Die Neurologie ist ein Fachgebiet, das in den letzten Jahren große Fortschritte sowohl in der Diagnostik als auch der Behandlung neurologischer Krankheiten erreicht hat. Die Klinik bietet die Versorgung des gesamten Spektrums neurologischer Erkrankungen für die betroffenen Patientinnen und Patienten an. Die Oberärztinnen und Oberärzte haben sich spezialisiert, um die Fortschritte in Diagnostik und Therapie zum Wohle der Patientinnen und Patienten umsetzen zu können. Die Klinik wird von Neuropsychologinnen unterstützt, die sowohl in der Differenzialdiagnostik von Demenzen als auch in der Rehabilitation zur Diagnosestellung und Behandlung der Patientinnen und Patienten beitragen. Das Team wird darüber hinaus verstärkt durch Assistenzärztinnen und -ärzte.
Epilepsie im Fokus: Definition, Ursachen und Therapie
Epilepsien gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. In Deutschland sind rund 600.000 - 800.000 Menschen betroffen. Bis zu 10% der Menschen haben in ihrem Leben einen epileptischen Anfall. Von einer Epilepsie wird jedoch erst bei einem erhöhten Risiko für wiederholte unprovozierte epileptische Anfälle gesprochen.
Es gibt vielfältige Ursachen für Epilepsien. Genetische Epilepsien treten beispielsweise eher im jüngeren Lebensalter auf. Mit zunehmendem Lebensalter nehmen dann erworbene Hirnveränderungen als Ursache für sich neu manifestierende Epilepsien an Bedeutung zu. Oft lässt sich in der Diagnostik, die neben einer Elektroenzephalographie (EEG) und einer bildgebenden Diagnostik (v.a. MRT) auch andere Untersuchungen umfassen kann, jedoch auch keine eindeutige Ursache finden.
Insgesamt gibt es drei wesentliche Säulen der Epilepsietherapie:
- Anfallssupprimierende Medikamente: Eine Vielzahl an Medikamenten steht zur Verfügung, mit denen bei etwa 70% der Patientinnen und Patienten mit Epilepsie mit den ersten beiden medikamentösen Therapieversuchen Anfallsfreiheit erreicht werden kann.
- Epilepsiechirurgische Behandlung: Besteht eine Pharmakoresistenz, sollte evaluiert werden, welche Chancen und Risiken eine epilepsiechirurgische Behandlung hat.
- Stimulationsverfahren: Als weitere Therapiemöglichkeit stehen zudem Stimulationsverfahren (u.a. Vagus-Nerv-Stimulation oder das EASEE System in Betracht.
Vielfalt der Anfallsformen und Bedeutung der Anfallsbeschreibung
Ein epileptischer Anfall kann sich auf unterschiedliche Art äußern. Häufig treten Zuckungen einzelner Körperteile auf, genauso aber gibt es auch sehr milde, eher symptomarme Anfälle. In der Regel beginnt ein epileptischer Anfall plötzlich und ohne erkennbaren Anlass. Nach wenigen Minuten hört er von selbst wieder auf. Die Rate an Fehldiagnosen eines epileptischen Anfalls oder einer Epilepsie liegt bei bis zu 30%.
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Wichtig zur Vermeidung von Fehldiagnosen ist daher eine möglichst genaue Beschreibung des Anfalls durch Dritte. Diese Beobachtungen liefern später oft entscheidende Informationen bei der Diagnosefindung. Wichtige Fragen dabei sind zum Beispiel:
- Was ging dem Anfall voraus?
- Wie sah der Sturz aus, wenn es einen gab?
- Waren die Augen geöffnet oder geschlossen?
- Auf welcher Körperseite begannen Zuckungen?
- In welche Richtung war der Kopf gedreht?
Spezialisierte Versorgung in MZEB und Epilepsie-Ambulanzen
In einem MZEB (Medizinisches Zentrum für Erwachsene mit Behinderung) werden Patientinnen und Patienten behandelt, die von einem Fach- oder Hausarzt an das MZEB zugewiesen wurden. Ein MZEB versteht sich als Behandlungszentrum, das Ihnen nach Überweisung vom Haus- oder Facharzt beratend und behandelnd zur Verfügung steht. Um in einem MZEB behandelt werden zu können, gibt es ggf. Zugangskriterien, die je nach Ausrichtung des MZEB variieren können.
Die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie hat 1998 eine Arbeitsgruppe beauftragt, eine Definition von Schwerpunktpraxen zu erarbeiten.
Deutschlandweite Übersicht:
- Zur Zeit gibt es in Deutschland 58 Schwerpunktpraxen Epileptologie.
- Zur Zeit gibt es in Deutschland 50 Epilepsie-Ambulanzen für Jugendliche und Erwachsene.
- Zur Zeit gibt es in Deutschland 97 Epilepsie-Ambulanzen für Kinder und Jugendliche.
- Zur Zeit gibt es in Deutschland 57 Epilepsiezentren.
- Zur Zeit gibt es in Deutschland 23 Epilepsie-Beratungsstellen.
