Methoden zur Entfernung epileptischer Herde: Ein umfassender Überblick

Seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Behandlung von Epilepsie erheblich weiterentwickelt. Epileptische Anfälle müssen nicht länger als unvermeidliches Schicksal hingenommen werden. Die Entwicklung von Medikamenten, die Anfälle unterdrücken können, hat die Lebensqualität vieler Patienten verbessert. Während bis Mitte der 1990er Jahre nur wenige Substanzen zur Verfügung standen, können Ärzte heute auf etwa 25 verschiedene Antiepileptika zurückgreifen, um die medikamentöse Therapie für einzelne Patienten maßzuschneidern. Ziel ist nicht nur Anfallsfreiheit, sondern auch die Vermeidung unerwünschter Nebenwirkungen, um die allgemeine Lebensqualität zu erhöhen.

Die medikamentöse Therapie der Epilepsie

Die Auswahl des geeigneten Medikaments oder einer Medikamentenkombination ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Kriterien berücksichtigt:

  • Die Wirksamkeit des Medikaments für die spezielle Epilepsieart: Die Ursachen für das Auftreten von Anfällen sind von Patient zu Patient unterschiedlich. Ein Medikament, das von einem Patienten als gut verträglich erlebt wird und die ersehnte Anfallsfreiheit gebracht hat, wird möglicherweise vom nächsten Patienten nicht vertragen und führt zudem zu keiner Verbesserung der Anfallssituation. Weder eine Vorhersage der Wirksamkeit, noch der Nebenwirkungen ist möglich. Lassen Sie sich nicht von Erfahrungen von Einzelnen, so berechtigt sie auch sind, von einem sinnvollen Therapiekonzept abhalten.
  • Die Verträglichkeit des Medikaments beim individuellen Patienten: Bis heute ist es nicht möglich, durch eine einfache Untersuchung zuverlässig vorherzusagen, ob ein Patient ein bestimmtes Medikament verträgt oder Nebenwirkungen entwickelt. Die Verträglichkeit eines Medikaments muss letztlich ausprobiert werden.
  • Besondere Lebensumstände oder Begleiterkrankungen: Diese Faktoren können die Wahl des Medikaments beeinflussen.
  • Begleitmedikation: Zwischen verschiedenen Antiepileptika und anderen Medikamenten kann es Wechselwirkungen geben. So kann z.B. die Wirksamkeit einer Blutverdünnung oder Verhütungspille durch ein neu eindosiertes Antiepileptikum verändert werden, oder ein Medikament wie Johanniskraut (zur Behandlung einer Depression) die Wirksamkeit eines Antiepileptikums deutlich herabsetzen (mit der Folge vermehrter Anfälle).
  • Geeignete Einnahmeart: Für einige Medikamente gibt es nicht nur Tabletten, sondern auch Säfte oder Zäpfchen. Im Falle geplanter Operationen kann es auch hilfreich sein, ein Medikament vorübergehend direkt über die Blutbahn verabreichen zu können.

Bei den meisten Patienten ist die Auswahl des geeigneten Antiepileptikums relativ einfach. Mit dem ersten, ggf. Ja (von wenigen speziellen Epilepsiearten abgesehen).

Antiepileptika: Vorbeugung ist besser als Behandlung

Ein Antiepileptikum soll das Auftreten von Anfällen verhindern. Es kann nicht erst genommen werden, wenn der Anfall bereits da ist. Dann ist es zu spät. Da bei den meisten Patienten nicht vorhergesagt werden kann, wann der nächste Anfall auftritt (in 5 Minuten, in 8 Tagen, in zwei Monaten) muss also dauerhaft vorgebeugt werden. Zudem muss die Dosis hinreichend sein (entsprechend der Deichhöhe).

