Der Wunsch nach Enkelkindern ist ein häufiges Thema, das in Familien für Spannungen sorgen kann. Besonders belastend wird es, wenn narzisstische Persönlichkeitszüge der Großeltern ins Spiel kommen. Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen Hintergründe des Enkelwunsches, die Auswirkungen narzisstischer Verhaltensweisen von Großeltern und gibt Ratschläge, wie man mit diesen schwierigen Situationen umgehen kann.
Der Enkelwunsch der Eltern: Eine psychologische Perspektive
Viele Eltern hegen den Wunsch nach Enkelkindern. Dieser Wunsch kann verschiedene Ursachen haben:
- Der Wunsch nach Fortbestand der Familie: Enkelkinder werden als eine Möglichkeit gesehen, die eigenen Gene und Werte weiterzugeben und die Familie über den Tod hinaus zu erhalten.
- Die Sehnsucht nach der eigenen Jugend: Enkelkinder können die Erinnerung an die eigene Elternschaft und die damit verbundenen positiven Erfahrungen wieder aufleben lassen.
- Der Wunsch nach einer erfüllten Rolle als Großeltern: Großelternschaft wird oft als eine neue, sinnstiftende Lebensphase wahrgenommen, in der man seine Erfahrung und Weisheit weitergeben kann.
- Gesellschaftlicher Druck: In vielen Kulturen wird die Elternschaft als ein wichtiger Teil des Erwachsenenlebens angesehen. Eltern, deren Kinder keine Kinder haben, können sich dadurch unter Druck gesetzt fühlen.
Der Wunsch nach Enkelkindern kann jedoch auch zu Konflikten führen, insbesondere wenn die Kinder diesen Wunsch nicht teilen. Eltern sollten sich bewusst sein, dass die Entscheidung für oder gegen Kinder eine sehr persönliche ist und nicht von außen beeinflusst werden sollte.
Wenn der Enkelwunsch zur Belastung wird
Wenn Eltern ihren Wunsch nach Enkelkindern zu stark betonen oder Druck auf ihre Kinder ausüben, kann dies zu einer Belastung für alle Beteiligten werden. Die Kinder fühlen sich möglicherweise schuldig, egoistisch oder nicht verstanden. Die Eltern hingegen sind frustriert und enttäuscht.
Ein offenes Gespräch über die Wünsche und Erwartungen aller Beteiligten kann helfen, Konflikte zu vermeiden. Es ist wichtig, die Entscheidung der Kinder zu respektieren und zu akzeptieren, auch wenn sie nicht den eigenen Vorstellungen entspricht.
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Narzisstische Großeltern: Eine besondere Herausforderung
Besonders problematisch wird es, wenn narzisstische Persönlichkeitszüge der Großeltern ins Spiel kommen. Narzisstische Eltern ändern ihre destruktiven Verhaltensweisen auch als Großeltern nicht, sondern verstärken sie möglicherweise sogar. Narzisstische Großeltern nutzen ihre Enkelkinder oft als Quelle narzisstischer Zufuhr und versuchen, die Eltern zu manipulieren und zu kontrollieren.
Typische Verhaltensweisen narzisstischer Großeltern
- Regelverletzungen: Die Großeltern unterlaufen die von den Eltern aufgestellten Regeln, z. B. indem sie den Enkeln Süßigkeiten im Übermaß erlauben oder sie mit Geld, Ausflügen oder sonstiger Zuwendung überschütten. Dies kann zu erheblichen Aggressionen der Kinder gegenüber den Eltern führen, wenn sie sich wieder an Regeln halten sollen. Durch die darauffolgenden Erziehungsprobleme fühlen sich die Großeltern darin bestätigt, die besseren Erzieher zu sein, weil die Kinder bei ihnen ja immer „lieb“ sind.