Diagnostische Methoden in der Neurologie
Die Neurologie ist ein Fachgebiet, das eine Vielzahl diagnostischer Methoden bietet, um Funktionen des zentralen und peripheren Nervensystems sowie der Muskulatur zu erfassen. Im Falle komplexer Fragestellungen kann der Bedarf nach mehreren diagnostischen Modalitäten bestehen, welche aufgrund der Menge oder Spezialisierung der Untersuchungsmethoden von der Infrastruktur der Universitätsmedizin Greifswald deutlich profitieren.
Neurologische Klinik und Tagesklinik: Umfassende Behandlungskonzepte
In der Neurologie werden komplexe Erkrankungen behandelt, deren Diagnostik und Therapie in schweren Fällen eines spezialisierten Ansatzes mit hoher Therapiedichte bedarf. Es werden in der Tagesklinik einerseits chronische neurologische Erkrankungen behandelt, deren Komplexität und krankheitsbedingten Einschränkungen für die körperliche und psychische Gesundheit mit einem multiprofessionellen und interdisziplinären Angebot begegnet wird.
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Die Tagesklinik bietet spezialisierte Module für verschiedene neurologische Erkrankungen:
- Kopfschmerzerkrankungen: Ein einwöchiges multimodales Therapieprogramm einschließlich medikamentösen Interventionen, ärztlichen und psychologischen Einzel- und Gruppentherapien, Edukationsverfahren sowie Physio- und Ergotherapie und dem Erlernen von Entspannungsverfahren geht auf die vielschichtigen Einflussfaktoren der Aktivität der Kopfschmerzerkrankung ein.
- Neurodegenerative Erkrankungen (Parkinson, Demenz): Dieses fünftägige Modul, verteilt über 2 Wochen, beinhaltet neben hochfrequenten ärztlichen Interventionen ergänzende physio- und ergotherapeutische Maßnahmen, Logopädie, psychologische Psychotherapie und Diagnostik sowie spezialisierte Therapieangebote durch geschultes Fachpersonal.
Neurologische Frührehabilitation
Patientinnen und Patienten, die besonders schwer betroffen sind, bei denen aber noch ein Rehabilitationspotenzial besteht, können auf der Neurologischen Frührehabilitation in der Phase B behandelt werden. Hier werden auch schwer betroffene Patientinnen und Patienten mit anderen neurologischen Krankheitsbildern versorgt.
Behandlungsschwerpunkte der Neurologischen Klinik
Die Neurologische Klinik bietet ein breites Behandlungsangebot für verschiedene neurologische Erkrankungen:
- Neurovaskuläre Erkrankungen: Hirninfarkt, Hirnblutung, Subarachnoidalblutung (SAB), Hirnvenenthrombose und Vaskulitis.
- Erkrankungen des peripheren Nervensystems und der Muskulatur: Polyneuropathien, CIDP, Nervenengpasssyndrome, ALS, Myasthenie und Myopathien.
- Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems: Multiple Sklerose, Neuromyelitis optica, autoimmune Enzephalitiden und Neurosarkoidose.
- Anfallsleiden: Epileptische Anfälle und nicht-epileptische Anfallsereignisse wie Synkopen und psychogene Anfälle.
- Bewegungsstörungen und Demenzen: Parkinsonsyndrome, Demenzen, Bewegungsstörungen, Normaldruckhydrozephalus.
- Weitere neurologische Erkrankungen: Schwindel, Kopfschmerzen, Hirnnervensyndrome, Tumore und Transiente Globale Amnesie (TGA).
Dystonie-Forschung am UKW: Neue Erkenntnisse und Therapieansätze
Die Neurologische Klinik und Poliklinik am UKW (Universitätsklinikum Würzburg) hat einen klaren Schwerpunkt auf Bewegungsstörungen, insbesondere Dystonie. Lisa Harder-Rauschenberger und Chi Wang Ip forschen intensiv an den Ursachen und Therapiemöglichkeiten dieser komplexen Bewegungsstörung.
Was ist Dystonie?
Eine Dystonie ist eine komplexe Bewegungsstörung, bei der es zu abnormen Haltungen und unwillkürlichen Bewegungen kommt. Diese entstehen durch eine gleichzeitige Kontraktion von agonistisch und antagonistischen Muskeln. Normalerweise arbeiten Muskeln abwechselnd: der Agonist zieht sich zusammen und Bewegung entsteht, der Antagonist entspannt und lässt die Bewegung zu.
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Die Bewegungen sehen teilweise ganz bizarr aus, Drehungen, Verschränkungen, Zittern. Patienten, die stark betroffen sind, können sich teilweise gar nicht mehr kontrollieren und ruhig sitzen. Und weil die Gelenke gar nicht auf diese abnormen Bewegungen ausgelegt sind, sind diese oft auch mit starken Schmerzen verbunden.
Eine Dystonie kann als Begleiterkrankung auftreten, zum Beispiel bei Parkinson, sie kann aber auch eine eigene Krankheitsentität sein.
