Die Elternschaft ist eine transformative Erfahrung, die weit über die offensichtlichen Veränderungen im Lebensstil hinausgeht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sie tiefgreifende Auswirkungen auf die Gehirnstruktur und -funktion von Müttern und Vätern hat. Diese Veränderungen sind nicht nur vorübergehend, sondern können dauerhaft sein und die Art und Weise beeinflussen, wie Eltern mit ihren Kindern interagieren und die Welt um sie herum wahrnehmen.
Neuronale Veränderungen bei Müttern während und nach der Schwangerschaft
Dr. Julia Zwank, Professorin für Business Psychology und Expertin für Entwicklungspsychologie, betont, dass die Veränderungen im Gehirn, die mit der Elternschaft einhergehen, die bedeutendsten im gesamten Erwachsenenleben sind und mit denen während der Pubertät verglichen werden können. Die Natur baut unser Gehirn buchstäblich um, um uns auf unsere Rolle als Fürsorgende für ein schutzbedürftiges Wesen vorzubereiten.
Schon in der Schwangerschaft sehen wir zum Beispiel, dass die graue Hirnsubstanz in bestimmten Arealen ab- und in anderen Arealen zunimmt, was sich nach der Geburt weiter fortsetzt. Eltern haben im Vergleich zu Nicht-Eltern stärkere neuronale Netzwerke, die zum Beispiel mit einer erhöhten Wachsamkeit für Bedrohungen verbunden sind. Diese intensiven Veränderungen finden während eines relativ kurzen Zeitraums statt.
Diese Veränderungen beginnen bereits während der Schwangerschaft und setzen sich über die Geburt hinaus fort. Studien zeigen, dass sich in Momenten der Nähe zwischen Babys und ihren Eltern ihre körperlichen Funktionen synchronisieren. Dies geschieht immer dann, wenn wir gemeinsam glücklich sind, wenn wir einander in die Augen sehen und gemeinsame Freude empfinden. Ein Beispiel hierfür ist die Mutter, die liebevoll das Baby auf dem Wickeltisch anlächelt oder der Vater, der mit dem Baby auf dem Arm tanzt oder begeistert „Kuckuck“ spielt - immer und immer wieder.
Die Hormonumstellung während der Schwangerschaft spielt eine entscheidende Rolle bei diesen Veränderungen. Eine aktuelle Studie von Forschenden des Francis Crick Institute in London, England, die in der Fachzeitschrift Science erschienen ist, zeigte, dass ein kleines Areal im Gehirn trächtiger Tiere durch bestimmte Schwangerschaftshormone so beeinflusst wird, dass es zu einer teilweise permanenten Neuverdrahtung der betroffenen Neuronen kommt. Laut der Studie sind die Hormone Östrogen und Progesteron für die Verhaltensänderung verantwortlich.
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Östrogen beeinflusst diesen Teil des Gehirns werdender Mütter auf zwei verschiedene Arten: Zum einen hemmt es die Aktivität der Neuronen, zum anderen macht es sie empfindlicher. Progesteron sorgt für eine erhöhte Rekrutierung von Eingängen an den Synapsen, schafft also mehr Punkte, über die die Neuronen miteinander kommunizieren können. Die Studienautoren gehen davon aus, dass es vor allem während der späten Schwangerschaft eine kritische Phase gibt, in der die fraglichen Hormone die Verhaltensänderung auslösen.
Diese Veränderungen, die oft als "Babygehirn" bezeichnet werden, bewirken eine Änderung der Prioritäten. Während Jungmäuse sich vor allem auf die Paarung konzentrieren, ist ihm zufolge bei Muttertieren ein robustes elterliches Verhalten wichtig, mit dem das Überleben der Jungen gesichert wird. Genau dieses wird durch die Neuverdrahtung des Gehirns begünstigt. Dabei sind die Veränderungen im Gehirn der Studie zufolge von unterschiedlicher Dauer. Während manche Effekte bis mindestens einen Monat nach der Geburt anhalten, sind andere offenbar permanent.