Risiken und Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie

Über alle Medikamente gesehen kann festgestellt werden, dass bei der Einhaltung der empfohlenen oder im Einzelfall sorgsam abgewogenen Dosierung keine dauerhaften Gesundheitsschädigungen zu erwarten sind. Trotzdem sollten besondere Risiken für Gesundheitsschädigungen vor der Eindosierung erfragt werden. So sollte z.B. die Gabe eines Medikamentes vermieden werden, das Nierensteine auslösen kann wenn der Patient bereits zuvor unter diesem Problem gelitten hat. Nur selten kommt es tatsächlich vor, dass Medikamente entweder dosisabhängig oder dosisunabhängig als Nebenwirkung zu Gesundheitsstörungen führen. Übrigens ist die erfolgreiche Therapie der Anfälle der beste Schutz vor epilepsiebedingten Unfällen und Todesfällen ist.

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Pharmakoresistenz: Wenn Medikamente nicht wirken

Es gibt Patienten, bei denen trotz der Einnahme mehrerer Medikamente weiterhin Anfälle auftreten. Die Anfälle dieser Patienten werden als „pharmakoresistent“ beschrieben. Dennoch macht es Sinn, hier weiter nach der für den Patienten besten Therapiemöglichkeit zu suchen. Ziel ist es, dass die Patienten so wenige und so kleine Anfälle wie möglich haben und trotzdem nicht unter störenden Nebenwirkungen leiden. Zeichnet sich eine Pharmakoresistenz ab, sollte jedoch möglichst früh überprüft werden, ob ein Patient ggf. ein Kandidat für einen epilepsiechirurgischen Eingriff ist (siehe Seite Epilepsiechirurgie).

Komplexbehandlung und Lebensqualität

Epileptische Anfälle haben viele Konsequenzen für betroffene Patienten und ihr soziales Umfeld. Die moderne Epilepsietherapie hat das Ziel, mehr als nur die Anfälle zu behandeln. Sofern die Epilepsie bei individuellen Patienten psychische oder soziale Störungen, oder Störungen der Alltagsfunktionen inklusive Gedächtnisstörungen auslöst, kann eine stationäre „Komplexbehandlung“ sinnvoll sein. Dazu kommen natürlich die pflegerische Betreuung sowie die ärztliche Behandlung.

Für jeden Patienten, der zu einer Komplexbehandlung stationär aufgenommen wird, wird ein maßgeschneidertes Programm zusammengestellt. In regelmäßigen Teambesprechungen werden die Ziele für jeden Patienten definiert und Erfolge sowie weitere Therapiemaßnahmen besprochen.

Epilepsiechirurgie: Eine Chance auf Heilung

Im Gegensatz zu den meisten anderen chronischen Hirnerkrankungen hat die Epilepsie die Besonderheit, dass bei einem Teil der Patienten eine Heilung möglich ist. Diese Patienten zu identifizieren ist von größter Bedeutung, da ein Übersehen der Heilungschance bedeutet, dass sie möglicherweise unnötig unter der Epilepsie leiden. Heilung kann dadurch erreicht werden, dass die epileptogene Zone im Gehirn (die Hirnregion, die für die Epilepsie verantwortlich ist) entfernet wird.

Voraussetzungen für einen epilepsiechirurgischen Eingriff

Nur Patienten mit sogenannten Herdepilepsien (die Anfälle beginnen in einer einzigen umschriebenen Region des Gehirns) kommen für epilepsiechirurgische Eingriffe in Frage. Die wichtigsten Bausteine sind zunächst die genaue Analyse des Anfallsverlaufes (wie er durch den Patienten oder Zeugen seiner Anfälle geschildert wird), ein EEG, sowie eine hochauflösende Kernspintomographie des Gehirns. Wichtig ist, dass diese erste Einschätzung durch einen erfahrenen prächirurgischen Epileptologen erfolgt. Anschließend wird eine stationäre Diagnostik inklusive der Aufzeichnung von Anfällen mittels Video-EEG durchgeführt. Erst hiernach, ggf.

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Bei einem Patienten, dessen Anfälle durch Medikamente alleine komplett unterdrückbar sind, wird in aller Regel kein epilepsiechirurgisches Vorgehen angeboten. Stellen sich aber die ersten beiden eingesetzten, korrekt ausgewählten, hinreichend hoch dosierten Medikamente als unwirksam heraus, kann bei einfachen OP-Kandidaten bereits an eine OP gedacht werden (z.B. einfach zugängige, komplett zu entfernende Läsion; hohe Chance auf Anfallsfreiheit durch die OP).

