Die Polyneuropathie, insbesondere die distal-symmetrische Polyneuropathie (DSPN), stellt eine erhebliche klinische Herausforderung dar, die oft unterschätzt und unzureichend behandelt wird. Eine Studie der Nationalen Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie (NAI) zeigt, dass selbst Patienten mit bekannter DSPN und Schmerzen häufig keine adäquate Therapie erhalten. Dieser Artikel beleuchtet die Möglichkeiten der Elektrotherapie bei Polyneuropathie, basierend auf aktuellen Studien und Erkenntnissen.
Distal-symmetrische Polyneuropathie (DSPN) und ihre klinischen Auswirkungen
Die DSPN betrifft etwa jeden dritten Diabetes-Patienten. Die fortschreitende Nervenschädigung führt zu Missempfindungen, Schmerzen in den Füßen und einem nachlassenden Berührungs-, Druck- oder Schmerzempfinden. Diese Symptome können die Lebensqualität erheblich einschränken und das Risiko für neuropathische Fußulzera und Amputationen erhöhen.
Eine Follow-up-Studie der NAI ergab, dass sich die Symptome bei etwa der Hälfte der Teilnehmer nach 2,5 Jahren verschlimmert hatten. Trotzdem erhielt mehr als ein Drittel der Betroffenen keine Pharmakotherapie. Wenn behandelt wurde, kamen oft ungeeignete Wirkstoffe wie nicht-steroidale entzündungshemmende Medikamente (NSAIDs) zum Einsatz, die bei neuropathischen Schmerzen nicht empfohlen werden.
Pathogenetisch orientierte Therapien
Im Gegensatz dazu werden Medikamente mit geprüfter Wirksamkeit, wie Antidepressiva und pathogenetisch-orientierte Therapien, seltener angewendet. Die pathogenetisch begründete Therapie mit Substanzen wie Alpha-Liponsäure und Benfotiamin zielt darauf ab, in die Pathomechanismen der diabetischen Neuropathie einzugreifen und neuropathische Defizite und Symptome langfristig zu reduzieren.
Studien haben gezeigt, dass Alpha-Liponsäure sowohl neuropathische Symptome als auch Defizite verbessern kann. Benfotiamin, eine Vitamin B1-Vorstufe, kann neuropathische Symptome reduzieren, da ein Vitamin B1-Mangel bei Diabetes-Patienten häufig auftritt und Neuropathien fördert.
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Symptomatische Therapie bei schmerzhafter Neuropathie
Bei schmerzhafter Neuropathie ist eine zusätzliche symptomatische Therapie indiziert, wenn die Lebensqualität der Patienten durch die Schmerzen beeinträchtigt ist. Geeignet sind Antikonvulsiva, Antidepressiva und langwirkende Opioide. Alternativ kann eine lokale Behandlung mit Capsaicin versucht werden. Bei der systemischen Therapie sind jedoch das hohe Risiko für dosisabhängige Nebenwirkungen, Arzneimittelinteraktionen und eventuell die Abhängigkeitsgefahr zu beachten.
Elektrotherapie: Grundlagen und Wirkungsweisen
Die Elektrotherapie nutzt spezielle Stromformen, um gezielt eine Erwärmung des Gewebes zu erreichen, Schmerzen zu reduzieren, Nerven zu reizen, Schwellungen abzubauen oder Muskulatur zu aktivieren. Sie gehört zu den passiven Behandlungsmaßnahmen und zur Reiz-Serien-Therapie. Durch die elektrische Einwirkung über die Haut werden das Ruhepotential der Zelle und die Zellhülle verändert, was zu einer gewünschten Reaktion führt.
Die Wirkung des Stroms hängt von der Stromdichte ab. Die Dosierung erfolgt nach der individuellen Verträglichkeit. Um den Strom zu übertragen, werden Elektroden direkt auf der Haut angebracht oder Wasser als Leitmedium genutzt. Eingesetzt werden elektrische Ströme mit verschieden hohen Frequenzen.
Reizstromtherapie und TENS
Die Reizstromtherapie dient in der Regel der Schmerzbehandlung, der Durchblutungsförderung und der Kräftigung der Muskulatur. Eine spezielle Form ist die TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation), die insbesondere bei chronischen Schmerzzuständen angewandt wird. Ziel ist es, Nervenzellen im Rückenmark so anzuregen, dass sie die körpereigene Schmerzhemmung beeinflussen und die Fortleitung des Schmerzes verhindern. Der Effekt kann auch Stunden nach der Behandlung noch anhalten.
Iontophorese und Stangerbad
Mit der Iontophorese können Medikamente in den Körper gebracht werden. Dazu wird unter einer Elektrode die Salbe oder das Gel aufgetragen, wodurch die Ionen in Richtung der Gegenelektrode fließen. Das Stangerbad ist ein hydroelektrisches Voll- oder Teilbad, bei dem Metallplatten als Elektroden in einer speziellen Wanne angebracht werden. Je nach Anordnung der Elektroden kann eine Ganzkörper- oder Teildurchströmung einzelner Körperteile durchgeführt werden.
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Elektrotherapie bei Polyneuropathie: Spezifische Anwendungen und Studien
TENS bei Polyneuropathie
Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine häufig angewendete Therapieoption bei Polyneuropathien, insbesondere bei Menschen mit Diabetes. Ein TENS-Gerät überträgt elektrische Impulse über Elektroden auf die Haut. Diese Impulse stimulieren Nervenfasern, die Berührungsreize weiterleiten und im Rückenmark mit den Schmerzfasern verschaltet sind. Das Signal der Berührungsnerven kann so die Weiterleitung der Schmerzen an das Gehirn hemmen.
