Meningitis B und C in England: Impfstrategien und Herausforderungen

Einführung

Meningokokken-Erkrankungen, insbesondere Meningitis und Sepsis, stellen eine ernsthafte Bedrohung dar, insbesondere für Kinder unter 5 Jahren, Jugendliche und immungeschwächte Personen. Meningokokken treten in verschiedenen Serogruppen auf, von denen A, B, C, W und Y die wichtigsten sind. Impfstoffe sind gegen diese Serogruppen verfügbar, jedoch variiert die Impfpolitik und -empfehlungen weltweit. In Deutschland wird die Men-C-Impfung von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für alle Kinder im Alter von zwölf Monaten empfohlen und von den Krankenkassen übernommen. Gegen den häufigsten Erreger im Säuglings- und Kleinkindalter, Serogruppe B, gibt es seit einigen Jahren eine Impfung, die jedoch von der STIKO bisher nicht standardmäßig empfohlen wird. Die Impfquoten sind dementsprechend niedrig.

Die Situation in Großbritannien

In Großbritannien wurde der erste Impfstoff gegen Meningitis B, Bexsero von Novartis, im Januar von der EU-Kommission zugelassen. Diese Zulassung erfolgte nach positiver Bewertung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA und stützte sich auf klinische Studien mit Kindern im Alter von 2, 4 und 6 Monaten. Eine im Lancet veröffentlichte Studie des Herstellers zeigte eine Effektivität von 84 bis 100 Prozent bezüglich der Entwicklung bakterizider Antikörper. Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse sprach sich das Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI), das die Gesundheitsminister im Vereinigten Königreich berät, gegen die Aufnahme des Impfstoffs in den nationalen Impfplan aus.

Gründe für die Ablehnung des JCVI

Das JCVI äußerte Zweifel an der langfristigen Schutzwirkung des Impfstoffs, da die Antikörperantwort schnell nachlasse. Zudem würde der Impfstoff nur drei Viertel aller in Großbritannien verbreiteten Stämme erfassen, wodurch eine Impfung aller Säuglinge vermutlich nur ein Viertel aller Erkrankungen vermeiden würde. Unter diesen Annahmen wurde der Impfstoff als nicht kosteneffektiv eingestuft, unabhängig vom Preis, den Novartis noch nicht genannt hatte. Auch die Annahme, dass eine allmähliche Impfung der gesamten Bevölkerung die Zahl der "Carrier" senken würde, führte nicht zu einer Neubewertung der Kosteneffektivität. Etwa ein Zehntel der Erwachsenen und ein Fünftel der Jugendlichen tragen die Erreger im Rachen, können diese übertragen und beim Empfänger eine tödliche Erkrankung auslösen.

Öffentlicher Druck und politische Reaktionen

Trotz der ablehnenden Haltung des JCVI gab es in der britischen Öffentlichkeit großen Druck, den Impfstoff verfügbar zu machen. Bilder sterbender Kinder mit Meningokokken B schockierten die Bevölkerung, und eine Petition mit über 800.000 Unterschriften forderte die Aufnahme des Impfstoffs in den Impfkalender. England führte als erstes Land weltweit die Impfung für Säuglinge in den Impfkalender ein, wobei die Kosten im ersten Lebensjahr vom National Health Service (NHS) übernommen werden.

Unterschiede zur Situation in Deutschland

Im Vergleich zu Großbritannien ist die Erkrankungsgefahr in Deutschland geringer. Während in Großbritannien jährlich 500 bis 1700 Menschen mit Meningokokken B registriert werden, liegt die Inzidenz in Deutschland bei etwa 250 Fällen pro Jahr. Die STIKO hat bisher keine generelle Empfehlung für die Meningokokken-B-Impfung ausgesprochen, sondern möchte zunächst Daten zur tatsächlichen klinischen Effektivität abwarten. Viele deutsche Experten befürworten jedoch eine standardmäßige Impfung von Säuglingen gegen Meningokokken B.

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Meningokokken-Impfstoffe: Ein Überblick

Es gibt verschiedene Arten von Meningokokken-Impfstoffen, die sich in ihrer Zusammensetzung und Wirkungsweise unterscheiden.

Polysaccharid-Impfstoffe

Die ersten Meningokokken-Impfstoffe waren Polysaccharid-Impfstoffe, die aus den Zuckerbausteinen der Bakterienhülle bestehen. Diese Impfstoffe sind jedoch bei Säuglingen und Kleinkindern nicht sehr wirksam, da ihr Immunsystem noch nicht effektiv auf die reinen Polysaccharide reagiert.

Konjugatimpfstoffe

Ende des letzten Jahrtausends wurden Konjugatimpfstoffe entwickelt, bei denen die Zuckerbausteine der Bakterienhülle chemisch an ein Trägerprotein gebunden werden. Der erste Konjugatimpfstoff war gegen Meningokokken C gerichtet. Großbritannien führte als erstes Land eine groß angelegte Impfkampagne gegen Meningokokken C mit Konjugatimpfstoffen durch, wodurch die Anzahl der Infektionen um 95% gesenkt werden konnte.

