Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch abnormale elektrische Aktivität im Gehirn. Es gibt verschiedene Formen der Epilepsie, die unterschiedliche Ursachen haben und sich unterschiedlich äußern können. Ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Epilepsie ist die Vermeidung von Anregungen, die Anfälle auslösen können.
Formen der Epilepsie
Es gibt verschiedene Formen von Epilepsie, darunter:
- Rolando-Epilepsie: Eine bei Kindern häufige Form, bei der die Anfälle vornehmlich im Schlaf auftreten. Sie tritt meist zwischen dem fünften und achten Lebensjahr erstmals auf und verschwindet um den Beginn der Pubertät. Die Anfälle sind meist kurz und es kann zu Zuckungen im Bereich des Gesichtes und vorübergehenden Sprechstörungen kommen.
- Idiopathische Epilepsie: Tritt häufig bereits im Kindesalter auf.
- Symptomatische Epilepsie: Ursache können Veränderungen in der Gehirnstruktur sein.
Ursachen von Epilepsie
Die Ursachen der Epilepsie sind noch nicht vollständig geklärt. In vielen Fällen ist eine Form der Epilepsie schon früher in der Familie aufgetreten, was für eine erbliche Veranlagung spricht. In einigen Fällen kann man Veränderungen im Erbmaterial (Genmutation) erkennen. Manche Anfälle können sich in Folge von Unfällen (posttraumatisch) oder als Reflexantwort ereignen. Bei anderen Anfällen können Veränderungen in der Gehirnstruktur (z. B. eine fokale kortikale Dysplasie) ursächlich sein.
Eine Epilepsie hat ihre Ursache in Störungen der elektrischen Aktivität und Entladung von Nervenzellen im Gehirn, während dissoziative Anfälle und folglich auch psychogene Anfälle psychisch ausgelöst werden.
Anfallsauslöser
Epileptische Anfälle können aus heiterem Himmel auftreten. In vielen Fällen sind aber auch bestimmte Trigger eines Anfalls bekannt. Die Auslöser können sich im individuellen Fall unterscheiden. Zu den häufigsten Triggern von epileptischen Anfällen gehören unter anderem:
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- Schlafmangel: Dies ist einer der größten Auslöser für Anfälle.
- Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Starke körperliche oder seelische Belastung (Stress): Stress erhöht die Anfallshäufigkeit bei Epilepsie-Patienten. Grund hierfür könnten erhöhte Spiegel von Corticotropin-Releasing-Hormon im Hirn sein. Die Forscher stellten fest, dass das Hormon auf den piriformen Kortex der Ratten einwirkte. Der piriforme Kortex gehört zum primitiven Riechhirn von Säugetieren und ist beim Mensch nach Angaben der Arbeitsgruppe häufig der Ausgangsort von Krampfanfällen.
- Hohes Fieber
- Alkohol und Alkoholentzug: Mäßiger Alkoholkonsum (ein bis zwei Gläser pro Tag) ist normalerweise in Ordnung. Vermeiden Sie aber auf jeden Fall übermäßiges Trinken, da dies einen Anfall auslösen kann.
- Drogen oder Schlafmittelentzug
- Fehlende Medikamente: Der häufigste Grund für einen Anfall ist das Vergessen der Einnahme der Antiepileptika oder das absichtliche Unterlassen der Einnahme. Selbst wenn Sie es nur einmal vergessen, kann dies einen Anfall auslösen.
- Eher selten flackerndes Licht (Computerspiele, Stroboskopbeleuchtung in Clubs): Nur etwa 3 % der Menschen mit Epilepsie sind lichtempfindlich.
- Dehydrierung: Achten Sie darauf, dass Sie immer ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Dies ist besonders wichtig, wenn Sie Sport treiben.
- Unregelmäßige Mahlzeiten: Regelmäßige Mahlzeiten können dazu beitragen, dass Ihre Anfälle unter Kontrolle bleiben.
Stress ist ein dehnbarer Begriff, Weltereignisse können ebenso stressen wie Alltagskram, ein und dasselbe Ereignis wird von jedem und jeder anders empfunden und verarbeitet. Stressforscher unterscheiden zudem zwischen zwei grundverschiedenen Stress-Ausprägungen. Die eine ist der sog. Eustress, gesunder Stress, der hilft, sich zu konzentrieren, Kräfte zu mobilisieren und mehr zu leisten. Das Gegenstück dazu ist Distress, ungesunder Stress, der eher hemmt und die Leistungsfähigkeit lähmt. Eustress wirkt möglicherweise sogar anfallshemmend aufgrund der damit verbundenen Vigilanzsteigerung - bei Vielen führt ja Schläfrigkeit eher zu vermehrter Anfallsneigung, während starke Konzentration und ein hoher Wachheitsgrad Anfälle unwahrscheinlicher macht.