Die Rolle des Vaters: Mehr als nur eine unterstützende Figur
Lange wurde geglaubt, ein Kind bräuchte „nur eine liebevolle Mutter“. Doch das ist weit gefehlt. Der Einfluss des Vaters ist größer, als viele denken. Kinder, die mit liebevollen Vätern aufwachsen, brechen deutlich seltener die Schule ab oder landen im Gefängnis als Kinder, deren Vater abwesend ist und die kein anderes männliches Vorbild haben. Wenn Kinder enge Beziehungen zu Vaterfiguren haben, sind sie seltener in riskante Verhaltensweisen involviert und in der Pubertät deutlich weniger aggressiv oder kriminell. Als Erwachsene haben sie deutlich häufiger gut bezahlte Jobs und gesunde, stabile Beziehungen. Außerdem haben sie schon im Alter von drei Jahren tendenziell höhere IQ-Testergebnisse und leiden im Laufe ihres Lebens weniger an psychischen Problemen.
Auch bei Vätern, bei Adoptiveltern und bei engsten Bezugspersonen treten Gehirnveränderungen auf. Hier kommt es auf die Qualität der Interaktion an. Denn die Verhaltensweisen, die diese Synchronisierung zwischen Erwachsenem und Kind und damit die Gehirnentwicklung bei Eltern und Kind fördern, haben alle eines gemeinsam: Sie treten bei Verbindung und in positiven sozialen Interaktionen auf. Nähe, Augenkontakt und sanfte Berührungen. Eltern, die ihre Babys halten, tragen, für sie singen und mit ihnen kuscheln, die sensibel und aufmerksam auf das Weinen ihrer Babys reagieren, die die innere Welt ihrer Babys mit Neugier beobachten: Es sind diese liebevollen und achtsamen Interaktionen, die nicht nur die Bindung zwischen Eltern und Kind stärken, sondern auch die Grundlage für eine gesunde Entwicklung des kindlichen und elterlichen Gehirns bilden.
Allerdings macht nachdenklich, dass Kinder, die von ihrem Vater zurückgewiesen werden, signifikant ängstlicher, unsicherer, aggressiver gegenüber anderen und feindseliger sind als Kinder, die einen liebevollen Vater erfahren. Ein zurückweisender Vater hat einen viel größeren negativen Einfluss als eine zurückweisende Mutter.
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"Liebevoll" bedeutet vor allem gemeinsam verbrachte Zeit, wobei die Qualität der Zeit jedoch wichtiger ist als die Quantität. Gemeinsames Fernsehen hilft hier zum Beispiel noch nicht viel. Es zählen gemeinsame Erfahrungen, Erlebnisse, bei denen positive Emotionen entstehen.
Neuronale Synchronie: Wenn Eltern und Kinder auf der gleichen Wellenlänge sind
Neue technologische Entwicklungen in den sozialen Neurowissenschaften erlauben es seit kurzem anstatt einer einzelnen Person zwei (oder mehr) Personen gleichzeitig mittels bildgebender Verfahren zu untersuchen. Ein spezielles Augenmerk gilt dabei der wechselseitigen Anpassung der Gehirnaktivität, auch neuronale Synchronie genannt. Zustande kommt die neuronale Synchronie durch gleichzeitige und wiederkehrende Aktivierung von Neuronengruppen - sogenannte interne (oder endogene) Oszillatoren - in beiden Interaktionspartnern. Genauer gesagt beeinflussen die neuronalen Oszillatoren des/der einen Interaktionspartnerin die Oszillatoren des/der anderen Partnersin und passen sich diesen an.
Dr. Melanie Kungl vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) hat zusammen mit Forschenden aus Berlin, Leipzig, Wien, Rom und Großbritannien untersucht, wie sich in solchen Situationen die Gehirne von Eltern und Kind aufeinander abstimmen und wie der neuronale Gleichklang mit unseren Bindungserfahrungen zusammenhängt.