Erfolgsaussichten und Risiken

Patienten, bei denen sämtliche Informationen zur Region des Anfallsursprungs übereinstimmen und bei denen die diagnostizierte epileptogene Zone komplett entfernt werden kann, haben eine Chance auf Anfallsfreiheit von bis zu 80%. In ungünstigeren Konstellationen kann die Chance auf Anfallsfreiheit nur bei 50-60% oder auch noch niedriger liegen. Hier kann ggf.

Wichtig ist zu betonen, dass nur der Patient die Entscheidung für oder gegen einen epilepsiechirurgischen Eingriff trifft. Im Rahmen einer umfassenden Diagnostik (siehe prächirurgische Epilepsiediagnostik) wird zunächst die Zone des Anfallsbeginns genau geortet und überprüft, dass sich in ihrer Nähe keine Hinregion befindet, die eine wichtige Funktion enthält (wie zum Beispiel ein Sprach- oder Bewegungszentrum).

Mit der modernen Technik, allen voran der hochauflösenden Kernspintomographie, der EEG-Diagnostik und der Analyse des Ablaufes der Anfälle sind heutzutage sehr umschriebene, kleine Eingriffe möglich. Nach einer in der Regel sehr kleinen Eröffnung des Schädelknochens wird das die Epilepsie verursachende Gewebe dann durch den Neurochirurgen vorsichtig gelöst und entnommen. Dieses geschieht in unter Vollnarkose. Während der OP kann noch eine EEG-Diagnostik nötig werden, oder auch eine Lokalisation wichtiger Hinrfunktionen.

Sehr häufig gehen epilepsiechirurgische Eingriffe ohne dauerhafte postoperative Einschränkungen des Patienten einher. Manchmal weiß ein Patient aber in vorhinein, dass es durch die Operation zu neurologischen Schäden kommen wird (z.B.

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Heutzutage sind epilepsiechirurgische Eingriffe maßgeschneidert und viel kleiner als noch vor 10 Jahren. Mitunter kann das entfernte Gewebe lediglich die Größe einer Kirsche haben. Sofern bei der OP tatsächlich die gesamte epileptogene Zone entfernt wurde und nach der OP keine Anfälle mehr auftreten und auch das EEG und das MRT postoperativ keinen Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für erneute Anfälle zeigen, wird mit dem Patienten zusammen ein Plan ausgearbeitet, wie die Medikamente langsam, z.B.

Theoretisch ja, wie bei jeder OP. Praktisch kommt es jedoch so gut wie nie vor. Es sterben deutlich mehr Patienten durch die Epilepsie selbst (z.B.