Vermeidung von Anregung
Menschen mit Epilepsie, und gerade solche, die nicht oder noch nicht anfallsfrei sind, haben verständlicherweise ein großes Interesse daran, Anfälle zu vermeiden. Neben der medizinischen Behandlung durch Medikamente (manchmal auch einer chirurgischen Therapie), die die Anfälle unterdrücken sollen, spielt die Vermeidung von Anfallsauslösern eine wichtige Rolle.
Umgang mit Stress
Viele Patienten sind überzeugt, dass Stress ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Anfallsauslöser ist. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit dieser Frage befasst haben.
Vier sehr unterschiedliche Untersuchungen haben spezielle Stressoren daraufhin untersucht, ob sie bei den Betroffenen zum vermehrten Auftreten von Anfällen geführt haben.
Insgesamt lässt sich aus den zitierten Untersuchungen ableiten, dass das Thema Stress und Epilepsie noch längst nicht abschließend erforscht ist.
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Auf keinen Fall sollten Epilepsiepatienten sich aus Angst vor stressbedingten Anfällen schonen. Anspannung und Anstrengung im richtigen Maß können Menschen mit Epilepsie genauso gut verkraften wie alle anderen auch.
Vermeidung von Schlafentzug
Schlafentzug bzw. Verschiebungen im Schlaf-Wach-Rhythmus sind klassische Anfallsauslöser.
Umgang mit Alkohol
Vermeiden Sie übermäßigen Alkoholkonsum.
Symptome eines epileptischen Anfalls
Einem epileptischen Anfall kann eine sogenannte Aura vorausgehen. Bei der Aura können Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen und Schwindelgefühle auftreten. Allgemeine Symptome bei epileptischen Anfällen können sein:
- Bewusstseinsveränderungen, geistige Abwesenheit (Absence), Bewusstseinsverlust
- Wahrnehmungsstörungen: Sehstörungen, Geschmacks- und Geruchshalluzinationen
- Schwindelgefühle
- Übelkeit und Unwohlsein
- Kribbeln in den betroffenen Körperteilen
- Ungewöhnliche Muskelaktivität, Muskelzuckungen und Krämpfe im Sinne tonisch-klonischer Entäußerungen
- Unwillkürliche Laute
Je nach Art des Anfalls sind die Betroffenen in der Regel zwischen den Anfällen beschwerdefrei und weisen keine neurologischen Symptome auf.
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Verhalten bei einem epileptischen Anfall
Wenn man Zeug*in eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab.
Leichte epileptische Anfälle mit wenigen Symptomen
Bei kurzen Absencen oder Muskelzuckungen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen.
Anfälle mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen
Wenn Menschen mit einem epileptischen Anfall verwirrt wirken, ist es wichtig, sie vor Gefahren zu schützen (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie dabei mit der Person ruhig um und fassen Sie sie nicht hart an. Hektik, Zwang oder Gewalt können zu starken Gegenreaktionen führen. Versuchen Sie dem oder der Betroffenen Halt und Nähe zu vermitteln.
Große generalisierte epileptische Anfälle
Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie Folgendes tun:
- Ein epileptischer Anfall kann verschiedene Ursachen haben und das Symptom eines lebensbedrohlichen Notfalls sein. Wählen Sie daher immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe.
- Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen.
- Polstern Sie den Kopf des*r Betroffenen ab.
- Nehmen Sie seine/ihre Brille ab.
- Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern.
- Bitten Sie Menschen, die in der Situation nicht helfen können, weiterzugehen.
- Viele Epileptikerinnen haben eine „Notfalltablette“ dabei, die einen längeren Anfall beenden kann. Diese Tablette sollte demr Betroffenen jedoch von geschulten Hilfspersonen verabreicht werden. Wenn Sie selbst nicht darin geschult sind, warten Sie bis professionelle Hilfe angekommen ist.
- Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an. Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.
Das sollten Sie in keinem Fall tun:
- Dieden Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken
- Der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt
Diagnose
Zur obligatorischen Basisdiagnostik von Anfällen gehören neben der Anamnese die körperliche und die zumindest orientierende neurologische Untersuchung sowie ein 12-Kanal-EKG.
Behandlung
Mit Medikamenten bekommt man die Erkrankung in vielen Fällen gut in den Griff.
Rolando-Epilepsie
Durch im Schlaf vorgespielte kurze Laute können die für die Epilepsie charakteristischen, in der Hirnaktivität messbaren Ausschläge teilweise unterdrückt werden. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die leise abgespielten Laute bei den an Rolando-Epilepsie erkrankten Kindern sowohl die Spikefrequenz verminderten als auch die Intensität der darauffolgenden Spikes.
