Die Geschichte der Eispickel-Lobotomie: Ein dunkles Kapitel der Neurowissenschaft

Ein Mann, der sich eine Eisenstange durch den Kopf jagte, und ein Neurologe, der mit einem Eispickel psychische Krankheiten heilen wollte - die Geschichte der Eispickel-Lobotomie ist ein düsteres Kapitel der Medizin und der Neurowissenschaften. Sie erzählt von Hoffnung, Verzweiflung, wissenschaftlichem Irrglauben und den tragischen Folgen eines Eingriffs, der das Leben Tausender Menschen für immer veränderte.

Phineas Gage: Ein Unfall mit Folgen für die Wissenschaft

Im Jahr 1848 erlitt der 25-jährige Phineas Gage, ein Schienenarbeiter, einen schweren Unfall. Während er Sprenglöcher für den Eisenbahnbau vorbereitete, explodierte Schießpulver und eine Eisenstange schoss durch seinen Kopf. Gage überlebte den Unfall auf wundersame Weise, aber seine Persönlichkeit veränderte sich drastisch. Aus einem verantwortungsbewussten und stillen Arbeiter wurde ein Mann, der fluchte, launisch und respektlos war.

Der behandelnde Arzt, John Harlow, dokumentierte Gages Fall und stellte fest, dass das Gleichgewicht zwischen seinen „geistigen Fähigkeiten und seinen tierischen Leidenschaften“ verloren gegangen war. Harlows Beobachtungen lieferten wichtige Erkenntnisse über die Rolle des Frontallappens bei der Steuerung von Verhalten und Emotionen.

Nach dem Unfall wurde Gage zu einer kleinen Berühmtheit. Er arbeitete als Kutscher in Chile und später bei Verwandten in San Francisco, wo er 1860 im Alter von 36 Jahren an einem epileptischen Anfall starb, vermutlich eine Spätfolge seines Unfalls.

Harlow ließ Gages Leichnam exhumieren, um seinen Schädel zu untersuchen. Diese Läsionsstudie trug dazu bei, dass der Fall von Phineas Gage zu einem der berühmtesten der Neurowissenschaft wurde.

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Die Lobotomie: Ein vermeintlicher Durchbruch in der Psychiatrie

Im 20. Jahrhundert suchten Ärzte nach neuen Behandlungsmethoden für psychische Erkrankungen. Der portugiesische Neurologe Egas Moniz entwickelte in den 1930er Jahren die präfrontale Lobotomie, bei der Nervenverbindungen zwischen dem Stirnlappen und dem Rest des Gehirns durchtrennt werden. Moniz glaubte, dass dies seelische Krankheiten heilen könne. 1949 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Walter Freeman, ein US-amerikanischer Neurologe, übernahm und popularisierte die Lobotomie in den Vereinigten Staaten. Er entwickelte die transorbitale Lobotomie, bei der ein Eispickel-ähnliches Instrument durch die Augenhöhle ins Gehirn eingeführt wird, um Nervenbahnen zu durchtrennen. Freeman führte Tausende dieser Eingriffe durch, oft unter fragwürdigen hygienischen Bedingungen und ohne ausreichende Betäubung.

Walter Freeman: Der "Lobotomist"

Walter Freeman war ein umstrittener Arzt, der von dem Glauben besessen war, psychische Krankheiten durch Schnitte ins Gehirn heilen zu können. Er war ein begnadeter Selbstdarsteller, der seine Methode aggressiv bewarb und in den Medien als Wunderheiler gefeiert wurde.

Freeman operierte in Hörsälen, vor Fernsehkameras und reiste mit seinem "Lobomobil" durch das Land, um in Nervenheilanstalten Lobotomien durchzuführen. Er war überzeugt, dass die Lobotomie eine einfache und effektive Lösung für psychische Probleme sei und propagierte ihre Anwendung auch bei Kindern und Jugendlichen.

Die Folgen der Lobotomie

Die Lobotomie hatte verheerende Folgen für die meisten Patienten. Viele wurden apathisch, teilnahmslos und unfähig zu emotionalen Reaktionen. Einige entwickelten Persönlichkeitsstörungen, Inkontinenz oder epileptische Anfälle. Die Lobotomie zerstörte die Persönlichkeit der Patienten und machte sie zu willenlosen Zombies.

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Rosemary Kennedy, die Schwester von John F. Kennedy, war eines der prominentesten Opfer der Lobotomie. Ihr Vater ließ sie 1941 im Alter von 23 Jahren von Freeman lobotomieren, da sie aus seiner Sicht "Auffälligkeiten" zeigte. Der Eingriff verwandelte Rosemary in einen Pflegefall, der den Rest ihres Lebens in einer Heilanstalt verbrachte.

Das Ende der Lobotomie

In den 1950er Jahren kamen erste Studien auf, die die Nutzlosigkeit und die verstümmelnden Folgen der Lobotomie belegten. Gleichzeitig wurden neue Medikamente wie Chlorpromazin entwickelt, die als "chemische Lobotomie" vermarktet wurden. Diese Medikamente ermöglichten es, psychische Symptome zu lindern, ohne das Gehirn chirurgisch zu verändern.

Die Lobotomie geriet zunehmend in Misskredit, und die medizinische Fachwelt wandte sich von Freeman ab. 1967 wurde ihm die Zulassung als Arzt entzogen, nachdem eine seiner Patientinnen nach einer Lobotomie gestorben war.

Ein dunkles Kapitel der Medizingeschichte

Die Geschichte der Eispickel-Lobotomie ist ein dunkles Kapitel der Medizingeschichte. Sie erinnert uns daran, wie wichtig es ist, neue medizinische Verfahren kritisch zu hinterfragen und ihre Wirksamkeit und Sicherheit sorgfältig zu prüfen, bevor sie in großem Umfang eingesetzt werden. Die Lobotomie ist ein Mahnmal für die Hybris der Medizin und die verheerenden Folgen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse missbraucht werden.

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