Emotionen, Gehirnmechanismen und ihre Aufnahme: Eine umfassende Betrachtung

Emotionen sind ein integraler Bestandteil des menschlichen Erlebens. Sie beeinflussen unser Verhalten, unsere Entscheidungen und unsere Interaktionen mit der Umwelt. Doch was genau sind Emotionen, und wie werden sie im Gehirn verarbeitet? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Mechanismen, die der Entstehung und Verarbeitung von Emotionen zugrunde liegen, und untersucht, wie verschiedene Hirnstrukturen und Prozesse zusammenspielen, um unsere emotionale Welt zu gestalten.

Die Rolle des limbischen Systems

Ein zentraler Akteur bei der Verarbeitung von Emotionen ist das limbische System. Dieses stammesgeschichtlich alte Areal umfasst mehrere miteinander verbundene Strukturen, darunter die Amygdala, den Hippocampus und das Septum. Obwohl sich Anatomen noch immer darüber streiten, welche Strukturen genau zum limbischen System gehören und ob man überhaupt von einem "System" sprechen kann, gilt es als erwiesen, dass das limbische System eine wichtige Funktion bei der Emotionsverarbeitung spielt.

Die Amygdala: Das Alarmsystem des Gehirns

Innerhalb des limbischen Systems nimmt die Amygdala eine Schlüsselstellung ein. Sie fungiert als eine Art Alarmanlage, die blitzschnell Situationen bewertet und Gefahren einschätzt. Der Anblick einer Spinne oder huschender Schatten im Dunklen können beispielsweise die Amygdala aktivieren und eine Kaskade von Angstreaktionen auslösen.

Die Amygdala erhält Informationen über zwei unterschiedliche Wege: einen schnellen, groben und fehleranfälligen Weg und einen langsamen, aber durch genaue Analyse überprüften Weg. Ausgangspunkt ist stets der Thalamus, eine wichtige Schaltstelle für Nachrichten von den Sinnesorganen. Erhält der Thalamus einen emotionalen Reiz, leitet er eine grobe Skizze des Sinneseindrucks direkt an die Amygdala weiter. Werden bestimmte Zellverbände in der Amygdala aktiviert, fließt die Information weiter zum zentralen Kern der Amygdala, wo die defensiven Verhaltensprogramme aktiviert werden.

Dank dieser schnellen Verbindung können Tier und Mensch blitzschnell auf eine Gefahr reagieren. Allerdings kann dieser empfindliche Weg auch falschen Alarm auslösen, etwa wenn wir vor unserem eigenen Schatten oder dem Knall einer Trillerpfeife erschrecken.

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Zusätzlich zu dieser schnellen Verbindung führt vom Thalamus zur Amygdala auch ein langsamerer Weg über den Cortex und den Hippocampus. Auf dieser Route werden die Sinneseindrücke genauer analysiert, bevor sie die Amygdala erreichen. Die sensorischen Areale des Neocortex ermöglichen es uns, Angstreize differenzierter wahrzunehmen und beispielsweise die Trippelschritte einer Frau von schweren Männerschritten zu unterscheiden. Der Hippocampus bringt bewusste Erinnerungen an unangenehme oder angstauslösende Situationen mit ins Spiel.

Der Hippocampus: Das Gedächtniszentrum für Emotionen

Der Hippocampus spielt auch eine wichtige Rolle bei der Speicherung emotionaler Erlebnisse. Emotionale Erlebnisse bleiben oft besonders stark im Gedächtnis haften, allerdings nicht bei allen Menschen gleich stark. Wissenschaftler haben einen molekularen Mechanismus entdeckt, der diese Unterschiede erklärt. Dabei spielt der Mandelkern, das Gefühlszentrum des Gehirns, eine wichtige Rolle. An die Hochzeit, einen schönen Urlaub, aber auch an einen Unfall können wir uns oft noch Jahre später sehr gut erinnern. Hingegen werden alltägliche, gefühlsneutrale Geschehnisse nur oberflächlich abgespeichert und schneller vergessen. Dieser gedächtnisfördernde Effekt von Emotionen ist biologisch sinnvoll. So brennen sich erlebte Gefahrensituationen tief in unser Gedächtnis ein und können dadurch eher vermieden werden.