- Abwertung der Eltern: Die Großeltern nützen jede Gelegenheit, die Eltern bei den Kindern auf subtile Weise schlechtzumachen: „Nicht wahr, dir schmeckt das Essen bei der Oma. Hat dir die Mama wohl nichts Rechtes gekocht.“ - „Was hat dir die Mama denn da für eine Hose angezogen? Die ist doch zerrissen (moderne Jeans). Die werfen wir mal gleich in den Müll.“
- Fordern von Zuwendung: Die Großeltern fordern von ihren Enkeln Zuwendung („Jetzt küss doch nicht dauernd die Katze - die Oma braucht Liebe!“) und flößen ihnen ein schlechtes Gewissen ein, wenn sie davon nicht genug bekommen („Die Oma war traurig, weil du nicht gekommen bist“).
- Bevorzugung und Benachteiligung: Die Großeltern scheuen sich nicht, manche Enkelkinder zu bevorzugen (meistens Jungs) und manche zu benachteiligen (meist Mädchen). Bei dem einen wird dann alles gelobt und erlaubt, beim anderen alles kritisiert, der eine bekommt viele Geschenke, der andere wenig.
- Instrumentalisierung der Enkelkinder: Die Großeltern versuchen, die Enkel für ihre Wünsche einzuspannen, z. B. mit ihnen ausgehen, um mit ihnen anzugeben, oder sie als Handlanger für ihr Helfersyndrom zu benützen, z. B. sie dazu überreden, mit vermeintlich notleidenden Kindern zu spielen, mit denen sie gar nicht spielen wollen.
- Formen nach eigenen Vorstellungen: Sie zeigen kein wirkliches Interesse an den Bedürfnissen oder Wünschen der Kinder, sondern versuchen, sie nach ihren Vorstellungen zu formen. Alles muss so sein, wie sie es sich wünschen, bis hin zum Kleidungsstil.
- Abwertung bei mangelnder Zufuhr: Wenn die Großeltern nicht mehr ausreichend Zufuhr von den Enkeln bekommen, scheuen sie sich nicht, diese gegenüber Dritten abzuwerten. Ob jemand ein guter oder schlechter Mensch ist, messen sie daran, ob jemand ihnen Zufuhr verschafft oder nicht, und erzählen dies auch jedem in ihrem Umfeld.
- Missachtung von Grenzen: Narzisstische Großeltern akzeptieren keinerlei Abgrenzung der Eltern. Wenn diese versuchen, deren Umgang mit den Kindern einzuschränken, holen sie evtl. gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern und oft auch gegen den der Kinder diese vom Kindergarten, von der Tagesmutter oder der Schule ab oder unternehmen mit ihnen Dinge, die die Eltern und Kinder nicht wollen. Sollten die Eltern versuchen, den Umgang zu verhindern, klagen manche Großeltern gerichtlich ein Umgangsrecht ein, das allerdings kaum gewährt wird, weil auch für Richter die Beziehung zwischen den Eltern und Kindern wichtiger ist als die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln.
- Überbemutterung behinderter Enkel: Besonders problematisch sind narzisstische Großeltern für behinderte Enkel, da sie diese gern überbemuttern. Um weiterhin gebraucht zu werden und Dankbarkeit zu bekommen, versuchen sie oft, den Behinderten abhängig zu halten, nehmen ihm jede Mühe ab und hindern ihn daran, Fertigkeiten zu trainieren, z. B. indem sie ihn ankleiden, obwohl er dies in gewissem Maße selbst könnte oder lernen sollte. Dies stellen sie als Liebe und beste Absicht hin („Ich meine es ja nur gut“). Damit werden die Erziehung Behinderter und ihr Selbständigwerden im Rahmen der Möglichkeiten erschwert und manche Fähigkeiten bleiben unterentwickelt. Falls die Eltern zu mehr Selbständigkeit erziehen möchten, sind auch hier Konflikte und Aggressionen vorprogrammiert.
