Das Rätsel des Genies: Eine Reise durch Albert Einsteins Gehirn

Die Suche nach den biologischen Wurzeln der Genialität hat Wissenschaftler seit langem fasziniert. Die Untersuchung des Gehirns von Albert Einstein, dem Jahrhundertgenie, steht dabei im Zentrum des Interesses. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte der Hirnforschung an Einsteins Gehirn, die dabei gewonnenen Erkenntnisse und die Kontroversen, die diese begleiten.

Die Anfänge: Von Gauß zu Einstein

Die systematische Erforschung der Gehirne von Ausnahmepersönlichkeiten begann im Jahr 1856 mit der Untersuchung des Gehirns des deutschen Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Rudolf Wagner konservierte das Gehirn von Gauß, der als einer der bedeutendsten Mathematiker seiner Zeit galt. Obwohl die Untersuchung von Gauß' Gehirn einige außergewöhnliche Merkmale in Bezug auf die Hirnwindungen zeigte, konnten diese nicht spezifisch seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten zugeordnet werden.

Etwa 100 Jahre später, im Jahr 1955, erregte das Gehirn von Albert Einstein das Interesse der Wissenschaftler. Nach seinem Tod wurde Einsteins Gehirn gewogen, kartiert und in einzelne Gewebeblöcke und Schnitte aufgeteilt. Überraschenderweise war sein Gehirn mit 1,22 Kilogramm rund 145 Gramm leichter als das durchschnittliche Männergehirn.

Der "Diebstahl" und die Zerstückelung

Thomas Harvey, ein Pathologe aus Kentucky, entnahm das Gehirn von Albert Einstein ohne dessen ausdrückliche Zustimmung und entgegen dessen Wunsch, nach seinem Tod verbrannt zu werden. Harvey zerkleinerte das Gehirn in 240 Würfel und konservierte es in zwei Einmachgläsern. Später fertigte er Dünnschnitte für mikroskopische Untersuchungen an.

Diese eigenwillige Entscheidung kostete Harvey seine Approbation und zwang ihn, sich als Fabrikarbeiter durchzuschlagen. Obwohl es unklar ist, ob Einstein einer wissenschaftlichen Untersuchung seines Gehirns zugestimmt hätte, holte Harvey nachträglich die Zustimmung von Einsteins Söhnen ein.

Lesen Sie auch: Die Wahrheit über Einstein und Epilepsie

Die Odyssee des Gehirns

Die nächsten Jahrzehnte verbrachte Harvey damit, andere Forscher für das Gehirn des berühmten Physikers zu begeistern. Er schickte Hirnproben an Koryphäen auf dem Gebiet der Neuroanatomie in ganz Nordamerika. Doch die Wissenschaftler erhielten viel zu kleine Proben, um ernsthaft arbeiten zu können. Niemandem fielen irgendwelche Besonderheiten auf. Die Suche nach Anzeichen für Genialität in Gehirnen, die jahrzehntelang boomte, war seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr so populär.

Nach 42 Jahren landete Einsteins Gehirn wieder in der Pathologie in Princeton und in einem Museum in Chicago. Harvey starb im Jahr 2007.

Die Wiederentdeckung und neue Erkenntnisse

Erst in den 1980er Jahren, als Harvey sich noch einmal aufraffte und erneut Proben von Einsteins Gehirn an Experten schickte, wurde es doch noch ernsthaft untersucht.

Die Gliazellen

Im Jahr 1985 nahm die Neuroanatomin Marian C. Diamond von der University of California in Berkeley Einsteins Gliazellen unter die Lupe. Sie fand im Bereich der unteren Scheitellappen, die für räumliche Vorstellung und mathematisches Denken zuständig sind, einen auffallend hohen Anteil von Gliazellen. Lange galten sie nur als „Kitt-Zellen“, die wie eine Art Leim die Neuronen zusammenhalten. Es gibt aber Hinweise darauf, dass sie mit den Neuronen kommunizieren und diese anregen könnten. Die Gliazellen fördern also ganz allgemein die Gehirnfunktion: Je mehr davon in der Hirnrinde, desto mehr leistet auch das Gehirn. Aber auch hier ist Vorsicht bei der Deutung geboten: Der Überschuss an Gliazellen muss nicht die Ursache von Einsteins genialen Gedanken gewesen sein; es könnte sich auch nur um eine einfache Korrelation handeln.