Vorteile von Konjugatimpfstoffen

  • Besserer Schutz: Konjugatimpfstoffe besitzen eine höhere Immunogenität und führen zu höheren Antikörperspiegeln im Blut.
  • Längerer Schutz: Konjugatimpfstoffe bilden ein Immungedächtnis aus, wodurch das Immunsystem bei einer späteren Infektion schneller und effizienter reagieren kann.
  • Wirksamkeit in allen Altersgruppen: Konjugatimpfstoffe sind auch bei Säuglingen und Kleinkindern wirksam.
  • Auffrischung möglich: Der Impfschutz kann durch Auffrischungsimpfungen verstärkt werden.
  • Reduktion der Bakterienträger: Konjugatimpfstoffe reduzieren die Anzahl der Personen, die Meningokokken unerkannt im Nasen-Rachenraum tragen und somit das Ansteckungsrisiko senken.
  • Aufbau einer Herdenimmunität: Bei einer ausreichend hohen Impfrate können auch ungeimpfte Personen durch Herdenimmunität geschützt werden.

Mehrkomponentenimpfstoffe gegen Meningokokken B

Seit 2013 ist mit 4CMenB (Bexsero) der erste Meningokokken-B-Impfstoff für alle Altersgruppen ab dem vollendeten 2. Lebensmonat zugelassen. Seit Mai 2017 gibt es einen weiteren Meningokokken-B-Impfstoff (Trumenba) für Personen ab dem vollendeten 10. Lebensjahr. Diese Impfstoffe bieten eine breite Stammabdeckung und sind gegen einen Großteil der zirkulierenden, potenziell tödlichen Meningokokken-Stämme der Serogruppe B wirksam.

Reverse Vakzinologie

Die Entwicklung von Bexsero erfolgte mit Hilfe eines innovativen Ansatzes, der als reverse Vakzinologie bezeichnet wird. Dabei wird zunächst das Erbgut von Meningokokken-B-Stämmen entschlüsselt und dann die Proteine ausgewählt, die als Antigene in einem zukünftigen Impfstoff höchstwahrscheinlich eine breite Wirksamkeit aufweisen. Bexsero enthält vier verschiedene Antigen-Komponenten, die für das Überleben, die Funktionsfähigkeit und Infektiosität der Bakterien wichtig sind.

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Impfempfehlungen in Deutschland

Die STIKO empfiehlt in Deutschland folgende Impfungen gegen Meningokokken:

  • Generelle Empfehlung: Seit 2006 empfiehlt die STIKO die Impfung aller Kinder im 2. Lebensjahr mit einem Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken C.
  • Nachholimpfung: Falls die Impfung im 2. Lebensjahr versäumt wurde, sollte sie bis zum vollendeten 17. Lebensjahr nachgeholt werden.
  • Gesundheitlich gefährdete Personen: Bei gesundheitlich gefährdeten Personen sowie bei gefährdetem Laborpersonal wird eine Impfung mit einem Konjugatimpfstoff gegen Meningokokken C, gefolgt von einer Impfung mit einem Polysaccharid-Impfstoff gegen Meningokokken ACWY, empfohlen.
  • Reisende: Für Reisende in Länder, in denen Meningokokken-Erkrankungen vorkommen, empfiehlt die STIKO eine Impfung.
  • Enge Kontaktpersonen eines Erkrankten: Enge Kontaktpersonen eines Erkrankten sollen zusätzlich zur vorbeugenden Einnahme von Antibiotika auch so bald wie möglich nach dem Kontakt eine Impfung erhalten.
  • Krankheitsausbrüche: Bei Krankheitsausbrüchen durch Meningokokken besteht die Möglichkeit einer Riegelungsimpfung von Kontaktpersonen bzw. möglicherweise gefährdeter Gruppen.

Impfquoten in Deutschland

Die Impfquoten für die Meningokokken-C-Impfung sind in Deutschland nicht flächendeckend erfasst. Die ebenfalls empfohlene Nachholimpfung bis zum vollendeten 17. Lebensjahr wird in der Praxis offenbar nur zögerlich umgesetzt. Nur etwa 20% aller Jugendlichen in Deutschland sind gegen Meningokokken C geimpft.

Prävention und Therapie von Meningokokken-Erkrankungen

Angesichts der Schwierigkeiten bei der Diagnose zu Beginn einer invasiven Meningokokken-Infektion, der oft schweren Krankheitsverläufe und der hohen Sterblichkeit hat die Vorbeugung (Prävention) einen besonders hohen Stellenwert. Meningokokken-Infektionen lassen sich im Frühstadium gut mit Antibiotika behandeln. Das Problem ist, dass die Symptome eher unspezifisch sind, etwa Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel.

Meningokokken und Gonorrhöe: Ein möglicher Zusammenhang

Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass die Meningokokken-B-Impfung möglicherweise auch vor Gonorrhöe schützen kann. Eine Studie aus Neuseeland zeigte für die OMV-MenB-Impfung eine gewisse Kreuzprotektion bezüglich Gonorrhöe von 32,7%. Weitere Studien sind aktiv bzw. werden beobachtet, um diesen Zusammenhang genauer zu untersuchen. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Proteine in Meningokokken-B-Impfstoffen auch Antikörper gegen Neisseria gonorrhoeae auslösen können.

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