Patienten setzen TENS regelmäßig für etwa 15 bis 20 Minuten am Tag ein und berichten von deutlichen Verbesserungen. Die handlichen Geräte können am Körper getragen und bei Bedarf eingeschaltet werden. Ein großer psychologischer Vorteil ist, dass sich Patienten mit chronischen Schmerzen ihrem Schmerz nicht hilflos ausgeliefert fühlen. Das Verfahren hat kaum Nebenwirkungen, in seltenen Fällen kann es zu Hautreizungen an der Klebstelle kommen.
Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit der TENS-Behandlung ist jedoch nicht eindeutig. Es gibt kleinere Untersuchungen, die eine Schmerzlinderung feststellen, aber nur bedingt aussagekräftig sind. Eine Meta-Analyse von 2022 legt jedoch eine Wirksamkeit nahe, da TENS Schmerzen vermutlich besser lindert als ein Placebo.
Von einer TENS-Behandlung abgeraten wird Menschen mit einem Herzschrittmacher oder einer Epilepsie. In Deutschland ist sie auch für Schwangere nicht empfohlen. Insgesamt kann TENS als Begleitbehandlung bei chronischen Schmerzen wie Polyneuropathien ausprobiert werden.
Hochtontherapie
Die Hochtontherapie ist eine Weiterentwicklung der klassischen Elektrotherapie. Mit der Hochtontherapie wird eine tiefgehende, effektive medizinische Muskelstimulation erreicht, die zugleich zu einer Verbesserung des Zellstoffwechsels beiträgt. Beide Effekte wirken bei der Linderung der Schmerzen der Polyneuropathie zusammen. Die physikalische Hochtontherapie führt bei vielen Patienten zu einer eindrucksvollen Linderung der Beschwerden und damit auch zur Besserung des Nachtschlafs. Die Therapie sollte mindestens dreimal in der Woche für dreißig Minuten angewendet werden.
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Mikro-TENS
Eine Studie untersuchte Mikro-TENS als Therapiealternative zur TENS-Behandlung im Rahmen einer einfach verblindeten, placebokontrollierten, klinischen Studie mit 41 Diabetespatienten. Die Patienten wurden über 4 Wochen in insgesamt 12 Sitzungen à 30 Minuten mit Mikro-TENS am distalen Fuß beidseits behandelt. Die Ergebnisse zeigten keine signifikante Wirksamkeit von Mikroreizstromtherapie bei diabetischer Polyneuropathie. Es profitieren dennoch circa 30 % der insgesamt 40 Studienteilnehmer von der Intervention.
HiToP® PNP
Eine Placebo-kontrollierte Studie mit Krebspatienten, die im Laufe ihrer Chemotherapie eine Neuropathie entwickelten, kam zu dem Ergebnis, dass die Behandlung mit HiToP® PNP signifikante Verbesserungen des Leidensdrucks erwirken kann. Die nicht-schulmedizinische alternative Hochtontherapie mit HiToP® PNP arbeitet mit Frequenzen zwischen 4.000 und 32.000 Hz. Diese werden mittels an den Beinen befestigten Elektroden übertragen. In der mit dem echten Hochtontherapie-Gerät (HiToP® PNP) ausgestatteten Gruppe kam es zu einer signifikanten Verbesserung des Polyneuropathie-bedingten Leidensdrucks, verglichen mit der Placebogruppe. Dabei zeigte sich eine deutliche Reduktion der Intensität und des Leidensdrucks durch Schmerz, Krämpfe, Druckgefühle und Kribbeln.
Weitere Therapieansätze bei Polyneuropathie
Neben der Elektrotherapie gibt es weitere Therapieansätze, die bei Polyneuropathie in Betracht gezogen werden können:
- Hydro- und Thermotherapie: Trockenbürsten, Igelball, Sandbäder, Klopfungen, Wassertreten nach Kneipp, kalte Unterschenkelgüsse, ansteigende Teilbäder, Vollbäder mit Zusatz von Fichtennadeln oder Heublumen, Lehmpackungen.
- Ernährung und Vitamine: Ovolaktovegetabile vollwertige Kost, Reduktion von tierischen Produkten, gute Blutzuckereinstellung, Meidung von Alkohol, Umstellung des Stoffwechsels in Richtung einer basischen Ernährung, Ausgleich von Vitaminmangel (Vitamin B1, B12, Folsäure), Gabe von Alpha-Liponsäure.
- Ordnungstherapie: Diskussion über Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum, Entspannungsverfahren, Yoga, Akupunktur.
- Phytotherapeutische Präparate: Teufelskrallen-Präparate, Aconit-Nervenöl, Nelken-, Rosmarin- oder Minzöl, Johanniskraut-Rotöl, Einreibungen mit capsaicinhaltiger Salbe, Senfmehl-Fußbäder.
- Bewegungstherapie und Krankengymnastik: Trainingstherapie, Walking, Geräte- oder Ergometertraining, Bewegungsbäder, physiotherapeutisch angeleitetes Training geschwächter Muskelgruppen, Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitationstherapie (PNF), Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (z. B. nach dem Bobath-Konzept), Gangschulung, Hilfsmittelversorgung.
Risiken und Kontraindikationen der Elektrotherapie
Bei folgenden Erkrankungen oder Befunden sollten andere Therapieformen der Elektrotherapie vorgezogen werden:
- Metalle im Körper des Patienten (zum Beispiel Gelenkprothesen)
- Akute Entzündungen
- Blutgerinnsel (Thrombose)
- Offene Hautstellen
- Schwere Durchblutungsstörungen der Arterien (Arteriosklerose)
- Herzrhythmusstörungen oder vorhandener Herzschrittmacher
- Bösartige Tumorerkrankungen
- Fieberhafte Krankheitsprozesse
- Erhöhte Blutungsneigung
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