Die Rolle der Hirnrinde

Die Hirnrinde, insbesondere der präfrontale Cortex (PFC), spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen. Der PFC verarbeitet Emotionen, indem er sie in das Gesamtbild integriert, und zieht daraus Schlüsse für die beste Handlung. Er ist auch die Hirnregion, in der emotionale Reize aus dem limbischen System in bewusste Gefühle umgewandelt werden.

Wie wichtig der PFC für die Persönlichkeit und das Gefühlsleben eines Menschen ist, zeigt der Fall des Arbeiters Phineas Gage, der bei einem Unfall diesen Teil der Hirnrinde verlor. Gage überlebte den Unfall, war aber nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor. Er war respektlos, ungeduldig, unzuverlässig und wurde leicht wütend.

Die rechte und linke Hemisphäre

Die Annahme, dass Emotion und Rationalität im Gehirn räumlich getrennt liegen, ist unter Laien weit verbreitet. Viele glauben, dass die Emotionen in der rechten Hemisphäre und die Vernunft in der linken Hemisphäre sitzen. Tatsächlich scheint die rechte Hirnhälfte für die Emotionsverarbeitung besonders wichtig zu sein. Nach rechtsseitigen Gehirnverletzungen fällt es Patienten schwer, Gefühle im Gesicht des anderen zu deuten. Doch auch linkshemisphärische Verletzungen wirken sich auf die Gefühlswelt aus: Häufig leiden Patienten unter einer so genannten Katastrophenreaktion mit tiefer Depression. Dies legt nahe, dass die linke Hemisphäre unsere Gefühlslage aufhellt, indem sie die rechte Hemisphäre hemmt. Studien mit Neugeborenen sprechen ebenfalls dafür, dass die linke Hemisphäre stärker bei positiven, die rechte bei negativen Gefühlen aktiv ist.

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Neurowissenschaftler warnen jedoch davor, komplexe Phänomene wie Emotionen einer einzigen Hirnhälfte zuzuordnen. Denn an nahezu allen Funktionen sind grundsätzlich beide Hemisphären beteiligt - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Emotionen und körperliche Reaktionen

Emotionen sind eng mit körperlichen Reaktionen verbunden. Wenn wir Angst haben, schlägt unser Herz schneller, unsere Hände zittern, wir schwitzen, und unser Bauch rumort. Diese Reaktionen werden durch das autonome Nervensystem gesteuert, das den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet.

Die hormonellen und vegetativen Reaktionen auf das Gefühl der Angst und die automatisch ablaufenden Verhaltensprogramme dienen dazu, das Überleben zu sichern. Indem die Hypophyse Stresshormone ausschüttet, ermöglicht sie dem Bedrohten, schneller und effizienter zu handeln. Das basale Vorderhirn steigert zusätzlich die Aufmerksamkeit und Erregung. Über den Hirnstamm wird das autonome System aktiviert: Der Blutdruck und die Frequenz des Atems und Herzschlags steigen, die Muskeln ziehen sich zusammen - der Geängstigte ist bereit für die Flucht oder den Kampf. Damit Verletzungen den Mensch oder das Tier nicht ablenken, senkt der Hirnstamm auch die Schmerzwahrnehmung.

Spiegelneurone und Empathie

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Emotionsverarbeitung ist die Rolle der Spiegelneurone. Diese Nervenzellen werden aktiv, wenn wir eine Handlung oder eine Emotion bei einer anderen Person beobachten. Sie ermöglichen es uns, uns in andere hineinzuversetzen und ihre Gefühle mitzuerleben.