Fallbeispiele

  • Fall 1: Bei Erstvorstellung 23-jährige Patientin, Anfälle seit der Jugend. Die Anfälle gingen mit Phasen fehlender Reaktionsfähigkeit einher (0-5/Woche, teils 4/Tag), aber auch mit Stürzen ohne Vorankündigung (alle 2 Monate). Selten auch generalisiert tonisch-klonische Anfälle. Als wahrscheinliche Ursache der Epilepsie war eine Läsion im rechten Hinterhauptslappen des Gehirns bekannt. Wegen erfolgloser Therapien mit 7 Antiepileptika wurde ein prächirurgische Diagnostik mit Anfallsaufzeichnung in der Ruhr-Epileptologie durchgeführt und ein Anfallsursprung im Bereich der Läsion gesichert. Per Patientin wurde eine OP mit 70-80% Chance auf Anfallsfreiheit angeboten. Nach Abwägen von Chance auf Anfallsfreiheit und Risiken der OP entschied sich die Patientin für die OP. Postoperativ ist die Patientin anfallsfrei, es hat sich keine Halbseitenblindheit ausgebildet.
  • Fall 2: Bei Erstvorstellung 25-jähriger Patient. Bis zum 13. Lebenjahr gesund, dann Ausbildung einer Epilepsie mit bis zu 100 Anfällen/Tag. Als Ursache für die Epilepsie kommen mehrere Narben in der rechten Gehirnhälfte infrage, deren Herkunft jedoch nicht geklärt werden konnte. Trotz zahlreicher Medikamente gegen Anfälle konnte nie Anfallsfreiheit erzielt werden. Nachdem mittels EEG gesichert werden konnte, dass alle Anfälle aus der rechten Hirnhälfte kamen, und mittels Wada-Test bewiesen werden konnte, dass in der rechten Hirnhälfte keine Funktionen mehr vorhanden waren, die der Patient im Alltag braucht, wurde dem Patienten eine Hemisphärotomie rechts angeboten. Der Patient entschied sich für die OP. So erfreulich die Anfallsfreiheit ist: die Schäden durch die zu frühere hohen Phenytoin-Medikation bleiben. Die Fein- und Grobmotorik der rechten Körperhälfte ist sehr ungenau (Ataxie). Er kann jedoch bereits viel flüssiger und verständlicher Sprechen als vor der OP. Er kann langsam schreiben, lernt einen Computer mit großen Tasten zu bedienen und baut seine Muskeln auf um langristig wieder laufen zu können.
  • Fall 3: Bei Erstvorstellung 44-jähriger Patient. Anfälle seit dem 4 Lebensjahr. Die Anfälle gehen mit einem initialen Unwohlsein einher, dann Beugeanspannung beider Arme, Anspannung im Rumpf und Sturz, sofern die Anfälle im Stehen oder Sitzen auftraten. Trotz insgesmt 8 verschiedenen Antiepileptika lag die Anfallsfrequenz zuletzt bei >20/Tag (auch im Video-EEG dokumentiert). In Rahmen der nicht-ivasiven prächirurgischen Epilepsiediagnsotik lieferte das Aussehen der Anfälle einen Verdacht auf einen Anfallsurprung im rechten Stirnlappen nahe der Mittellinie (supplementär-motorische Region). Dieser Verdacht konnte durch das EEG und und eine PET-Untersuchung erhärtet werden. Es folgte eine vorübergehende Einpflanzung (Implantation) von EEG-Elektroden in das Gehirn, in die vermutete Fehlbildung und entfernt hiervon, wodurch der Anfallsurprung in der vermuteten Region gesichert werden konnte. Nach deren Entfernung (die Fehlbildung bestätigte sich in der mikroskopischen Untersuchung) ist der Patient ohne Schäden seit über 1,5 Jahren anfallsfrei für die früheren Anfälle.

Bedeutung der Früherkennung und Behandlung

Eine Epilepsie bricht meist früh in das Leben der Betroffenen ein: Rund drei von vier Patienten leiden schon in ihrer Kindheit an den wiederkehrenden epileptischen Anfällen. Gerade in jungen Jahren kann die Krankheit die Entwicklung beeinträchtigen, sowie berufliche und soziale Möglichkeiten stark einschränken. Durch eine Operation können rund zwei Drittel der jugendlichen Patienten dauerhaft anfallsfrei werden, bei Erwachsenen immerhin noch 58 Prozent. Zudem haben die meisten postoperativ nicht anfallsfreien Patienten deutlich weniger Anfälle als vor der OP. Dennoch wird diese wichtige Therapieoption noch immer zu selten oder zu spät genutzt, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung e.V. (DGKN).

Derzeit befinden sich in Deutschland rund 640 000 Menschen wegen einer Epilepsie-Erkrankung in ärztlicher Behandlung. Mithilfe moderner Antikonvulsiva können rund 70 Prozent von ihnen anfallsfrei leben. „Das bedeutet aber auch, dass bei fast jedem dritten Betroffenen die medikamentöse Therapie allein nicht ausreicht“, sagt Professor Dr. med. Felix Rosenow, Leiter des Epilepsiezentrums Frankfurt Rhein-Main der Goethe Universität Frankfurt/Main und 1. Vizepräsident der DGKN. Hier stelle die operative Entfernung des Epilepsieherdes eine wichtige Behandlungsmöglichkeit dar.

