supermärkten - bereits diese kleinen Dinge können hilfreich sein.

Zudem sollten wir Einsamkeit weniger stigmatisieren. In unserer Gesellschaft herrscht das Ideal, viele Freunde zu haben, in einer Familie mit harmonischen Beziehungen zu leben und ein aktives soziales Leben zu führen. Wer sich einsam fühlt, hat oft das Gefühl, diesem Ideal nicht zu entsprechen - oder sogar ‚versagt‘ zu haben. Dabei ist Einsamkeit ein universelles Gefühl und kein persönliches Versagen - diese Erkenntnis ist besonders wichtig.

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