Der "Second Hit" bei Dystonie
Die Forschung am UKW konzentriert sich auf das Konzept des "Second Hit". Man geht davon aus, dass Dystonie eine Netzwerkerkrankung des Gehirns ist, gegebenenfalls auch des Rückenmarks, die dazu führt, dass die Kommunikation der Zentren gestört ist. Eine Verletzung am Nerv, zum Beispiel durch einen Sportunfall, könnte eine Dystonie auslösen. Das Gehirn, das ja plastisch ist und sich anpassen muss, wird forciert, auf diese Verletzung zu reagieren. Es nimmt also Signale wie Schmerz oder Gefühlsstörungen auf und verbarbeitet diese Reize.
Es gibt tatsächlich genetische Dystonie-Formen, bei denen ein ganz klarer Zusammenhang zwischen Umweltfaktor beziehungsweise äußerem Faktor und der Dystonie-Entwicklung gezeigt werden konnte. Eine Infektion, ein Trauma durch eine Verletzung oder einen Stoß, Stress jeglicher Art aber auch Klimaeinflüsse wie Hitze können von einem Tag auf den anderen, innerhalb von wenigen Stunden zu dieser Dystonie-Entwicklung führen, die dann auch ein Leben lang bleibt. Also für bestimmte Formen gibt es einen ganz klaren Zusammenhang.
In der Literatur werden zahlreiche Faktoren beschrieben, zum Teil in Einzelfallbeschreibungen, zum Teil in kleinere Studien. Diskutiert werden wie schon genannt unter anderem Nerventrauma und Infektionen. Ein relativ klarer Zusammenhang zur Dystonie-Entwicklung besteht auch für die Überbeanspruchung, also eine aufgabenspezifische Dystonie.
Forschungsmethoden und Ziele
Die Forscher am UKW machen primär Untersuchungen an Tiermodellen, Mäusen und Ratten mit einer genetischen Prädisposition. Hier untersuchen sie zum Beispiel, wie sich das Gehirn eines symptomatischen Nagers im Vergleich zu einem asymptomatischen unterscheidet.
In einem aktuellen Projekt untersuchen sie die Dystonie, die durch Überbeanspruchung ausgelöst wird. Sie charakterisieren Ratten, die wiederholt einen Hebel drücken sollen und sehen ganz deutliche, abnormale, Dystonie-ähnliche Bewegungen. In einem translationalen Ansatz vergleichen beziehungsweise belegen sie diese Ergebnisse mit Dystonie-Patienten. Dann untersuchen sie das Gehirn der Nagetiere. Sie machen ein FDG-PET - ein bildgebendes Verfahren aus der Nuklearmedizin, bei dem eine leicht radioaktiv markierte Zuckerform gespritzt wird - und untersuchen, wie unterschiedliche Regionen des Gehirns Glukose aufnehmen und mehr oder weniger aktiv bei der Dystonie sind. Das können sie mit dem FDG-PET beim Menschen vergleichen.
Am Ziel steht immer der Patient, für den eine Therapie gefunden werden soll, welche die Symptome lindert oder noch besser kausal etwas verändert.
Bedeutung der Forschung für die Patientenversorgung
Zum einen dauert es oft noch sehr lange, bis Patientinnen und Patienten die Diagnose Dystonie erhalten, obwohl ihre Lebensqualität dann schon stark eingeschränkt ist. Wichtig wäre also eine frühe Diagnose und Anamnese, damit die Betroffenen schnell eine geeignete symptomatische Behandlung erhalten. Zum anderen ist Aufklärung sehr wichtig.
Früher wurden zum Beispiel Dystonien häufig als psychogen eingestuft, obwohl es klare organische Veränderungen im Gehirn und teilweise auch im Rückenmark gibt.
Das UKW betreibt eine spezialisierte Ambulanz für Botulinumtoxin-Behandlungen, die bei fokalen und segmentalen Dystonien zentral sind. Darüber hinaus gehört es zu den deutschen Zentren, die die Tiefe Hirnstimulation bei Dystonien durchführen. Bei der Diagnostik und Behandlung wird besonderer Wert auf den interdisziplinären Ansatz gelegt: Es wird eng mit der Neurochirurgie, Neuroradiologie und Psychiatrie zusammengearbeitet. Hervorzuheben ist die präklinische und klinisch-translationale Forschung zu Bewegungsstörungen, zur Pathophysiologie, Netzwerken der motorischen Kontrolle, Therapieansätzen und Tiermodellen. Das UKW ist einer der wenigen Standorte, die auf diesem Gebiet an Tiermodellen forschen.
Durch das Gesamtprofil des Patienten kann die Therapie besser personalisiert werden. Das ist natürlich gigantisch, aber das ist tatsächlich das Ziel. Aber schon jetzt können wir durch die KI-gesteuerten Auswertungen der Bewegungsstörungen die Therapien, die es bereits gibt, verbessert einsetzen. Denn nicht jeder Patient ist gleich, die Muskeln bewegen sich frei.
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