Für welche Patienten ein chirurgischer Eingriff infrage kommt, welche Erfolgsaussichten bestehen und mit welchen Funktionsausfällen auf der anderen Seite zu rechnen ist - Fragen wie diese können heute bereits im Vorfeld der Operation recht präzise geklärt werden. „Mithilfe von Hirnstrom-Ableitungen (EEG), der Magnetoenzephalografie (MEG) und modernen bildgebenden Verfahren wie der speziellen epilepsieangepassten Hochfeld-Kernspinntomographie (3T MRT) lässt sich die auslösende Hirnregion sehr genau eingrenzen“, sagt Rosenow. Diese Untersuchungen seien eine wichtige Voraussetzung dafür, einen operativen Eingriff überhaupt planen zu können.

Umso kritischer sieht der Neurologe die Tatsache, dass Teile der spezialisierten präoperative Diagnostik wie die MEG und EEG-Quellenlokalisation bislang nicht mit den Krankenkassen abgerechnet werden kann und nur im Rahmen von Forschungstätigkeit eingesetzt wird.

Die Entscheidung für oder gegen eine chirurgische Intervention liegt immer beim Patienten selbst, betont Rosenow. Zuweilen sei hier eine schwere Entscheidung zu treffen - wie etwa bei einem kleinen Mädchen, deren Epilepsie sich durch Handzuckungen bemerkbar machte, darüber hinaus aber auch die Gehirnentwicklung erheblich beeinträchtigte. „Durch die Entfernung des Anfallsherdes konnte das Gehirn des Mädchens sich wieder normal entwickeln. Der Preis hierfür war jedoch eine dauerhafte Lähmung der betroffenen Hand“, berichtet Rosenow. Solche neurologischen Defizite seien in manchen Fällen unvermeidbar - immerhin werde ja Gehirngewebe entfernt - könnten aber heute auf ein Minimum begrenzt werden.

Dennoch betrachten nicht nur Patienten, sondern auch viele Ärzte die Operation noch immer als Mittel der letzten Wahl. „Im Durchschnitt werden Patienten 16 Jahre lang medikamentös therapiert, bevor die Überweisung an ein Zentrum mit epilepsiechirurgischer Expertise erfolgt“, sagt Rosenow. In der Zwischenzeit verlieren manche Betroffenen aufgrund der Anfälle ihre Arbeit, ihren Führerschein oder ihre Lebenspartner.

Minimal-invasive Verfahren

Nach sorgfältiger Auswahl unter epileptologischen Gesichtspunkten haben invasive Verfahren bei pharmakoresistenten Epilepsien (definiert als das Ausbleiben von Anfallsfreiheit nach mindestens zwei adäquat ausgewählten und dosierten Antiepileptika) einen besseren Therapieerfolg als eine weitere medikamentöse Behandlung. Unter den minimal-invasiven Verfahren - Ablation und Neuromodulation - hat bei bestimmten Indikationen die Ablation auch einen potenziell kurativen Ansatz. Die neuromodulativen Verfahren hingegen streben eine Verhinderung der Anfallsausbreitung an, wobei je nach Verfahren auf einen unterschiedlichen Erfahrungshintergrund bzw. eine unterschiedliche Evidenzklasse zurückgegriffen werden kann.

Stereotaktische Laser-Thermoablation

Eine wesentliche Weiterentwicklung für Epilepsie-Patienten erbrachte die stereotaktische Laser-Thermoablation (nur das System „Visualase“ von der Firma Medtronic ist in Europa zugelassen), da zum ersten Mal unter gleichzeitiger Bildkontrolle auch größere Gewebezerstörungen durchgeführt werden können. Dabei wird zu der ausgewählten Region (also die Region, von der die epileptischen Anfälle herrühren) eine kleine Sonde mit einer Glasfaser geschoben und mittels Laserenergie das ausgewählte Hirngewebe zerstört.

Der Vorteil eines Lasers zur Hitzeanwendung ist, dass größere Gewebevolumen zerstört werden können und eine wesentlich größere Anzahl von Patienten nun operiert werden können.