In Folge der Laute traten die gewünschten Schlafspindeln im EEG auf. Diese sind ein Indikator dafür, dass plastische Prozesse im Gehirn ablaufen, die zur Festigung von Gedächtnis-inhalten führen. Dies seien Funktionen, die bei der Rolando-Epilepsie beeinträchtigt sein können.
Differenzialdiagnose
Für die Diagnose von psychogenen Anfällen ist es wichtig, das Anfallsleiden gegenüber dem der Epilepsie abzugrenzen, sodass eine effektive individuelle psychotherapeutische Behandlung veranlasst werden kann.
Dissoziative Anfälle
Typische Anzeichen sind plötzliche Bewegungsstörungen oder Bewusstseinsveränderungen ohne eine organische Ursache im Gehirn. Dissoziative Anfälle zählen daher zu den sogenannten funktionellen Störungen. Psychotherapeutische Unterstützung kann dagegen helfen.
Anders als bei Epilepsie fehlt jedoch eine krankhafte elektrische Entladung im Gehirn. Die Anfälle entstehen ohne erkennbare körperliche Ursache und dauern oft mehrere Minuten. Dissoziative Anfälle sind meist Folge unbewusster seelischer Belastung.
Verlauf und Prognose
Epilepsien können unterschiedlich verlaufen. Es gibt Menschen, die nur wenige Anfälle in ihrem Leben erleiden. Die Krankheit hat in diesen Fällen kaum Einfluss auf die Lebensplanung und -qualität der Betroffenen. Unter Umständen können diese Personen nach einigen Jahren Anfallsfreiheit ihre Epilepsie-Medikamente unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle sehr langsam ausschleichen.
Wenn die Medikamente dazu führen, dass die Betroffenen anfallsfrei sind oder deutlich weniger Anfälle erleiden, können diese ein weitgehend normales Leben führen. Solange das Risiko von Anfällen besteht, dürfen die Betroffenen jedoch kein Kraftfahrzeug fahren.
Etwa 30-40 Prozent der Patient*innen werden durch die medikamentöse Therapie nicht vollständig anfallsfrei.
Wenn zwei sorgfältig ausgewählte Medikamente in ausreichender Dosierung versagen, gilt eine Epilepsie als pharmakoresistent, d.h. sie spricht nicht ausreichend gut auf medikamentöse Therapien an.
Wenn eine Stelle im Gehirn (Fokus) zu erkennen ist, von der die Anfälle ausgehen, kann eine Operation Patient*innen mit einer pharmakoresistenten Epilepsie unter Umständen helfen. Um festzustellen, ob solch ein Fokus vorliegt und auch operiert werden kann, müssen verschiedene Untersuchungen, darunter spezielle EEG- und Bildgebungsverfahren, durchgeführt werden.
Folgen einer Epilepsie
Die gute Nachricht ist: Epileptische Anfälle führen in der Regel nicht zu bleibenden Schäden im Gehirn und auch nicht zu geistigen Behinderungen. Bei einem Status epilepticus kann es jedoch zu bleibenden Schäden kommen.
Die unmittelbaren Folgen nach einem epileptischen Anfall sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängen von der Stärke des Anfalls ab. Es gibt Menschen, die sich schnell von einem Anfall erholen und die Tätigkeit gleich wiederaufnehmen können.
Verletzungen infolge eines epileptischen Anfalls kommen immer wieder vor. Besonders hoch ist das Verletzungsrisiko bei einem generalisierten Anfall. Neben Sturzverletzungen und Prellungen kann es vorkommen, dass sich die Betroffenen in die Zunge beißen.
Nach schweren Anfällen können die Betroffenen verwirrt sein. Sie brauchen Zeit, um wieder zu sich zu kommen. In den Stunden danach können vorübergehend auch Niedergeschlagenheit, Vergesslichkeit, Sprachstörungen oder Lähmungen auftreten. Einige Menschen sind nach einem Anfall völlig erschöpft und schlafen viel.
Die Angst vor einem Anfall kann Betroffene psychisch belasten. Darüber hinaus ist das Risiko für eine Depression bei Menschen mit Epilepsie erhöht.
Ein schwerer Anfall, der mehr als 5 Minuten dauert (Status epilepticus) ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung und sollte umgehend intensivmedizinisch/neurologisch behandelt werden.
Menschen mit einer idiopathischen Epilepsie haben eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne die Erkrankung. Bei einer symptomatischen Epile
Hyperakusis
Im Zusammenhang mit Epilepsie kann auch Hyperakusis auftreten. Die Hyperakusis hat, ähnlich wie der Tinnitus, unterschiedliche Ursachen. Zu den organischen Ursachen gehören vor allem Innenohr-Schwerhörigkeiten. Auch bestimmte Epilepsie-Formen, Vorzeichen einer Migräne oder Medikamenten-Nebenwirkungen kommen in seltenen Fällen als Auslöser in Betracht.