Auswirkungen auf Kinder und Eltern
Das Verhalten narzisstischer Großeltern kann erhebliche negative Auswirkungen auf Kinder und Eltern haben:
- Kinder: Kinder können verwirrt, verunsichert und manipuliert werden. Sie lernen möglicherweise, dass Regeln nicht wichtig sind und dass es in Ordnung ist, andere zu manipulieren, um das zu bekommen, was man will. Sie können auch Schuldgefühle entwickeln, wenn sie den Erwartungen der Großeltern nicht entsprechen.
- Eltern: Eltern fühlen sich möglicherweise hilflos, frustriert und entmachtet. Sie haben das Gefühl, dass sie die Kontrolle über die Erziehung ihrer Kinder verlieren und dass die Beziehung zu ihren Eltern darunter leidet. Narzisstische Großeltern können die seelische Gesundheit von Eltern und Kindern sowie ihr Verhältnis zueinander sehr gefährden oder auch eine Ehe scheitern lassen, wenn sich ihre Manipulationen gegen den eingeheirateten Elternteil richten.
Was tun gegen narzisstische Großeltern?
Der Umgang mit narzisstischen Großeltern ist schwierig, aber nicht unmöglich. Hier sind einige Strategien, die helfen können:
- Den Kontakt reduzieren: Wenn Sie den Kontakt zwischen den Großeltern und Enkeln nicht unterbinden möchten, versuchen Sie zumindest, ihn zu kontrollieren und zu reduzieren. Oft kann es sinnvoll sein, die Enkel nur in Begleitung eines Elternteils zu den Großeltern zu lassen, damit sie nicht gegen die Eltern ausgespielt werden können.
- Grenzen setzen: Da diese als Narzissten Grenzen kaum akzeptieren werden, muss man hier häufig Konsequenzen androhen und auch umsetzen, genau wie bei der Erziehung von Kindern:. „Wenn du dich unter der Woche von xy fernhältst, bekommst du ihn sonntags eine Stunde, ansonsten gar nicht.“ - „Wenn du bei xy schlecht über uns sprichst, können wir ihn leider nicht mehr zu dir lassen.“ Wenn darauf Vorwürfe folgen, sachlich bleiben, nicht nachgeben und weiterhin Grenzen setzen.
- Unabhängig werden: Wenn Sie mit den Kindern überlastet, alleinerziehend oder beide in Vollzeit tätig sind, holen Sie sich lieber fremde Hilfe durch eine Betreuung von außerhalb, um von den Großeltern unabhängig zu sein. Versuchen Sie, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen, um die Mitsprache der Großeltern zu reduzieren. Wenn Sie psychische Probleme haben, versuchen Sie sich durch eine Therapie zu stabilisieren, um für die Kinder mit ganzer Kraft da sein zu können.
- Abstand: Wenn die Großeltern in der Nähe oder gar im gleichen Haus leben und sich zu sehr in die junge Familie hineindrängen, kann sich ein Umzug lohnen. Oft verbessert sich dann schlagartig das Verhalten der Kinder und die Aggressionen reduzieren sich, weil sie der Manipulation nicht mehr ausgesetzt sind. Abstand ist das beste Mittel, um ihre Wirkung möglichst gering zu halten - oft kann ein vollständiger Kontaktabbruch eine gute Lösung sein.
- Umgangsverbot: Wenn die Einmischungen der narzisstischen Großeltern sehr destruktiv sind und sich bei den Kindern starke Aggressionen oder Verhaltensstörungen zeigen, ist es auch möglich, über das Gericht ein Umgangsverbot zu erwirken. Dies kann erfolgversprechend sein, wenn man genügend Beweismaterial für die destruktiven Verhaltensweisen gesammelt hat, z. B. Zeugenaussagen von Nachbarn, der Tagesmutter, Erzieherinnen, Briefe der Großeltern ans Kind oder an die Eltern. Es empfiehlt sich sehr, alles aufzubewahren und Ereignisse oder Aussagen schriftlich zu dokumentieren.
- Kinder stärken: Die Kinder selbstbewusst erziehen, dazu ermutigen, Nein zu sagen und ihren eigenen Weg zu gehen. Sie sollten mit den Kindern ab einem gewissen Alter offen über die Situation reden und Nachteile ausgleichen (z. B. wenn eines der Kinder bevorzugt wird.)