Während der Operation werden spezielle Kernspintomogramm-Sequenzen genutzt, die - vereinfacht gesprochen - einem „dreidimensionalen Thermometer“ entsprechen. Temperaturveränderungen im Gehirn können räumlich „online“ gesehen werden. Der Neurochirurg kann daher online das genaue Volumen, das er gerade zerstört, sehen. Ein anderer Vorteil ist, dass während der Operation im Kernspintomogramm mehrere Marker gesetzt werden können, die dafür sorgen, dass der Laser sich automatisch ausschaltet, wenn die Temperatur über die ungefährlichen 38-39°C steigt. Auf diese Weise können spezielle Regionen besonders geschützt werden.

Vagusnervstimulation

Mit der elektrischen Stimulation des Nervus vagus verfügen wir über ein Therapieverfahren für sehr spezielle Patienten mit Epilepsie. In einigen Fällen lassen sich epileptische Anfälle nur sehr schwer kontrollieren. Und dies obwohl eine regelmäßige Einnahme der Medikamente, auch von mehreren Antikonvulsiva, sicher gestellt ist und mehrere Substanzen ausprobiert wurden. Dies trifft vor allem für Patienten zu, die mehrere auslösende Herde für epileptische Anfälle im Gehirn aufweisen.

Für diese Patienten mit mehreren auslösenden Herden ist es leider nicht möglich durch eine einfache Entfernung von Hirngewebe den auslösenden epileptischen Herd auszuschalten. Hierbei wird ein permanenter Vagus-Nerv-Stimulator am Hals sowie ein kleiner Generator am Brustkorb implantiert. Das Gerät ist einem Herzschrittmacher ähnlich und liegt unter der Haut kurz unter dem Schlüsselbein. Dadurch können wir die Anfallshäufigkeit senken und die Lebensqualität erhöhen.

Sorgfältige Patientenauswahl ist wichtig

Um aber den neurochirurgischen Eingriff wirklich bei Ihnen erfolgreich zu gestalten, müssen wir im Vorfeld sorgfältig unter anderem überprüfen: ob Sie zu den Patienten gehören, für die keine Alternativen bereitstehen, worin der Grund für Ihr Anfallsleiden besteht, wie hoch wir die Erfolgsaussichten durch die Nervus-Vagus-Stimulation einschätzen.

Wir führen daher in Zusammenarbeit mit unserem Spezialisten für Epilepsie in unserem Haus diese Implantation eines Vagus-Nerv-Stimulators bei einer therapieresistenten Epilepsie durch.

Weitere Therapieansätze

Neben medikamentösen und chirurgischen Behandlungen gibt es weitere Therapieansätze, die die Anfallshäufigkeit und -schwere reduzieren können:

  • Ketogene Diät: Dabei wird die Ernährung auf fettreichere, kohlenhydratreduzierte Produkte umgestellt. Es werden vorwiegend gesunde Fette verwendet. So kann nicht nur die Anzahl epileptischer Anfälle verringert, sondern auch Ihr Ernährungszustand verbessert werden.
  • Verhaltensorientierte Strategien: Nach und nach lernen Sie, Ihre Krankheit besser zu verarbeiten, zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Durch die psychische Entlastung kann es zu einer deutlichen Verbesserung der Anfallssituation kommen, besonders dadurch, dass die Angst vor der Krankheit gemildert wird.
  • Vermeidung von Anfallsauslösern: Um solche Zusammenhänge zuverlässig zu entdecken, ist eine genaue Beobachtung erforderlich, am besten in Form eines Tagebuchs. Hier halten Sie fest, welche Faktoren Ihre Anfälle fördern, wie diese aussehen und wie oft und in welchen Formen sie auftreten, aber auch, in welchen Situationen selten oder nie Anfälle auftreten.
  • Unterbrechung der Aura: Die Grundregel für ein wirksames „Gegenmittel“ lautet, dass das „Gegenteil“ der Anfallssymptome versucht werden sollte: Einem „epileptischen Kribbeln“ wird durch Reiben der betroffenen Körperstelle begegnet, ein komischer Geschmack im Mund kann durch Einnahme einer Prise Salz unterbrochen werden, bei plötzlicher und intensiver Wahrnehmung der Farbe Rot wird intensiv an die Farbe Grün gedacht.