In ihren Studien untersuchte sie mit Hilfe von fNIRS die neuronale Synchronie während die Eltern-Kind Paare entweder gemeinsam (oder als Kontrollkondition alleine) Tangram-Puzzles lösten oder sich miteinander unterhielten. Alle Kinder waren zwischen fünf und sechs Jahre alt. Die Ergebnisse zeigten, dass die neuronale Synchronie während des gemeinsamen (versus individuellen) Puzzelns erhöht war und während der Unterhaltung mit zunehmender Gesprächsdauer zunahm. Zudem fanden die Forschenden Anzeichen dafür, dass eine höhere Beziehungsqualität mit stärkerer neuronaler Synchronie einherging. Interessanterweise fanden sie in den Ergebnissen der Mutter-Kind-Daten im Vergleich zu den Vater-Kind-Daten nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch ein paar Unterschiede. So war die neuronale Synchronie nicht immer in den gleichen Gehirnarealen am stärksten.
Eine überraschende Erkenntnis war, dass nicht immer ein neuronaler Gleichklang zwischen Eltern und Kindern ein positives Zeichen zu sein scheint. Es zeigte sich, dass sich zwar sowohl unsicher als auch sicher gebundene Personen ihr Verhalten beim Lösen der Aufgabe vergleichbar gut aufeinander abstimmten. Die Synchronie der Gehirnwellen unterschied sich jedoch abhängig von kindlichen und elterlichen Bindungsrepräsentationen. Überraschend war für die Wissenschaftler/-innen, dass sich gerade bei Paaren mit unsicher gebunden Müttern eine erhöhte Synchronie zeigte. Dies deutet darauf hin, dass stark ausgeprägte neuronale Synchronie bei Eltern-Kind-Paaren mit unsicher gebundenen Müttern in besonderem Maße nötig ist, um eine gelungene Interaktion zu führen. Man könnte also sagen, dass diese Paare sich mental mehr anstrengen müssen, um gut zu harmonieren. Dauerhaft könnte dies zu einer Überlastung führen, weswegen es wichtig ist, solche Mechanismen frühzeitig zu erkennen.
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Die Superkräfte des Elterngehirns
Es entwickelt sich eine Art Netzwerk im Gehirn, das manche Forschende sogar als „globales Elternnetzwerk“ bezeichnen. Das sorgt dafür, dass Eltern sich auf ihre Babys einstellen können und ihre Bedürfnisse lesen lernen. Viele Eltern beginnen, plötzlich alle potenziellen Gefahren im Alltag zu sehen - die scharfe Kante, das hohe Gerüst, die zu große Traube, die das Kind verschlucken könnte. Das ist die Wachsamkeit und die Sensibilität, die in einem Elternhirn erhöht ist. Oder denken wir an Mamas und Papas, die die unterschiedlichen Laute ihres Kindes unterscheiden können, wissen, wann es Hunger hat, müde ist oder auf den Arm genommen werden will. Oder Eltern, die nachts stundenlang ihr Neugeborenes schaukeln, auch wenn sie selbst völlig übermüdet sind. Das Elterngehirn ist wie eine Art Superkraft, mit der uns die Natur ausstattet. Wir sind also eine gewisse Zeit lang aufmerksamer, leistungsfähiger, ausdauernder und kommen zudem mit weniger Schlaf aus.
Aktuelle Langzeituntersuchungen weisen darauf hin, dass diese strukturellen und funktionalen Veränderungen bestehen bleiben.
Elternschaft als Training für das Gehirn
Eine Großstudie belegt, dass Kinder das Gehirn ihrer Eltern trainieren. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Elternschaft eine positive Auswirkung auf unser Gehirn haben kann. Eine Studie mit fast 37.000 Erwachsenen, durchgeführt von Forschern der Rutgers University und der Yale University, beide in den USA, hat gezeigt, dass das Gehirn von Eltern Aktivitätsmuster aufweisen kann, die typischen altersbedingten Veränderungen entgegenwirken. Die Forscher analysierten Gehirnscans und Familieninformationen aus einer großen Datenbank, der UK Biobank. Es zeigte sich, dass Eltern mit mehr Kindern eine stärkere Konnektivität in wichtigen Hirnnetzwerken aufwiesen, vor allem in den Bereichen Bewegung und Sinneswahrnehmung. Der Effekt scheint kumulativ zu sein: Je mehr Kinder die Eltern hatten, desto stärker waren die Unterschiede im Gehirn ausgeprägt.
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