- Auf die Zeit setzen: Die meisten Kinder durchschauen die narzisstischen Großeltern früher oder später, stellen fest, dass es ihnen nur um sie selbst geht, und wenden sich dann von ihnen ab.
- Professionelle Hilfe suchen: Wenn Sie mit der Situation überfordert sind, kann es hilfreich sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein Therapeut kann Ihnen helfen, die Situation besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um damit umzugehen.
Wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben
Dass mehrere Generationen in einem Haus zusammenleben, kommt nicht selten vor. Dies gestaltet sich nicht immer einfach, doch ist die räumliche Nähe zwischen einem erwachsenen Kind und seinen narzisstischen Eltern besonders problematisch. Wohin es führen kann, wenn die Eltern grundsätzlich keine Grenzen respektieren und das Kind sein Leben lang darauf trainiert wurde, Grenzen nicht verteidigen zu dürfen, gestaltet Marianne Bunes in ihrem Thriller „Mutterwut“ aus. Ungebeten betritt die Mutter die Wohnung der Tochter und tut alles für sie, umgibt sie mit Fürsorge und rügt sie als undankbar und widerspenstig, während diese zwischen Wut und Angst hin und her gerissen ist. Je weniger sich die Tochter wehrt, desto mehr kocht in ihr die Wut, bis sie schließlich die Kontrolle verliert.
Elterliche Enttäuschung und das Gefühl der Verpflichtung
Viele Eltern würden sich gar nicht beschweren, wenn ihre Kinder weniger zu Besuch kommen würden. Sie nehmen alles hin, solange es sie nicht aus ihrer Komfortzone zwingt. Vermutlich würde auch den Kindern nicht viel fehlen. Aber darf man die Beziehung einfach auslaufen lassen? Zu den eigenen Eltern? Und aus den Großeltern Fremde machen, zu denen die Kinder kaum einen Bezug haben? Gibt es nicht so etwas wie eine Verpflichtung, den Kontakt zu Eltern und Großeltern zu pflegen?
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Ein Gefühl der Verpflichtung kann auch noch eine andere Quelle haben. Dann zieht die Not eines Elternteils in die Verantwortung. Kinder schwieriger Eltern können sich aus der Verantwortungsfalle befreien. Erwachsene Kinder fühlen sich gegenüber den Eltern so hilflos, wie sie es als Kinder waren. Doch heute verfügen sie über mehr positiven Einfluss, als sie erwarten. Sie sind überrascht, wie leicht sich Eltern manchmal führen lassen und wie gut es gelingt, Grenzen zu setzen.
Neben den Gefühlsfragen tut sich auch die Gewissensfrage auf. Manche Psychologinnen und Psychologen sehen im vierten der zehn Gebote - du sollst deine Eltern ehren - eine fragwürdige kulturelle Prägung. Zu oft haben sie erlebt, wie es Kinder aus schwierigem Elternhaus in die Pflicht nimmt und wehrlos macht. Missbräuchliche Eltern beanspruchen das vierte Gebot als Komplizen, um auch noch erwachsene Kinder gefügig zu machen.
Kinder, die sich von schwierigen Eltern ablösen, entscheiden sich nicht gegen die Eltern. Sie entscheiden sich für etwas. Sie empfangen das Geschenk des Lebens und stellen sich mit liebevollem Einsatz den Aufgaben, die ihnen Familie, Beruf und ihr Umfeld stellen. Wo Eltern und Schwiegereltern das unterstützen, kann man Leben teilen. Wo nicht, ist ein heilsamer Abstand nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Auch dann finden sich Gelegenheiten, den Eltern Wertschätzung und Liebe zu schenken. Doch auch schwierige Eltern haben nicht das Recht, ihren Kindern das Geschenk des Lebens zu verderben oder ihnen die Kraft zu rauben, die sie für ihr eigenes Leben brauchen.
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