Fehldiagnosen und erste Anzeichen

Die Rate an Fehldiagnosen eines epileptischen Anfalls oder einer Epilepsie liegt laut Studien zwischen rund fünf und 30 Prozent. Bei leichteren Anfällen, die ohne motorische Symptome auftreten, werden epileptische Anfälle häufig nicht diagnostiziert. Auch schlafbezogene Bewegungs- und Verhaltensstörungen, Ticks oder Panikattacken werden mit epileptischen Anfällen verwechselt.

Tritt ein Anfall zum ersten Mal auf, sollte umgehend medizinisch überprüft werden, ob es sich tatsächlich um einen epileptischen Anfall gehandelt hat. Voraussetzung für eine sichere Diagnose ist eine möglichst genaue Beschreibung des Anfalls auch durch Augenzeugen. Epilepsietypische Auffälligkeiten können sich im Elektroenzephalogramm (EEG) oder Kernspintomogramm (MRT) bereits nach einem erstmalig auftretenden epileptischen Anfall zeigen.

Leben mit Epilepsie: Herausforderungen und Perspektiven

Menschen mit Epilepsie können meist nicht vorhersagen, ob und wann sie einen epileptischen Anfall bekommen. Und genau das macht ihn gefährlich: Gerade bei einem großen Anfall kann es durch Bewusstlosigkeit zu Stürzen und damit verbunden zu Verletzungen kommen. Aber auch die häufigeren kleineren Anfälle können Betroffene körperlich und psychisch belasten. Hinzu kommen Vorurteile und Stigmata, die den Alltag für Menschen mit Epilepsie zusätzlich erschweren. So ist im Verlauf der Erkrankung das Risiko für eine Depression erhöht. Insgesamt haben Menschen mit Epilepsie ein erhöhtes Sterberisiko.

Menschen mit Epilepsie dürfen nicht selbst Auto fahren, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten einen Anfall hatten. In diesem Fall sollte man zum Beispiel nicht alleine schwimmen gehen. Denn wenn ein epileptischer Anfall im Wasser auftritt und nicht sofort ein Rettungsschwimmer zur Stelle ist, kann das tödlich enden: So ist auch die Haupttodesursache von Menschen mit Epilepsie ein Tod durch Ertrinken. Ebenfalls vorsichtig sein sollten Betroffene beim Baden in einer Badewanne sein - auch hier kann es zum Ertrinken kommen.

Verhalten bei einem Anfall

Im Vordergrund steht, dass sich der Betroffene während eines Anfalls nicht verletzt. Wenn er oder sie bereits auf dem Boden liegt, zucken häufig Arme und Beine oder sie wirken versteift. Auch der Kopf kann zucken und dabei immer wieder auf den Boden aufschlagen. Manchmal kommt es zu einem Zungenbiss, dennoch sollte man niemals versuchen, während des Anfalls etwas in den Mund zu schieben. Der Blutverlust beim Zungenbiss ist sehr gering, durch die Verdünnung mit Speichel wirkt es mehr, als es ist. Daher gilt: Ruhe bewahren. Der Anfall selbst ist meist nach ungefähr einer Minute vorbei. Um die Zeit sicher zu messen, lohnt ein Blick auf die Uhr. Die Beobachtungen der Augenzeugen liefern später oft entscheidende Informationen bei der Diagnosefindung. Wichtige Fragen dabei sind zum Beispiel: Was ging dem Anfall voraus? Wie sah der Sturz aus, wenn es einen gab? Waren die Augen geöffnet oder geschlossen? Auf welcher Körperseite begannen die Verkrampfungen? In welche Richtung war der Kopf gedreht?

Nach einem großen Anfall kann es sein, dass die Person nicht direkt wieder orientiert oder kommunikationsfähig ist. Dafür braucht es meist 15 bis 30 Minuten, bei älteren Patienten kann es auch länger dauern. Manche Menschen mit bekannter Epilepsie können sich aber auch schnell erholen und ihrer Tätigkeit weiter nachgehen. Nach einem ersten Anfall ist aber immer zügig eine ärztliche Untersuchung notwendig.

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