Der Parietallappen

In den späten 1990er Jahren verglich die kanadische Neurowissenschaftlerin Sandra Witelson Einsteins Gehirn mit 91 Gehirnen von Personen von durchschnittlicher Intelligenz. Sie konzentrierte sich auf die unteren Scheitellappen und stellte fest, dass Einsteins Gehirn in dieser Region um 15 Prozent breiter war als die Vergleichsgehirne. Zudem fehlten bei Einstein die parietalen Opercula, wulstartige Hirnwindungen in den Scheitellappen.

Lesen Sie auch: Geheimnisse des Einstein-Gehirns enthüllt

Die Hirnrinde

Britt Anderson von der University of Alabama maß die Dicke der Hirnrinde und ermittelte Größe und Anzahl der Neuronen. Sie stellte fest, dass Einsteins Hirnrinde dünner war als die aller Vergleichsgehirne, was zu einer dichteren Packung der Neuronen führte und möglicherweise eine schnellere Informationsübertragung ermöglichte.

Der Hirnbalken

Im Jahr 2011 fand Dean Falk von der Florida State University heraus, dass Einsteins Corpus callosum, der die beiden Hirnhemisphären verbindet, außergewöhnlich dick war. Die intensive Kommunikation zwischen den Gehirnhälften sei eine wesentliche Grundlage für kreatives, ganzheitliches Denken, so Falk.

Genie und Wahnsinn: Die Verbindung zu psychischen Störungen

Viele Genies litten unter psychischen Störungen. Albert Einstein und Jazz-Pianist Thelonious Monk hatten vermutlich das Aspergersyndrom, eine Variante des Autismus. Charakteristisch für das Asperger-Syndrom sind Schwierigkeiten, soziale Interaktionen zu verstehen, jedoch sind die Betroffenen sehr gut darin, Objekte zu klassifizieren und Details zu bemerken.

Bei manchen Savants ist der orbitofrontale Cortex im linken vorderen Schläfenlappen geschädigt. Dies kann eine Erklärung dafür sein, warum diese Menschen plötzlich eine außergewöhnliche Inselbegabung entwickeln. Das Savant-Syndrom kann auch plötzlich nach einem Unfall oder Schlaganfall auftreten. Die Menschen sind nach einer Hirnschädigung, besonders der linken Hirnhälfte, häufig besonders kreativ oder musikalisch.

Kreativer Rausch durch Reizüberflutung

Die Gehirne Hochkreativer filtern viele unwichtige Informationen nicht aus. Diese fehlende „Latente Inhibition” führt bei ihnen zu kreativen Höchstleistungen. Normalerweise steuert der Schläfenlappen Verhaltensweisen wie Kontrollieren, Überdenken und Bewerten. Dadurch filtern wir Unwichtiges aus und konzentrieren uns auf das Wesentliche, auf die Eindrücke und Gedanken, die zur Bewältigung einer bestimmten Situation nötig sind.

Lesen Sie auch: Einsteins Gehirn im Museum

Kritik und Kontroversen

Die Ergebnisse der Untersuchungen an Einsteins Gehirn sind nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, dass die Studien oft auf einer kleinen Stichprobengröße basieren und dass die Ergebnisse durch die Erwartungen der Forscher verzerrt sein könnten. Zudem sei jedes Gehirn einzigartig, sodass es schwierig sei, allgemeingültige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das Erbe von Einsteins Gehirn

Die Scheibchen von Einsteins Hirn finden, als Thomas Harvey 2007 im Alter von 94 Jahren stirbt, verteilt auf verschiedene Museen in den USA ihre letzte Ruhestätte. Harveys Fotos vom weltberühmten Denkapparat aber werden ab 2012 als App angeboten. Der Erlös kommt forschenden Museen für Wissenschaftsgeschichte zugute.

tags: #einstein #brain #neurons