Vittorio Gallese, Neurophysiologe von der italienischen Universität Parma, hat den Mechanismus herausgefunden, wie man mit dem Gehirn die Gedanken und Gefühle anderer lesen kann. Er gilt zusammen mit Giacomo Rizzolatti als Entdecker der Spiegelneurone. Wenn das Tier (Affe) oder der Mensch die Bewegung eines anderen beobachtet, spiegeln diese Neuronen das Verhalten des Gegenübers. Ein Teil unseres Gehirns schwingt sozusagen das Verhalten des Gegenübers. Mittels bildgebender Verfahren wie der Kernspintomographie finden die Wissenschaftler heraus, dass nicht nur die Bewegungen anderer Personen unser Hirn in Resonanz versetzen, sondern auch deren Emotionen.

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Spiegelneurone ermöglichen es Menschen, sich in andere hineinzuversetzen (Einfühlung). Sie überwinden die Barriere zwischen uns und unserem Gegenüber. Erst dadurch, dass wir die Gefühle anderer, wie Ekel, Schmerz, Freude, miterleben, können wir sie unmittelbar verstehen.

Emotionale Kompetenz und Kontrolle

Obwohl Emotionen oft als etwas Irrationales und Unkontrollierbares angesehen werden, können wir lernen, unsere Emotionen zu regulieren und emotional kompetenter zu werden. Der Psychologe Manfred Holodynski vertritt die Ansicht, dass Emotionen nicht angeboren sind; Säuglinge müssen sie erlernen. Das Kleinkind lerne mit seinem Gefühlsausdruck, seine Umwelt zu steuern: Es schreit und wird auf den Arm genommen oder bekommt etwas zu essen. Holodynski fragt, welchen Sinn aber die Trennung von subjektivem Empfinden und sichtbarem Ausdruck hat. Theatralische Tränen oder hysterische Freudentänze sind somit kein Zeichen für Authentizität. Und für emotionale Kompetenz schon gar nicht. Umgekehrt gilt allerdings auch: Zurückhaltung ist kein Hinweis auf eine eigentliche vorhandene emotionale Tiefe, die von großer persönlicher Reife begleitet wird. Zurückhaltung kann auch einfach bedeuten, dass unter der Oberfläche kaum Emotionen empfunden werden. Da Gefühle Teil der von Interessen geleiteten Kommunikation sind, sagt das Ausdrucksverhalten vor allem etwas über die Wünsche und Ziele einer Person. Besonders emotionales Verhalten ist dann vor allem ein Anzeichen dafür, dass eine Person ihre Interessen für berechtigt hält. Das Gefühl, im Recht zu sein, ist aber ein Ergebnis der moralischen Sozialisation, in welche die Werte einer Gesellschaft einfließen.

Stress und Emotionen

Stress spielt eine wichtige Rolle bei der Emotionsverarbeitung. Die Amygdala setzt nicht nur die Stressreaktion in Gang, sondern veranlasst auch eine bedeutende Gedächtnisregion im Gehirn, den ganz in der Nähe gelegenen Hippocampus, sich die stressauslösende Situation gut zu merken. Auf diese Weise lernen wir, uns vor dem Stressor in Acht zu nehmen. Kommen wir erneut in eine derartige Situation, läuft die Stressreaktion noch schneller ab.

Forschungen haben gezeigt, dass chronischer Stress die Zellfortsätze im Hippocampus schädigen kann. Sie sind Teil der Nervenzelle und wichtig für die Aufnahme von Information. Schrumpfen sie, wirkt sich das negativ auf das Gedächtnis aus. Auch mit dem "denkenden" Teil des Gehirns ist die Amygdala eng verbunden, vor allem mit einem stammesgeschichtlich jüngeren Teil unseres Hirns, dem Stirnlappen. Er ist wichtig für die Kontrolle der Emotionen. Wie der Name sagt, sitzt er hinter der Stirn. Er wird auch präfrontaler Cortex genannt. Mit seiner Hilfe können wir durch logische Analyse und Denken unsere Emotionen beeinflussen. Er spielt eine große Rolle bei der Bewertung, ob wir einen Stressor für bewältigbar halten oder nicht, und für unser Verhalten in der stressigen Situation. Chronischer Stress allerdings kann den präfrontalen Cortex verändern, so dass es schwieriger wird, sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

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